Ausgabe 
9.6.1910
 
Einzelbild herunterladen

352

Hat Sie schon in Hamburg aus b'er Mhue betomtb'ert, schlagen Sie es ihm nicht ab. Ich willigte, wenn auch mit Widerstreben, ein. Prechtler werde ihn noch am selben Abend sehen und wolle mit ihm den nächster: Tag komme::. Ich bereute, nachdem er Mich verlassen, meine Einwilligung gegeben zu haben. Mein ängstliches Gefühl, die Furcht, ihn zu sehen, vermehrte sich, ja sogar die Nacht im Tranme erschien er mir als Meister Anton ich als Klara ich sah die Ziegel von den Dächern fallen, doch keiner traf mich mit diesem Angstgefühl erwachte ich und Herharrte darin, bis Prechtler die Tür öffnete und Hebbel her- tzintrat. Seine hagere Gestalt, die blasse Leidensmiene flößten mir beim ersten Anblick das tiefste Mitleid ein. Meine Furcht war verschwunden. Seiner ersten Worte entsinne ich mich nicht mehr, doch glaube ich, es tvar ein Lob auf mein Talent. Er bedauerte, die Judith nicht von mir sehen zu können, dann sprach er über die dramatische Kunst, über Dichter, nie hatte ich ähnliches gehört, ich war begeistert. Ich sah nicht mehr die Hagere Gestalt, ich sah nur sein blaues Auge, aus dem Funken sprühten, als er so sprach. Beim Fortgehen sagte er mir Lebe­wohl, da er an einem der nächsten Tage abreisen wolle. Mir wurde recht traurig zumute, als er mich verlassen ich hatte von seiner Armut gehört, seine ärmliche Kleidung, der schwarze Frack, der ihm nicht paßte, bezeugten sie nur zu sehr. Wenn ich reich wäre, sagte ich mir, so würde ich ihm eine sorgenlose Zukunft schaffen dies war mein Gefühl bei seinem ersten Scheiden. Welche geraume Zeit liegt jetzt zwischen dem ersten und letzten Scheiden, welche Kampfe, welche Leiden, aber auch welche Freuden! die nur der zu Ymrdigei: weiß, der wie Sie, lieber Freund, Hebbel als Geist, -ls Charakter kannte. Längst glaubte ich Hebbel abgereist, da tritt er eines Tages wieder in die Tür, aber wie veredelt dem Aeußeren nach eist feiner eleganter Oberrock, ein gleicher Hut und Handschuhe ich traute meinen Angen kaum. Sie staunen gewiß, mich hier -roch zu sehen, sagte er, ja, so spielt das Glück zuweilen mit einem Fangball und vereitelt unsere Pläne. Mir tvarf es einen Freund und Verehrer meiner Werke in den Weg, der mich zurück­hielt, mich einlud, bei ihm zu wohnen und noch einige Zeit in Wien zu bleiben. Ich nahm die Einladung mit Vergnügen an, da sie mir Gelegenheit bot. Ihnen noch einmal Lebewohl wünschen können, weil Sie doppelt wohl zu leben verdienen. Ich verlebte wieder eine glückliche Stunde, in der ich ihn sprechen hörte; etwas zu erwidern jungte ich kaum in meiner Schüchtern­heit, denn mir erschien alles, was ich hätte sagen können, zu Unbedeutend, zu kindisch. Nur aus meinen Augen (auf deren Ausdruck er später alles gab) konnte er sehen, tvelchen Eindruck ler auf mich machte. Diesmal glaubte ich wirklich an seine Ab­reise, die er in den nächsten Tagen antreten wolle mit tiefer* Trauer darüber sagte ich ihm ein herzliches Lebewohl! Acht Tage waren vergangen, da stürzte eines Morgens mein Mädchen in die Tür und meldet, da es noch früh war, Herrn Dr. Hebbel. Ich traute meinen Sinnen nicht, doch ein freudiges Ach! entrang sich meiner Brust. Diesmal komme ich nicht, um Lebewohl zu sagen, wohl aber um zu fragen, ob ich öfter kommen darf. Sie halten mich hier fest. Was ich darauf erwiderte, weiß ich nicht mehr ich glaube, es war ein stummes und doch beredtes Zeichen, das einem Kuß nicht ganz nuähnlich sah . . ."

Vermischtes.

* Eine kühne Reiterin. Eiiren verwegenen Ritt, dessen Ziel nicht weniger als 5420 englische Meiler: von seinem An­trittspunkt entfernt ist, hat ein abenteuerlustiges Kosakeumädchen namens Kudascheff soeben angetreten. Auf ihrem kleinen grauen mongolischen Ponny will das Mädchen von Charbin bis nach Petersburg reisen. Ganz allein hat sie den Ritt angetreten, nur ein großer Bernhardiner Hund wird sie begleiten. Die mutige Reiterin sitzt im Männersattel und führt als Waffe nur ein Jagd­messer und einen Revolver mit. Sie war früher an der sibirischen Eisenbahn angestellt und hat sich im russisch-japanischen Kriege besonders ausgezeichnet. Damals erhielt sie die goldene Medaille für patriotischen Eifer.

* Der Abb 6 der fahrenden Leute. Ein Seitenstück zu dem ehrwürdigen Pilger Luka in GorkisNachtasyl" tvar der allgemein verehrte Abbs Bazire, der dieser Tage in dem von ihm gegründeten und geleiteten Nachtasyl in Rouen gestorben ist. Er erfreute sich einer besonderen Volks- tümlichkeit in Kreisen, die sonst allem Kirchlichen fern stehen pflegen: bei den Angehörigen der untersten Artisten­welt, den Seiltänzern, Feuerfressern, Karussell- und Schießbuden­leuten und allem, was sich sonst als fahrendes Volk auf Jahr­märkten und Messen zusammenzufinden pflegte. Vor ettva 20 Jahren, als er noch Anstaltsgeistlicher bei den Ursulinerinnen war, hatte Abbe Bazire zum ersten Male in Rouen die Kinder der Jahr­marktsleute um sich vereinigt, um sie auf die Kommunion vorzu­bereiten. Bald danach gründete er mit den Mitteln, die er sich dafür zu verschaffen wußte, eine ständigeJahrmarktsschule" ans Rädern, die der Budenstadt überallhin auf die großen Märkte und Messen nur Paris und bis nach Havre und Rouen folgte.

Die fahrenden Leute betrauern den Tod des so lange väterlich um ihre Kinder besorgten Priesters aufrichtig.

* A u s S a ch s e n u n d B a y e r n. Die Behörden im König-: reich Sachsen sind nach wie vor in geradezu vorbildlicher Weise bestrebt, innerhalb ihrer Verwaltungen der deutschen Mutter­sprache auch bei Titeln, Bezeichnung von Dienststellen, bei Fach- ausdrücken und bergt zu ihrem Rechte zu verhelfen. So hat, wie die Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins be­richtet, das sächsische Finanzministerium vor kurzem angeordnet, daß die bisherigen Wasser-Bauinspektioiren künftig die Be­zeichnungW a s s e r - B a n a m t" und die T a l s pe r r e n - B a u- b u r e a u s die BezeichnungT a l s p e r r e n - B a u a n: t" zn führen haben. Man sieht, daß dasBureau" keineswegs, wie vielfach behauptet wird, zu den schlechthin unentbehrlichen Fremd-. Wörtern gehört, das man durch die SchreibweiseBüro" cich- deutschen solle. Büro ist und bleibt selbstverständtich ebenso un- deutsch wie Bureau. Auch istBureau" nun einmal die amtlich vorgeschriebene Form. Ferner sind Mitte Febrnar auf Grund der genehmigten neuen Gehaltsordnung durchSignat" des Prinzregenten Luitpold von: 21. Dezember 1909 für die königlichen Hofbeamten eine große Anzahl von Aenderungei: der Tienstbezeichiningen (so heißt's dabei stattTitel") verfügt worden. Darunter befinden sich folgende verdeutschende Verbesserungen: Oberstabsrat statt bisher Hofjustizrat, Stabsrat statt Intendanz- rat, Oberstabsinspektor statt Jntendanzoberinspektor, Stabskassierer statt Jntendanzkassierer, Stabsdiener statt Intendanz- oder Bureau­diener, Schloßwart statt Garderobenaufbewahrer, Leinwandkammer­gehilfin statt Offizengehilfin.

* Unmöglich. Bürgermeister (z:im Dorfpolizisten):Den Gauner hast du entwischen lassen?! . . . Warum hast du ihn nicht festgehalten?" Polizist:Wie hab' ich das können? In einer Hand hab' ich den Säbel gehalten und in der anderes den Revolver!"

Büchertisch.

Süddeutsche M o n a t s h e f t e" (München, Süd­deutsche Monatsbelte, G. in. b. £>.). Das Junihelt enthält:Die Tarantel", Erzählung aus dem süditalienischen Volksleben von Hector G. Preconi. Eine Ueberschunq des 15. Gesanges von Homers Odyssee durch Rttdolf Alexander Schroeder, eine zwei große Kapitel umfassende, an heiteren Episoden und beherzigens- iverten Betrachtungen reiche Fortsetzung von Ludwig Ganghofers Lebenslaus eines Optimisten". Briese des Komponisten Heinrich Marschner und seines Dichters E. Devrient von Edgar Jstel, die sich voriviegend aus die OperHans Helling" beziehen. In schaner Stellungnahme brandmarkt I. HoimillerDie Not des dentschen Unterrichts" an unseren Mittelschulen und gibt Vorschläge zu seiner Reform. Ebenso energisch gehalten ist der Artikel von Georg v. Skal in Newyork überDentsche Pankeepolitik"; im Hinblick aus die Vorgänge, die zur Verschiebung der amerikanischen Ans- stellung in Berlin gesührt haben, wird das Verhalten der Reichs- regierung Amerika gegenüber der schärfsten Kritik unterzogen.

Grieben s Reiseführer. Baud 53. D i e N o r d - seebäder. Band 55. Die Ostseebäder. Verlag von Al­bert Goldschmidt, Berlin. Wer ein passendes Bad finden und sich schon zu Hause über alle wissenswerten Dinge orientieren will, dem seien die genannten Gricbeiischei: Reiseführer empfohlen^ Beide sind soeben in neuer Bearbeitung in 14. Auflage erschienen. Nach einleitenden Betrachtungen geben die Bücher Ratschläge über den Gebrauch von Seebädern soivie Angaben über das Leben des Meeres, Seezeichen, Flaggensprache, Dampfschiffverbindungen nsw. Den Hauptteil der Führer bilden die Aufführung der einzeluent Bäder (mit Angaben über Kurtaxen, Bäderpreisen, Hotels, Pen­sionen, Vergnügungen, Ausflüge usiv.) ihrer geographischen Lage nach. Sorgfältig ausgeführte Karten ergänzen den reichen Inhalt,

Stal-Aufgabe.

Es wird Zwaugsramsch gespielt, günstigsten erscheinenden Karten erhält

Die für den Ramsch am Mittelhand:

Obwohl Mittelhand die Pique-Zehn abtversen kann, längt sie den Ramsch. Wie saßen die Karten und wie mußte gespiel werden?

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Erfahrung ist eine teure Schule.

Q Q

O <>

Q Q

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.