Ausgabe 
11.6.1910
 
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ihr« Förderung bemüht, so mutz es doch auch möglich sei«, die Hervorragend befähigten Schüler ihrer intellektuellen Begabung gemäß zu fördern. Und diese sind doch erst recht einer be­sonderen Fürsorge wert. Es werden den« auch bereits seit Jahren in verschiedenen Richtungen Versuche "gemacht, die dem Nebel abhelfen sollen. Tahin sind in erster Linie die Bestrebungen' zu zählen, die darauf ausgehen, in den drei Oberklassen der Ueuuklassigen höheren Lehranstalten den Unterricht individuell zu gestalten. Man gestattet den Schülern der Oberklassen, sich selbst diejenigen Unterrichtsgegenstände anszuwählen, die ihrer Begabung entsprechen, die ihnen also auch besonders zusagen. Dem­zufolge hat man wohl an einzelnen höheren Schulen die Ober­klassen in Schülergruppen geteilt, indem man beispielsweise solche Schüler zusammenschloß, die sich besonders für philologisch­historische, und solche, die sich mehr für mathematisch-naturwissen­schaftliche Fächer interessieren. In diesen Interessengebieten werden die Gruppen gesondert unterrichtet und müssen dementsprechend: mehr leisten, als das Durchschnittsmaß fordert. Die erhebliche Mehrleistung tritt auch in der Reifeprüfung an Stelle der anderen Fächer, in denen nur ein geringes Mindestmaß verlangt wird. An anderen Schulen wiederum unterrichtet man die Klassen wohl gemeinsam nach dem allgemeinen Lehrplan, verzichtet aber aus häusliche Präparationen für die Lektionen der Schule, Dafür, und um die freie Zeit gehörig auszunützen, mutz sich jeder Schüler selbständig eine wissenschaftliche Arbeit auswählen, die er im Laufe des Semesters unter Kontrolle und mit beratender Hilfe des Fachlehrers ausführt; diese werden dann eingehend mit dem Autor besprochen und treten nötigenfalls in der Reifeprüfung an Stelle anderer Prüfungsarbeiten. So und noch nach anderen Richtungen hin bemüht sich die moderne höhere Schule seit Jahren durch Versuche, wie es u. a. Ostwald erst nachträglich öffentlich verlangt, einer Schablonisierung des Unterrichtes vorzubeugen Und insbesondere die persönlichen Fähigkeiten der Schüler aiw zuregen, sie individuell zu fördern, sie zum eigenen Arbeiten zu Erziehen, was doch immer die erste Hauptsache aller ihrer Be­mühungen sein muß. Ein gemeinsames Turchschnittsmaß des all- geineinen Wissens muß aber trotz aller Individualisierung fest- gehalten werden, wenn wir uns nicht von dem Hauptprinzip der deutschen höheren Schule gänzlich entfernen wollen, wenn sich die hohe Bildungsanstalt nicht auflösen soll in zahllose kleine Fachschulen, die Ihre Schüler schon in jugendlichem Älter zu einseitigen Spezialisten abrichten. Die Förderung der Vielseitigkeit des Interesses, dieser Hauptvorzug des deutschen höheren Schul­wesens, muß erhalten bleiben.

Was nun seither versucht wurde, uni den Hochbegabten und besonders den einseitig Begabten zu ihrem Rechte zu verhelfen-, ist noch nicht abgeschlossen. Ein endgültiges Urteil über seinen Wert oder Unwert ist also auch noch nicht möglich. Ibib dennoch will die ratlose Zeit das Ende dieser Versuche nicht abwarten. Männer, denen sie zu lange dauern, wollen neue Versuche an? stellen, sie wollen für besonders befähigte Schüler, die das Pensum der Untertertia eines humanistischen Gymnasiums erledigt haben, besondere Schulen schaffen. Berlin soll bereits im kommenden Herbst eine solche Sonderklasse für Hochbegabte bekommen. Einige Schüler sollen bereits angemeldct sein. Eltern und Lehrer, die dem Plane näher treten wollen, sollen sich bei Dr. P c tz o l d, Professor am Gymnasium in Spandau und Privatdozent an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, und bei Dr. Stern, Professor an der Universität in Breslau, melden. Ter Gedanke, fürHochbegabte" besondere höhere Schulen zu machen, ist nicht neu, er ist schon vor einigen Jahrzehnten ausgesprochen worden. Es ist aber immer beim Theoretisieren geblieben. Hier soll er zum ersten Male in die Praxis übertragen werden. Auf den ersten Blick erscheint der Gedanke, für eine Auslese des besten Schülermaterials eine besondere Schule zu machen, sehr ver­lockend. Aber schon die oberflächlichste Prüfung ernüchtert. Wer will denn die Verantwortung für die Auslese derHochbegabten" übernehmen? Besteht doch gerade dasSchulelend" der besonders Begabten darin, daß ihre Begabung von denen meistens nicht beachtet oder erkannt wird, die dazu berufen sind, sie zu er­kennen. Niemandem kann daraus ein Vorwurf gemacht werden. Es liegt in der Natur unserer Schiule, die nun einmal sür die Durchschnittsbegabten eingerichtet ist, daß Sonderbegabungen nicht leicht erkannt werden.

Wen soll denn die moderne Schule als hervorragend befähigt auslesen? Auf Unseren höheren Schulen gibt es eine Spezialität von Schülern, über die niemand zu klagen hat. Sie lassen sich eben niemals etwas zu Schulden kommen. Ihre Arbeiten führen sie tadellos aus und werden deshalb ihrer Klasse meist als Musterschüler" und leuchtende Beispiele zur Nacheiferung emp­fohlen. Prädikate wieGenügend" existieren sür sie schon gar nicht, Und ihre Zensuren tragen meist ein einheitliches Gepräge sür alle lluterrichtsgegenstände. Sie sind der Stolz ihrer Mütter und die Freude ihrer Väter. Soll nun die Schule dicse^Muster^- schüler als Hochbegabte für die in Aussicht genommenen Selekten-- schuleU auswählen oder empfehlen? Das wird sie nicht tun können; denn man hat "sich nachgerade zur Genüge davon überzeugt, daß der Musterschüler in neun von zehn Fällen keineswegs der be­sonders begabte ist, daß er vielmehr nichts. anderes als der Typus des. guten DurHK.mtt.es ist, aus den die moderne höhere

Schule eben zugeschnitten ist. In deU weiften Fällen halten diese Musterschüler im Leben das nicht, was sie aus der Schule scheinbar versprachen. In Württemberg wird alljährlich eine Konkurrenz Prüfung abgehalten, zu der die Gymnasien des Landes ihre besten Schüler entsenden. Die Bestell dieser Besten werden in bestimmter Zahl auserkoren, um die Stipendiatenstellen der sogenanntes Seminare auszlifülten, wie ein solches u. a. in dem alten Kloster Maulbronn besteht. Diese Auserlesenen empfangen ihre wissen- schästliche Weiterausbilduug auf Staatskosten. Auch in Bayern besteht eilte ähnliche Einrichtung. Man liest dort aus den Abi­turienten der Gymnasien alljährlich eine Anzahl der besten ans Und gibt ihnen als besondere Auszeichnung und zu weiterer Führung ansehnliche Stantsstipendien. Auch in Preußen besteht bereits, wenn auch in anderem Sinne, eine solche Auslese von Begabten seit vielen Jahrzehnten; wenigstens darf man die Aus­lese der Alumnen in Schulpsorta so bezeichnen, deren Ausbildung wesentlich die philologisch-historische Seite bevorzugt. Man hat aber niemals von besonderen Erfolgen alles dieses Auslesens gehört. Dagegen liegt es sehr nahe, daß sich in gar vielen Fällen bei solchenAuserlesenen" ein widerwärtiges Strebertum heraus­bildet, das im Leben zu den unleidlichsten Erscheinungen gehört.

Aus diesem Gebiete liegen denn auch die großen Gefahren!, mit denen die rechnen müssen, die sich anschicken, neben den öffentlichen höheren Schulen mit ihren sür den Durchschnitt der Menschen berechneten Lehrplänen die erwähntenSonderklassen" oder garSonderschulen sür Hochbegabte" einzurichten. Junge, unreife Menschen, die sich von Eltern oder anderen alsHöchst begabte" aus der Zahl ihrer ehemaligen Kameraden anserwählt sehen, werden in den meisten Fällen die schwere Charaktcrst Prüfung nicht siegreich überstehen, die eine Auslese dieser Art für sie notwendig bedeuten muß. Wie manche Mutter überschätzt die Begabung ihres Sohnes und treibt den Acrmsten zur höchsten Anspannung seiner schwachen Kräfte an, lediglich um ihres eigenen Ehrgeizes willen! In vielen Familien hat solch falscher Ehrgeiz schon die traurigsten Opfer gekostet. Man hat gerade in dem letzten Jahrzehnt sorgfältige Studien anstellen müssen, weil sich die Schülerselbstmorde unter den Schülern höherer Lehranstalten! in erschreckendem Maße zu mehren schienen. Und da hat man mit Sicherheit feststellen können, daß ein großer Teil dieser be­dauernswerten jungen Selbstmörder die Opfer des Ehrgeizes ihrer eigenen Eltern geworden sind. Ein gewissenhafter und vorsichtiger Erzieher wird einem Kinde, daß die Natur wirklich mit hervor­ragenden Anlagen ausgestattet hat, niemals sagen, welcher Aus­bund pvn Klugheit es sei; er wird dieses Kind erst recht nichk unter seinen Kameraden auswählen und ihm dadurch einen Schein-, wert verleihen. Ein wirklicher Wert ist die ausgezeichnete Be­gabung an sich ja noch gar nicht. Sie erlangt doch erst ihren! Wert dadurch, daß der starke Wille sie ausnutzt und ihr dadurch produktiven Wert verleiht. Der Hochbegabte soll deshalb unter seinen Durchschnittskameraden bleiben und lernen, seine Pflichk zu tun. .Was er intellektuell etwa weniger gewinnt, das wird er für seinen Charakter gewinnen, indem er sich zwingt, auch gegen seinen eigentlichen Wunsch zu arbeiten. Und in der Tat hat es denn auch noch keinem Hochbegabten oder einseitig Ver­anlagten > sagen wir einem Genie jemals etwas geschadet, wenn er gezwungen wurde, einen Teil seiner Jugend, als wer­dender Mensch, unter einem gewissen Zwange sich mit solchen! Dingen zu beschäftigen, die nicht seinen Neigungen entgegen­kamen. Sie lernten Arbeiten, und das war schon etwas sehr Wertvolles. Mau sagt gern: das Genie bricht sich Bahn auch ohne Schule. Und Ostwald behauptet, alle großen Männer seien groß geworden trotz der Schule. Diese Sätze sind falsch, sobald sie in dieser Allgemeinheit ausgesprochen werden. Man könnte ihnen den anderen Satz mit demselben Rechte entgegensetzen: die meisten Genies verfehlen ihren Lebensweg wegen der Unzuverlässig­keit ihres Charakters und der Schwachheit ihres Willens und die sprachliche Wendung vomverbummelten Genie" ist mehr als die müßige Erfindung einer überhitzten Phantasie.

Als Hauptgrund für die Einrichtung von Sonderklassen oder Sinderschulen sür hervorragend Begabte führt man an, diese Hochbegabten eignen sich in viel kürzerer Zeit das WissenspensuiN der Turchschnittsschule an als alle anderen. Daß das richtig ist, wurde oben bereits ausgesprochen. Zieht man aber aus dieser unbestreitbaren Tatsache die Folgerung, daß man diese Hoch­begabten nun auch so viel früher zu ihren Fachstudien führen müßte, daß man sie also praktisch gesprochen schon mit 15 statt mit 19 Jahren zur Universität schickt, bann wirb das ganze Exempel wieder grundfalsch. Diese ärmsten Hochbegabten kommen dann als Kinder zur Universität. Dort sollen sich die noch charakterunreifen Knaben in der scharfen Luft der akademischen Freiheitausleben". Aber die deutsche Hochschule, mit ihrer un­streitig richtigen akademischen Freiheit ift ein heißer Boden, auf dem sich schon mancher junge Mensch, den man mit den schönsten Hoffnungen dorthin ziehen sah, das Gemüt derart versengt hat, daß er zeitlebens nicht wieder so recht froh geworden ist. Wie viel blühende Jugend geht dort zugrunde! Und auf diese aka­demische Freiheit will man die noch charakterunreifen Wunder­kinder loslassen, nur deshalb, weil sie ihr Schiilpensnm früher im Kopf habe«, als ihre Durchschnittskameraden!