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Vor vierzig Jahren.
Von Pfarrer W einer in Nidda.
Vierzig Jahre sind nun verflossen, seit Deutschlands Heere unter den staunenden Augen der Welt auf Frankreichs Boden die deutsche Kaiserkrone schmiedeten, nachdem zu Anfang des Jahrhunderts das morsche „heilige römische Reich deutscher Nation" still und lautlos Ausammengebrochen war. In diesen vierzig Jahren, die uns so viele neue Wunder beschert haben, ist Deutschland einig, groß und mächtig geworden und der gute, dumme Michel von anno dazumal hat sich durchzusetzen gewußt. Die Geschichte hat mit diesem blutigen Ringen um Recht und Freiheit abgeschlossen, und neue Quellen rieseln nur spärlich. Um so mehr wird es unsere Leser freuen, daß wir in den folgenden Schilderungen aus her großen Zeit die Erinnerungen eines Mannes wiedergeben, der seine Erlebnisse als junger Pfarrvikars anregend zu schildern weih. Die Schriftltg.
1. Vorahnungen.
40 Jahre, mehr als ei» Menschenalter, sind verflossen, leit unser Deutsches Reich seine jetzige Gestalt zu getoinnenl begann. Aber noch steht, was damals geschah, so lebendig vor meinen Augen, als wäre es gestern gewesen. Wie sollte es auch anders sein? Wär es doch eine große Zeit, die wir damals miterlebte», und wir danken es Gott, daß wir sie miterleben durften.
Was die Zeit brachte, kam nicht unerwartet. Seitdem Preußen 1866 so überraschende Erfolge in Böhmen errungen hatte, erhob sich in Frankreich die Eifersucht aus diese Erfolge, zumal die in der Stille dort erwarteten Kompensationen (ein Stück des linken Rheinufers) ausbliebern „Rache für Sadow a", das lvar der Ruf, den besonders die Militärpartei in Frankreich erhob. Lächerlich, und um so lächerlicher, je unberechtigter dieser Ruf war. Weil seither Frankreichs Heere die Sieger gewesen waren, dursten Andere nur unterliegen. Wie gerne hätte man damals schon Händel gesucht, wenn nur die Hinterlader nicht gewesen, die Preußen hatte und die Frankreich nicht hatte. Papoleon selbst lvar nicht sehr kriegslustig, war er doch schon damals ein kranker Mann. Er suchte deshalb durch ein anderes Mittel die französische „gloire“ aufzufrischen. Er fädelte den famosen Handel um Luxemburg mit dem König von Holland ein, der zugleich Großherzog von Luxemburg war und wollte Land und Bundesfestung kaufen. Aber sein Plan wurde vereitelt. Preußen wollte klugerweise keinen Krieg deswegen beginnen, denn, obwohl es im Frieden mit den deutschen Bundesstaaten, die 1866 gegen eine Truppen gekämpft hatten, gelinde Verfahren war und ie durch geheime Bündnisse an sich geknüpft hatte, so waren die Wunden doch noch zu frisch und zu schmerzhaft, um ich fest auf die neuen Verbündeten verlassen zu können. Es wurde deshalb Luxemburg zu einem selbständigen Staat, losgelöst von Deutschland erklärt und die Festung, so weit es ihre natürliche Lage zuließ, geschleift.
Jetzt aber fühlte man es, daß der Friede nicht lange dauern könne, zumal als durch das Zollparlanrent Nord- stnd Süddeutschland mit einem, zwar nicht ganz festen, Mer doch immerhin bestimmten Band verknüpft wurden.: Als im Sommer 1868 das Lutherdenkmal zu Worms ein- geweiht wurde (ich war damals Pfarrvikar in Wachenheim bei Worms) und König Wilhelm I. als Gast des Großherzogs Ludwig III. dorthin kam, wurde zum öftern der Ruf laut: „Deutscher Kaiser, hoch!" Als ich 1868 im .Herbst nach Birkenfeld an der Nahe als Hilfsprediger übersiedelte, wurde mir öfter .warnend zugerufen: „So nahe an die Grenze! Wenn es Krieg gibt!" Birkenfeld ist ungefähr acht Stunden von Saarbrücken entfernt. Und doch dachte niemand an einen so plötzlichen Ausbruch eines Kriegs, wie er wirklich eintrat.
2. Die Kriegserklärung.
Anfangs Juli tauchte die Kunde auf, daß die Spanier einen Prinzen von Hohenzvllern zum König haben wollten. Man wußte in Deutschland wicht, ob man dem Prinzen gratulieren oder kondolieren sollte; der spanische Thron glich stets einem wäckeligen Stuhl, der an einem Abgrund steht. Deshalb regte sich kein Deutscher darüber aus, ob
der Prinz annehmen oder absagen würde. Mer der ftanzö- sischeu Kriegspartei kam die Sache gelegen; jetzt konntet die Hacke einen Stiel bekommen. Die Hetzereien in Iben; Zeitungen setzten ein, desgleichen in der französischen Kammer. Das ohnehin leicht erregbare französische Volk ließ sich leicht überzeugen, daß Frankreichs Ehre engagiert sei, und laut und lauter tönte es: ä Berlin. Die diplomatischen Verhandlungen übergehe ich, weil sie jedermann bekannt sind. Napoleon selbst zögerte noch. Wohl hatte die französische Armee nun auch ihre Chassepots und ihre gefürchteten Mitraillensen, aber er mochte doch dem Wetter nicht trauen. Er wurde aber geschoben von der Militärs Partei, wobei auch seine Gemahlin mitbeteiligt war und — vielleicht noch eine Partei —, denn am 18. Juli wurde in Rom die Unfehlbarkeit des Papstes proklamiert und am 19. Juli erfolgte die Kriegserklärung an Preußen. Uns in Birkenfeld, so nahe der Grenze,, kam die Sache doch fast wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Allgemein war den Glaube, daß in drei Tagen die Franzosen da wären; lagen doch an der Grenze nur ibie wenigen Garnisonstruppem Alsobald wurde durch die Schelle bekannt gemacht: „Der Kriegszustand wird erklärt", h. h. alle Gewalt ruht jetzt in der Hand des Militärkommandos; „Alles muß einrücken, auch zweite Augmentation." Gab das einen Auflauf in der Stadt! Eltern, Geschwister, Bräute konnten sich anfangs gar nicht fassen; überall verweinte Gesichter. Brautpaare wollten noch schnell getraut sein, was ab er nicht ging, da die Standesbeamten durch ganz andere Dinge in Anspruch genommen wurden. Wir Beamten wurden ins Regierungsgebäude beschieden, wo man uns den Befehl der Großherzoglich Oldenburgischen Regierung mitteilte, daß Iein Beamter seinen Posten verlassen dürfe. Damit die Kassen leer wurden, bekamen alle Beamten ihren Gehalt auf längere Zeit vor a u sb ezahlt. Tas Unheimlichste war, daß löir mit einem Male ganz von der Welt abgeschnitten waren. Die Rhein-Nahe-Bahu, damals nur. eingleisig, wurde für Militärzüge reserviert, ebenso! der Telegraph für Militärisches: Die Zeitungen durftest keinerlei Nachrichten über Truppenbewegungen bringen.. Einige sehr unliebsame Dinge kamen aber auch vor. Sofort nach der Kriegserklärung schlugen alle Kaufleute mit ihren Waren auf — ein großes Unrecht, denn was sie auf Lager hatten, war doch um beul gewöhnlichen Preis gekauft. Und dann spielte noch eine andere Sache herein. In der Stadt schwebte ein Prozeß zwischen der evangelischen und katholischen Gemeinde um! die gemeinsame Kirche, der die Gemüter seither in steten Spannung gehalten hatte. Nun wurden einzelne Stimmen! von katholischer Seite laut, daß jetzt durch Frankreichs Hilfe der Sieg errungen werden könne. „Das Maß- den Sünden ist voll," äußerte ein vielmäuliger Barbier — aber der Mund wurde ihm bald gestopft. Aehnlich wie in einem! Dorf bei Kreuznach ein katholischer Geistlicher sagte: „Franzosen sind keine Oesterreicher." Doch das waren nur v e r- einzelte Fanatiker. Als der erste Schrecken vorüber war, da sanden sich alle zusammen ohne Unterschied des Bekenntnisses in dem Lied, das ich nur damals Mit solcher Begeisterung habe singen hören: „Es braust eist Ruf, wie Donnerhall."
Allerdings wurden jetzt auch Stimmen laut, wie malt sein besseres transportables Eigentum (Silber usw.) schützen könne. Einzelne sprachen vom Einmauern im Mller, andere vom Vergraben. Aber sie wurden bald anderen Sinnes,, als die französischen Zeitungen den französischen Truppen Anweisung gaben, wie man Vergrabenes gut finden könne.- So schrieb der „Figaro": Man solle nur in Hofreiten und Gärten tüchtig gießen, wo etwas vergraben sei, fickevej das Wasser rasch in die Erde. Sehr viele Leute ließen sich Blechkasten machen, um im Falle einer Flucht das Beste mitnehmen zu können. Manche machte» sich auch Sorge, woher Fleisch zu nehmen sei, wenn französische Truppen kämen. Die wurden bald belehrt, daß, wenn es an Fleisch fehle, wohl die Franzosen selbst die Ställe absuchen und für Fleisch sorgen würden. Am Interessantesten war es damals für die Jugend; Schule wurde wenig gehalten, und Strafen gab es nicht; waren doch die Lehrer selbst, so mit dem beschäftigt, was Aller Herzen bewegte, daß der Unterricht nur eine Formsache war.


