Ausgabe 
12.10.1910
 
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Wer zuständige Gerichtsherr war der Divisionslomman- deur, der in der Garnison der Husaren sein Domizil hatte. Die Angelegenheit wurde nach Vorschrift eingeleitet. Nach erfolgter Meldung Fritzens wurde zunächst, das Ermitt­lungsverfahren augeorduet und ein Kriegsgerichtsrat als Untersuchungsführer bestellt. Er vernahm die Kartell- träger: Feßler für Fritz, den Grafen Eid ringen für Spcnt- uuth, den Unparteiischen Leutnant Franck, den zum Duell berufenen Arzt Doktor Rösner aus Wiesbaden. Die sämt­lichen Zeugen sagten in günstigem Sinne für Fritz aus. Feßler führte an, daß er ein genaues Visieren beiin Gegner beobachtet hätte; dem widersprach Graf Eldringen, setzte aber hinzu, daß auch seiner Ueberzeugung nach der uod Spannuths nur einem unglücklichen Zufall zuzuschrerben sei. Immerhin lag die Sache so, daß der Gerichtsherr nach dem Ergebnis der Voruntersuchung annehmen zu müssen glaubte, das Erkenntnis werde sechs Monate Freiheits- strafe erheblich überschreiten. Es mußte also ein aus drei Offizieren: einem Major, einem Hauptmann und einem Oberleutnant, sowie zwei Kriegsgerichtsräten bestehendes Gericht zusammenberufen werden, in dem der Major den Vorsitz, der dienstälteste Kriegsgerichtsrat die Verhandlung zu führen hatte.

Fritz wußte, was er ungefähr zu erwarten hatte: em - Jahr Festung und die Begnadigung nach drei oder wer Monaten Haft. Das Ehrengericht hatte entschieden, daß eine Beleidigung von feiten Spannuths in der Tat vor­gelegen hatte; die Vorbedingungen des Zweikampfs waren korrekt erledigt worden; die Aussagen der Zeugen lauteten günstig: es konnte also nicht allzu schlimm kommen.

Ein eigentümlicher Zwischenfall schien allerdings die Sachlage verschieben zu wollen. Aus Wiesbaden traf ein an den Divisionskommandeur gerichtetes Schreiben ein, in beut der Ansicht Ausdruck gegeben wurde, der Leutnant Friedel habe in Jacques Spannuth einen unliebsamen Kon­kurrenten seines Vaters aus der Welt schaffen wollen. Es waren auch Einzelheiten angeführt. Zwischen den Häusern Friedel und Spannuth sei seit Begründung der Marien Halb-süß und Schwarz-Etikett ein erbitterter Kampf ent­standen; Jacques Spannuth habe sich schon einmal mit der Absicht getragen, die Firma Friedel wegenWein­panscherei" zu denunzieren, und darüber seien seinerzeit auch Notizen in den Blättern erschienen; nicht Herr Span­nuth, sondern Herr Fritz Friedel habe im Foyer des Wies­badener Hoftheaters den Streit provoziert, worüber man jedenfalls Frau Diane Helldors als Ohren- und Augen­zeugin vernehnten möge und endgültig sei das Duell ibn Riederwald nichts als ein Racheakt gewesen.

Unterzeichnet war der Brief mit dem vollen Namen eines wohlbekannten Wiesbadener Weinhändlers: E. Kothe.

Das Schreiben veranlaßte den untersuchungsführcnden Richter zu näheren Nachforschungen, und da stellte sich denn die überraschende Tatsache heraus, daß der Brief ge­fälscht war, daß Herr G Kothe jedenfalls energisch bestritt, der Absender zu sein, was sich durch Vergleichung seiner Handschrift mit der des Briefes- auch ohne weiteres be­stätigte. Es handelte sich also um die Denunziation eines Anonymus. Immerhin hielt cs das Gericht für wichtig, Frau Diane Helldorf als Zeugin zu hören. Da die Vor­untersuchung aber abgeschlossen war, konnte sie indessen nur zur Hauptverhandlung geladen werden.

Fritz beeilte sich inzwischen, seine Privatangelegenheiten litt der Garnison zu ordnen. Da er es für zweckmäßig hielt, ein Domizil noch nicht zu ändern, so behielt er vorläufig eine Wohnung bei. Viel Kopfzerbrechen verursachte ihm )ie sich nunmehr als notwendig erweisende endgültige Tren­nung von der blonden Mieze, seiner kleinen Geliebten. Sie hatte bereits Witterung von dem Prozeß bekommen, der gegen ihr Friedelchen angestrengt werden sollte, war in fürchterlicher Aufregung und schon dreimal bei ihm ge­wesen, um ihn zu trösten, aber immer wieder von dem Burschen abgewiesen worden: der Herr Leutnant sei nicht zu Hause. Fritz hatte das Mädelchen lieb gehabt, die Tren­nung wurde ihm wirklich schwer; aber Mieze selbst hatte in ihrem naiven Egoismus dafür gesorgt, daß sie sich nicht mehr aufschieben ließ. Sie hatte sich unentbehrlich machen wollen, sich gewissermaßen schon als Hausfrau gefühlt, sie war eine kleine Klette geworden. Da hielt es Fritz für sau der Zeit, Schluß zu machen. Und jetzt eilte es ihm doppelt, aller Fesseln der Vergangenheit ledig zu werden, wo ein Nanz neues Leben für ihn beginnen sollte.

Natürlich: der Bruch sollte nicht von roher Hand er- olgen; Herzchen und Seelchen Miezes sollten geschont wer­den. Wie sich das am besten machen lassen würbe, wußte Fritz freilich nicht recht, bis ihm einsiel, daß er ja auch noch eine Mission bei Fräulein Paula, der Schwester Miezes, zu erledigen hatte. Vielleicht ließ sich dabei auch spure eigene petite amour glücklich beilegen. Er zog sich also Zivil an, drückte seinen Hut möglichst tief in die Stirn und. machte stch zur Dämmerstunde zu Fräulein Paula auf den Weg.

Die Schwestern waren Töchter eines Klempnermcisters und hatten sich frühzeitig selbständig gemacht. Die eine war Blusenschneiderin geworden, die andere Verkäuferin in einem Konsitürengeschüft (dies war die Mieze). Früh­zeitig hatten sie auch ihre verliebten Herzen entdeckt nno waren, da sie weder Enterbung noch Vatersluch zu furchten hatten, fröhlichen Gemüts ihren Eroberungen nachgegangen. Aber sie hielten dennoch auf sich: ihre Götter mußten Uni­form tragen (vom Unterleutnant aufwärts); für das simple Bürgertum waren sie nicht zu haben. Als die blonde Paula! ihren Herzog eingefangen hatte, sorgte sie schwesterlich da­für, daß auch die blonde Mieze bei den Husaren blieb: eines Tages war Fritz zur Stelle und die Amourschaft eingefädelt, und es begann, jenseits von Dienst und Subordination, eine nette ßeit.

Die Schwestern lebten nickt beieinander. Paula hatte noch die Wohnung inne, die Abeelen ihr gemietet hatte: drei Zimmer in einer kleinen Seitengasse der Rheinprome­nade, und da fand Fritz sie auch vor. Aber nicht allein: ihr Bräutigam war bei ihr, und beide saßen bei Lampen­schein fleißig über einer handlichen Arbeit. Sie hüllten kleinere und mittelgroße Blechbüchsen in farbig gestreiftes Seidenpapier ein und schichteten sie au den Wänden auf. Die ganze Wohnstube war in einen Lagerraum umgewandelt worden. Ueherall standen die blanken Blechbüchsen in Pyra­miden umher, zum Teil schon in ihr buntseidenes Hemd­chen gewickelt, teilweise auch noch ohne Umhüllung, und zeigten in diesem Falle ein gelbes Etikett, auf dem inan einen Niggerboy mit einer unförmlich großen Bürste einen ganz kleinen Schuh bearbeiten sah. Darüber aber stand in Fettdruck das WortFamos" und darunter:Die beste Stiefelcreme der Welt. Donat Lionardi."

Herr Donat Lionardi war Paulas Verlobter, ein ge­wandter junger Mann, unter dessen Beihilfe sich die An- geleaenheit rasch erledigen ließ. Die zehntausend Mark des Herzogs bewirkten Wunder, und als Fritz einflocht, er habe noch eine Bitte t dem Herzen, die Mieze betreffend, da wußte Paula auch schon, um was es sich handeln sollte. Sie nahm die Sache nicht tragisch!; Herrgott, daß so ein Verhältnis nicht ewig dauern kann, ist ja ganz klar außerdem war auch für die Mieze einer da, ein sehr ehren­werter Mensch, der sich um sie bewarb: ein Handschuhmacher hinter der Petrikirche, und er hätte gern seinen Laden ver­größert. Herr Donat Lionardi wollte das Geschäftliche sofort ins Reine bringen, aber dem widersprach Paula. Nein, so gehe es nicht; sie wolle zur Mieze und ihr alles auseinauder- setzen. Die Mieze sei ein verständiges Mädchen und werde sich ihre Zukunft nicht verscherzen, darauf könneHerr Leut­nant'Friedel sich schon verlassen. Und als, Fritz nun er­klärte, er wolle gegen Abeelen nicht zurückstehen und setze für die Mieze gleichfalls zehntausend Mark aus, wenn sie in die endgültige ^Trennung willige, da rief Paula beglückt, daun fei ja alles in schönster Ordnung und siel Fritz in ihrer freudigen Aufregung um den Hals, und Herr Donat Lionardi bat um die Erlaubnis, ihm ein Dutzend Büchsen! StiefelcremeFamos" von der großen Sorte gratis zu- fchicken zu dürfen: es lange für wenigstens sechs Jahre.

Fritz schritt gedankenvoll nach Hause. Ein wehmütiges Gefühl war in ihm wach geworden. Es ging klar aus Paulas Beiiehmcn hervor, daß die Mieze sich schon mit der Idee einer anständigen Abfindung vertraut gemacht hatte. Das verstimmte ihn. Aber die Mißstimmung hielt nicht an. Das Empfindungslebeit dieser kleinen Mädelchen war natur­gemäß ein anderes als das seine und schließlich konnte er froh sein, daß der Bruch sich so schmerzlos voll­zogen hatte. .

Als er daheim die Tür zu seiner Wohnung öffnete, kam ihm der Bursche mit der Meldung entgegen, ein Herr sei da und erwarte ihn: er habe gesagt, er sei ein Freund des Herrn Leutnants und müsse ihn dringend sprechen.

(Fortsetzung folgt.)