Ausgabe 
12.9.1910
 
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Damit hatte sich der junge Ehemann vor der HäUd Legnügen müssen.

Peter Bräuer schatt mit dem Sohn, daß der fitfj! so demütigte und dein Weibsbild nachgelaufen war:Kein Sorg', die Katz' findet fick schon wieder in't Haus, wo die Milch süß rs!" hatte er gesagt. Es kränkte Valentin, Laß der Pater also sprach der hätte eben die Stasia! doch nie recht leiden gekonnt!

Und auch mit der Mutter, die sonst so mild' war, war der Sohn nicht zufrieden. Fran Kettchen hatte es hart getadelt, daß Stasia davongelaufen war.Dat is doch kein Mod', dat sind mir nit gewöhnt 'wahr, Peter? litt nachlaufen hätt'ste ihr nit sollen, Fung'! Die Frau muß der erste Schritt tun, nit der Mann 'wahr, Peter ?!"

Was verstanden die, wohin sein Sehnen ging?! Konnte er denn dafür, daß es ihn zog, stärker als mit hänfenes Seilen? Einzig mit der Michalina war noch eilt Wort zu reden. Die hatte wenigstens Zeit für ihn. Früh mor­gens, wenn er seine Kämmer verließ, hatte sie schon Feuer angezündet und die Stube gefegt und die Gläser gewaschen und den Kaffee gekocht er sah sie meist nicht mehr, wohl aber, daß sie da gewesen und dann, wenn die Dämmerung sank und Feierabendruh über den Feldern lag, dann kam sie wieder. Sie wäre nicht spröde gewesen gegen den jungen Mann, aber er merkte das gar nicht; nur um von Stasiq zu reden, darum verlangte ihn nach ihr.

Und sie hatte allezeit ein williges Ohr. Und sie tröstete ihn: Geduld, nur Geduld! Wenn das Korn gehauen wurde, spar auch der Trotz geknickt, dann würde Stasia kommen. Und sie würde sprechen:Walenty, mein Geliebter, meine Seele, meine Taube, du Stern, der einzig mir am Himmel strahlet, küsse nrich!" Mit bebender Stimme, recht aus Herzensgrund, hauchte die braune Michalina! diese Worte. Sie wagte es, seinen Aermel zu streicheln:Geduld, Wa­lenty, Geduld!"

Aber er hätte keine Geduld. Wenn Michalina von ihm gegangen war, und die Lichtlein der Ansiedlung er­loschen, machte er sich auf. Er ging durch die dunkle Sommernacht, immer nur den einen Weg zum Tu- padlo. Stimmen waren in der Nacht der reifenden Fel­der, die ihn riefen, Sterne über dem Geheimnis der wis­pernden Ebene, die ihn führten. Immer zum Tupadlo. kreiste er herum wie ein Verirrter:Stasia, Stasia!"

Wie einst als lediger Bursch, dem die junge Verliebt­heit im Blut loderte, rief er den geliebten Nämen. Beim Dornbusch am Sümpf saß er stundenlang. Der Busch trug jetzt Blüten, flache, zart-rosige Flatterblumen, die davon .ffogeit, toentt man sie pflücken wollte. Geheimnisvoll schim­merten die Rosen der Sumpfwiese; am Tage waren sie geschlossen gewesen, aber jetzt öffneten sie sich zu leuch­tenden, weißen Sternen. Ein Duft stieg von ihnen auf, heraufchend wie Jasmingeruch. Sumpfrosen sollen nicht duften, sie haben keine Seele, er aber fühlte ihren süßen Hauch. Und seine Seele verging vor Sehnsucht. Alles, alles wollte er ihr ja zuliebe tun, wenn sie nur wiedär! zu ihm kam! i-

Aber noch war sie böse, so hätte ihm der Vater gesagt, her jetzt alle Tage kam. Wer konnte ihn dessen Kommen trpsten? O nein, im Gegenteil! Es ärgerte ihn, wenn der sich in der Wirtsstube breit machte, als sei er der Herr, Und Kumpane mitbrachte, die er traktierte, gastfrei, nach güt polnischer, alter Sitte. Wo blieb das Geld für das Wer und den Schnaps? Michalina hatte die Hände ge­lungen, ächerPst, still" hatte Valentin geflüstert und ihr die Hand auf den Mund gelegt. Was sollte er tun? Würde er etwas sagen, so kant der Schwiegervater nicht wieder, und er hörte nichts, gar nichts mehr von Stasia! Aber ein Ekel hatte ihn doch erfaßt vor dem Mann mit dem roten Bart, der guf drei Ehrenzeichen niederwallte. Va­lentin konnte es im eigenen Haus nicht mehr aushalten. Morgens um zehn schon, oft auch schon um neun, saßen der Förster und seine Genossen in der Wirtsstube, sie saßen bis! gegen Mittagläuten, und abends, sowie die Sonne sank, waren sie wieder da. Vertrieben war der Wirt so aus dem eignen Heim. Das würde auch nie, nie mehr wohnlich werden es war ihm verleidet. Was sollte er noch hier, wo nur polnisch gesprochen, polnisch gesungen^ polnisch gedacht wurde?! Gern wäre er bei seinen Eltern eingerehrt ach, .mit einer stillen Trauer gedachte er jener Tage, da er noch kein Wort Polnisch verstanden hätte, da er hierher gekommen wär, voller Begier aufs Neue,

sich Wunder vom weiten Acker versprochen und sich lustig geneckt hätte mit den braunen, lachenden Mädchen am Weg, und da er dasdaj ttti buzi" noch nicht gelernt!!

Wenn er jetzt zu seinen Eltern kam, fühlte er: er war ihnen fremd geworden. Freundlich waren sie zu ihm', wieder gut wie ehedem, die Mutter sah ihn mitleidig ach der Vater machte ein bekümmertes Gesicht, sie litten mit ihm unter seinem Kummer, aber fremd waren sie sich doch. Etwas hatte sich zwischen sie gedrängt, Vertrauen, Herz­lichkeit, Verstehen gestört das war die Stasia. Er redete nicht von ihr, und sie redeten nicht von ihr. Da trieb es ihn auch endgültig aus dem Elternhaus.

Rastlos, freudlos ging der Einsame umher, her und hin hin und her aus und ein ein und aus. Die Türen klappten in einem fort; es litt ihn nicht in der Stube, nicht in der Kammer, nicht in der Küche, nicht itttl Stall, nicht im Schuppen, nicht auf dem Hof. Es, zerrte ihn immer und zog ihn und stieß ihn voran wie mit Fäusten, er mußte zum Tupadlo. Dort fand er einzig Rühe. Wußte er doch, drüben wohnte sie. Wenn er sie nun nicht sehen, nicht sprechen sollte, wenn sie noch immer trotzte und nicht zu ihm kant, wenigstens nahe sein wollte er ihr. Ging sie denn nicht aus, würde sie denn nicht einmal hier vorüber kommen?!

Oft glaubte er im schwimmenden Abendlicht ihr helles! Kleid drüben hinter den KUsseln zu sehen mit wein ging sie da? Ging sie allein?! Oder war wohl gar Pan Szulc drüben, sie zu besuchen?! Eine wahnsinnige Eifer­sucht ergriff ihn jäh. Nun lag er lauernd hint-erm Dorn­busch: der sollte nur kommen! Aber auch der-kam nicht.

Ganz menschenleer war die selten befahrene Straße zum Forst. Wer zu schaffen hatte, schaffte in den frucht­tragenden Feldern, hier am Moor knarrte kein Ackerwagens kein Ochsengespann brüllte. In träger Ruhe lag das Tu- padlo, schwermütig bei Sonnenschein, schwermütiger noch! beim Mondenlicht.

Die braune Michalina sah mit Schrecken, wie mager der Walenty wurde. Nock)! waren es keine drei Wochen her, daß Stasia ihm davongelaufen war, und schon schlot­terten ihm die Kleider am Leibe. Sie redete ihm herzlich! zu,' daß er doch essen möchte. Wenn man auch Kummer hat, essen muß man doch, wie soll man denn sonst arbeiten?!

Und sie schlug sich auf die volle Brust und zeigte ihm' ihre dicken Arme. ,

EU aber lächelte trüb: das wollte er wohl glauben, daß es ihr schmeckte. Was wußte sie von Kummer?!

Da seufzte sie aus Herzensgrund und sah ihn beweg­lich an.

Er aber merkte es nicht. Wenn die Stasia wiederkäme, ja, dann würde auch er wieder essen. Daun sollte Borschtsch gekocht werden, bie Suppe von roten Rüben, die ihm eigent­lich zuwider war, und Schaschlik, und alle die Gerichte, die sie gerne. Er würde kein Wort mehr dagegen sagem alles würde ihm ja schmecken. Nur den Pan <^ulc, nein, den Pan Szulc wollte er nicht an seinem Tische haben und auch nicht immer den Förster! Die quälten ihn noch zu Tode.

Er vermied den Schwiegervater jetzt ganz; selbst um' den Preis, von Stasia zu hören, konnte er sich nicht ent­schließen, dem freundlich zu sein. Ein Widerwille erfüllte, ihn, dessen er sich nicht erwehren könnte. Der würde ihm' ja' doch nicht die Wahrheit sagen der log! Sie logen alle hier! Selbst Stasia, die über alles geliebte Stasia, war! die immer ganz wahr gewesen?

Es war ein furchtbarer Zweifel, der ihn anfiel, wie! ein bissiger Hund. Wenn sie ihn nun belogen, wenn sie nun doch mit Pan Szulc geliebelt hätte? Wenn der nun! lachte jenseit mit ihr und er, als der Betrogene, hier diesseit saß?!

Er hätte sich am liebsten gar nicht mehr vom Tu?-! pädlo fortgetraut. Er mußte jetzt aufpassen, aufpassen, auf- pafsen. In seinen Augen brannte es und in seinem Herzen auch. Liebe und Haß, Zärtlichkeit und Strenge, Sehnsucht und Widerwille stritten miteinander. Aber die Sehnsucht war doch die größeste unter ihnen.

Er ist verhext, er hat die Mora gesehen, weh," jam­merte Michalina und schlich nachts hinter ihm drein zum! Tupadlo. Sie sah, daß er ging, gleich einem, der nicht möchte und doch muß, der gezogen wird an einem Seil; sie sah, wie er niedersank beim Busch, auf die Knie fiel und die Arme ausstreckte, verlangend, begehrend. Kip