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Mitternacht kam ein alter Manu aus den elektrischen Werk- | statten ans einen Hellen Gedanken. Er hatte seinerzeit den Lift mit anlegen Helferi, der vorn Tempel des Bacchus auo i durch den „Burggang" nach den Kellern führte. Konnten I da nicht — ? §err Migneau ließ den Alten gar nicht erst | aussprechen. Nach den Kellern! lautete der Schtaastruf. I Madame Baillond war ihre Migräne längst vergangen; aber fic schluchzte tund weinte, und weirrend und schluchzend, mit hochgerasstem Meide, trottete sie barhäuptig hinter den andern her!, s r o . ..
Zwei Mann führten sie, ein Bild des Jammers, rn die Halle Lafontaine und legten sie schluchzend und weinend fn die Arme der Komteß. , nr , , , .... .
.Meine liebe gute alte Madame," sagte Andröe tröstend, indes an zweihundert Menschen einen Ring, um sie gebildet hatten, „nun seien Sie doch wieder gut — wir leben ja, wir leben ja! Etwas derangiert im Aeußeren, was aber nur der Kreideformation znzuschreiben ist, doch sonft gesund und guter fiSinge."
„Aufgepaßt, Leute!" schrie Herr Migneau plötzlich, „unser verehrter Chef, unsere gnädigste Komteß, bie toit glücklich wiedergesunden haben, lebe, hoch, hoch, hoch/
Die Leute brüllten^ daß es aus allen Nebenraumen zurückschallte, unb Anbrße nickte freundlich.
„Schönsten Tank," sagte sie. „Nebrigens war es da unten gar nicht so schlimm. Wir hätten auch noch bis morgen ausgehalten. Außerdem habe ich die Mußestunden in der Unterwelt dazu benützt, mich zu verloben. Madame Bailloud — meine lieben Freunde: hier steht mein Bräutigam!" , ...
Und nun geschah etwas für französische Verhältnisse Ungeheuerliches: Anbrde umarmte Fritz und küßte ihn an- tzesichts ihres gesamten Personals.
Madame Bailloud wußte nicht recht, ob sie emporu sein, in Ohnmacht fallen oder gute Miene zum bösen Spiel machen sollte. Herr Migneau aber, in raschem Erfassen der Sitnation uyb heimlichem Streben, durch Uebermaß an treuer Gesinnung seine Stellung zu festigen, hob abermals den rechten Arm und brüllte mit Stentorstimme:
„Ausgepaßt, Leute! Der Herr Verlobte unserer gnädigsten Komteß, Herr Fs—riez Friedsel ans Srattsteen, hoch, hoch, hoch!" —
Sechs Stunden später war die Mär von dieser schier ««glaublichen Verlobung in Cpernay verbreitet. Am Abend erzählte maii sie sich in der ganzen Champagne. Am nächsten morgen brachten die Lokalblätter in Reims, Avize, Ay, Cra- yranr, EhLlons, St. Menehould und Vitrhle-Franyois ent» sprechende Notizen. Und ivieder am nächsten Morgen ftmi- den die ersten Pariser Hetzartikel in der „Liberte", im ^Eclair" unb „Echo de Paris", während der „Figaro" nur kurz meldete:
„Der viel besprochene Champagnerstreit zwischen den Firmen Miquelon et fils in Cpernay und K. A. Friedel W Schrattstein am Rhein ist auf unvorhergesehene Weise heigelegt worden. Tie Gräfin Andree d'Hoche, einzige Besitzerin der Firma Miquelon, hat sich mit dem Inhaber des Hauses Friedel, Herrn Fritz Friedel, verlobt."
14.
Das donnernde Hoch, das Herr Migneau auf den glück- tichen Bräutigam ausgebracht, hatte lediglich in der Halle Lafontaine und den Nachbarkellern Widerhall gefuuben. Die Verlobung erregte nicht nur Verwundern, sondern auch gewaltige Entrüstung. Zunächst sprach das „Nationale" mit. Die Chauvinistenblätter überboten sich wieder einmal in abscheulichen Entstellungen der Wahrheit, die leider such in einen Teil der deutschen Presse Eingang sanden. Nun war cs ja so gut wie erwiesen, daß dieser ganze, lächerlich ausgebauschte Streit nichts als ein infamer Schwindel war, um eine riesige, nie dagewesene Reklame ins Werk zu setzen. Man hatte das Publikum an der Nase herumgesührt, hatte ein schamloses Spiel mit ihm ge- irieben. Die Kombinationen überstürzten sich. Es hieß, daß das Hans Friedel nach Cpernay übersiedeln wollte. Empörend! Gab es da nicht schon zwei deutsche Firmen, die der einheimischen Industrie Konkurrenz bereiteten? Oder sollte vielleicht das Haus Miquelon ganz und gar bett deutschen Weinpauschern ausgeliefert werden? Im „Gau- lsis" wurde ui an sentimental. Man sah den Ruin der französischen Champagnerindustrie vor Augen. Schon KchnLts sich die deutsche Ma,re überall a.uf den französischen
zutreten.
(Fortsetzung folgt.)
jUtn ' Munde ging.' Aber er wurde " j in der Nachbar>chaft Die Nummer war im Um-
Mosel paradierten auf den meisten Weinkarten der großen Markt. Die Schamnweiumarken vom Rhein und von der Restaurants. Eine ganze Anzahl großer Häuser in der Champagne befand sich bereits in deutschem Besitze. Der „Gau- lois" jammerte: so konnte es nicht weiter gehen, -ne „Action sratuMse" appellierte an bie^ Regierung: es war hohe Zeit, daß man bte heimische Industrie schützte. Dao „Evettement" erfand eine höchst närrische Geschichte, m der Wahres mit' Falschem vermischt wurde unb bte bett Titel trug: „Eine Nacht in den Kellern von Miqnelon
Ct ^Herrgott, was wurde in Cpernay über bie unfreiwillige Einsperrung des jungen Paares in den Kellereien pagnerhauses geklatscht! Es war eilt zweste l los pi kan t er Stoff, und man nützte ihn weidlich aus. schließlich kam es so weit, daß Andree sich nicht mehr ans der straße zeigen konnte, ohne höhnisches Flüstern hervorzurufen. Der Verlöbniskuß vor dem gesamten Personal hatte auch Madame Bailloud erschreckt. Wo blieb da die gute Sitte! ? Dee arme alte Dame geriet in schwere Aeugste. Lte verkehrte hie und da in den aristokratischen Nachmittagszirkeln der Stadt und mußte Erschreckliches hören, ohne so recht den Mut der Verteidigung zu finden. Cs ließ sich ja alle^> nicht leugnen: dieser Herr Friedel war mm einmal[ein A)eut* scher, und die Tatsache, daß er eine halbe Nacht hindurch mit der Komteß in dem Keller der Reserven verbrackst harte, stand fest, und den Kuß hatten zweihundert Menschen gesehen. Wer kannte die Geheimnisse dieser Kellernackst? — Der Klatsch ließ sich ja noch ertragen, so weit er nur vom Munde zum Munde gr- "" ""
auch gedruckt. Ein Skandalblättcheu machte eine Novelle daraus. -- —-------
sehen ausverkauft. Da veranstaltete der Verleger eine Sonderausgabe, die in allen Buch- und Papierladen der Champagne für ein paar Sous verkairft wurde, und w Cpernay gab es bald nur noch wenige Menschen, bte diese schöne Geschichte nicht gelesen hätten.
Auch Fritz wurde sie in die Hande gespielt. Setn Aulc.it- halt im Hotel wurde ungemütlich. Sem ganzes Auftreten schützte ihn freilich vor Beleidigungen. Aber er spürte doch, daß' der Groll gegen ihn sich gewaltig regte. Mau betrachtete ihn gewissermaßen als Einbrecher, der straflos einen wertvollen Schatz geraubt hatte. Psotzkrch lauute ibn jeder Mensch in Cpernay. Ans der Straße, blieben die Leute stehen und zeigten nach ihm. Und eines Abends nahm ihn der Chef eines deutschen Hauses vertraulich beiseite und riet ihm freundschaftlich, möglichst bald abzm- reisen An demselben Abend sandte ihm Kesselholz auch ein für ihn in Schrattstein eingetroffenes und als „Militaria" bezeichnetes Schreiben mit der fteundlichen Aufforderung zu, am ersten Oktober seine Festnngsstrase an-
Was dem chinesischen Gesandten bei uns am besten gestsl.
Einer von Vater Martins Briefen an feinen kleinen Michel?) Mein liebes Kerlchen!
Erinnerst Du Dich noch, was ich Dir von dem chinesischen Gesandten erzählt habe? Wie er hieß, das weiß ich natürlich nicht mehr. Aber ich weiß, er hatte viele Jahre u» Berlm W gebracht und! eines Tages wurde er von seinem Kaiser wieher Nach seiner Heimat zurückgerusm.
Er hatte eben seine sieben Sachen gepackt und wollte abfamen, da kam ein Zeitungsschreiber zu ihm gelaufen, um ihn anszuzragen, wie es ihm bei uns in Deiitschlaud gefallen habe.
„Oh" — meinte der schlitzäugige Mongole — „sehr gut!
Das befriedigte aber den Zeitungsschreiber nicht und deshalb forschte er eindringlicher: „Was hat Ihnen am besten bei uns, ' Da' legte sich'das gelbe Gesicht des hohen Mandarinen in ernste Falten. Er nickte mit seinem wzopflcn Haupte unb sprach langsam unb- deutlich — „die Ordnung !" .
Erinnerst Du Dich, was ich Dir damals tagte, als ,ch Dir das erzählte? , ,, , „„ ,
„Wenn er Deine Spittsachenkommode gcfchen hatte, dann hätte er das sicher nicht gesagt."
*) Wir entnehmen diesen prächtigen Brief- mit Erlaubnis des Verlages) dem im Verlage der Schriststeller-GLNosfenschast W Charlottenburg erschienenen billigen BüWM Ba.tW Martins ! Briefe,


