Mittwoch den \2. Januar

W N H 1.1

Sommerseele.

Von Helene Böhlau.

(Nachdruck verboten.)

VorWtzung.i

Als die drei unverhofften Gäste gegangen waren, ließen sie die stillen Bewohner des einsamen Hauses am Horn in großer Bewegung zurück.

Uerle sagte:So ist's, tvenn ein Göttlicher bei armen Sterblichen eingekehrt iss! Aber sein Manuskript hat er doch richtig vergessen."

Na, natürlich, wenn ihn die Alma so beladen hat, wie sollte er denn noch etwas schleppen?" meinte Ulrikchen.

Dio junge Witwe lobte iiber alles den jüngsten Stollberg.

Ulrirchen aber sagte ärgerlich:Macht ihr ein Auf­hebens, weil sievon" sind und weil der eine Gott tveiß was ist! Ich sag' ein für allemal: der junge Bauch, den ich neulich in Süßenborn können lernte, und wenn er zehn­mal Bauch heißt und zehnmal Metzger ist, gefällt mir besser als alle drei miteinander. Und ich sage: die reichen ihm das Wasser nicht, so verständig und brav wie er ist."

Die Pfarrerin mußte lächeln. Sie kannte Ulrikens Vorliebe und hatte sich schon halbwegs damit ausgesöhnt, ihr tiichtiges Töchterchen einmal als Wirtsfran zu scheu. Der junge Bauch ging mit dem Gedanken um, sich ein Wirtsanwesen zu kaufen, und eine arme Witive muß froh sein, ihr Kind an ein so nahrhaftes Gewerbe zu verlieren.

Alma war die einzige, die sich ganz still verhielt." Ihre Augen leuchteten aber aus dem Zarten Gesicht heraus, daß Uerle den Blick nicht von ihr wenden konnte.

Die Pfarrerin machte schließlich allem Geplauder ein Ende. Sie wollte sich niederlegen und unter den Dornen­kronen und den brennenden und durchstochenen Herzen schlafen. Die'Läden wurden geschlossen, Uerle verabschiedete sich, die Mädchen suchten ihre Kammern auf, Alnia aber ging, als alles in Ruhe lag, hinaus unter die Linden. Es hielt sie im Hause nicht, die sanfte Mondnacht lockte, das herz- war ihr so bewegt. Sie brauchte wohl die Stillo der ganzen nächtlichen Welt, um ihr Gemüt zu beruhigen und -zu heilen.

So saß sie lange, die Hände gefaltet, und schaute in die Ferne. Aus den blühenden Feldern schimmerte der Mond. Wer Kornblütenduft lag wie ein schwerer, warmer Atem in der Luft. Himmel und Erde schimmerten ineinander. Ein leichter Schritt tauchte aus dem Unbestimmbaren auf. Sie erschauerte. Es Ivar so spät so spät. Sie duckte sich zusammen, als sollte etwas über sie hereinbrechen. Da sah sie eine Gestalt, die ihr wie mit Feuer in die Seele geprägt war, das kleine Gittertürchen öffnen. Sie wurde nicht bemerkt, sah ihn stehen und schauen. Er blickte in die weite, monddurchschimmerte Ferne, so wie sie vordem.

Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie preßte die Hände darauf.

Welche Stille war hier oben! In dieser Stille ein junges, menschliches Herz, das aus seiner sanften Sommer­sehnsucht, aus seinen: Zustand des Knospens und zarten Blühens von einer brennenden Flamme ergriffen worden war, hie aus dem Leben herausschlug und vom Leben zehrte. Sie fühlte das Flammen ihrer armen Seele mit eine« Bangigkeit sondergleichen. '

Und als er sie bemerkte, und auf sie zukam, war sie wie von tödlichem Schreck hingenommen. Schreck oder Wonne, es war nicht auseinander -zu kennen.

Und ich habe Sie erschreckt," sagte er bewegt.Mich hielt es da unten nicht mehr, ich mußte in der hellen Nacht das liebliche §au8 und die große Weite darum her sehen. Und an Sie, liebes Geschöpf, wollt ich denken."

Sie ^fand kein Wort zu erwidern, sank an den Stamm der Linde zurück und blickte ihn mit großen Augen an.

Bewegt von ihrer Hilslosigkeit, strich er ihr zart über die Stirne.Daß so einer so ein stilles, stilles Heimats­haus hat tmd weiß nichts davon," sagte er wie für sich hin.Ach, mir ist wohl! Die Rosen stehen vor meinem Bette in einem Krug mit Wasser und duften. Der Mond schien herein. Es war heut' alles so schön und sommer­lich. Eure jungen Stimmen hier im Haus, das Lied, der Gartenfrieden und die tiefen Lebensaugen!"

Sie erschauderte, erhob sich preßte in einer Be- ivegttng von Ratlosigkeit die Hand aufs Herz.

Bedrängt Sie meine Nähe?" fragte er.

Bedrängen? Ist es Freude öder Pein, ich weiß nicht ich weiß nicht!" Sie verstummte.So viels Menschen lieben Sie Fürsten und schöne Frauen und alle bewundern Sie und Sie können denken und sagen, was kein anderer Mensch denken und sagen kann. Das alles legt sich mir wie eine schwere Last auf."

Nein! Sie sollen sich freuen, wie ich mich freue!" rief er,daß der Regen mich heut in Ihr' Haus führte.

Alles andere ist gleichgültig."

Ja," flüsterte sie hastig,ich danke Gott dafür."

Nun also, so ist alles gut!" In großer Bewegung gab er ihr die Hand.

Welch eine Nacht! Schlafe wohl und auf Wieder­sehen!"

Sie sah seine schlanke Gestalt wieder durchs niedere Pförtchen gehen, und eilige Schritte verklangen. Und diese Schritte waren wie ein Rhythmus zu seinem ganzen Wesen. Es lag eine große Kraft in diesem Schritteklang, leicht und unbezwinglich, fest und freudig.

Der Regen hatte ihr ein großes Schicksal ins .Haus gebracht.

Das weltfremde .Haus unter den brausenden Bäumen nahm am folgenden Abend seine Gäste wieder auf. Sie