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Sommerseele.
Bon Helene Böhlan.
(Nachdruck verboten.) lFortictzung.)
Wlitttt trat mit denr Manuskript ein itttb gab es dem jimgen Goethe in die Hand, der hielt es, ohne daran? zu «achten, und bleckte ans das Mädchen, das in seiner Seelen- vewegtchert von größter Schönheit war.
, Dia Pfarrerin erzählte, daß ein durchreisender kaiho- lycher Schreiner und Maler in ihrer Eltern Haus Zur Aussteuer für fte diesen Schrank irnd das Bett gefertigt hätte. Sie sagte: „Ich entsinne mich des noch sehr genau, es gab Streit zwischen meinen Eltern und dem reisenden Meister. — ©w sanden die Sachen Zu katholisch für ein protestantisches Pfarrhaus und wollten die Herzen und die Dornenkronen forthaben. Der wunderliche Mann aber sagte: „Trägt bei !cucy unser Heiland keine Dornenkrone, und hat man bei euch keine Herzen, die durchstochen sind und keine, die brennen, so sollt ihr mir leid hm, und ich male euch was anderes hin." ’
„Da sagte meine Mutter: „Laßt sie nnr darauf, Herr Meister, Dornenkronen irnd zerstochene Herzen gibt.s wohl aller Orten. Es ist gut, das immer vor Augen zu haben."
„Frau Pfarrerin," meinte Stollberg, „Ihre Frau Mutter war etne echte Protestantin, aber die brennenden Herzen hat sie ganz vergessen." 0 ’
„Das mag sein," meinte die Pfarrerin, „sie war eine hart geplagte Fran, meine gute Mutter, ihr standen die Bornen kränze jxffl (lm nächsten."
prächtig strömte der Regen jetzt über die Sommerland- schaft hin, durch die offenen Fenster drang Korn- und Erdgeruch herein.
„Nun müssen die Herren schon noch ein bißchen mit !rms fürlieb nehmen," meinte die Pfarrerin.
Der junge Goethe bat, das Lied noch einmal zu singen, das fre im Borübergehen gehört hatten.
T «Au, tut das, ihr Kinder," sagte die Pfarrerin, und vhne daß fre sich zierten oder bitten ließen, öffneten sie das Spinett, Alma spielte, und sie sangen:
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud'
In dieser schönen Sommerszeit
An deines Gottes Gaben;
Schau arr der schönen Gärtenzier Dnd siehe tote sie dir und mir Sich ausgeschmncket haben.
Die Bätlme stehen voller Laub', Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide.
Narcissus imb die Tulipan, ®te ziehen sich viel schöner au, Als Salomonis .Seide."
Das fromme, lebensheiße, schöne Lied zog in seiner Schönheit in aller Herzen ein und stimmte sie festlich und feierlich.
Während des Gesanges trat, vonr Regen ganz besprengt, Uerle ein, sachte, tote er es zu tun gewohnt war. Er blieb aber auf der Schwelle, unfähig, sich zu regen, stehen; eine tiefe Glut stieg in feinent Gesicht auf und setzte sich an den Ohren fest, die wie Mohnblumen zu brennen begannen. Ja, er stand und stand und schaute und wagte nicht vor- und nicht rückwärts Zu gehen. Der junge Goethe erbarmte sich seiner Not, stand auf, gab ihm die Hand und wies ihm den Platz neben sich auf der Ofenbank an. Da saß nun der gute Uerle mit einem völlig ratlosen Gesicht.
Als die Mädchen geendet hatten, sagte der junge Goethe Zur Pfarrerin: „Haben Sie etwas dagegen, verehrte Frau, wenn wir hier im singenden Hause noch ein wenig bleiben, trotzdem der Regen nachgelassen hat? Es ist eilte so schöne Stunde jetzt."
Die Frau Pfarrerin gab lächelnd ihre Zustimmung und sagte: „Fremdes Brot ist den Kindern Kuchen. Bleiben Sie, wenn es Ihnen gefällt, uns ist es eine Freude."
Das wurde nun ein wunderschöner Abend. Draußen war die Luft angefrischt, das unverhoffte Begebnis, so vornehm liebenswürdige Menschen bei sich Zu sehen, die sich zwanglos natürlich betrugen, stimmte alle lebendig und froh. Unter den Linden deckten die junge Witwe und Alma den Tisch, lierte saß unter den anderen im Zimmer, hatte das Bübchen, gewissermaßen seiner Verlegenheit zum Schutze, auf den Schoß genommen und gab sich still und bescheiden init ihm ab. Alma trug eine Schüssel voll Erdbeeren, dis sie am Morgen im Garten gepflückt hatte, frische Milch, Brot und Butter, zum Abendessen auf, und die Pfarrerin lud ihre Gäste freundlich und mit einer angenehmen Würde ein, mit ihnen zu speisen. Sie ließen sich nicht lange bitten, und bald saßen alle harmlos beieinander unter den brausenden Bäumen, und es war, als wäre man längst schon bekannt miteinander gewesen. Die Mädchen und das junge Frauchen tauten aus einer etwas ehrfürchtigen Stimmung auf und genossen das außerordentliche Ereignis. Alma war still und bediente die Gäste.
„Run sieh," sagte die Pfarrerin, „es ist noch nicht gar so lang' her, da sagtest du: nichts Absonderliches geschieht, eilt Tag geht wie der andere — und nun ist doch etwas geschehen. Ist dir's nun so recht?"
Sie antwortete nicht und blickte ihre Mutter still an.
Die beiden Stollbergs waren vergnügt und ausgelassen. „So eilt mondstrahlenzartes Frauchen mit seineiu Bübchen auf dem Schoß," sagte der jüngste Stollberg, „ist doch ein wundersüßes Bild — schade, daß wir keine Maler sind. Ich wüßte gar nicht, wo wir hier beginnen sollten. Ich glaube, wir sind in ein Märchen geraten, und das Haus ist tote ein Pilz aus der Erde mit all seinen Bewohnern aufgeschossen."
Als man sich vom Tisch wieder erhob, bat der junge


