Ausgabe 
10.8.1910
 
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(es Ivar ein Schneider, und die sind ja bekanntlich etwas erregter Natur) entgegenlief und schrie:Sie haben | i h n." Was wollen Sie?Sie haben ihn."®i, j wen denn?"Ihn, den Kujon, den Napoleon; er wird I jetzt in einen Käfig gesetzt und in ganz Deutschland herum- I gefahren, damit ihn jedermann sehen kann."Was, Na- I Poleon gefangen? Ist das möglich?" Natürlich, Schule, I fahre wohl! Nach Hause, die Fahnen heraus und die Fllu- j minationstöpfchen zum Seifensieder geschickt.Er soll sie | aber recht hoch füllen, er bekommt 1 Pfennig mehr für das I Stück." Aus den Straßen sammelt sich das Publikum. Tie Troddel meines Nachbars Kaufmann schuuddelt nur so hin und her; sie wäre abgefallen, wenn sie nicht so fest | angenäht gewesen wäre. Aus den freien Plätzen wird das | Pflaster aufgerissen und werden Fahnenmaste gesetzt. Und I dieses Singen und Jubeln:Haut ihm aus den Chassepot j po po Po Po Po Po" (nach dem Kladderadatsch). So etwas I muß man erlebt haben.

Nur eine Täuschung: ü'Jetzt ist der Vogel ge-I fangen, jetzt ist der Krieg zu Ende" so meinten viele. I Aber es kam anders. Der Vogel wurde gerupft und. zum I Land hinausgeworfen; Madame Eugenie in Paris mußte r schleunig ihre Koffer packen und nach England fahren I Napoleon kamin Sicherheit" nach Wilhelmshöhe. Aber I der Krieg begann jetzt er st r e ch t. Und das war I üns allen eine große Enttäuschung. I

9. Was jetzt?

So fragte man, als Napoleon zur Ruhe gesetzt war. Frankreich wieder einmal eine Republik wird sie kurzer | Hand die Zeche bezahlen, die Napoleon gemacht hatte? Sie I bezahlte sie nicht, int Gegenteil. Jetzt rief man das Volk I auf. Die Deutfcheit in der Heimat, auch unsere guten Birkenselder, waren jetzt eines Sinnes darin: Aus nach I Paris, dort m u ß der Frieden kommen. Nach diesern Platze machteit sich die Truppen, die bei Sedan nicht mehr nötig warett, alsbald auf. Vorher aber zogen zwei Städte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich: Straßburg, die! wunderschöne Stadt, und M e tz, die jungfräuliche Festung, die noch nie bezwungen Wörden war. Vor Straßburg lagen I auch unsere Birkenselder Landeskinder. Nach der zwischen Preußen und Oldenburg abgeschlossenen Konvention bildeten I die aus dem Herzogtum und dem Fürstentum Lübeck (Eutin) stantmendett Maituschaften das 91. Regiment und das 18. und 19. Dragonerregiment; dagegen wurden die vom Stammland weit abgelegenen Birkenfelder dem 30. Regi­ment zu geteilt, welches anfangs der 60 er Jahre in Frank­furt a. M. gelegen und damals schön Zündnadelgewehre gehabt hatte, zu einer Zeit, wo die Mainzer Garnison sie noch nicht hatte. Die 30er lagen, wenn ich nicht irre, 1870 in Trier und wurden zur Belagerungsarmee von Straßburg kommandiert, kämpften auch später gegen Bourbaki bei Belfort (an der Lisaine). Bei Straßburg leistete ein Birken­felder ein Held e u st ü cklei n. Eine Patrouille war etwas | nahe an die Wälle von Straßburg herangekömmen und I wurde plötzlich stark befchossett. Ein Manu wurde ver­wundet und konnte nicht mit den anderen weiter kommen. ! Die Schüsse der Feinde fielen so hageldicht, daß der Pa- trouillenführer eiligst den Rückzug antrcteii ließ. Die Bitten des Verwundeten, ihn mitzunehmen, könnten nicht erfüllt werden. Die Kameraden in den Laufgräben konnten ps nicht mit ansehen, daß. der Verwundete in die Hände der Feinde fallen sollte, aber die Offiziere machten ihnen das Vergebliche ihrer Anstrengungen klar; offenbar hätte der Versuch, ben Mann zu retten, mehreren anberen das Leben gekostet. Da tritt ein Soldat ber 30er (es war der Bruder meiner Hauswirtin, Namens Haas) hervor und ruft:Der lo werd gehult (ber da wird geholt)". Der Osftzier gibt ihm die Erlaubnis; er läuft hin und ladet den Ver­wundeten auf feine Schulter. Die Franzosen schießen wie rasend keine Kugel trifft, und der Mann ist gerettet. Haas bekam vom Kaiser von Rußland (der damals über­haupt sehrgebschützig" war), einen Orden, desgleichen vom Großherzog von Oldenburg und das eiserne Kreuz 2. Klasse. Endlich Ende September wurde Straßburg durch Kapitulation gewonnen. Da muß ich noch eitles Vorfalls bei der Einweihung des Lutherdenkmals in Worms ge­denken. Damals waren auch Straßburger Geistliche iu Worms anwesend. Da bei einem gemütlichen Zusammensein rief der Pfarrer Deichert von Grün in gen bei Gießen über den Tisch:Nun, Ihr Herrn, euch Wegen wir auch

noch!" Aber da wehrte sich einer:Nie, nie werden wir; deutsch!"Ei", sagte Deichert,ihr habt doch eure beut 1^8 Sprache bisher so fest gehalten, wolltet ihr nicht lieber; deutsch werben?"Nein, nie, wir bleiben bei Frankreich",- lautet bie Antwort.Na, wartet nur", ries der alte! Deichert,wir wollen später wieder einmal bab.ou reden- wir kriegen euch, es hilft euch nichts." Das war 1868 im Juni; 1870 im September war es unser.

Ta erinnere ich mich noch eines anberen Vorganges aus späterer Zeit. Ich war 1872 nach Idar bei Oberstein! versetzt. Ein borkiger Achatfabrikant, ber eine Filiale in Genf hatte, reiste int Herbst 1872 von Gens nach Hause und nahm seinen Weg durch das Elsaß, um einmal die Stimmung dort kennen zu lernen. Da traf er in der Bahn mit zwei Elsässern zusammen, und, nachdem er ein Gespräch mit ihnen angeknüpft hatte, fingen diese furchtbar an zu schimpfen aus die Deutschen und wurden auch persönlich grob gegen ben Fabrikanten. Als sie an einer Station wütend und schimpfend ausstiegen, rief er ihnen nach: Vous netes pas Francais. Sie riefen: Pourquois? Antwort: Vous netes pas polis. (Ihr feid keine Franzosen. Warum? Ihr seid nicht höslich!) Antwort gaben sie keine.

Ebenso kam unser Birkenfelder Landrabbiner von einer Reise aus dem Elsaß, wo er Verwandte hatte. Er erzählte, daß merkwürdigerweise die Judett so gegen Deutschland wären. Da entgegnete ihm ein hoher Beamter, das sei natürlich; im Elsaß mache alle Geschäfte für die Bauern der Hofjudas, sogar die Verheiratung der Kinder vermittle er; Man sehe voraus, daß, sobald deutsches Wesen dort heimisch werde, auch ber Einfluß und ber Profit zu Ende feilt werbe. Darum bie Feindschaft. ,

Straßburg war unser, Metz machte uns die Zeit lang. Und das stetige Regenwetter; wie bangten wir um unsere; Truppen! Zumal als bie Ruhr sich hier und da zeigte. Endlich Ende Oktober fällt auch Metz und, was noch nicht erhört war: Frankreichs beste Soldaten, feine stolze Garde, bie berühmten Marschälle Canrobert, Bazaine und mtbere müssen als Kriegsgefangene abziehen. Man konnte das Ereignis kaum fassen. Nun noch eins. Jetzt nach Paris! Abera u ch Hine i n!

10. Ein ungebetener G a st.

Ungebetene Gäste gedachten uns die Franzosen mehr als genug zu schicken in ihren Zuaven und Turkos. Doch die kamen nicht nach Deutschland herein. Die Sqoiiettei der Preußen und bie Kolben ber Bayern bei Weißenburg unb Wörth hatten ihnen bas Wiederkömmen verleibet. Als ein gefangener Franzose von Deutschen bebeutet wurde, es sei Unrecht, solche Scheusale überhaupt gegen ein zivilisiertes I Land zu verwenden, antwortete er:Was wollt ihr? IHv habt ja bie Bayern, die bleus diables( bie blauen Teufel)!" Die verstanben es allerdings, mit jenen Schwarzen um­zugehen.Hier is es boch guat," meinte ein Bayer nach der Schlacht bei Wörth,hier kann ma boch raus'n, ohne baß ber Laitdrichter bazwischen fährt." Unb auch die wacke­ren Schwaben taten ihr möglichstes, als sie bie Verfolgung nach ber Schlacht bei Wörth aufnahmen.Man kann sie net I bereite," meinte einer,fo lauset fe."

Aber einen Gast sandte uns Frankreich nt bie Grenz­gebiete, ber kam sehr ungebeten bie schwarzen P o ck e it. Bekanntlich tourben, sobald bie ersten Schlachten unglücklich für Frankreich ausgefallen waren, alle Deutsche, hie" nicht schpn naturalisiert, d. h. französische Staate angehörige geworben waren, aus Frankreich ausgewiesen.- Mit größter Rücksichtslosigkeit führte bie granbe Nation, die sich immer soviel auf ihre Noblesse zugute getan hatte, diese Maßregel aus. So bekamen wir ganze Familie,t, die Verwandte in unserer Umgebung hatten, ins Land. In meiner Filiale Nohen, an ber Nahe gelegen, würbe ich I einst zu einer Taufe in eine solche Familie gerufen. Da I wurden mir aber stets immer zwei Kind e r zur ^.aufe präsentiert. Aber nicht etwa Zwillinge, sondern Ge- schwister, das zweite stand allerdiiigs schon munter_ auf den Beinen, es war in Paris geborenmb er no ch Nicht! getauft. Der Schein war von dem Zivilstaiidesbeamteu des Bezirks Montmatre ausgestellt.

Noch waren kaum 2 Tage vergangen, da er|cheint ment Hausarzt und sagt:Ich muß Sie sofort impfen, oder sind Sie vielleicht noch einmal geimpft?" Ich frage:Waruin? Antwort:Die Pocken sind in der ganzen Umgegend aus- gebrochen, sie sind von Paris aus eingeschleppt, und da | Sie öfter im Lazarett zu tun haben, ist Gefahr"für sie und