Ausgabe 
11.7.1910
 
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daß nur dort, wo deutsche Herzlichkeit und deutsche Bildung in schöner Paarung dien Ton der Gesellschaft beeinflussen, sich sich

Jetzt stuckerte der Redner etwas, um1 dann mit kühnem Sprung ans den eigentlichen Zweck seines Toastes zu kommen, nämlich den: den liebenswürdigen Jagdherrn und seine ebenso liebenswürdige, durch Gaben der Schön­heit und des Geistes gleich ausgezeichnete Frau Gemahlin leben zu lassen.

Meine Herren, und dann erheben Sie sich von Ihren Sitzen! Unser verehrter Garczynsti, als getreuer Nachbar und lieber Freund nein, mehr als das als Vertreter einer Nation, die allzeit dafür berühmt war, Ritterlich­keit und Gastfreundlichkeit in vollendetster Weise zu üben, wird, wenn er auch "

Ter Landrat stutzte. Ein Klirren störte ihn. Das Sekt- glas, dessen feinen Stiel Doleschals Hand umfaßt hielt, war zerbrochen ein Knick, die kristallenen Scherben lagen auf dem Tisch.

Aber es war nur eine flüchtige Unterbrechung. Wenn 'auch nicht ganz den abgerissenen Faden wiederfindend, schloß der Redner doch siegreich: (

Unser liebenswürdiger Gastgeber wird mit uns rufen: Dem obersten Jagdherrn aller Jagden, dem starken Schirmherrn unsrer Ostmarh ein donnerndes Weid- n'.annsheil!"

Was nun?! Von Verlegenheit übermannt, wagte Dole­schal kaum zu Garczynsti hinzublicken, aber verwundert und zugleich erleichtert sah er's dieser lächelte und hob sein Glas.

Im allgemeinen, jetzt doppelt laut losbrechenden Ge­schwirr hörte man deutlich die scharf akzentuierende Stimme:

Meine Herren, ich trinke noch besonders auf das Wohl der starken Stützen unsrer Ostmark meine Gäste, sie leben hoch!"

Hoch! Hoch! Hoch!"

Allgemeine Begeisterung. Man war aufgesprungen, stieß die Gläser aneinander und ließ sich mit Vergnügen selber leben. Ein famoser Kerl war doch der Garczynsti! Ja, die Polen, die verstanden's!

Alle Gäste, auch solche, die nicht mehr ganz fest standen, strömten zu Garczynski hin. Jeder wollte mit ihm an- fioßen. Es gingen der Sertgläser noch mehrere in Scherben. Man lachte,' klopfte sich auf die Schultern, ja, man um­armte sich sogar.

Du, mein alter Herr hat einen sitzen! Hör' mal!" flüsterte Paul im Vorbeipassieren, sein Glas hochhaltend, lachend dem Freunde zu.

Kestner hatte eben mit dem Hausherrn angestoßen. Mein lieber 'Garczynsti, das haben Sie gut gesagt! Alter Freund, sehr gut! Wir, starke Stützen der Ostmark, starke Stützen" das Wort schien ihm ausnehmend zu gefallen, er konnte sich gar nicht davon trennenstarke Stützest, prost, prost!"

Toleschal fühlte eine jähe Gereiztheit. Seine Brauen zogen sich zusammen, seine Lippen schürzten sich. Als nun Kestner auch auf ihn zutrat, vergnüglich, sein Glas hinhaltend, in Weinlaune, zeigte sein Gesicht eine eisige .Abwehr.

Aber Kestner bemerkte diese nicht. Er stieß gegen des andren Glas, das unerhoben auf dem Tische stand.

Na, da wollen wir uns mal leben lassen! Hoch, hoch, r- wir, starke Stützen der Ostmark starke Stützen'i prost!" Sein sonst so verdrießliches Gesicht lachte heut breit; er war sehr gemütlich.

Aber in Toleschal stieg etwas Unbezähmbares auf; die Nervosität, die heute in ihm vibrierte, wurde zur Heftig­keit. Bis in die Lippen erblassend, lachte er laut heraus: Stützen der Ostmark?! Haha!" Tiefer hier mit feiner erbärmlichen Kramerpolitik wagte sich eine Stütze der Ost­mark zu nennen, eine Stütze? Sein Lachen wurde be­leidigend.

Jetzt dämmerte dem andern doch etwas, trotz der Be- nebeltheit. Ganz, verdutzt sah Kestner erst drein, dann zog er argwöhnisch die Brauen hoch:Was warum lachen Sie denn so? "

Ta drehte sich Doleschal kurz von ihm.ab:Ueber die starken Stützen," und hatte zugleich das Gefühl: sag's nicht, du machst dir einen Todfeind I Aber er sagte es doch.

Ihn ihn her ging die Unterhaltung weiter, immer an­geregter wurde sie und immer AvstUgloser. Man, war jetzt

vom Dessert aufgestanden, hatte sich gesegnete Mahlzeit gewünscht und stand in Gruppen beisammen. Er stand allein; wie lange schon, wußte er nicht, aber er fühlte sich plötzlich vereinsamt. Er sah sich nach Paul um; dem präsentierte die hübsche Zofe eben Likör, und er beugte sich gerade mit einem Scherz zu ihr nieder, und sie lächelte, die Augen 'niederschlagend aus das silberne Tablett. Auch! der jüngere Kestner war in Anspruch genommen. Der; Vater hatte seinen zweiten Sohn, den Referendar, den Herren von der Kommission präsentiert und hatte ihn nun mit dem Landrat zusammengebracht; der junge Mann stand, respekt­voll zuhörend, in wohlerzogener Haltung.

Aha um Toleschals Lippen zuckte es sarkastisch: überall die eignen kleinen Sonderinteressen! Und von dem warmen erleuchteten Eßsaal, auf dessen Tisch, unter den dicken, buftenben Wachskerzen der Armleuchter, reiches Silber stand und eisgekühlte Sektflaschen, glitten seine Gedanken hinaus ins weite Land. Draußen war's rauh. Bon allen Seiten schnob der Wind über die ungeschützte Fläche; um die Keinen Hänschen der Ansiedlung fauchte er Ivie ein böses Tier. Und schwarz drohte der Kirchturm von Pociechci- Torf.

Gesegnete Mahlzeit na, immer noch so schlechter Laune?" Paul war zu ihm getreten und hatte ihm die warnte Hand auf die Schulter gelegt.Na, warum denn nur? Ich begreife dich nicht. Doch ganz famos heute! Ich muß wirklich Garczynsti alles abbitten Diner tiptop, Sektmarke vorzüglich glänzender Wirt! Komm, setzen wir uns jetzt ein bißchen zusammen, sei nicht ungemütlich!"

Auch der 'Rjeferendar kam nun heran:Kommen Sie, Toleschal, im Nebenzimmer gibt's Kaffee! Paul, ihr seid doch dabei? Wir walken dann eine kleine Bank anflegem Was sagst du?" er stieß lachend seinen Bruder an Garczynski hat selbst unfern alten Herrn 'rumgekriegt!" Beide Brüder waren höchlichst amüsiert.

Ich spiele nicht!" Doleschal warf den Kopf in den Nacken.

Aber warum denn nicht?" Ganz verwundert riß der! Rittmeister seine gutmütigen Augen auf.Was soll man denn sonst Machen nach Tisch?"

Ich werde mich empfehlen. Adieu, Paul! Adieu, Richard!" So kühl hatte Toleschal sonst nie den beiden Brüdern die Hand gereicht.Ich gehe ganz still fort, macht kein Aushebens, abteu!"

Er war zur Tür hinansgekomMen, ohne daß jemauhl sein Fortgehen bemerkt hatte. Draußen auf dem Steinflur, dessen ausgetretene rote Ziege! heute mit kostbaren Teppichen überdeckt waren, stob bei seinem' Nahen ein Pärchen ans-, einander. War das nicht der Inspektor Schulz und ein Frauenzimmer?! Aber er hatte nicht weiter acht auf die beiden; all seine Gedanken, all seine Sinne waren in An­spruch genommen von einem Gefühl, dessen Ursprung ihM nicht klar zum Bewußtsein kam. War es einzig fein Jagd- Malheur, das ihn so niederdrückte?

Mit eiligen Schritten ging er auf den Hof, sich selber seinen Kutscher zu suchen. Rasch anspannen, nach Hause! Sowie er nur wieder in Deutschau war, nur wieder Helenens Ange auf sich ruhen fühlte, ihre Hand in der feinen hielt, würde ihm leichter sein und freier zu Sinn!

Aber wie er auch rief und Pfiff, kein Kutscher fatnl Wo steckte der? Den Nachtwächter, der gerade die erste Runde machte, schickte er auf die Suche.

Ter Stroz fand den Säumigen denn auch gleich. Aus der nächsten Scheune kam der Niemczycer Kutscher äuge« laufen, kurz von Atem und sehr verlegen. Er behauptete, geschlafen zu haben, Strohhalme hingen ihm auch noch! an, aber Toleschal sah, trotz der spärlichen Beleuchtung, einen fliehenden Weiber sch alten aus der Scheune huschen. Schämte srch der Mensch denn gar nicht, war ein alter Ehe­mann, hatte schon große Kinder und gab sich noch mit den Hofdirnen ab?!

Heut schien alles darauf angelegt, ihn zu verstimmend Mit gerunzelter Stirn stand Toleschal und wartete, bis angespannt war, da kam die Zofe aus dem Hanse ge-, lausen:

Herr Baton, Herr Baron! Tie gnädige Frau läßt doch sehr bitten, der Herr Baron möchten doch nicht fort,-, gehen, ohne der gnädigen. Frau Adieu zu sagen I"

(Fortsetzung folgt.t