Ausgabe 
11.8.1910
 
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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Biebig.

^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

15.

Meine Mutter, Matka, Poschla*) in die Stadtka, Kupitsch**) Messer, Nosa, Zn schlachten alte Kosa***)" sangen die drei kleinen Ansiedlermädchen und drehten, sich an den Händen haltend, sich wirbelnd im Kreise.

Auf der Türschwelle saß Michalina, klatschte zum Ringel­reihen in die Hände und freute sich: ei, die Kinderlein hatten schon brav gelernt! Und sie rief:Höret zu, ein neues!" sprang mit in den Kreis und lehrte sie das Lied­chen von der Mutter, dem kleinen Rebhuhn, das da schlägt die Kinderlein, wahrend der Baker lieber Vater trinkt stets Branntewein.

Feurig war die Sonne hinterm Acker gesunken, die Goldreifen Nehren tief bestrahlend. Run war der Himmel wie mit Rosen besteckt, mit lauter sanften rosigen Rosen. Eine heitere Stille lag über der weiten Flur, die Weiche Abendmüdigkeit eines Erntetages.

Der letzte der Halme war heute gefallen auf des An­siedlers Land. Allzudicht hatten sie nicht gestanden und allzuschwer waren sie auch nicht, aber man mußte eben zufrieden sein: es war ja auch die erste Ernte, das nächste Jahr würde schon weit besser werden!

Die braune Michalina hatte sich tüchtig gebückt beim Raffen hinter den Männern; nun tanzte die Nimmermüde noch mit flinken Füßen. Sie war sehr vergnügt; heute hatte der Valentin, als sie den letzten Schwaden zur Seite gelegt, sich plötzlich umgedreht, sie um den Leib gefaßt und sie geschwenkt mit einem lauten, jubelnden Juchhe. Sie wußte nicht, ivarum er so froh Ivar, aber froh Mr auch sie. -Ob er jetzt nicht bald heimkommen und am Türpfosten lehnen würde? Fortgegangen war er zur Feierabendzeit, mit einem frischweißen Hemde angetan. Drinnen auf dem Tisch wartete die saure, die kühlende Milch schon lange auf ihn. Wenn er doch bald käme! Nun, er würde schon bald hier sein! Ihr Herz sagte ihr's.

Lustig schwang sie sich mit den Kindern. Da sah sie ihn kommen im Abendrot.

Aber er war nicht allein. Eine ging neben ihm; um deren Schultern hatte er seinen Arm gelegt. Dicht gingen sie nebeneinander, ganz dicht, als wären sic eins. Und das Abendrot war um sie her wie ein Rosenschleier, zart und weich.

*) ging. -**) zu kaufen. ***) Ziege,

Valentin hatte den Eltern seine Braut zugeführt. Nun hatte der Vater es endlich eingeseheu, daß gegen Gottes Fügung kein Ankämpfen ist.

Es war Peter Bräuer bitter schwer geworden,ja" zu sagen, aber was sollte er machen? Immer sah er in die bittenden Augen seiner Frau, und abends, wenn er müde war und gern Ruhe habeu wollte, fing sie au, ihn zu streicheln und unterm Streicheln vom Valentin zu reden.

Frau Kettchen hatte sich der Sache ihres Stiefsohns ehrlich angenommen. Valentin hatte es bald gefühlt, daß er an der Mutter einen Hinterhalt habe, immer kam er zu ihr; wenn er gar zu unglücklich war, fern von seinem Mädchen, sah sie ihm tröstend in die hohlen Augen und strich ihm das wirre Haar aus der umwölkten Stirn. Immer mehr wurde es der Frau klar, daß es ihre Pflicht sei, die Heirat zustande zu bringen hatte denn das nicht auch der Herr Vikar gesagt?

Und so kam denn auch der Ansiedler nach und chach zu der Einsicht, daß es ihm nichts helfe,nein" und wieder nein" unddreimal nein" zu schreien. Mochte denn der Valentin einmal die polackische Hexe bringen! Aber sein Gewehr wollte er auch wieder haben der Polack, der Frelikowski, sollte ihm den Buckel lang rutschen!

Stasia, die mit niedergeschlagenen Augen zum ersten Mal in der guten Stube der zukünftigen Schwiegereltern saß, sagte bescheiden, daß es dem Vater aufrichtig leib tue, den Herrn Bräuer gekränkt zu haben, und daß er gern bereit sei, die Hand zur Versöhnung zu bieteu. Wenn der Herr Bräuer gestatte, würde der Vater am nächsten Sonntag kommen und das Gewehr bringen, freue er sich doch schon gar sehr, vom großen Krieg und von so manch anderm zu reden. Der Vater sei ja von deutschen Eltern, nicht gerade am Rhein zwar, aber in Oberschlefien geboren.

Was, nicht möglich, der Frelikowski kein Polack? Bräuer riß Mund und Augen weit auf.

Aber Stasia versicherte mit einem Lächeln, das sie allerliebst kleidete: der Vater fei so gut deutsch wie nur einer.Fröhlich" sei eigentlich sein Name;Frelikowski" hätten nur die Hiesigen daraus gemacht, und er habe das beibehalten, weiüer es müde geworden sei, immer zu wider­sprechen.

No, dann sah sich die Sache doch einigermaßen anders an! Der Ansiedler atmete erleichtert auf.

Als Valentin gegangen war, um seine Braut nach Hause zu begleiten strahlend glückselig saßen die Eltern noch lange beisammen. Des waren sie sich einig: übel war das Mädchen nicht, und deutsch konnte sie fließend. Wenn der Valentin nun recht ans sie einwirkte, konnte es am Ende doch noch gut gehen! Aber wohin nur mit dem jungen Paar?! Michaeli hätte die Hochzeit wohl schon sein können heiraten wollten die beiden gar zu gern bald, aber hier ins Haus?! Nein, dazu wollte sich Peter Bräuer nicht entschließen, und auch Frau Kettchen hatte Angst davor.