Ausgabe 
11.6.1910
 
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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Vie big.

(Nachdruck verboten.)

1.

Wie im Backofen die Brote, so bräunten sich jetzt die Handarbeiter in der glühenden, vor Hitze flimmernden Sommerluft. Auf den Hütten der Komvrniks,*) die sich hinter den Steinwall duckten, lastete die Sonne. Heiß!, unerträglich heiß war's schon in der Frühe um' vier; kein Tam war gefallen, her die Erde erguickt hätte. Dreist shlegelte sich das rlinde, tiefgelbe Sonnengesicht in den blauten Sensen und leckte init feiner gierigen Zunge über das flache, schier endlos eintönige Land; über meilenweite Kornfelder, die schwer ihre reifenden Aehren neigen über duukelschollige Aecker, itt bereit fettem Boden, Pflanze an Pflanze gereiht, die Zuckerrübe wächst über verstreute Herrenhöfe, die sich, durch Baumtrüppchen markiert, aus dem Meer der Felder herausheben über wenige, dünnen Ädern gleichende Straßen, die durchs einig sich wiederholende staubige Grün der Rüben und staubige Gelb der Weizen­fluren ziehen.

Bon der Kreisstadt her, deren Straßen, kaum daß man sie verlassen hat, schon verschlungen find von der Uebermacht des Ackers, und deren Dom allein, als einziges Wahr- Öen, noch eine Weile über die Getreidewellen ragt, ein Gefährt. Eine kleine Britschka, uberpackt mit Menschen. Und dahinter, in langsamerer, schiver-ratternder Fahrt, ein Leiterivagen, mit allem möglichen Haus- und Ackergerät belastet.

Der Mann auf dem Vordersitz der Britschka stieß jetzt den Kutscher, der, ihm vor den Füßen hockend, sehr geschickt äuf der Deichselstange balancierte, fast herab, so hastig drehte er sich um. Ihm war, als hätte hinten im Korb- tvagen jemand aufgeschluchzt. Was, fing die Frau schon jetzt mit Heulen an?!

Kettchen!" Er sagte es halb barsch, halb' mitleidig; es ivar etwas Eignes in dem Ton, der streng sein wollte und doch eine geivisse Bangigkeit in sich trug. Peter Bräuer fühlte selber ein seltsames Kribbeln in den Augen, die rhn schmerzten vom Sonnenbrand.

Zum Donnerwetter, daß auch hier gar kein Schatten war! Warum bepflanzten sie denn nicht die Chaussee mit Bäumen? Chaussee hoppla, hat sich was mit Chaussee! Au, war das ein Stoß!

Verdrießlich schob Bräuer die Mütze, die ihm vom ge- waltkgen Ruck über einen Stein ganz auf den Hinterkopf gerutscht ivar, wieder nach vorn.

Nennt ihr dat hierzuland en Chaussee? En ganz miserablen Landweg is dat ja," brummte er und stieß den vor ihm Kauernden mit dem Knie in den Rücken.

*) Gutshörige,

Keine Muskel in dem stumpfen Gesicht des Kutschers regte sich. Er hob nur die Peitsche und ließ sie mechanisch auf den grau bestaubten breiten Rücken des Braune« niederschwippen:

Huj, het!"

Peter," bat jetzt die Frau in der Britschka,sag ihm doch, er soll wat ruhiger fahren. Mer is dat gar nij so gewöhnt. Mir tun als so schon alle Knochen iveh vost dem lange Eisenbahnfähren. Sei so gut, sag et ihm doch!"

Fahrt langsamer, fahrt wat langsamer!"

Huj, huj, het!" Der Kutscher hiev wie toll auf das so wie so schon unruhige, von Stechfliegen gepeinigte Pferd ein.

Hört Ihr dann uit? Langsamer!" schrie Peter Bräuer uns faßte ihm über die Schulter in die Zügel. Hinter sich hörte er sein Weib und seine Kinder laut anfkreischen und sein Jüngstes, das der heftige Ruck beim jähen An­ziehen des Pferdes aus dem Schlafe geschreckt, jämmerlich weinen. Der Zorn kam ihn an: der Esel mit seinem ein­fältigen Huihet! ,

Unsanft packte er den Kn.tfcher an:He, Polack, nabt Ihr dann kein Ohren?"

Der zuckte nur stumm die Achseln und spuckte aus.

Weiter ging es wie bisher, über Steine und durch Löcher.

Die Sonne sengte. Roch war nicht das erste Dorf in Sicht, und zwei Dörfer mußte man passieren, bis gaiiz hinten auf der Fläche, wie winziges Spielzeug unlerM riesenweiten Horizont, die Wuschen der Ansiedlung auf­tauchen würden, mit ihren Zäunen von unbehauenen' Fichtenftämmchen, mit ihren Aeckerchen rundum, die noch nicht Teil hätten an der Fülle des Sommers.

Peter Bräuer schob sich die Mütze auf dem Kopfe hin und her und rutschte unruhig auf seinem Sitz. Hm«, was die Fran wohl dazu sagen würde? Ach je! Er wär nicht ohne Besorgnis. Und merkwürdig, so weit und unbequem war ihm der Weg von der Bahnstation bis zur Ansiedlung! noch nie erschienen! Und er hatte ihn doch schon ein paatz Mal gemacht in den acht Tagen, die er nun hier war. Das erste Mal, als der Herr Gutsverwalter selber ihn von der! Kreisstadt abgeholt und ihn hinausgefahren hatte, ihm die schriftlich erstandene Stelle zu weisen, hätte ihn Neugier beseelt, eine schier freudige Erregung; da war es ihm gäi ivesen, als führe ihn der, der ihm so klar alle Vorteile des Ankaufs auseinandersetzte, in ein gelobtes Land. Es schien ihm sicher: mit Fleiß und Arbeit mußte es hier gelingen, der Boden würde schon wiederzählen, was man hineinsteckte an Kraft. Natürlich, das war ja außer aller Frage!

Peetr Bräuer reckte sich in seiner ganzen Stattlichkeit, und dann klopfte er, wie prüfend, seinen gewölbten Bruch kästen: hei, er War doch noch ein Tüchtiger, trotz seiner Fünfzig, er näihin's noch mit jedem von hierzuland, und war der auch Zwanzig Jähre jünger, leicht auf!