Ausgabe 
12.2.1910
 
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Somstag den \2. Zebruar

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Droesigl.

Roman von Georg Freiherr« von Ompteda.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Agathe hatte ihren Mann hinter einen mehrteiligen Wandschirm gezogen, über und über mit Hunderten jener Photographien besteckt, die diesem Raum das Merkivürdige gaben. Sie hielt Ludwigs Hand. Als er Tränen in ihren Augen glänzen sah, fragte er:

Was hast du denn?

Ich bin so glücklich.

Da neigte er sich zu ihr, nachdem er sich überzeugt, daß nieinand es sähe, und küßte sie. Dabei sagte er in lvärmerem Tone:

Ich bin dir so dankbar!

Dankbar? Wofür?

Daß du ja gesagt hast.

Sie verstand ihn Nicht:

Ich muß doch d i r dankbar sein.

Herr Droesigl blickte sich ängstlich um, nun war wieder etwas Konventionelles in ihm. Er zog seine junge Frau hinter dem Schirm hervor und flüsterte:

Wir dürfen die andern nicht vergessen.

Sie sah ihn an, als wollte sic sagen:Gibt es die?"

Aber er suchte schon, wen er aureden müsse, und trat in seiner wohlerzogenen Art zu dieser oder jener Dame. Die junge Frau blieb unter dem Kronleuchter stehen, während er abwechselnd Gräfin Patsch oder die Prinzessin, Gräfin Regnier oder ihre Tochter anredete. Ihr Auge folgte ihrem Mann. Da kam Gräfin Lindenbach auf sie zu:

Nun, ganz allein? Wo ist er denn?

Agathe fuhr zusammen:

Er? Er hat mit Gräfin Regnier noch nicht gesprochen!

Die Wahl-Tante nahm der Braut Arm und trat mit ihr aus demPhotographen-Wartezimmer",. wie der alte Kölln den Salon seiner Tochter getauft hatte, in die Galerie. Tie beiden schritten hin, bald von den einfallenden Sonnen­strahlen hell beleuchtet, bald wieder in den Schatteubalken, die von den Mauern auf das Parkett geworfen wurden. Die Tür zum Speisesaal war geschlossen. Die beiden befanden sich allein. Und die alte Dame neigte den Kopf zur Braut:

Mein liebes Kind, ich muß dir, ehe du gehst, noch etwas sagen. Sei glücklich, jo glücklich, wie du es verdienst. Tu bist in die Hände eines anständigen Mannes gekommen. Mehr weiß ich nicht, und ich mache dir nichts vor. Nimm ihn recht, und ivenn's mal wie in jeder Ehe eine kleine Meinungsverschiedenheit gibt, laß es dich nicht anfechten. Wenn dir an deinem Manne irgend etwas nicht so scheint, wie du's gewohnt bist oder wie du möchtest, rechne ihm's nicht an. Vielleicht gerätst bit ein wenig in ein anderes

Fahrwasser, aber du hast ihn gewählt, und auf eines kommt'Ä nur im Leben an: nicht auf das, wie die Menschen es finden, sondern auf das, was man selbst fühlt. Verlaß dich auf dich und sieh zu, daß dir dich auf deinen Mann verlassen kannst, woran ich nicht zweifle. Tie andern kommen nur, dir was zu raten. Durchführen tun sie es nicht; das mußt du doch immer allein. Uebrigens ^empfiehlt dir jeder etwas anderes. Dann, stelle dich gut mit deinem Schwiegervater. Er ist wohl sonderbar, aber du wirst schon mit ihm aus- kommen, denn er hat mir erklärt, euchauf der Pells sitzen würde er nicht, er hätte Besseres zu tun". Nun,, vas glaube ich ihm aufs «Wart.

Die alte Gräfin schien nicht ganz mit denk heraus- zukommen, was ihr am Herzen lag. Sie wollte Agathe noch sagen, sie solle einige Schwächen ihres Mannes zu dämpfen suchen: diesesnach vornehmer Gesellschaft trachten", diesesimmer der korrekte Mann sein". Wenn eine Frau es geschickt anfange, könne sie gerade in der ersten Zeit der jungen Eheliche manches bekämpfen. Doch die Gräfin fühlte, Agathe hörte ihr gar nicht zu. Und da sagte sie schließlich nur noch, während Sonnenflecken, durch das leise im Wind sich regende Geäst fallend, über Haar und Gesicht der Braut zitterten:

Jetzt gehst du besser gar nicht mehr hinein. Du mußt dich umziehen. Ihr fahrt fort. Warte hier mal einen Moment. Ich will zu deinem Schwiegervater, daß er dir Adieu sagen kann. Sei schlau, verdirb es nie mit ihm.

Während die alte Dame davongtng, trat die Braut in die Fenstcrbrüstung unb blickte chinaus über die toten Rasenflächen, weit in die Ferne, too im Sonnen glanze dis Meereswellen zitterten.

Gräfin Lindenbach ging in das Herrenzimmer. In dem dichten Rauch, der wie aus einem Fabrikschlot dem! Geheimrat Droesigl entströmte, sah sie nur seinen vorge­beugten Kopf. Sie begann:

Agathe möchte Abschied nehmen.

Der Fürst stand auf. Der Geheimrat aber redete weiter. Dio alte Dame fing noch einmal an. Fürst .hohengart wandte sich von Herrn Droesigl ab und fragte seine alters Verwandte:

Was befiehlst du?

Doch der Geheimrat fuhr mit einer Armbewegung da­zwischen, glückselig, einen verständnisvollen Menschen gefmw den zu haben:

Na nu hören Sie mal zu. Da hat der Kaiser ganz recht. Und wenn das die Minister nicht einsehen, sind's' Ochsen. Das hindert ja nicht, Minister zu werden. Wenn tvir nämlich in dieser Weise fort wurschteln, sind Wir über­haupt am

Und er gebrauchte, ohne die Anwesenheit der Dams zu beachten, em so häßliches Wort, daß der Fürst ihm einen Blick zuwarf, als wollte er sagen:aber passen Sie doch auf". i

Die alte Gräfin war verschwunden. '