Ausgabe 
12.10.1910
 
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Frage, was zu tun sek, ruhig antwortete: die Toten hegrabhn! und den Lebenden zu Hilfe kommen. Das Leben in den einzelnen Stadtteilen ist ziemlich verschieden gestaltet; am' Fluß (Lissabon zieht sich etiva 18 Kilometer weit am Tejo entlang) findeit man den regen Betrieb einer modernen Hafenstadt; in der Citade baixa pulsiert lebhaftes Geschäftsleben, während die Weststadt der vornehme, ruhigste Teil Lissabons ist. Das Straßenbild ist stellenweise fast orientalisch, wozu zum großen Teil die starke Rassenmischung der Portugiesen beiträgt; außer den gewohnten Straßenbahnen fallen dem Nordländer im Verkehrsbilde deü Stadt Ochsenwagen und zahlreiche Aufzüge auf, durch die man für billiges Geld von dem unteren Stadtteil zn den höheren empor- besördert wird. Von diesen Verkehrseinrichtungen macht der be- gueme Portugiese starken Gebrauch; tatsächlich sind viele Straßen, die die llnterstadt mit den höheren Teilen verbinden, wirkliche so steil, daß ihre Benutzung einer Kletterpartie ähnelt. Im Straßenleben fallen noch zwei Punkte besonders in die Augen: der Portugiese liebt gutes Schuhwerk, noch mehr aber Schmuck. Das Schuhmacher- wie das Juwcliergewerbe haben es in Lissabon zu einer bemerkenswerten Ausbildung gebracht, die ftir die Vor­liebe der Bevölkerung für deren Erzeugnisse spricht. Bei _eiltent Gang durch die Rua d'Onro oder die Rua da Prata, die Haupt­verkehrsadern der Unterstadt, treten die zahlreichen Juwelierläden besonders hervor, und an den Hauptverkehrsknoten haben die Schuhputzer für ihre Kunden schön gepolsterte Lehnstühle aus­gestellt, in denen sie Platz nehmen, während der Schuhputzer das meistens bunte Schuhwerk aus seinem reichhaltigen Vorrat von Wichsen und Cremes aller Art mit der richtigen Sorte versorgt. Ein Punkt darf bei der Betrachtung des portugiesischen Volks­charakters nicht übergangen werden, nämlich die Höflichkeit und Ritterlichkeit, die mit der Gastfreundlichkeit in Wettbewerb tritt. Dem Deutschen fällt es auch besonders aus, daß seine Sprache neben dem Französischen und Englischen in Lissabon gebraucht wird. Er findet sie zum Beispiel unter den Aufschriften än den Briefkästen. Da ein großer Teil des Handels von Lissabon in deutschen Händen liegt, steht der Deutsche dort überhaupt (in ziemlichem Ansehen. K. F,

Riesenzahlen.

Nach dem Kriege 187071 mußte Frankreich an Deutschland eine Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franks (also etwa 4 Milliarden Mark) zahlen, oder, da man unter der Bezeich­nungMilliarde" eine Summe von 1000 Millionen versteht, 5000 Millionen Franks. Zu deren Bezahlung war dem Gegner eine Frist von 3 Jahren gewährt worden, jedoch schon im Sep­tember 1873 tonnten die deutschen Truppen das französische Gebiet, das sie bis zur Tilgung der Schuld besetzt halten sollten, räumen. Frankreich war schon bis dahin seinen Verpflichtungen nachgekommen; in Anbetracht der Kriegsnachwirkungen gewiß ein Zeichen für den Reichtum und die Leistungsfähigkeit dieses Landes! Mit einer solchen Summe konnte schon manches bestritten werden und ist auch manches bestritten worden; aber einmal mußte auch sie aufgebraucht sein, und dann 'kamen wieder die Schulden! (Am 19. November 1908 verkündete Fürst Bülow gelegentlich der ersten Lesung der Reichsfinanzreform im Reichstag: im Jahre 1878 hatten wir 139 Millionen Schulden, im Jahre 1888 schon 884. Millionen, jetzt int Jahre 1908 haben wir sogack '4400 Millionen und für das nächste Jahr steht ein Zuwachs von Mehr als einer Milliarde in Aussicht! Und der Schatzsekretär von Sydow fügte diesem noch hinzu: Reich, Bundesstaaten und Kommunen haben gegenwärtig insgesamt 26 Milliarden Anleihe­schulden, während der Wert des Nationalvermögens nach den Schätzungen der Nationalökonomen zwischen 160 und 350 Mil­liarden Mark schwankt. Was ist diesen Zahlen gegenüber ziffernmäßig betrachtet! die Forderung der Reichsfinattzreform von 500 Millionen Mark Steuern jährlich? Aber was bedeuten diese vorerwähnten in die Milliarden gehenden Zahlen erst gegen­über den Entfernungen, die in dem großen Fixsternsystem herr­schen? Der uns nächste Fixstern ist schon über 31 -Billionen Kilo­meter von der Erde entfernt; wie weit mögen die weitesten/ noch mit bloßem Auge erkennbaren Fixsterne entfernt sein? und gar die noch weiteren, nur mehr teleskopisch erkennbaren? Bei diesen rechnet die astronomische Wissenschaft mit Trillionen, Qua- drillionen, Qninauillionen nsw. Zahlen, von denen man sich kaum eine Vorstellung machen kann! 1 Million wird bekanntlich dargestellt durch eine 1 mit 6 Nullen, eine Billion durch eine 1 mit 12 Millen, eine Trillion mit 18 Nullen usw. Jede neue Zahl dieses Systemes wird also durch Multiplikation der vorher- Sehenden mit 1 Million gewonnen. Wenigstens nach der deut- heu Methode. In verschiedenen romanischen Ländern, z. B. in Frankreich herrscht ein anderes System. Dort ist 1 Billion da? Produkt von 1 Million (gleich 1 mit 6 Nullen) und 1000, also gleich 1000 Millionen: eine Trillion entsteht durch Multi­plikation von 1 Billion mit 1000, ist also gleich 1 Million mal 1 Million (was bei uns erst einer Billion gleichkommt). Bei diesem System also wird jedes nächste größere Glied durch Multi­plikation des vorhergehenden mit 1000 gewonnen. Demnach Wird z. B. die Bezeichnung Quiuguillion dargestellt im deutschen

System durch eine 1 mit 30 Nullen, im französischen durch eine 1 mit nur 18 Nullen. Den AusdruckMilliarde" kennt (die französische Arithmetik eigentlich nicht; die durch ihn bezeichnete! Summe heißt wissenschaftlich: 1 Billion. Den AusdruckMil­liarde" wandte man früher fast nur im Finanzwesen an;1 erst seit 1871 hat er sich auch in der allgemeinen Zahlenrechuung ein­gebürgert. Wer also viel mit großen Zahlen zu rechnen hat, für den ist die französische Zählweise angenehmer, wer aber sich einen Reichtum von solcher Ausdehnung wünscht, der tut dies vorteilhafter nach dem deutschen System!

Vermischtes.

* $31 e Königin Wilhelmina ihr Töchterchen geehrt sehen will. Als Königin Wilhelmina vor einigen Tagen in Amsterdam in Gesellschait ihres Töchterchens Einkänse machte, bemühten sich die Verkäuferinnen, der kleinen Prinzessin ungebührliche Ehrenbezeugungen zu erweisen. Als Wihelmine sah, n>ie eine Verkäuferin die Hand des Kindes, die spielend ausgestreckt war, küssen wollte, sagte sie:Wenn Sie die Hand des Kindes tu Liebe küssen wollen, sei es gemährt. Wenn Sie es aber ans.Ehr­furcht tun ivollen, so bitte ich, es zu unterlassen. Wir wollen das Kind nicht durch zu frühe Ehrenbezeugungen verderben. Es wird einst hinlänglich erfahren, daß es eine Fürstin ist, und es soll seine Pflichten eher kennen lernen als beit Glanz".

* Eltern im Kindesalter. Im Orient werden die Menschen sehr viel früher heiratsfähig und gehen infolgedessen oftmals auch in erstaunlich jungem Alter Ehen oder solche Ver­hältnisse, wie sie nach dem Stande der Kllltur des betreffenben Volkes an deren Stelle treten, ein. Besonders bekannt sind diese Zustände von Indien her, wo sie sich allmählich zu einer Art von sozialer Gefahr entwickelt haben, so daß die regiercup- deu Behörden ihnen entgegenzuarbeiten beschlossen haben. Ge-. wöhnlich wird angenommen, daß diese Erscheinung auf ein tro­pisches oder subtropisches Klima beschränkt ist. Diese Regel scheint aber zum mindesten in vereinzelten Fällen Ausnahmen zu er­leiden, beim vielleicht das merkwürdigste Beispiel einer Früh­heirat, das jemals mit Sicherheit ermittelt worden ist, hat der Lancet-Korrespondeut in Peking jetzt ip einer Gegend von China ausfindig gemacht, die in ihrem Klima durchaus nichts Tropisches hat. Dort gibt es also ein glückliches Elternpaar, das nach' dem Geburtsregister neun bezw. acht Jahre alt ist. Da aber in China der Brauch besteht, bett Kindern bei der Geburt ein Alter von einem Jahr beizulegen, so würde nach unserer Rechnung der utännliche Teil dieses Paares erst acht, der tvcibliche erst sieben Jahre alt sein. Das Wunder kam zur Kenntnis des europäischen Arztes bereits in sehr bestimmter Form, nämlich mit voller Namens- und Ortsangabe und auch unter Hinzufügung einer Photographie, auf der die siebenjährige Mutter ihr Kleines, das bei der Geburt ungefähr einen Fuß lang war, selbst nährt. Immer­hin scheint der Fall selbst in China erhebliches Aufsehen erregt zu haben, weil der Gouverneur der nordchinesischen Provinz Schansi, wo das Ereignis eingetreten ist, einen amtlichen Bericht dar­über nach Peking geschickt hat. Außerdem hat der deutsche Arzt durch einen .chinesischen Freund noch besondere Nachforschung M anstellen lassen, die zu einer vollen Bestätigung aller erwähnten Angaben geführt haben. In der medizinischen Literatur wurde bisher nur eine Mutter von neun Jahren, aber niemals ein annähernd so junger Vater erwähnt.

* Die Pferde sterben aus! In London waren, wie dieZeitschrift des Mitteleurop. Motorwagen-Vereins" mitteilt, vor ungefähr fünf Jahren noch runb 450 000 Pferbe vorhanden. Heute ist biese Zahl infolge ber immer weiter um sich greifen? den Ausdehnung bes Netzes der elektrischen Straßenbahn und infolge ber Entwicklung bes M-vtorwageitwesens auf mir noch 110 000 Pferbe zusammengeschmolzen. In nicht mehr als fünf Jahren hat sich also eine Abnahme bes Pferbebestandes um mehr als 75 vom Hundert ergeben. Ebenso wie in London verhält es sich in den Großstädten aller europäischen und amerikanischen Länder. -

* Die Xantipp e.Ich wollte, ich gewänne in de« Lotterie den Haupttreffer!"Was würden Sie da Mit dem Gelbe machen?"Vor allen Dingen meinen Schwiegersohn enterben!" ___________

TauschrStsei.

Eid Mund Ober Hosen Fuchs Enkel Keller Haube Michel Magen Astern.Rampe Nabel Bier Gabe.

Die Anfangsbuchstaben vorstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß man ebensoviele neue Wörter erhält, bereit Aniangsbuchstaben beit Namen einet ehedem ge­feierten Künstlerin ergeben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:

Zot n ohne M a ch t wird verla ch t.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,