Ausgabe 
12.10.1910
 
Einzelbild herunterladen

MO

BIST

rnböc/f'j^Ci

W

D

'.

Friedel halb-süß.

Montan von Fedor von Zobeltitz.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

' . Er war gegen eine Umwandlung der Firma in eine .Gesellschaft, weil er bei «aller seiner Klugheit doch stark am Althergebrachten hing. Aber er würde sich wahrscheinlich trotzdem dem Vorschläge seines Sohnes gefügt haben, um das Geschäft zu schütze», wenn nicht Fritz den Eintritt in die Firma gefordert hätte.

Der Opa hatte nie sonderlich viel für seinen Enkel übrig gehabt. Das hatte er seiner Frau überlassen, die den Jungen zärtlich liebte. Der Opa war als alter Acht­undvierziger noch immer ziemlich radikal in seiner politi­schen Gesinnung und wütend darüber, daß Fritz aktiver Offizier geworden war. Er fand ihn in seiner blauen Äffenjacke" schauderhaft und zog ihn auf, weil er kein Monokel trug und sich den Aeh-Ton absolut nicht ange­wöhnen wollte. Auch der SpitznameFriedel halb-süß" nach der bekannten Marke der Firma war von ihm ausgegangen: wenigstens für den Kreis des Hauses; denn kaum war das Etikett populärer geworden, so scholl Fritz der Aufdruck entgegen, wo er sich unter Bekannten zeigte. Als Fritz sich seine ersten Schulden bezahlen ließ, schmunzelte der Alte. Recht so; das Geschäft kann bluten; an das eigene Kapital traut sich der Schlaufuchs nicht heran! Und als der Rcnnstall begründet wurde, sagte er zu seinem Sohu:Nu gib acht, Karl. In drei Fahren geht Fritz koppheister. . . ." Nur einmal freute sich der Opa. Da hatte das Offiziers­kasino der Industrie-Husaren tausend Flaschen Friedel halb­süß bestellt.Schau einer den Jungen an!" hatte der Alte gerufen;daß er so was fertig gekriegt hat!" In Wahrheit hatte der Junge es gar nicht fertig gekriegt; die Tisch­kommission hatte den Sekt kommen lassen, weil er billig war und gut schmeckte.

Aber seit einer Stunde sah der Opa den Enkel in einem anderen Lichte. War er auch hoch bei Jahren: der helle Kopf war ihm geblieben, und immer noch blickte sein Auge scharf. Der ihm da heute in der Morgenfrühe gegen­über getreten, war nicht mehr der fahrige Leutnant, der liebenswürdige Schwerenöter, der Liebling der Damen, war nicht mehr Friedel halb-süß: das war ein ernster Mann. Und der Opa wußte auch der Wandlung nachzuspüren; der Zweikampf da oben im Niederwald und seine tragischen Folgen waren die Ursachen gewesen. Ah ja das ließ sich schon verstehen! Der Tod ist ein grinsender Gesell, und wo er hingreift, fühlt man seine knöcherne Faust. Den Tod hatte der arme Junge gerufen, ohne daß er es gewollt hatte. Der Tod hatte die Kugel gelenkt, die dem andern in die Stirn gefahren war.

Es ist keine Kleinigkeit, ein Menschenleben auszupüsten, M sei es. ein hren.nender Fidibus. Da kann MN schon ernst

werden. Hier freilich tat das Ernstwerden not und der andere, der Spannuth--

Aber da ging jäh ein Riß durch das Gedankengespinust des Opas. Jenseits des Parkgitters sauste etwas heran, bog rechts ab von der Rußbaumallee und in den chauffier­ten Weg ein, der nach der Villa Helldorf führte. Fauchen nitt) Schnaufen und dann der dumpfe Schrei der Huppe. . . Der Opa hatte sich neugierig erhoben. Neben dem Chauffeur sah er einen großen Herrn sitzen: zwar die Sportbrille auf der Nase und die Mütze tief in der Stirn; aber doch un­verkennbar an den langen blonden Faworis und der zu kürzen Oberlippe über den blanken Zähnen, die dem Ge- sichtsausdruck ständig etwas Lächelndes gaben. Das war der Graf Eldringen. Und auch den Wagen glaubte der Opa zu erkennen: an der Dekorierung in schwarz, weinrot und safrangelb, den Sportfarben Jacques Spannnths.

Jetzt mußte er an den Toten denken und an damals, wo er -Spannuth in der Einsamkeit des Abends hinter dem Klostereck begegnet war und wo er in seiner Wut über den Verleumder den Knotenstock erhoben und der andere ihm kalt lächelnd den Revolver entgegengehalten hatte:Notwehr, alter Herr- sie ist nicht strafbar. . .

Das Gesicht des Opas wurde steinern und das Auge grausam im Haß über den Tod hinaus.

Er schritt zurück nach dem Schlößchen, wo die schlanke Gestalt Fritzens aus der Veranda sichtbar wurde. Sein Stock bohrte sich tief in den Kies ein.

'Ein Biest weniger gut so," murmelte der altö Mann.

6.

Fritz Friedel war sehr beliebt bei seinem Regimenk. Seine Konduite war tadellos, durch sein anspruchsloses und liebenswürdiges Wesen hatte er sich viel Freunde er­worben. So kam es, daß man allseitig bestrebt war, ihm den Prozeß zu erleichtern. Der kleine Sentnant Franck, der bei dem Zweikampf den Unparteiischen gespielt hatte, erwartete Fritz bereits in seiner Wohnung, um ihm mit Rat. und Tat beistehen zu können. Nach reiflicher Ueber- legung wurde beschlossen, das Abschiedsgesuch vor der offiziellen Meldung des Duells -einzureichen. Fritz moti­vierte es wahrheitsgemäß: sein Vater sei alt geworden' und nicht mehr in der Lage, die Firma K. A. Fried'ek allein zu führen; er bedürfe der Unterstützung des Sohnes. Demzufolge erbat Fritz Entlassung aus dem aktiven -Dienst und Ueberweisung zur Reserve des Regiments sowie vor­läufigen Urlaub bis zur Entscheidung des Militärkabinetts.

Den Urlaub hatte der Kommandeur zu bewilligen. Er war unter der Hand bereits in die Sachlage eingeweiht und bestätigte ihn, mit der nachträglichen Verordnung, daßj Leutnant Friedel während der Urlaubszeit im Lande M bleiben und sich zur Verfügung des Militärgerichts zu halten hätte. Das war unter Umständen erlaubt, zumal in diesem Falle, wo der Gerichtsherr eine Untersuchungs­haft abgelehnt hatte und kein Fluchtverdacht Vortag.