Mittwoch den (0. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Seit Valentin der Stasia vom Widerstand des Vaters erzählt hatte, mied sie ihn. Biele Male war er nach der Försterei geschlichen, immer hieß es: die Stasia ist nicht zu Haus! Ei, wo war sie denn? Arglos hatte er zuerst aus ihre Heimkehr gewartet, aber sie kam und kanl nicht. Da merkte er endlich, sie war wohl daheim, sie wollte sich nur nicht sehen lassen. Manchen Abend, wenn -alles längst schlief, lief er noch hin bis zur Moorwiese, aus deren Saftgrün jetzt weiße Dünste stiegen und sich zu Nebelgestalten mit win- lenden Armen verdichteten. Drüben, ach drüben, auf Rufweite nah, wohnte das Mädchen! Aber wie er auch lockend Pfiff und lanter und immer lauter den geliebten Namen ries, nur das Irrlicht tauchte aus dem' Sumpf und zeigte dem Sehnsüchtigen sein unstetes Flämmchen.
Naß vom kalten Nachttan schlich dann der enttäuschte Bursche heim; leise, die Schuhe in der Hand, schlüpfte er an der Stube vorbei, darin die Seinen schliefen.
Aber eine im Hause hörte ihn doch;' die hatte wach- gelegen, bis er heimkam.
O, daß er nicht inüner zu der Sumpfwiese ginge, zu dem unheimlichen „Tupadlo"! Sie ängstigte sich deswegen, wußte sie doch, daß dort, wo es heißt: „Hier ist nnter- gegangen", einst ein Haus gelegen hatte mit Garten und Acker; Gottlose hatten darin gewohnt, und zur Strafe waren sie versunken mit Hab und Gut. Nun zeigte sich hier die verdammte Seele, die Hexe, das Irrlicht, das nachts auf einem Rade fährt und solche, die ihr» folgen, zur Hölle lockt.
„Gott Kater, Sohn und heiliger Geist!" Dreimal schlug Michalina das Kreuz. „Heilige Mutter, laß ihn nicht folgen!"
Wie ein treuer Haushund ging die Magd dem Sohn ihres Herrn nach.
Jetzt !var die Arbeit hart und der Ansiedler oft wenig zufrieden. Bräuer hatte keine guten Ernteaussichten; für den schweren Boden war die andauernd trockene und heiße Witterung wohl ganz nützlich, aber für die vielen Sandftellen, die er im Acker hätte, taugte die Dürre nicht. Auch die Moorstrecken waren hart geworden wie getrockneter Torf. Er war ganz außer sich: also dafür war man hierher gekommen ans Ende der Welt, um immer noch zn- zusetzen anstatt zu gewinnen?! Der Walentin war auch so faul, so lässig in der Arbeit, als ginge ihn alles gar nichts an. Womöglich würde inan noch einen Knecht nehmen müssen oder fremde Daglöhner — aber man kriegte ja nicht einmal solche! Was nur in dem Jungen steckte? Mark hatte der gar keins mehr in den Knochen. Die Arbeit, die ihm sonst nur so von der Hand geflogen ivar, schlich jetzt; er, der sonst für drei geschafft, müßte sich jetzt überall
von der Magd helfen lassen. Ein Glück, daß die Dirne so willig war! Morgens war sie am frühesten auf, abends am spätesten -zu Bett. Aber danu schlief sie auch — nicht zum Erwecke» — und das Essen schmeckte ihr, es war ein Spaß! Nur um das Pläsier zu haben, ihre weißen Zähne einhauen zu sehen, hieß der Dienstherr sie mit am Tische essen; sonst gehört sich der Dienstbote in die Küche.
Michalina enipfand es, daß man sie so ehrte. Oft, wenn sie mit der Frau allein war, rührte sie heimlich, wie liebkosend, an deren Kleid. Jetzt konnten sie sich beide ganz gut verständigen, und es geschah nicht selten, daß Frau Kettchen ihrer Sorge um den Sohn der Magd gegenüber Worte lieh. Dann schaute diese ganz traurig drein, schlug das Kreuz und flüsterte: „Hat er sich Hexe gesehen auf Rad! Irrlicht böses, o weh! Muß Pani dem Proboszcz sagen, daß er liest Messe!"----
Frau Kettchen war wohl früher schon in der Propstei gewesen, heute ging sie zum ersten Male wieder hin seit ihrem Kranksein. Die Magd hatte ihr versprochen, das Haus zu hüten, da konnte sie sicher sein, es war gut versorgt. Es war Sonntag nachmittag. Langsam wanderte sie durcki die reifenden Felder, der Wind spielte mit den Bindebändern ihres Hutes und mit dem Zipfel ihres Umschlagetuches. Die Sommerlüftchen waren lustig, aber ihr Herz blieb schwer. Sie hatte sich schwarz angetan wie zum festlichen Betgang.
Leise Klänge kamen mit dem Wind; sie hörte ein Rauschen in der Luft und ein Summen wie von fernen Kirchenglocken. Ach, waren das die Glocken des großen Domes, die man weithin hört im rheinischen Land? War cs das Rauschen des Stromes, an dem die glückliche Heimat lag? O nein, nur endloses Korn schlug im Wind Wellen, und emsige Bienen surrten über den Thymian am Wegrain! Der Dom und der Rhein ivaren so fern — und das Glück auch!
Horch — es waren aber doch Kirchenglocken! Die einsam ^Wandelnde blieb stehen. Nebers Windrauschen und' Jnsektengesunime hinweg rief deutlich die kleine Glocke der schwarzen Holzkirche von Pociecha-Dorf, und die Verzagte nahm ihr Herz in beide Hände und trng's eilig hin zum tröstenden Altar. —
Frau Kettchen hatte andächtig der Vesper beigewohnt — daß sie nicht alles verstand, daran war sie jetzt längst gewohnt, sprachen denn nicht auch im rheinischen Dom die Priester Latein? — danach- klingelte sie an der Propste»
Piotr Stachowiak war allein zu Haus, der Vikar war noch nicht aus der Kirche zurück, aber der würde gleich kommen. Piotr Stachowiak selber befaßte sich nicht mehr viel mit der Seelsorge, seine Nase war seit dem Winter entschieden röter geworden und seine Beine ivaren steifer. Gutmütig, aber stumin lächelte er die Besucherin an; doch auch Frau Kettchen hätte jetzt kein Wort sagen können —, nein, da war der Herr -Birär doch ein ganz anderer!


