Ausgabe 
12.11.1910
 
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sie weitaus den größten Teil meines Einkommens für ihre Ver­gnügungen ausgibt, was soll es für einen Sinn haben, zu hei­raten?" Und ein anderer Junggeselle bekennt seufzend:Ich werde nicht heiratein, ehe ich meiner Frau nicht all das bieten tarnt, was eine moderne Gattin nun einmal als Selbstverständ­lichkeit verlangt. Sie verlangt Toiletten, die unbedingt schöner, wenigstens ein wenig schöner sein müssen als die ihrer Freundinnen, sie braucht Theaterkarten, Logen, wo man gesehen wird, sie braucht ein Automobil oder zum mindesten eine stattliche Monatssumme Kur Automobilmiete; kurz, sie verlangt alle diese Dinge, die dem Frauenherz so wert und teuer sind. Frauen müssen wie Puppen behandelt werden. Mm muß ihnen alles gewähren, was ihre Laune wünscht, «rd «he ich dazu nicht imstande bin, lasse ich das Heiraten bleiben." Dies schrieb ein Junggeselle, der über ein Jahreseinkommen vor rund 30 000 Mark verfügt.

Mn anderer wohkbcgüterter Herr, der sich bitter über die Schwiegermütter beschwert und anscheinend mir mit Mühe den kunstvoll ausgelcgtrn Heiratsnetzen entkommt, äußert sich ziemlich bitter:Ich bin Junggeselle, weil ich nie die Gewißheit erlangen kann, ob ein« Fra» mich uml meiner selbst willen oder meines Geldes wegen zum Mann nehmen will. Vor einigen Jahren Ivar ich mit einer jungen Dame verlobt, an deren Liebe ich wirklich glaubte. Aber zum Glück hatte ich den Einfall, die Echtheit ihrer Empfindungen auf die Probe zu stellen: eines Tages erklärte ich ihr, daß ich durch einen bösen Schicksalsschlag mein ganzes Ver­mögen verloren habe. Zwei Tage später schob sie mich kühl zur Seile und bemerkte trocken, daß es vielleicht manchen Leuten passen würde, in einer Hütte zu leben, ihr aber nicht. Seitdem habe ich das vertrauen zur Weiblichkeit verloren und bin fest ent­schlossen, ledig zu bleiben." Ein Veteran, der in den vierziger» Jahren steht, hat bereits alle moralischen und ethischen Bedenken beiseite gelegt und stellt sich zufrieden lächelnd auf den einfachen Standpunkt der eigenen Bequemlichkeit.Fast alle meine Freunde find Junggesellen, und wir verbringen miteinander höchst an­regende Stunden. Wenn ich heirate, müßte ich meinen Klub auf­geben, d. h. mckine Freunde verlieren, und einstweilen habe ich keine Frau gefunden, die mir dieses Opfers wert erschien. Ich ziehe es auch vor, unabhängig meine eigenen Anschauungen zu haben, und will persönliche Bewegungsfreiheit behalten. Bei einigen Freunden habe ich das traurige Schauspiel miterlebens können, Ivie aus geistig regsamen, heiteren und arbeitsfrohen Naturen mehr oder weniger Sklaven der Familie wurden, Männer, die ihre besten Eigenschaften, ihre schönsten menschlichen Vorzüge immer mehr verloren, weil man ihnen in seelischer wie materieller Beziehung in einem mir schwer verständlichen Egoismus alle Bewegungsfreiheit raubte."

Und ähnlich lauten die meisten Antworten, der größte Teil der Junggesellen macht aus seinem einsamen Leben nicht etwa ein Prinzip, sondern wird durch materielle oder psychologische Gründe abgehalten, mit einer modernen Frau eine Lebensgemein­schaft cinzugehen. (!)

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* Das Phrynemärchen. Es ist das traurige Los der strengen Wissenschaft, daß sie den Wahrheitsgehalt manch schöner, in unseren Vorstellungen festgewurzelter Geschichte un­erbittlich zerstört, wenn sie ihn unter die kritische Lupe nimmt. Was für ein wundervolles Sinnbild der freien großen Auffassung von Schönheit und Sittlichkeit bei den Griechen dünkte uns die Geschichte von der schönen Phryne, die durch die Pracht ihres entblößten Körpers in ihren Richtern die Ueberzeuguug von ihrer Unschuld erweckte! Hier war uns ein tiefer Grundgedanke hellenischer Kultur verkörpert, demzufolge in einem wohlgestalten Leibe nur eine wohlgebildete und edle Seele wohnen kann. In Kunst und Dichtung wuchs Phryne zur stolzen Heldin auf, die eine Abwehr gegen alle Prüderie bedeutete. Nun kommt ein Gelehrter, der Franzose Paul Girard, und beweist aufs aus­führlichste, datz die ganze Phryne-Erzählung in der Form, in der sie uns wert und teuer geworden ist, als Märchen geltet, muß. In der jährlichen Festsitzung des französischen Instituts hat er eine lange Abhandlung verlesen, in der er die Ueber- lieferungen von dem berühmten Prozeß der Phryne einer sorg­fältigen Kritik unterzieht. Tarin wird die persönliche Beein- flußung, die die schöne, damals übrigens schon 37 Jahre alts Hetäre aujf ihre Richter ausübte, auf einen alten athenischen, Brauch zurückgeführt, den z. B. Aristophanes ausführlich beschreibt. Die Angeklagten erwarteten vor dem Gerichtsgebäude ihre Richter, traten an sie heran, nahmen ihre Hände und suchten sie mit Tränen in den Augen zu ihren Mtusten zu stimmen. Von Phryne herickl et nun dckr Komödiendichter Poseidipp, daß auch sie in !olch beweglicher Form an ihre Richter herangegangen sei und ie von ihrer Unschuld zu überzeugen gesucht habe. Das mußte Natürlich 6di einer wegen ihrer Eleganz und Schönheit welt­berühmten Frau besonders auffallen, da die athenischen Richter

gewöhnliche Storger waren, häufig rauhe Gesellen, deren harte Hände die verführerische Dame mit ihren Tränen netzte, von deren schlichter Einfachheit ihr raffinierter Luxus abstechen mußte. Nichts anderes wird von Phryne berichtet, als daß ein verschmähter Liebhaber sie wegen Gotteslästerung vor Gericht brachte. Und auch der großeCoup" ihres Verteidigers Hyperides, der als wirk­samstes Plaidoyer die sie verbergenden Schleier zerrissen und sie ihren Richtern in nackter Schöne vorgestellt haben soll, schrumpft zu einem Nichts zusammen. Girard läßt sogar durchblicken, daß Hyperides recht daran getan habe, Phryne lieber durch den blenden­den Glanz ihres Schmiuckes und die vornehme Eleganz ihrer Kleidung wirken zu lassen. Denn nach allen bildlichen, Darstellungen und nach den authentischen Berichten, die wir von der Hetäre besitzen, bestand ihr größter Zauber in dem ge­suchten Raffinement der Toilette, in der Grazie, mit der sie ihre Kleider und ihre Kostbarkeiten zu tragen wußte. Ohne diese wichtigsten Waffen der Frau würde selbst die schöne Phryne nicht den großen Eindruck aus ihre Richter gemacht haben.

* Neues von den Papuas. Interessante neue Auf­schlüsse über die Lebensgewohnheiten der Papuas, deren ethno­graphische Erforschung in der Wissenschaft noch ein reiches Ar­beitsfeld bietet, veröffentlicht die Revue auf Grund der For­schungen des Gouverneurs von Britisch-Guinea, Murray, der soeben eine umfassende Reise durch das Gebiet der Papuas vollendet hat. Die Papuas, die in Stämmen getrennt leben und ohne Ausnahme dem Kannibalismus huldigen, überrasch­ten den Reisenden durch ihre schmiegsame Intelligenz und durch die Leichtigkeit, mit der sie Zivilisationsbestrebungen zugänglich sind. Ihre Dörfer bestehen immer nur ans einer einzigen mäch­tigen Hütte von 100200 m Länge und von 2025 m Höhe. In diesen merkwürdigen langgestreckten Schuppen wohnen oft bis 1500 Eingeborene; Jede Familie hat ihre eigene Abteilung. Nahe bei dieser Hütte liegt dann die Plattform, auf der die Menschenopfer ins Werk gesetzt werden. Die unglücklichen Ge­fangenen werden geröstet, gebraten oder gekocht; dann teilt mau den Körper in Stücke und jedes Stamm-Mitglied erhält seine Portion. Die verschiedenen Stämme haben ihre Eigenheiten in der Zubereitung dieser grauenhaften Speise, einige kochen nur, andere braten, bisweilen wird auch der Körper des Opfers in zwei Lagen von Sago eingebettet und so zubereitet. In einigen Gegenden herrscht eine besondere Vorliebe für Kinderfleisch, wie Wild werden die Kinder gejagt, und man schaudert bei dem Ge­danken, wie viel unschuldige Kleinen dieser furchtbaren Sitte zum Opfer fallen. Der Papua ist im allgemeinen gleichgültig und faul, aber es gelingt verhältnismäßig leicht, ihn zur Arbeit zu zwingen. Einschwaches Geschlecht" ist diesen Inselbewohnern unbekannt und wie eine Ironie der Natur mutet es an, daß diese Kannibalen zugleich Wesenszüge tragen, die auf ein scharf aus­geprägtes Empfinden und eine gewisse Feinfühligkeit schließen lassen. Ueberall werden bret verschiedene Sprachen gesprochen, die Männer haben ihre eigene Sprache, die Frauen eine andere und dann besteht noch eine dritte, eine ArtEsperanto", die dazu bient, die Verständigung mit fremden Stämmen zu ermöglichen. In allen diesen Sprachen ist die Zahl 7 verbannt, sie darf nicht ausgesprochen werden, denn nach dem Glauben der Papuas erregt sie den Zorn und den Rachedurst der bösen Geister. Wenn durch einen Zufall das mystische Zauberwortsieben" fällt, zeigen die wilden Gesellen schrankenloses Entsetzen und furchtbare Angst. Im übrigen sind diese Stämme durchweg von heroischer Tapferkeit, und fallen sie im Kampfe in die Hände des Feindes, so erdulden sie gleich den Indianern die gräßlichsten Martern und Qualen mit stoischer Ruhe. Ihr Kannibalismus hat seine bestimmten Re­geln und Gesetze; so dürfen z. B. Krieger, die int Kampfe ge­fallen such, nicht verzehrt werden.

Charade.

Ward dir etwas riebev entrissen, So fühlst du die ersten zwei; Doch kann man nicht überall wissen, Wem wirklich es ernst darum sei. Ein Labial für Deinesgleichen Und Nahrung für manches Tier, Sie künden in wenigen Zeichen Sich deutlich durch drei und vier. Das Ganze zählt zu den Bäumen Und schaut gar wehmütig drein, Als wär es befangen in Träumen Von Tränen und Abfchredspeim

Auslösung tu n. itci Nummer.

Auflösung des Arithmogriphs in nötiger Nummer: Sarainte Otto Warft Ma statt After Toffo

Saar;

So k r a tes .

Nedakiion: K. Neurath. Rotationsdruck und Vetlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, Gießen.