Samstag den 12. November
1910 — Nr. <71
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Friedel halb-süß.
Noman von Fedvr von Zobeltitz.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Nun war Feßler wieder daheim und berichtete. Aber besser als der Bericht sprachen seine Bilder. Die Platte mit der Aufnahme des Tausakts war besonders scharf. Man sah die Gestalt Abeelens deutlich, auch die Flasche, die er in der Hand hielt. „Sie wird in der Zeichnung natürlich vergrößert," erklärte Feßler; „es kann ja eine magnum bonum sein. Herr Friedel, ich entwerfe zwei Zeichnungen: die eine einfacher gehalten, in Strichmanier, als Re- Aameinserat für die großen Tagesblätter, auf deren schlechtem Papier sich sorgfältiger ausgeführte Illustrationen nicht
gut wiedergeben lassen — die andre etwas verfeinert, deli-. ta ter, künstlerischer: für das satinierte Papier der Wochenschriften."
„Glänzender Gedanke, Feßler," rief Fritz gut gelaunt; „dafür verzeihe ich Ihnen auch den vergessenen Frack und die mißlungene Repräsentation! —"
In den nächsten Tagen waren die Zeitungen überschwemmt mit Berichten über den ersten Flug des „Ex- celsior" und Beschreibungen des wunderbaren Luftschiffes. Auch Stimmen aus der Fachwelt begannen sich zu nteiben. Sie sprachen sich nicht durchweg in gleich günstigem Sinne aus, besonders im Auslände tri i ierte man ziemlich scharf; aber allgemein ging doch das Urteil dahin, daß die Ber- suchszeit mit ihren schweren Enttäuschungen jnun abgeschlossen sei und die Epoche der Nutzbarmachung des lenkbaren Ballons nicht allein für Kriegszwecke, sondern für die Allgemeinheit beginnen könne.
Inmitten dieser, sich noch häufig widersprechenden Berichte brachte eine große Anzahl von deutschen Zeitungen die folgende Notiz:
„Unsere Leser werden sich erinnern, daß dem Aufstieg des „Exeelsior" die Taufe des neuen, Ballons durch den Herzog von Abeelen vorangegangen ist. Es ist das erste Mal, daß man den alten Brauch der Schiffstaufen auf ein Luftschiff übertragen hat, und zwar spielte auch hierbei der Sitte gemäß eine Champagnerflasche, die int Augenblick des Aufstiegs zerschellt wurde, eine symbolische Rolle. Den Taufsekt lieferte eine deutsche Firma: das bekannte Haus K. A. Friedel in Schrattstein, und zwar in _ einer neuen Marke, der zu Ehren des Abeelenschen Luftschiffs dessen Namen gegeben worden ist: Excelstor. Die Flasche selbst lag in einer ebenso originellen, wie reizvollen, aus Silber gearbeiteten Hülse und war in einer Kassette aus
I geflochtenem Leder verschloßen, die auf dem Deckel die künstlerisch gepunzten Wappen der Niederlande und des ®f'’ schlechts Abeelen trug."
Zur gleichen Zeit tauchten auch in den Zeitungen Und Wochenschriften die ersten illustrierten Reklamen für den Excelsiorsekt auf. Feßler halte das Bild der Ballontaufe sehr geschickt zu verwenden verstanden. Die Wiedergabe war fast photographisch getreu, nur eine einzige der Wirklichkeit nicht entsprechende Einzelheit hinzugefügt worden: auf der Erde, seitwärts des Luftschiffes, stäuben ein Paar Kisten mit bem beutlich lesbaren Aufdruck „Exeelsior. K. A. Frie- bel. Schrattstein." Aehnlich war auch bas Reklameplakat gehalten, das bald überall sichtbar zu werden begann, und da die Firma überdies in diesen Tagen tausende und abertausende von Ankündigungen ihrer neuen Marke in alle Welt geschickt hatte, so trafen auch bald die ersten Bestellungen ein.
Sie kamen zunächst ans den Badeorten des Rheins und seiner Umgebung. Aber es währte nicht lange, so telegraphierten die für die neue Marke besonders rührigen Agenten des Hauses aus den großen Städten: in den Wein- Handlungen und Restaurants wurde lebhaft nach dem „Exeelsior" gefragt. Nun mehrten sich die Bestellungen. Jede Post brachte sie in großen Massen. Der Opa ließ sich täglich Bericht erstatten. Der lärmende Reklamefeldzug mtt seinen riesigen Kosten hatte ihn anfänglich etwas erschreckt. Aber es schien, als zeige sich doch auch der Nutzwert der Reklame auf der Stelle. Die Marke mußte „eingeführt" werden; das war selbstverständlich. In früheren Zeiten dauerte so etwas lauge. Jetzt wirkte die Reklame mtt elektrischer Kraft, und sie war um so größer, als sie mit einem Ereignis verknüpft war, das noch immer die Welt in Atem hielt. „Exeelsior" — das war das neue Luftschiff und war die neue Schaumweinmarke. Es war etwas, „von dem man sprach". Der Opa begann sich allmählich mit der „modernen Rekiamewut" auszusöhnen. Auch Kesselholz schmunzelte vergnügt. Schließlich war der Erfolg die Hauptsache.
Am meisten triumphierte der Kommerzienrat. Er lachte, denn er war Sieger geblieben. Der Opa, Kesselholz und Fritz hatten sich früher mit Vorliebe auf den „vornehmen Standpunkt" gestellt, der eine allzu laute Reklame verschmähte; er allein war der Praktische gewesen. Er lachte auch über die langen Gesichter der Konkurrenten und über die sauersüßen Mienen, in denen die Rickert Kupka, Beuermann, Ottmann ihn beglückwünschten. Er lachte jetzt viel und hatte sich ein eigentümlich schallendes fast roh klingendes Lachen angewöhnt. Dabei wurde er zusehends dicker, und in seinem aufgeschwemmten Gesicht verkleinerten sich die Augen.


