Ausgabe 
10.8.1910
 
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Wer. er kam so bald noch nicht. Am Sonntagnäch- mittag hatten die Weiber Zeit, bol paßten sie ihm ans tot der Kirchentür. Und imwer Mar er gewillt, zu hören. Ob es sich nun tun ein ungeratenes Kind oder ein krankes Schwein, ob es sich um einen die Fran prügelnden oder sie" gar zu sehr liebenden Ccheinann handelte, ob es die eheliche Treue betraf oder einen Zank mit dem Nachbar was es anch sein mochte, für alles hatte der Herr Vikar Verständnis. Die Leute fühlten es: der wußte bet ihnen zu Haus besser Bescheid als sie selber.

Die Ciotka hatte den Herrn Vikar heute am längsten aufgehalten. Ganz außer sich vor Freude war sie ob etwa auch vor Schnaps? Wer konnte das sagen! Sie hatte den geistlichen Herrn draußen auf dem Anger, immer wenn er sich schon zum Gehen gewandt, noch einmal am Rock gepackt und inbrünstig dessen Saum geküßt. Sie weinte und lachte: was hatte ihr der Herr Vikar doch Gutes geteilt! Nun hatte der gnädige Gerichtshof gestern sein Urteil ge­sprochen Löb Scheftel hatte ihr's heut in aller Frühe verkündet, als er zum Sonntag eine Rinderlende gen Przy- borowo fuhr sie kriegte nun eine Jahresrente vom Ntemczhcer! Bon denk guten, dem gnädigen, dem wohl­tätigen Herrn! Aber freilich, der Herr Vikar war doch noch besser ohne den, was hätte sie da? Mchts! Nun aber konnte sie trinken, so oft sie Durst hatte, nun hatte sie den Himmel auf Erden schon!

Uns die Knie mar sie gefallen, seine Stiefel ivollte sie durchaus küssen; er hätte sich ihrer kaum erwehren rönnen.

Ein wenig erschöpft kant der junge Geistliche in der Propstei an. Er wischte sich den Schweiß ab, und eine hohe Röte brannte ans seiner Stirn.

Zuzanna, bring ein Gläschen Ungarwein deut Herrn Vikar!" rief Piotr Stachowiak.

Mer Gorka lehnte ab: nein, das würde ihn doch nicht laben! In seinen Augen, die ganz nach innen zu blicken schienen und doch so scharf auf die Außenwelt sahen, flackerte etwas wie Unruhe. Die Begegnung mit der Ciotka war ifyrrn unangenehm gewesen wenn die sich nun ganz dem Trünke ergab, niemals mehr nüchtern wurde?! War er dann nicht mitschuldig? Aber er hätte doch das Beste gewollt! Ja, ja! Und konnte er sie nicht dazu bringen, das Trinken abzuschwören, bei der heiligen Muttergottes oder irgend einer andern heiligen Schutzpatronin? Gott sei gepriesen, ja, das konnte er!

Und was hatte nun die deutsche Ansiedlersfrau auf dem' Herzen? Mit besonderer Freundlichkeit begrüßte er diese. ;

Frau Kettchen hätte doch immer noch eine gewisse Scheu r- war es das ein wenig Fremdländische seines Deutsch­sprechens, das sie einschüchterte? verlegen zupfte sie an ihrem Umschlagetuch. Aber es half ja alles nichts, wer wußte sonst, Rat?! So Hub sie an, die Not mit ihres Mannes Sohn zu klagen. Das Weinen kam sie an, als sie erzählte, wie sehr der Junge verfalle: hohläugig sei er, ganz still, und nichts schmecke ihm'.

Jesus, och Jesus!" Tief bekümmert starrte sie auf ihre im Schoß gefalteten Hände.Er wird doch nit die Schwindsucht kriegen wie sein' Mutter selig, dat Traut?!"

Fast wollte es sie bedünken, als wisse der geistliche Herr schon um ihr Leid, denn erstaunt war er gar nicht darüber, daß einer, der deutsch war, sich in ein polnisches Mädchen verlieben konnte.

Warum will denn Ihr Mann durchaus nicht die jungen Leute zusammenkommen lassen?" fragte er.

Ja, eja no, darum' nit, weil weil" verlegen stotterte sie. Es war ihr sehr peinlich, dem! geistlichen Herrn, der doch selber Pole war, ins Gesicht zu sagen: 910, darum nit, weil sie polnisch is!"

Aber, als ob der Vikar ihre Gedanken erraten hätte, sagte er jetzt mild:Wir bieten gern die Hand. Es ist weder christlich noch klug, zu widerstreben, nur weil der eine Teil polnisch ist und der andere deutsch, Das sagen Sie nur Ihrem Manne!"

Och, ich darf ja nix riskieren zu sagen! Sie glauben Uit, Hochwürden, wie er dann falsch werden kann!"

Ter Priester lächelte.Liebe Frau, Sie verstehen es eben nicht, den rechten Zeitpunkt abzuwarten. Eine brave christliche Ehefrau hat auch das Recht, ein Wort niitzu- sprechen, besonders in Herzensangelegeulseiten und Er-.

ziehungsfragen. Hierin haben die Frauen nun einmal das bessere Urteil. Nicht wahr?" Er nickte ihr freundlich zu.

Da wurde sie rot vor Stolz über das Lob und bekam! Mut. Ja, sie würde dem Peter nun aber auch gewiß sagen, daß er lieber nachgeben sollte!Wenn dat Mädchen aber auch nur brav is," seufzte sie.Nee, wenn ich wüßt', dat sie den Jung' nit wert is, nie tut nimmer tat ich mein' Hand derzu bieten; ich tat mich ja der Sünd' fürchten! De Valentin is ja so 'ne gute Mensch! Un arm is de auch nit, he hat sein Erbteil von der Mutter selig. Et wär' zu schreckelich, wenn de Malheur hält', de is wie zürn' Glück geboren!"

Der Vikar machte ein verweisendes Gesicht: wie konnte sie nur so mißtrauen?! Nach menschlicher Voraussicht machte ihr Sohn sein Glück mit dem jungen Mädchen, das brav, fleißig, gesund und gottesfürchtig war und ans einer wohlbeleumundeten achtbaren Familie stammte. Und liebte die Stasia Frelikowskä den jungen Mann nicht ebenso, wie der sie liebte?!

Und nun erzählte der Seelsorger der Anfhorchcndcn, wie tief das Mädchen unter der Zurücksetzung, die ihr zuteil werde, leide, daß es aber viel zu viel auf sich halte, um! fürder mit einem Burschen zusamntenzukommen, dessen Eltern sie diAchaus njicht zur Schwiegertochter haben ioollten.

Das 'gefiel der guten Frau wohl. Sie wurde ganz! gerührt. Natürlich war es schwer für ein anständiges Mädchen, sich so behandeln zu lassen! Sie hoffte es aber nun doch bei ihrem Mann durchzusetzen, daß ,er die, Stasia Wenigstens einmal kennen lernte. Dann würde sich das Weitere hoffentlich auch finden!

Ja, das hoffte der Vikar auch. Und als er ihr die Hand zum Abschied reichte, sprach er, ernst und doch freund­lich:Denken Sie daran, liebe Frau, daß. Sie Ihren Mann' immer zum guten bestimmen! Männer sind oft ein wenig rauh, aber eine Frau, die ihren Mann lieb hat, kann vieles zum guten wenden. Und das bedenken Sie auch: was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheU" n. Ihr Sohn und dieses Mädchen kannten sich vor einem Ja,re noch nicht, aber ihre Ehe war im Himmel bereits be­schlossen. Wehe dem, durch welchen Aergernis kommt!"

Ganz erschrocken sah' ihn Frau Kettchen an, seine Stinune hatte plötzlich so geklungen, als ob er drohe. Wehe dem, durch welchen Aergernis kommt!" das hörte sie in einem fort auf dem Heimweg. Ja, der geistliche Herr hätte ganz recht, man darf nicht widerstreben, wenn Gott gesprochen hat!

Und sie stärkte ihre bange Seele in einem stillen Gebet. Ja, ja, es würde wohl schon das Rechte sein, ivenn der Valentin das polnische Mädchen freite!. Der Herr Vikar hatte es ja gesagt.

(Fortsetzung folgt.)

vor vierzig Zähren.

Von Pfarrer Werner in Nidda.

8. Sedan.

Metz war eingeschlossen. Wie die Alten die Städte mit Wagenburgen umgaben, so hatte man Metz mit Wall und Graben umgeben. Mit Waffen war es nicht gut zu nehmen > darum mußte ein Gehilfe gesucht werden, und das Ivar der Hunger. Soviel Mäuler wollten gestopft sein, und zwar Mäuler, die nichts! Schlechtes gewohnt waren. Saner- krauk, Kartoffeln mit Dickmilch mag der Franzose nicht; Kapaunen und Poularden, mit Bordeaux begossen, schmeckt besser.

Da wurde die Frage immer aufgeworfen: Wo steckt nur der Kronprinz! mit seiner Armee? Von Wörth aus war er westwärts gezogen, hatte Nancy passiert; warum! geht er nicht auch! nach Metz und hilft dort? Er wußte warum. Er suchte MaeMahon. Seither hätte er die Spur f auf einmal war sie alle. Der alte Moltke ahnt es. Auf einmal kommen Nachrichten von Kämpfen in Beau­mont, nahe der belgischen Grenze. Da wird es klar, Mae Mahon will längs der Grenze nach Metz und! Bazaine cnt- setzen, das führt zur Schlacht bei Sedan. Wer hat früher viel von Sedan gehört: Es war eine kleine Grenz­festung ohne besondere Bedeutung. Es kommt die Sieges­nachricht von Sedan, aber noch niM über Napoleon, der doch bei Mac Mahons Armee sein sollte. Da gehe ich am] Morgen des 3. September zur Schule, als mir ein Mann