290 —
toeijjaß tiffey sonst, Ich weiß nicht, tväs ich! getan habe: 1^10) an ihn gellärmnert, geschluchzt wie von Sinnen.
, „Ich kann dich nicht verlieren! Ehre sterben! Hilf Nnr doch!" J '
Wie durch einen Nebel sah ich noch sein Gesicht, in den Slugen die Strenge und die Qual. Ich hörte seinen Atem laut gehen.
„Liebling, du weißt ja! nicht, wie du mich schon Uumgensstt. hast! ^MachP mir nicht so übermenschlich
D-a ließ ich ihn. Ich stieß seine Hand sogar weg, mein Jammer war auf einmal glühheißer Zorn.
„Dann geh, aber schnell. Wir haben uns nichts mehr W sagen."
, Meine Stimme klang mir selbst fremd. Er zögerte eine Sekunde. Dann beugte er sich. Seine Lippen waren Ms meiner Stirn.
„Wir müssen es beide tragen, Agnes, und tapfer weiter- leben. Und wir können es auch."
Die Mr ging. Sein Schritt auf der Treppe.
Ich blieb allein.
_ . 7. April.
ilrch weiß, daß ich es nicht ertrage!
In meinem Kopf ist nur der eine Gedanke: vorbei. Zu Ende. Me wieder.
Wenn ich ihn hassen könnte, das wäre Rettung. Jede Erinnerung an ihn zertreten wie etwas Schädliches, Feind-
Aber all mein Zorn ist verflogen. Meine Seele liegt auf den Knien vor ihm! Ich will nichts auf der Welt ms ihn!
Schuld? Sünde? Liebe kann nicht Sünde sein!
Und wenn es Sünde wäre, was frage ich danach? Ele Sünden der Welt will ich begehen, wenn ich dadurch W ihm komme!
9. April.
, Wie gestorben ist er für mich. Kein Wort und kein Mref, jeder Weg abgeschnitten wie nach dem Totenland.
Und doch weiß ich daß Dag und Nacht die eisernen Schienenweße dröhnen unter den Rädern der Züge, die Von inrr zu ihm gehen und von ihm zu mir. Daß er irgendwo Seit weg lebt und ißt und geht und mit gleichgültigen keuschen redet.
Und ich sehe ihn nicht. Nie wieder! Und verdurste nach
10. April.
OS er so leidet wie ich? Nein. Er hat ja Slblenkung Henug. Er hat ja sein Kind, den JUngen, um den er mich Mfgeben konnte. Den er lieber hat als mich!
Ich habe .Babys Bild mit dem Gesicht nach unten in dem Koffer versteckt. Ich will es nicht mehr sehen.
Es ist furchtbar, aber ich kann es nicht ändern. Bisweilen fragt eine Stimnie in mir: w-enn das Kind nicht Ware —- gehörte er dann dir?
Und eine andere ganz tief unten antwortete heimlich «nd böse: es könnte ja sterben. Dann vielleicht. . .
Was ist das? Wahnsinn? Verbrechen? Ich habe ein Grauen vor mir selbst und kann mir doch nicht entfliehen. — I
«n r. 11. April.
Warum bin ich nicht tot?
Wenn der stürzende Steinblock den Weg um zwei Schritt weiter getroffen und weggefegt hätte vor drei Tagen tn der Partnachklamm, dann wäre jetzt alles vorbei und zur Ruhe.
Damals schrie ich nach Leben. Blindheit! Torheit'
Von dem Seligkeitssturm, der nachher kam, hätte ich j« zwar nichts geahnt und gewußt. /
Aber wer sagt denn, daß alles Schwere leicht zu tragen ist, wenn man nur einmal erfahren hat, was Gluck ist?
Geschwätz! Tmrsendmal -bitterer und härter, es erfahren Und besessen haben und sich doch wieder aus der Hand reißen lassen!
. Menn er geglitten wäre, als er mich trug! Mr beide Mammen hiimnter in das kochende Bergwasier, turmtief zwischen beit grünweißen Eiswändeu! Sein Leben für I Mernes, mrt meinem! I
SW hätten uns gesucht und nie gefunden. Die Part- I nach gibt mcht her, was sie hat. I
... wäre auch Seligkeit gewesen und ein Grab wie für Könige!
12 April
Nur -allein fein! Nur nicht die vielen fremden Ge» lichter der Tisch zu Hause, auf der Straße, die jeden Gedanken belauern und betasten wollen, daß inan Mund und Augen in Zwang halten muß! Die indiskret höflichen Fragen: was fehlt Ihnen? Sie sehen nicht gut aus!
-otte fragt nicht. Aber die kairn ich anr wenigsten ertragen. Es ist eine Fremdheit zwischen uns seit neulich; und doch ist es mir, als ob sie in mir liest, wenn sie mich ansieht.
Ihre Augen sagen: du tust mir leid.
wch will ihr Mitleid nicht. Sie soll mich nicht verstehen und m mir lesen. Meine Qual gehört mir allein!
r München, 13. April 1901.
Sehr verehrte Frau von Gelsa!
Leider bin ich genötigt, München eine Zeitlang zu verlassen! Ich bitte Sie, sich wegen Charlotte keine Sorgen zu machen. Ich lcksse sie bei Fräulein D-amianis in bestem Schutz zurück, und zum Ueberfluß werde ich sie noch Professor Bernhardis persönlicher Fürsorge empfehlen.
Wann ich zurückkomme, kann ich noch nicht bestimmens Ihre sehr ergeb-ene
Agrres Weddigem (Fortsetzung folgt.)
Johann Peter Hebel.
(Zum 150. Geburtstag. 11. Mai.)
, Wie bei mehreren bedeutenden Männern herrscht auch bei Johann Peter Hebel eine gewisse Unsicherheit in der Festlegung seines Geburtstages, .da teilweise der 10., teilweise der 11. Mai angenommen wird. Diese Unsicherheit beeinträchtigt aber die Bedeutung des Dichters nicht im geringsten. Die Schristl.
Es gibt kein reineres Bild gesunder poetischer Kraft als den echten Volksdichter. In aller glücklichen sonnenhellen Klarheit offenbart sich eine herrliche Gabe der Natur, ein ewiges Walten mütterlicher Schönheitsmächte. Als ein solch begnadeter Sohn der großen Allmutter Künst erscheint uns Johann Peter Hebel, dessen liebenswerte freundlich gütige Gestalt wir so gern in unsere ihm fremde Gegenwart herausbeschwören, nun da ein und ein halbes Jahrhundert dahingegangen sind, seit er der Welt geschenkt ward.
Das oberbadische Dorf Hausen, wo er seine Kindheit ver- bracht hatte, blieb der Mittelpunkt seiner Gedanken, auch als er langst zum Städter geworden war, aus dem lieblichen Wiesental «n Schwarzwald sog er stets frische Nahrung -für seine Phantasie. Obwohl Hebel m Basel geboren worden und mancherlei Erinnerung an die alte Herrlichkeit und den schwermütigen Totentanz der Schweizerstadt in seine Gedichte verwebte, durchströmt und besuchtet doch die Wiese, „Feldbergs liebliche Tochter", die zur Jungfrau Heranwachsende Heldin einer seiner schönsten Idyllen, den eigentlichen Mutterboden seiner Formen- und Gedankenwelt. E'H!S?rEg aber ist nun die völlige Harmonie, mit der Hebels idyllstche Persönlichkeit in dem Idyll seiner Heimat aufgeht. All die freie Gemütlichkeit, die kräftige Sinnlichkeit, die sein Ländchen und die Anschauungen seiner Landsleute durchwaltet, Mrd ausgenommen von dem reinen Menschentum seiner -treuherzig schalkhaften, beweglich ungezwungenen Natur.
In seinen entzückeiiden durch und durch poetischen Briefen entfaltet sich das Charakteristische seines Seins mit all jener beseelten Scylichtheit, die nicht niinder deutlich in seinen Werken sich regt. Er besaß den Zauberstab der Poesie, der alles' zu vergolden und zu verklären vermag; er tvar cingeiponnen in eine innere, hell schimmernde Märchen- und Liebeswelt. Die Fähigkeit, die tägliche Umgebung und die ewige Wirrnis des Daseins in den bunten Mantel enner phantastischen bizarren Wcltcrklärung und zjssstnnschauung zu hüllen, äußerte sich in einer wunderlichen Philosophie : das Bekenntnis durch das er sich-alle „Lebensrätsel" löste; war die „Proteuserie" oder der „Belchismus", den er als „Präzeptor,atsvckarius" mit einer gleichgesinnten Tafelrunde zn Lörrach am Hmße des majestätischen Belchen pflegte. Der ewig sich wandelnde Proteus, den Hebel anbetct, ist die Natur, deren vielgestaltige Geister ein Odem beseelt, ein Allgesühl durchdringt. Es ist Spmozas Pantheismus, der hier in einer schivärinerischcN upd anschaulich belebten Form auftritt, wichtig auch für Hebels! dichterflche Phantasie, die sich in Gott und Natur versenkt und dabei alle Gestaltungen kühn vermenschlicht.
Hebel hat sich sein Lcbcnkang darin gefallen, >an den seltsamen Formen, Zeremonien tlnd Symbolen dieses Jugendbundes fest- zuhalten. Der Proteus, der in dem „Denglegeist" einen kobold- haft launischen Geiler hat, lebt als eine -wirkliche Macht in seinem
^ahrt z. B. auch! in ihn, als er 1801 die ganze erste Abteilung seiner Gedichte in einem plötzlichen Aufleuchten des-


