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Kritisch betrachtete er den halb eingeduselten Kutscher: hatte wohl Schnaps gesoffen, Wudka — wie sie den puren Kartoffelfusel nennen — daß er am hellichten Tage schlief?! Ein verächtliches Lächeln zog des starken Mannes Mundwinkel herab, aber gleich wurde sein Gesicht, wieder ernst : 's war doch keine Kleinigkeit, mit fünfzig Jahren noch einmal von vorn anzufangen, noch dazu im fremden Land!
Was ihn vor acht Tagen, an der Seite seines beredten Führers, freundlich angesehn, dünkte ihn jetzt gewandelt. Blitzte ihn nicht der Himmel, der sich wolkenlos, stahlblau, ehern ob der hartgebrannten Erde spannte, so grimmig an, daß er die Blicke senken mußte?
Bah — er rieb sich ungeduldig die Augen — nur nicht zag! Warum denn bange sein? Es hatte ihn ja auch bisher noch kein banger Gedanke beschlichen, auch nicht, als er zum zweiten Mal allein dieses Weges gekommen. Da war er sogar die vier Stunden zu Fuß herausgewandert und hatte sich, obwohl ermüdet, gleich ans Werk gemacht, hatte seine Stelle abgeschritten und sich den passendsten Platz zum Bau des Gehöfts ausgesucht. Ein Brunnen war schon vorhanden; aber daß er sich nicht auch das Haus von der Kommission hatte Herstellen lassen, das reute ihn nicht. Nein, eines, akkurat so wie alle andern, so eine viereckige Dose, in die man Käfer sperrt — oder gar Stall und Scheune mit unter einem Dach — so eines stand ihm denn doch nicht an! Und kein Baum, kein Strauch, kein Garten dabei, nicht einmal eine grüne Bleiche, auf der die Hausfrau das Leinen spreiten konnte, das paßte ihm auch nicht! Nein, ein hübsches rheinisches Bauernhaus sollte es werden — ob weiß, ob wasserblau oder rosenrot getüncht, darüber war er sich noch nicht schlüssig — ein Rebstock mußte am! Giebel sein, der sich bis zum Dachfensterchen reckte, daß man droben wie aus einem grünen Rahmen schauen konnte, hin zu den Sieben-Bergen jenseits des Stromes.
Ach, die Sieben-Berge — ein weicherer Ausdruck glitt über des Auswanderers hartes Gesicht — die würde man nun freilich hier nicht zu sehen kriegen! Aber ein Gärtchen wenigstens würde da sein mit einer Laube, um die das Geißblatt am warmen Abend duftete; und Pflaumenbäume würden wachsen und Aprikosen am Spalier, daß die Frau was etnzukochen hatte zum Schmierchen für die Kinder.
„Och, sieh ens, Peter! Kein einziger Apfelbaum steht hier im Feld," sagte die Frau jetzt hinter ihm. Da schreckte er zusammen.
Frau Bräuer stellte sich aufrecht, mit beiden Händen stützte sie sich auf ihres Mannes Schultern, um so einen Halt zu haben int hin und her schleudernden Gefährt. Halb neugierige, halb ängstliche Blicke ließ sie über die sonnenflimmernde Ebene schweifen. „Schöne Felder! Jeses, wat en Korn! So'n Felder gibt es bei uns zu Haus doch nit. Gag, wem hören die zu?"
Er zuckte die Achseln: „Weiß ich nit!"
„Och Gott!" — wie in einem plötzlichen Schmerz zog das Weib die Brauen zusammen — „dat weiß mer net?! Och ja, wat is dat doch all so — so — kein Häusches, kein Dörfches — Jeses, wat is dat all eso leer!"
„No, dat kannste doch wahrhaftig nit sagen!" Er versuchte ein heiteres Auflachen. „Sperr doch bei« Augen auf! Du hast et ja selber gesagt: haste je so viel Korn guf einem Haufen gesehen? Kuck emal da, hier rechts, den Schlag Weizen! Kotzdonner, mindestens hundert Morgen sind dat — als immerfort Weizen, un so schön von Färb! Als ganz dunkelgoldig. Et is en Staat! Hier links hat Roggen gestanden, den haben sie als geschnitten. Kuck einer an, den Staats-Klee drunter! Brrr!"
Er faßte wieder über den Kutscher weg nach den Zügeln und war dann mit einem Plumps vom Wagen. Schon trappste er jenseits des tiefen Grabens in die Stoppel. Und jetzt stand er wieder bei seiner Frau und hielt ihr eine Faust hastig ausgerupften Klees unter die Nase.
„En Mass' Vierblätter drunter! Un eso fett! Wart ens, wann wir erst so 'ne haben! Dann biste auch ver? gnügt, gelt, Kettchen?!"
„Ja, och eja!" Hastig nickte sie, aber sie vermied seinen Blick, der fragend den ihren suchte. Sie hätte ihren Mann nicht ansehen können; Tränen füllten ihre Augen, der strahlende Tag im wolkenlosen Mittagsglanz war ihr verdunkelt. Sie wap froh, als Peter sich wieder vorn auf den Sitz schwang.
Und weiter ging die Fahrt, imtner weiter durch die Endlosigkeit der reifenden Felder. Da stand Gerste, da Hufer — hoher, reichbesetzter Hafer, wie schwere Tränen hingen die Körner an der sich bleichenden Fahne — aber meist Weizen, Weizen so weit, bis dem Auge das tiefe Gold sich im gläsernen Blau des Himinels zu verlieren schien.
Hier mußte bald geschnitten werden! Bräuer hielt prüfend Umschau: Herrgott, was war hier zu schaffen! Unwillkürlich wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Es reichtett tausende von Händen nicht zu, all dieses Korn zu schneiden, zu binden, aufzusetzen, zu verladen, heiin- zuführen in die Scheunen. Und hier gab's auch riesige Rübenfelder. Wenn deren Ernte auch noch lange ausstand, behackt will die Rübe auch sein, bepflügt und behäufelt.
„Frau, Kettchen," rief er ganz aufgeregt, „siehste all die Zuckerrüben? Hierzuland kannste billig Zucker in deinen Kaffee tun! Donnerwetter, is da aber en Unkvaut zwischen. Da müßten emal so en Stücker hundert Arbeiter erein. Hau, is dat noch en Arbeit!"
„Mer sieht ja hier gar kein Leut," sagte die Frau leise; ihre Stimme klang gepreßt. Die Hand über die Augen haltend, spähte sie in die Ferne mit einem unruhig suchenden Blick. Kam die Ansiedlung demt noch nicht?! So weit waren sie nun schon gefahren! Doppelt weit kam ihr diese Wagenfahrt vor; nun sie dem Ziele so nahe, deuchten sie diese letzten paar Stunden schier länger als die ganzen Tage der Eisenbahnfahrt vom fernen Rhein bis in die östliche Provinz.
Wie mochte Pociecha aussehen? Gab's da Wälder, Berge, einen Fluß? Nein, aber Bäume würden dort sein. Peter hatte gesagt, daß ein Dorf ganz nah sei, ein altes 'Dorf; es gab da sicher Gärten mit alten, breiten, vielästigen Obstbäumen. Eine wahre Sehnsucht nach Schatten, nach Bäumerauschen ergriff die in Hitze und Seelenunruhe fiebernde Frau.
Wohin führte der Peter sie? So weit in die Fremde! Und wie würden die Kinder sich schicken? Voll zärtlicher Sorge wendete die Mutter ihre Augen auf die Kinder — lauter Blondköpfe waren es, zehn, acht, sieben und zwei Jahre alt — Settchen, Maria, Lena und das kleine Stinchen. Die drei ältesten mußten in die Schule. Frau Kettchen hielt nicht viel vont Studieren, aber schön schreiben und auch richtig schreiben mußten sie doch lernen und hell singen und brav beten. Ob! sie das hier auch alles lernen könnten?!
(Fortsetzung svlgt.)
Sonderklassen für hochbegabte Schüler.
Kritische Gedanken.
Von Professor Otto Hesse.
Zu den schwersten Anklagen, die man seit einer Reihe von Jahren gegen unsere höheren Schulen erhebt, zählt die, daß auf ihnen hervorragend begabte Schüler nicht so gefördert werden, als ihrer Begabung entspricht. Und die Klage hat eine gewisse Berechtigung: benn sie erklärt sich aus naheliegenden Gründen. Tie moderne höhere Schule mit ihren Berechtigungen ist noh-> wendig für die große Masse der Schüler eingerichtet. Diese weist aber nur eine mittelmäßige Begabung auf. Unter solchen Umständen leiden alle die Schüler, bte hinter dem Durchschnitt zurück? bleiben, und ebenso leiden diejenigen, welche weit über den Durchschnitt begabt sind. Der bleibt zurück, dessen Begabung nicht ausreicht oder der längere Zeit nötig hat, den dargebotenen Stoff sich zu eigen zu machen; der aber wird in seiner Entwicklung auf- gehalten, welcher hochbegabt ist, er vergeudet geradezu Zeit und langweilt sich, während seine Mitschüler sich abmnhen. MikLeichtig- keit und ohne die geringste Ueberbürdnng würde er in der Hälfte der Zeit das Pensum bewältigen, das seinen Mitschülern große Mühe macht. Das tritt besonders scharf in die Erscheinung, wenn man die einseitig hochbegabten Menschen in Rücksicht zieht. Man braucht nur an die vielen bedeutenden Mathematiker und Naturwissenschaftler zu erinnern, die wegen der Kluft zwischen ihrem ^einseitigen, aber ungewöhnlich starken Vermögen und der nach einer Turchschnittsnorm bemessenen Forderungen der Schule in dieser Normalschule gescheitert sind. Ebenso braucht man nur an die Besonderheit fast aller starken künstlerischen Begabungen zu Vrinncrn. Tann wird man begreifen, daß cs wirklich ein „Schulelend" gibt, um mit dem Leipziger Professor Ostwald zu reden, ein Schnlelend der Hochbegabten, vor allem der einseitig stark begabten Schüler.
Gibt es denn aber gar keine Mittel und Wege, solcheosfenst baren Schäden auszumerzen? Wie es möglich war, für minder- befähigte Kinder bis hinab zu den Idioten an vielen Orten Eigene Schulen und Anstalten zu.schaffen, in, denen man sich nm


