Möchte! deshalb nicht nach! Weddigenhof kommen. Ob er mich am Dienstag in Hannover int Hotel aussuchen könne?
Es war mir einerlei, ob- er sich wunderte. Bielleicht war es eine Torheit, zehn Stunden zu fahren, mir um eine Stunde lang einen Menschen zu sprechen. Mer rch habe ja jetzt niemand über die Torheit oder Beruunst meiner Handlungsweise Rechenschaft zu geben.
Und brieflich konnte ich cs nicht abmachen. ,yrf) habe mich in diesen letzten Wochen vor den stummen, geschriebenen Buchstaben fürchten gelernt. Sie stehen schwarz auf weist fest, unverrückbar. Und wenn man auch tausend Widersprüche Zweifel, Fragen hat — sie haben keine Antwort. Immer nur das eine. ■ . . . ■■ „ .
Onkel Franz telegraphierte gleich, er wolle kommen. Mr erwartete mich! 'schon im Hotel, als ich ankam, sahrt- miido und aufgeregt. t _
„Na, kleine Nichte, was gibts? , Das ist brav, datz du Ul mir kommst, wenn du Rät notig Haff, arme Deern du. Was solls sein?"
Ich konnte ihm natürlich nicht gleich im Treppenhaus uuseinandersetzen, ivas ich lvollle. Mer seine kräftige Stimme und fein gutmütiges Gesicht waren schon erfrischend. Ich hatte ein Gefühl von Halt und Ruhe, als er einfach meinen Arm in seinen nahm.
„Erst futtern und ausruhil und dann an die Geschäfte, was? So auf den leeren Magen bekommt das nicht. Was trinkst du? Einen guten Schluck Wein, he? Das mußt du von deinem Väter doch gelernt Hatzen!"
Mein Vater! Ich fuhr zusammen, als er die gleich- gültigs kleine Bemerkung machte. Er in seiner guten Laune achtete nicht darauf. Er war aufgeräumt und behaglich, als wir zusammen in dem großen, kahlen Gastzimmer vor hen Schüsseln saßen. Ich sah wirklich nur davor, essen Mochte ich nicht. Ich konnte kaum -abwarten, bis ich ihn oben in meinem Zimmer hatte. v
Er stutzte doch etwas, als ich ihm erklärte, warum ich gekommen war. Er hatte das wohl nicht erwartet. Zuerst fuhr er auf.«
„Du willst mich wohl zum besten haben? Deswegen Ust du doch nicht den ganzen Weg hergefahren?"
Ich nickte nur. Er war einen Augenblick still, schüttelte den Kopf, stand auf.
„D-eern, du bist just so -ein Querkopf, wie er auch War. Welchem vernünftigen Menschen fällt nun so was ein?"
Ich nahm mich zusammen. Ich mußte eben Geduld -haben, bis er sich von seinem' Erstaunen erholt hatte. Er lief ein paarmal durch die Stube und blieb dann vor mir stehen.
„Wind, Ivas soll denn das aber, diese alten Geschichten! aufzurühren? Sei froh, wenn Gras drüber gewachsen ist."
„Ich möchte es aber wissen, Onkel."
Er sah wohl, daß ich ganz fest entschlossen war. Er fuhr sich ungeduldig mit den fünf Fingern durch den großen, graublonden Bart.
„Zum Kuckuck, nochmal, warum suchst du dir denn mich dazu aus? Man soll den Toten nichts Schlechtes nachu sagen. Das ist alles längst vergeben und vergessen."
„Von euch, das mag sein. Für mich ist das alles ganz neu. Ich habe jetzt die alten Briefe erst gefunden. Ich will Bescheid wissen. Vater war ja so— so klug, mir nie etwas davon zu sagen." ,
Ich konnte die Bitterkeit nicht herunterschlucken. Er sah mich auf einmal scharf an,
„Deern, was soll das? Dein Vater wird Wohl gewußt haben, warum er die Geschichte einem Kücken wie dir nicht erzählte."
„Ich bin kein Kind mehr, Onkel Franz. Wenn Bate-ü sonst alles mit mir besprach konnte ich dies auch wissen."
„Papperlapapp! Kein Kind mehr! Was weißt du denn, wie es in der Welt zugeht! Hör mal zu, kleine Nichts Deine Mutter ist sehr jung gestorben, du weißt nichts von ihr. Bon deinem Vater hast du dein Lebtag nur Gutes! -erfahren und hast allen Grund, ihn hochzuhalteu. Was —"
Mir stieg die Aufregung bis zum Hals herauf.
„Ihn hochhalten? Ich kann Vater nicht mehr achten, seit ich dies weiß, Onkel!" ;
„Kind! Kind !" ' . i
■ : Er wußte einen Augenblick nichts, zu antworten. Er sühltg wohl, daß ich recht hatte!. Aber dann setzte er sich mir gegenüber und langte nach meiner Hand.
„Agnes, ich bin jetzt ein alter Mann und habe mein
Lebtag Sünde Sünde genannt. Wer daß einer mdl Unrechts tut, auch schweres Unrecht, das macht ihn mir noch nicht gleich zum Hundsfott, wenn er sich nur wieder hochrappelch Wir sind ja alle Menschen. Und- sieh du nur zu, daß du dich nicht heute schwerer an. ihm versündigst,, als er. es aw dir getan hat." i
Ich hatte meine Hand- wegge-zogen.
„Das ist meine eigene Sache, Onkel.! Willst du meine! Fraget beantworten oder nicht? Sonst habe ich dir nichts mehr zu sagen."
Er stieß heftig seinen Stuhl zurück.
„Dickkopf! Meinetwegen, du sollst deinen Willen hab em Aber schön ist die Geschichte nicht-.- Gar nichts für so ein! junges Ding wie du."
Ich antwortete nicht darauf.
„Hast du meine Mutter selbst gekannt, Onkel Franz-?" fragte ich statt dessen.
„Deine Mutter? Natürlich, wir waren ja alle auf der Hochzeit. So ein kleines, zartes Ding war sie, zum Weg- pusten. Ich hatte immer Angst, wenn ich ihre winzige Hand in meine Pranke nahm. Mer nett war sie. Und wir alle waren froh, daß der Peter Florenz endlich seßhaft: wurde; diese Jahre, wo er sich so durchbeißen mußte, bekamen ihm nicht besonders. Wir Brüder hatten Vatev immer gebeten, ihm wieder etwas Zuschuß zu geben, als er an,sing, wirklich was zu werden. Mer der Mte hatte! ja einen Eisenkopf. Na, mm war es ja nicht mehr nötig."
Onkel Franz war ins Erzählen gekommen, ohne es selbst zu wollen. Er hatte sich die Zigarre angesteckt und! tat ein paar starke Züge.
„Na, zuerst war das ja alles eine Herrlichkeit. Wey dann, nach anderthalb Jahren, kam das Kind. Die Schwägerin war immer zart gewesen, und da hatte ihre Gesund-, heit wohl einen Puff gekriegt, sie mußte sich sehr schonen, viel liegen. Das war dem' Peter Florenz wohl langweilig."
Er wandte sich scharf zu mir um und räusperte sich.
„Es ist deine eigene Schuld, wenn! du nichts SchöneÄ zu hören kriegst. Hast es ja selbst gewollt."
Ich sah ihm gerade ins Gesicht.
„Bitte weiter, Onkel."
„Na, also. Der Peter Florenz war so einer, dem die Meib-er nachliefen, und er Tonnte auch nicht ohne das fertig werden. Dabei renommierte er noch- mit seinen Liebschaften und hing alles am liebsten cH.uz, sorglos an die große Glocke. Wie nun seine Stücke üiehr aufgeführt wurden^ mußte er natürlich überall dabei sein, bald hier, bald dahin reisen. Na, und das Theatervolk, das kennt man ja. Da war denn so eine Französin, eine schöne Person soll es gewesen sein und kokett. Man kann sich das ja denkens, Die Frau zu Hause krank und das alte, lustige Leben ihm! so bequem gemacht."
lFortsetzung folgt.)
Aus dem Uriegrtagebuch des Prinzen Friedrich Karl.
Aus dem privaten Tagebuch,, das Prinz Friedrich Karl won' Preußen int Feldzüge 1870/71 geführt hat, gelangt int Aprilhest der Deutschen Revue (Stuttgart, Deutsche Pcrlagsvnstakt) ein' erster Abschnitt zur Veröffentlichung; er ist dem in Kürze erscheinenden Werke des Hauptmanns Foerster entnommen, in dem mit Genehmigung des Kaisers Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Prinzen Friedrich.Karl gedruckt werden. . Tas Tagebuch vvni 1870, das sieben eng geschriebene Notizbücher umfaßt und im! königlühcn HauKrrchiv zu Eharlvttenbnrg austÄvahrt wird, ist später! nicht mehr überarbeitet wurden und gibt daher den unmittelbaren Niederschlag der loug-enblicklichen, wechselnden Auffassungen und! Eindrücken des Prinzen. Die Fülle der angeführten Tatsachen und Zeitangaben, die eS ermöglicht, feine Tätigkeit und Gedankenarbeit ganz genau, häufig von Stunde- zu Stunde, zu v'ersolhen, stempelt die Notizen zu einem hochtzed-eutsamcn historischen Dokument. Der Leser verfolgt die Porgänge im H-aulPtguartier des' Prinzen, der mit schneller Entschlußfähigkeit in enger Zusammenarbeit mit Mottke seine 'Anordnungen trifft. Wie cs dabei in seinem Haupt-- quartier zuging', hat Freiherr von der Goltz, der damals' als Prem-ierilentnant dem Generalstabe deS Prinzen angchörte, gc-- fchWert: „Im gesamten Leben und Treiben des Oberkommandos herrschte die größte Ordnung! und Ruhe, ein Ton gegenseitiger! Rücksicht tmd der Geist stiller und- ernster Pflichterfüllung. Jeder Offizier War im Augenblick da! und bereit, wo er gebraucht wurde. Akl-es entwickelte sich ohne viel Geräusch und- ohne die sonst bet einer neugebildeten BeHrde leicht eintretenden Reibungen. Nie fiel int Stabe ein böses Wort. Ms zw.nl Ende des Krieges ist nichts rorgMMMU, was man als eine aufgeregte Szene hätte bezeichueu können. Tiefes augenehme und tvfWMchk Gebaren war was


