Ausgabe 
11.8.1910
 
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Sollte der Junge sich vielleicht selber eine Stelle kaufen? Dann fehlte dem Vater wieder die Arbeitskraft. Nein, das ging erst recht nicht an, selbst wenn die Mittel WM Ankauf ausgereicht hätten!

Hm, hm, hmt mache mir?!" ' Bräuer fuhr sich Un­wirsch in die Haare und kratzte sich den Kopf.

Da wußte die Frau auf einmal Rat: sie würde Zum Herrn Vikar gehen und den fragen; der wußte sicherlich einen Ausweg.

Und der Mann widersprach nicht.

Unweit vom Hause der Rheinländer ließ die Kommission diesen Sommer ein hübsches Haus aufführen, mit einer kleinen Galerie, wie eine Veranda^, rundum und einer ge­räumigen Stallung daneben; auch ein Schuppen für Wagen war vorbedacht. Das sollte ein Wirtshaus werden für Kolonie Augenweide, so daß die Ansiedler, wollten sie ein-, mal ein Glas Bier trinken, nicht nötig hatten, im Pociechaer Dorfkrug einzukehren, wo man das Bild ihres Kaisers so schmählich schimpfiert hatte. Ueberdies konnte es nur Zu Unträglichkeiten führen, wenn das polnische und das deutsche Element so unausgesetzt aufeinan-der stieß.

Es war Vikar Gorka, der die Ansiedlersfrau auf den neuen Bau aufmerksam machte. Wenn ihr Mann also wirk­lich nicht das junge Paar in sein Haus aufnehmen wollte und doch den Sohn bei der Feldarbeit nicht entbehren mochte, konnte der junge Mann ja die Gastwirtschaft pachten, die junge Frau den Ausschank besorgen, und er selber nach wie vor dem Vater helfen.

Das leuchtete Frau Kettchen ein. Auch Bräuer verwarf den Vorschlag nicht. Er hatte nichts dagegen, wenn der Junge das Erbteil seiner Mutter selig da hineinstecken wollte, nur warnen wollte er ihn, daß er sich nicht so ein­seifen ließ, wie er sich hatte einseifen lassen. Denn das wurde ihm klarer und klarer, daß es hier schwer sei, viel schwerer noch als anderswo, es zu etwas zu bringen.

Stasia war mit Freuden dabei, als Valentin ihr von Uebernähme der Gastwirtschaft sprach. Etwas Netteres konnte es ja gar nicht geben, als sie und Valentin allein in dem schönen neuen Haus, das tausendmal lockender war als dem Eiweih seine schmutzige Budilä. Da würden schon welche zusprechen, und sie wollte wohl gut die Wirtin machen r- wenn's nur erst so weit wäre! Sie trieb ihren Liebsten an, daß er sich bewerbe.

Es waren der Bewerber viele um den neuen Krug. Ein kleiner Handel mit Kolonialwaren sollte auch dabei sein, damit die Ansiedler nicht erst zu laufen brauchten bis Miasteczko, oder, wollten sie etwas besseres haben, gar bis in die Kreisstadt. Da war Meir Götz, eben von daher, der es emsig betrieb, die neue Wirtschaft zu bekommen; und da er viele Verbindungen hatte, immer gefällig ein­sprang, wo's Not tat, und nachher nicht drängte, schien er gute Aussichten zu haben. Sein eifrigster Konkurrent war Löb Scheftel; zwar nicht für sich wollte er's Geschäft, aber für seinen Sohn Isidor, der durchaus nicht mehr in Miasteczko bleiben wollte. Unermüdlich rannten diese beiden Bewerber den maßgebenden Persönlichkeiten das Haus ein, antichambrierten beim Laudrat, paßten ihm auf der Straße auf, bombardierten ihn mit Briefen und suchten sich end­lich in gleicher Weise der Fürsprache sämtlicher Be­sitzer der Umgegend zu versichern.

Ohne Sorge, man würde die Pacht an keinen Juden vergeben, sie dürfe ganz zuversichtlich sein," wurde der etwas ängstlich werdenden Frau Kettchen in der Propstei versichert. Aber wenn sie das denk geistlichen Herrn auch Sern glauben wollte, ratsam schien es ihr doch, daß der lalentin seinerseits sich auch ein wenig rühre. Und sie schlug dem Sohn vor, wenigstens einmal bei dem Herrn von Doleschal vorzusprechen; wenn der Vater auch nicht viel mehr von dem hielt, am meisten zu sagen hatte der hier doch!

In Chwaliborczhce und Przyborowo etwas auszuwirken, hatte sich Stasia bereitwilligst erboten. In Przyborowo zumal hatte sie eine gute Konnexion war nicht gerade der Herr Rittmeister Zu Besuch? Und auf den konnte ein hübsches Mädchen immer rechnen.

Valentin machte sich eines Nachmittags auf den Weg nach Niemczyce. Er hatte den Baron lange nicht gesehen; wohl war dessen Wagen öfters durch die Kolonie gerasselt, aber immer auf eiliger Fahrt, ohne anzuhalten.

Doleschal war in letzter Zeit viel abwesend gewesen; er, der sich sonst während der Ernte nie fortgerührt hatte.

fuhr jetzt oft nach der Kreisstadt. Mit dem Laudrat hatte er eingehende Konferenzen, und sogar in Posen an höchster Stelle sprach er vor. Wenn er auch nicht mehr die Zu­versichtlichkeit hatte wie damals, als er unter lauter Deut­schen an der Tafel des Polen saß, wenn es ihm bei ruhig wägender Ueberlegung auch klar werden mußte, wie un­endlich schwer, ja beinahe unmöglich es sein würde, hier durchzukommen, die Hoffnung gab er darum doch nicht auf. Er konnte, er durfte sie nicht anfgeben, die sehnliche Hoffnung, einst doch noch seinen Kreis zu vertreten. Und wenn es nicht dazu kommen sollte nun, wenigstens gehört wollte er werden im Geschwirr der Parteien, im Durcheinander der Stimmen, deren jede etwas anderes schrie!

- Baron von Doleschal suchte Fühlung zu gewinnen mit den Vertrauensmännern der Reichspartei. Bis zum näch- sten Frühsommer, in dem die Neuwahlen in Aussicht stau- den, war es ja noch lange hin; wie vieles konnte sich bis dahin ändern, zum guten wenden! Und überdies, war man nicht äußerst entgegenkommend gegen ihn? Es ver­ging fast kein Sonntag, an dem nicht der Landrat heraus- gekommen wäre nach Deutschau, oft mit der ganzen Fa­milie. Und verließ sich nicht der Regierungspräsident gern auf sein Urteil? Hatte man ihn nicht geradezu aufgefordert, dies und jenes über die Zustände in der Provinz zu Papier zu bringen? ! Gott sei Dank, man hörte ihn bereits!

Daran klammerte sich Doleschal in Stunden, die un­abweisbar waren, Stunden, denen er nicht entranni Stunden des Verzagens, Dann trieb es ihn in die Einsam­keit, hinauf zur alleinstehenden Kiefer aus dem Lysa Gora.

Er hatte sich ein Bänkchen dort zimmern lassen, ganz! einfach aus weißrindigen Birkenstämmen zusammen­geschlagen. Mau hatte es ihm zerstört. Er hatte es neu errichten lassen vielleicht, daß der Gewittersturm einer Nacht es über den Haufen geworfen! aber schon UM folgenden Tag, als er sich darauf niederließ, brach es unter ihm zusammen. Man hatte die Bankbeine zersägt und sorglich wieder zusamMengefügt das war heimtückisch! Er mußte es aufgeben, dort oben, wenn er mühe war, einen bequemen Ruheplatz zu finden.

Hart sitzend auf den holperigen Kiefernwurzeln, die der Regen vom Sand blank gespült, und der.Wind, der den Wipfel schüttelte, mit spitzigen Nadeln übersät hatte, ver­weilte Doleschal oft Stunden. Die Wange in die Hand gelegt, den Arm aufs Küie gestützt, sah er hinunter aus sein Deutschau. Der See schwamm wie eine perlmutterne Muschel im tiefen. Grün, als köstliche Perle blinkte das weiße Haus, und eine sehnsüchtige Liebe zog ihn hinab. Aber er kehrte diesem engen Rahmen den Rücken, dann schaute er offenes Land, dann glänzten die Kornbreiten, unabsehbar, wellig wie sanftes Meer bis hin zum fernsten Horizont, und ein Gefühl noch sehnsüchtigerer Liebe quälte sein Herz wem wurde dieses Land einst gehören?!

Keine Antwort alles still.

Doch, horch! Weit über alle Felder getragen vom Wind/ kam der Klang der Pociechaer Abendglocke.,

Much Walentin Bräuer traf den Niemczhcer Herrn iM Begriff, zum Lysa Gora hinaufzusteigen. Er hatte ihn von ferne gehen sehen, nun kam er atemlos nachgestürzt: Herr Rittmeister, Herr Rittmeister!"

Dvleschal wendete sich um; ein erhellender Strahl glitt über sein Gesicht, als er den Ansiedlerssohn erkannte.

Herr Rittmeister!" Valentin stand stramm, die Hacken zusammen genommen.Bitte gehorsamst um Entschuldi­gung!" Die angeborene Zutraulichkeit und der unerzogene Respekt kämpften miteinander, aber die Zutraulichkeit siegte jetzt:Ich möcht' Sie so sehr gern emal um wat fragen!"

So nun, dann fragen Sie doch!" Des Gutsherrn Ton war freundlich. Sein Wohlgefallen ah dem jungen Rheinländer war immer dasselbe geblieben; heute weidete er sich förmlich an dem offenen jungen Gesicht. <Selbsi der breite, etwas singende Dialekt gefiel ihm; es lag so viel Gutmütigkeit darin.

Eja, wat ich dann sagen wollt'!" Es wurde dem Burschen, der noch niemals in eigner Angelegenheit je-, Manden uM eine Gefälligkeit gebeten hätte, schwer, sein Anliegen zu formulieren. Schwerfällig nur brachte er es, vor. Aber als es kaum heraus war, reute es ihn auch schon was setzte denn der von Dvleschal auf einmal für eine Miene auf!

(Fortsetzung folgt.)