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Andröes Schicksal im Lichte der neuesten Forschung.

Man wird geneigt fein, auch die jüngste Mitteilung über das Ende der Andrsescheu Ballon-Expedition ad acta zu legen. Sie kam vor einigen Tagen aus Stockholm und besagte: auf eines Priesterkonferenz in Toronto (Kanada) seien Gerüchte erzählt wor­den, wonach Eskimos, die etwa 1200 Kilometer nördlich vom Territorium Alberta lebten, ein weißes Haus mit drei weißen Männern hätten voni Himmel herunterfallen sehen. Tie Weißen feien dann auf die Renntterjagd gegangen und von den darüber erbitterten Eskimos getötet worden. Auch ein Eskimomissionar Namens Turquotille habe ähnliche Gerüchte von den Eskimos gehört, die offenbar mehr wüßten, als sie sagen wollten. Der schwedische Konsul in Montreal habe von diesen Gerüchten feiner Regierung Meldung gemacht und Vorbereitungen getroffen, fie an Ort und Stelle nachzupriifen.

Es kann fein, daß das Gerücht keinen tatfächlichen Kern bat, und daß es sich um Mißverständnisse oder gar Märchen handelt. Trotzdem wäre es gut, wenn ihm gründlich nachgegangen würde. Die Nachricht, daß Andröe im nordöstlichen Kanada ge­landet sei und dort feinen Tod gefunden habe, taucht nämlich Nicht zum erstenmal auf, sondern ist in nicht sehr verschiedener Form schon wiederholt zu uns gelangt, und deshalb wäre es Nicht ganz unmöglich, daß an ihr etwas Wahres ist.

Andröe stieg mit seinen beiden Gefährten Fränkel und Strind- berg am 11 Juli 1897 von der Däneninsel auf. Nach zwei *?°hren, Ende 1899, kam eine Meldung aus Fort Churchill, einem Posten der Hudsonbai-Kompagnie an der Westküste der Hudsonbai (etwa 59° n. Br.), dort des Handels wegen an« gekommene Eskimos aus bem fernen Nordwesten hätten erzählt ihre Stammesgenossen seien bei der Jagd auf Moschusochsen Mit Weißen zusammengetroffen. Die Eskimos hätten das Mo- fchusochsenrudel nicht gesehen und deshalb geglaubt, die Schüsse galten ihnen; sie hätten alsdann mit Pfeilen auf die Weißen geschossen und zwei von ihnen getötet, während die beiden andern Weißen die Flucht ergriffen hätten. In Wirklichkeit hatte der Ballon nur drei Insassen, und die für dieses Ereignis angegebene Jett, der Sommer 1899, scheint auch nicht grade die Ansicht zu stutzen, daß die Eskimos es hier mit Andree zu tun hatten. 8u>er man darf nicht vergessen, daß solche Gerüchte um so ver­worrener und unbestimmter werden, je weiter sie getragen werden

«Bieber vergingen zwei Jahre. Tann beridjteten im Herbst 1901 »wei amerikanische Touristen im Hiidsonbaigebiet hätten me Eskimos mitgeteilt, fie hätten im voraufgegangenen Frühiahr (also 1901) im Norben etwa 900 engl. Meilen nördlich vonMoose Flang" die Leichen von zwei weißen Mannern und den Korb eines Ballons gefunden. Im März 1902 [am wieder eine Meldung aus Fort Churchill über die Ermor­dung weißer Fremden: Angehörige eines wilden Eskimostammes hatten drei weiße Männer, die in einem großen Kajak ober in Vooten durch die Lüste gekommen wären, mit Pfeil und Bogen getötet. Die Verwaltung der Hudsonbai-Kompagnie glaubte in- vefsttt Nicht, betij die Mitteilung sich auf Andree bezöge, weil keine Reste von ihm, feinen Gefährten oder seinem Ballon ge­funden waren.

Tie oben erwähnte Nachricht wäre also die vierte, die An- drtze tu einem bestimmten Teil des nordischen Amerika sein Ende trüben läßt, dreimal übereinstimmend durch die Hand von Eskimos; aber unsere Liste macht aus Vollständigkeit nicht An- fpruch. Nicht zu vereinigen ist mit ihr die Meldung, die im No- vemoer 1908 aus St. John's (Neufundland) kam; sie besagte, daß m Labrador, 100 Kilometer von der Missionsstatiou Okkak (58 n. Br.), der Kapitän des amerikanischen SchiffesPelops" em Grab und ein Kreuz mit der AufschriftAndröe" und

Leiche und eine Kiste mit Papieren gefunden hätte. Tie Meldung begegnete gleich wenig Glauben, und da man nichts davon gehört hat, daß die Nachforschungen, die im Sommer 1909 auf Veranlassung der schwedischen Regierung durch ein Mitglied der Labradormission vorgenommen werden sollten, irgend eru Ergebnis gehabt haben, so muß man die wohl ins Reich der Fabel verweisen.

In Widerspruch stehen nun alle diese Gerüchte auch mit der Anschauung, die man sich in geographischen Kreisen nach dem Vor­gang der schwedischen Autoritäten von dem wahrscheinlichen Ver­lauf der Audrse-Expeditton gebildet hat. Was man mit Sicher­heit weiß, ist Folgendes: Dem Ballon sollte durch uachschleifende Taue eine gewisse Lenkbarkeit verliehen werden; da er diese Taue aber bald verlor ober verloren geben mußte, so wurde er zum Spiel des Windes, der ihn nach Nordost und Ost, b. h. nicht Jinn Pol, sondern in der Richtung auf Nordsibirien trieb. In Uebereinftiunnung damit besagte ein Zettel, den eine fünf Tage üach dem Aufstieg geschossene Brieftaube Andrews trug, daß er fich mit dem Ballon am 13. Juli 12 Uhr mittags, also knapp zwei Tage nach her Auffahrt, unter 820 n. Br. und 15° 05 ö. L. befunden habe nnb mit guter Fahrt gen Osten treibe. Er hatte danach infolge von Windwechseln in den zwei Tagen nur etwa 280 Kilometer in gerader Richtung zurückgelegt. Tie be­kannten Bojen, die später gefunden würden, sind nach den in tonen enthaltenen Notizen von Andrae früher ansgeworsen worden als jene Taube. Noch andere Bojen Andröes, die man im Laufe der Jahre misgefifcht hat, waren leer.

AndrSe hatte sich also ihrer wohl nur entledigt, um bett Ballon zu erleichtern. DaS Weitere ist eine Wahrscheinlichkeits­rechnung und besagt: In der Zeit vom 11. bis 15. Juli 1897 ist m bett Gewässern Spitzbergens ein Wirbelsturm beobachtet worden, der den Ballon AudrSes nach Abgang der Taubenpost aus seinem östlichen Kurse nach Westen zurückgeworfen haben wird. Er mag dadurch bis zur Nordostküste Grönlands getrieben worden fein, um dann vom Windwirbel von neuem nach Osten geführt zu werden. Die niebergegangenen Schneeinafsen werden darauf, im Verein mit dem Gasverlust, den Ballon bald zum Sinken ge­bracht haben, im Meere zwischen Spitzbergen und Franz Josef- land, wo die drei tollkühnen Lustschiffer ertrunten sind, oder auf Franz Jofesland selbst, wo sie bei dem Mangel an Jagdbarem Wild ebenfalls haben umtommen müssen.

Dies die gewöhnliche Anschauung, die natürlich respektiert werden muß, die aber mit ihrem Aufbau auf einem Hin- und Vertreiben des Ballons zwischen Spitzbergen, Franz Joscfland und Grönland vielleicht doch etwas gekünstelt erscheinen kann. Eine schließliche Fortführung des Ballons nach dem arktischen Amerika mag am Ende doch nicht ganz abzuweisen fein, und deshalb wäre es nicht überflüssig, wenn über die unter den Eskimos verbreiteten Gerüchte endlich einmal wirklich genaue Nach­forschungen angestellt würden, u. zwar von einem mit ihrer Sprache und Eigenart wohlverttauten Manne, der ihnen sogar das Ein­geständnis eines vor Jahren begangenen Verbrechens abzulocken vermöchte. H. S.

Me llnregelmWgkelt des menschlichen Gesichts.

Im ersten Februarheft der illustrierten Halbmonatsschrift Nord nnb Süd" findet sich ein sehr interessanter Aufsatz von Dr. Wilhelm Waetzvldt, der unter dem Titel:Die Mimische Asymmetrie des Gesicksts" die eigentümlichen Verscksteden hecken in der allmäh- lickstn Ausprägung der Züge unseres Antlitzes barlegt und aus solchen Beobachtungen allerlei Kunstgrifse der Porträtmalerei er­klärt. Man hat wissenschaftlich eine ungleichmäßige mimische Hand­habung der beiden GesichtAhälsten festgestellt, die sich auf die un- gleichmäßige Inanspruchnahme unserer beiden Angen im Leven zurück,uhren läßt. Wir lassen das ist eine allbekannte Er­fahrung nicht gleichmäßig das rechte und das linke Ang« am Fixieren, am Lesen und beim Schreiben teil nehmen. Das rechte Auge wird von der überroiegenben Mehrheit der Menschen, der Bevorzugung der rechten Hand entsprechend, mehr gebraucht als das linke. So bildet sich das rechte Auge zum fixierenden! Auge aus, während das linke ihm sozusagen nur sekundiert. (Bis zu welchem Grade tatsächlich das eine Auge mehr gebraucht wird als das andere, läßt sich an Schulkindern und Rekruten beobachten, von denen die rechts,eiligen nur mit großer Anstrengung ober überhaupt nicht das rechte, die linksseitigen nicht das linke Aua« Wieß.en können, z. V. beim Zielen.)

Die physiognomische Folgeerscheinung dieser Tatsache ist: dio beweglichen, leicht verschiebbaren und bildsamen Teile um das rechte Auge herum und die Stirnmuskeln über ihm werden stärker angestrengt als die entsprechenden Haut- und Muskelpartien links. Die ganze rechte Gesichtshälfte erhält allmählich einen mimisch anderen Charakter als die ganze linke und zwar, infolge der fixierenden Tätigkeit des Anges, einenapperzeptiveu, tätig denken» beu oder verständig wollenden", während ihr gegenüber das linke Halbgesicht durch einendirektionsiosen, ttänmerischen und mehr passiven" Ausdruck gekennzeichnet wird. Erweckt doch die Tätig­keit des Fixierens, stets den Eindruck höchster seelischer Aktivität des willentlichen Ergreifens und Festhaltens von Menschen und Dingen, während sich dem Blicken ohne bestimmtes Blickziel der Eindruck des Vertiestseins, der Träumerei und der gefühlsmäßigen Entrücktheit und Passivität verbindet. Bei linksseitigen Meuschm, also bei solchen, die auch das linke Auge mehr aufteengen als das rechte, geht der Ausdruck von Wittentlichkeit und Aktivität von der reckst en Gesichtshälfte auf die linke über, richtiger: er haftet der linken an.

Diese ur^leichmäßige mimische Betätigung beider Gesichtsi- hälsteu wird noch durch folgende Umstände unterstützt: Infolge seiner stärkeren Arbeitsleistung dem linken Ange gegenüber zeigt das reckte vielfach eine leichte Kurzsichtigkeit. Diese nötigt ihrer­seits null wieder zu energischerem Zusammenziehen der Augen- und StirmnnskelN auf der reckst en Gesichtshälfte zum Zwecke des beut» lickst ii Setzens. Ferner: bei scharfem, angestrengtem Nachdenken, imigeifügen; Fixieren eines Gedankens sozusagen, kontrahieren iciii nicht gleichmäßig die Stirn- und Augenmuskeln beider GesichlD- Hälften, sondern analog unserer gewohnten Bevorznaung des rechten!, bezw. des linken Auges beim Fixieren eines Punktes in der Außen­welt, ftlhlen wir die mimisckMN Begleiterscheinungen des Nach­denkens mehr rechts oder mehr links. Angengebrauch und geistige Arbeit mit ihren Begleiterscheinungen: typischen Bewegungen, modellieren also an den bildsamen Teilen der einen Gesichtshälfte stärker als an denen der anderen, prägen meistens dem lecksten Halbgesicht den Charakter einer Jntelligenzseite, gegenüber dem der linken als der Gefühlsseite, auf. Die erworbenen und bleibenden! physiognvmischen Merkmale einer solchen ungleichen mimischen Handhabung der Gefichts'hälsten' bestehen in den feinen Fallen und Fältchen unter dem einen Stage nud in den zugehörigen Stirn- und RasenwNrz ekpartien.