Ausgabe 
12.5.1910
 
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Vom neuen englischen Königspaar.

Dem Fürsten, der nun als gereister 45 jähriger Mann Unter dem Namen Georg V. den britischen Thron besteigt, mar es nicht von Kindheit an bestimmt, dereinst die Königskrone Groß­britanniens unb die Kaiserkrone Indiens zu empfangen. Er zählte 27 Jahre, als ein tragisches Schicksal unerwartet seinen älteren Bruder Albert Victor dahinraffte. Bis dahin hatte sein Leben nur einem Berufe gegolten: dem Berufe des See-: mannes. Freunde Von ihm, die den damaligen Herzog Von Bork genau kannten, erzählen von schmerzlichen Mmpfen, die dieser jähe Wechsel seiner Lebensrichtmig in dem Marinekapitän hervorrief; denn er war Seeoffizier mit Leib und Seele, und es' waren bittere Empfindungen, mit denen der Prinz das Kommando seines Schiffes abgab, um fortan der Vorbereitung auf fein künftiges königliches Amt zu leben. i

Seine Erziehung, seine Jngendeindrücke, fein ganzes Wesen »Mrcn zusammengetroffen, um in dem Kinde und in dem Jüng­ling die leidenfchastliche Liebe für den harten, von dem Schimmer abenteuerlicher Romantik umwobenen Berufe des Seemannes zu erwecken und zu festigen. König Eduard hatte von Anfang an streng darüber gewacht, in feilten Söhnen vorzeitig das Gefühl lür ihren Rang und ihre bevorzugte Stellung fernzuhalten. Prinz Albert Victor, der Thronfolger, und sein um ein Jahr jüngerer Bruder Georg, der heutige König, wurden gemeinsam als Ka­detten auf dem Schulschiff Britannia ausgebildet. Für beit lebens­frohen, leidenschaftlichen Knaben, dessen übermütige Jugendstreiche mehr als einmal die Wächter höfischer Etikette entsetzt haben. Ward diese Erziehungsweife zu einer trefflichen Schule der Selbff-

Dichtergeistes entstehen läßt; er muß auch zik allerlei Eulen­spiegeleien und Neckereien herhalten, in denen der .schalkhaft heitere Mann uiterschöpft war. Wie gütig und weise, aus einer ver- stehenden Beobachtung menschlicher Schwächen geboren, treten diese Späße in den Erzählungen des Hausfreundes auf. Der Dichter- Hat etwas von jenengöttlichen Philistern", die H. W. Riehl in der Musik gepriesen. In eng umfriedeter Dorfesstille war er aufgewachsen, hatte als vaterloses Kind, das aufbie Wohltätigkeit fremder Leute angewiesen war, früh von der -Mutter gelernt, vor Beamten und Vorgesetztenvon ferne schon das Käppchen zu ziehen"; so blieb er demütig und bescheiden, blieb in den wilden mrfgeregteii Napoleonischen Zeitläuften so tatenlos gleichmütig wie seinzahmes neutrales Hausmäuschen, das auch wie er keine Zeitungen las". Er war ein Mensch iso schildert er sich selbst der weniger spricht als trinkt und weniger ißt als froh ist, Und der einem stillen Wasser gleichen kann, Nicht einem Strudel, damit sich der Licht- und Freudenstrahl aus allen Gesichtern Und Sternen in ihm abbilden kann, ohne rin Wort zu sagen". So erschien er bei aller fröhlichen Beweglichkeit stets mit einer gewissen Würde und Gravität, hatte stets etwas Versonnenes, Zerstreutes, und dem hochvermögenden Herrn Prälaten, der sogar im badischen Landtag Sitz und Stimme hatte, konnte es' bei einem Besuch bei Straßburger Freunden geschehen, daß er statt des Taschentuches eine zwei Ellen lange Windel in die Tasche steckte, unb sich dann bitterlich über das schwere unpraktische Sacktuch beklagte. I

Hebels Dichtung, die tote* die notwendige Frucht feiner durchaus künstlerischen Individualität erscheint, hat dabei natürlich auch ihre kulturelle Begründung, ihre literarischen Vorgänger. Der Erwecker unb Entbinder jener schwärmerischen Naturanbetung im 18. Jahrhundert, die zur Verehrung alles Volkstümlichen Whrte. Ivar Rousseau aewesen. Herder und Goethe sammelten Volkslieder; aus bem Sturm und Drang gingen die ersten Poeten hervor, die die Banerniwelt in Sprache und Vorstellung dar- stellten. i

Die melodische Biegsamkeit seines Verses' unb die wundervolle Anschaulichkeit seiner Darstellung hoben die Dialektdichtung zum erstenmal in deutscher Sprache in die Sphäre der hohen Poesie. All das stille Leben und Wehen der Natur, des Mfers und des Spinnleins Geschick, des Kirschbaums Entfaltung, des Baches Spielen und Lieben, von der Wiege an iber Quelle bis zum Trau­altar an der Bereinigung mit bem Fluß, her Jahreszeiten leis sich wandelnder und entschwebender Reigen dies schier nicht Uuszudrückende Geheimnis von Werden und Vergehen ist in feinen Versen zu lebendiger Gestalt geworden.Der Dichter hat," sagt gean Paul von ihm,für alles Leben und alles Sein das offene erz, die offenen Arme der Liebe, und jede Blume, und jebetf ©teilt wird ihm ein Mensch."

Er verwandelt nach Goethes' Wortdie Naturgegenstände zu Laichleuten und verbauert auf die naivste, anmutigste Meise durch­aus das Universum." Sein eignes ursprünglich schlichtes Emp- jinden fühlt er mit Vorliebe in der cheiligen Schrift bestätigt, tob die Welt der Bibel wird ihm wieder zu einem Abbilds alemannischen Bauernlebens. Seine ganze Theologie erschöpft sich in der idealen Vorstellung zunes einträchtiglich frommen Zusammenlebens nach weisen Vorschriften. Der Gottesmann, her Lehrer und der Dichter werden hier eins. Von diesem Ein­klang einer gütigen Weltverbesserung und eines milden Welt- b'egreifens ist auch HebelsSchatzkästlein" des rheinischen Haus­freundes beseelt, eines der schönsten Geschichten- und Erbauungs- bücher, das unsere Dichtung besitzt.

beherrschung und des' Charakters, Von Anfang an war das Ziel seiner Sehnsucht gewesen, Matrose zu werden. In Hop: kreisen galt er alseine richtige königliche unbändige Range" unb seinen kindlichen Nebermut illustriert eine Anekdote, die dem lustigen Jungen eine strenge Strafe eintragen sollte. Der kleine Georg durfte eines Tages mit seiner Großmutter, der verstorbenen Königin Viktoria, frühstücken. Der lebhafte Junge verstieß dabei so gründlich gegen die übliche Etikette, daß ihm eine Strafe zudiktiert wurde: er mußte unter den Tisch kriechen. Nach einer Weile sah man die Buße als genügend an und sor-i berte den Prinzen auf, wieder hervorzukommen. Er gehorcht« sofort unb erschien im Adamskostüm, und gleich Adam schämt« er sich auch gar nicht. Das traurige Ende dieser lustigen Kp- mödie machten dann die Erzieher, die von dem Recht, seines kleinen Ungezogenheiten streng zu bestrafen, ausreichenden Ge­brauch machten.

Das strenge Leben an Bord gab dem lebendigen Sinne des regsamen Kindes schnell eine feste einheitliche Richtung. Der 12jährige Kadett führt sorgsam ein Tagebuch, in dem er alle Erlebnisse und Eindrücke niederschreibt; diese Äufzeichmingen geben ein reizvolles Bild davon, wie rasch der phantasievoll« Knabe sich zum Jüngling entwickelt und es lernt, seine Beobach­tungen zu ordnen und zu erläutern. Bei den Kameraden «wird der junge Prinz als treuer und tüchtiger Gefährte beliebt,, seins Pflichttreue und seine seemännische Unerschrockenheit erringen ihm die Bewunderung aller Genossen, bei den Wettfahrten der Segel­boote gewinnt er einen Preis' nach dem andern. 1880 wird er gemeinsam mit feinem Bruder zum Midshipman ernannt unÄ siedelt auf dieBacchante" über. Die erste Weltreise steht dem 15 jährigen Jüngling bevor und damit der erste wirkliche Eindruck von der Macht und der gewaltigen Ausdehnung des Reiches, dessen Leitung er heute als König übernommen hat. Von Dartmouth aus führt die Fahrt durch die westindischen Inseln; zum erstenmal wirkt der üppige Reichtum der Tropen-, landschaft auf das empfängliche Gemüt, Aftika wird umsegelt^ Australien, Polynesien, China und Japan besucht; die Heim­reise führt das Schiff nach Ceylon, nach Aegypten und zu aus­gedehnten Kreuzfahrten durch das Mittelländische Meer. Auch über diese Reisen und ihre Eindrücke führt Prinz Georg gewissen- hast Tagebuch; in seinen Notizen loht hin unb wieder die roman­tische Phantasie des KUaben auf. Er schildert einmal, wie er mit seinem Bruder zwei Stunden vor Sonnaufgang den slic- genden Holländer sah:Ein seltsames' rotes Licht wurde sicht-, bar, bann erkannten wir das wunderliche glühende Geisterschiff, In dem roten Licht traten die Masten, Spiren und Segel einer) etwa 200 Bards entfernten Brigg hervor. Der Mann im Aus­guck meldete das Geisterschiff dicht am Backbordbuk, dort sah es auch von der Brücke aus deutlich der diensttuende Offizier und ebenfalls ein Seekadett. Dabei war kein Zeichen von der materiellen Existenz des Schiffes am Horizont zu sehen, obgleich die Nacht klar und die See ruhig wari Im ganzen sahen 13 Personen die geheimnisvolle Erscheinung und überdies signali- fierten die Turmaline unb Kleopatra, die am Steuerbordbug! waren, und fragten, ob auch wir das seltsame rote Licht gesehen; hätten." Der Seemannsäberglaube sollte in diesem Falle schnell eine tragische Bestätigung finden, dennwenige Stunden nach der Erscheinung fiel der Matrose, der den fliegenden Holländer! gemeldet hatte, von der Borstenge auf das Bramvorderdeck unb war sofort tot". (

Fast drei Jahre währte die Reise, die so früh das Weltbild des Prinzen erweiterte; die letzte Eintragung in fein Tagebuch erfolgt beim Wiedersehen der Heimat:Beim Morgengrauens sieben Segel gesichtet, wir sind mitten im Kanal. Der Wind bläst uns grabe aus England entgegen, das graue Meer allein würde genügen, um uns zu sagen, wo wir sind. Dem Ewigen' fei Dank, der uns auf unseren Inseln ansiedelte und sein Britan­nien zwischen wogenden Fluten unb stürmische Schauer einfetzte."

So ward das Meer, das Reisen, Großbritanniens Flott« unb stärkste Wehr bem jungen Prinzen von Jugend auf zum Lebenselement. Ein kurzer Aufenthalt in Lausanne, der bem Stubium bes Französischen bient, ist die einzige Unterbrechung seiner seemännischen Arbeit. Langsam erklimmt er Staffel um Staffel. Er besucht die Marineschule von Greenwich, wird Leut­nant; nirgends verschafft ihm sein prinzlicher Stand einen Vor­rang. Wie ernst er es mit feinem Osfiziersberufe nahm, er­läutert ein charakteristischer Vorfall aus dem Jahre 1888. König Eduard, damals noch Prinz von Wales, wollte seinen Sohn Wiedersehen; er telegraphiert an den Admiral, der die Nachricht sofort an den Prinzen weitergibt. Aber Prinz Georg signalisiert dem Admiral lakonisch zurück:Schön, aber was wird aus meinem Torpedoboot?" Der Admiral telegraphiert, daß er doch Wohl für diesen Tag beurlaubt werden könnte.Nein," meldet der Prinz zurück,ich habe von meinem Geschwaderchef Befehl, nach Spithead zu dampfen." Wenige Minuten später sah man den Prinzen mit seinem Torpedoboot mit Volldampf in ben stürmischen Kanal hinausbrausen.

Kürz vor seinem tragischen Eiche hatte Prinz Mbert Victor seiner Cousine, ber Prinzessin Mary von Teck, den Beo- lobungsring überreicht. Der Tod hatte den beabsichtigten Bund vereitelt. Nun sah Prinz Georg die fröhliche Cousine als trausi ernde Maut wieder, M bedurfte keiner staatsmännischen Er-