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sende Windstöße in den Tarnienkrvnen und ästf dem Stein- geröll der MHLnge verzehrende Sonnenhitze. Heimliche Leidenschaft, Schuld und Glück und Elend zugleich.
Wie nah, imb doch wie fern I Es ist mir, als ob! ein fremder Mensch das alles erlebt hätte, nicht ich. Agnes Weddigen war ja auch ein ganz anderer Mensch, als Agnes Bernhardt heute ist!
Ich must mit halbem Lächeln meinen Mann anschauen, der breitschulterig und fest neben mir geht, das Gesicht frisch von der Berglust, mit dem blondroten Bart, der schon viele weiße Fäden hat. Der eigensinnige Haarbusch über der Stirn ist schon ganz silberig. Ich ärgere ihn damit, daß 'es vom Ehestandskreuz kommt. Kriegsjahre zählen doppelt! —
Die Klamm! Nicht in Schneevorhängen und grün- aläsernen Gletschern wie damals. Nur graues Gestein, kirchturmhoch, mit Moos überkrustet, überall blank von feuchtem Geriesel und kleinen, aufgeregten Wasserfällen, die silberig und schaumig in die Tiefe schießen, hie und da in Strahlen und Schleiern über den schmalen Weg stäubend,
Mer die Wasser sprechen nicht so laut wie damals.; Es ist lange trockene Zeit gewesen, die Parin ach ist zähm' heute.
Ich bleibe auf einmal unwillkürlich an einer Felsecke stehn und sehe an den Steinwänden hinauf. Hiev war es ja. Weiter kenne ich die Klamm nicht. Hier stellte sich mir damals der Tod in den Weg.
Lotte steht unbeweglich neben mir. Ich weiß, daß sie jetzt auch daran denkt.
Es ist nie seitdem zwischen uns ein Wort über Tilla und Georg gefallen, obgleich Lotte oft wieder in Darmstadt bei ihrer Mutter war.
Aber durch gleichgültige gemeinsame Bekannte habe ich einmal zufällig gehört, daß es der hübschen Frau von Berg und ihrem Mann gut geht. Es wäre ja früher so allerlei über ihre Ehe gemunkelt, aber na, man mußte eben nicht jeden Klatsch glauben, jetzt wäre jedenfalls in keiner Weise etwas über die beiden zu sagen. Frau von Berg lebte jetzt viel mehr für Haus und Kinder als früher es ist noch ein Töchterchen da, etwa in Anne-Margret-i chens-Alter — und wie er, der Mann, besonders in dem bildhübschen Jungen aufging, das war einfach rührend. Nein, wrrklich ein reizendes harmonisches Heim, das Bergsche!
Wenn die guten Bekannten geahnt hätten, was ich aus ihrem hannlosen leichten Geplauder heraushörte!
Ganz war ich ja nie das heimliche Schuldbewußtsein losgeworden — und nicht nur dem Kind gegenüber! Seit ich selbst verheiratet bin, ist es mir erst aufgegangen, daß die Ehe etwas so Heiliges und Vertrautes ist, daß auch bei Irrungen zwischen Mann Und Frau jeder Dritter, der die Hand einmischt, Sakrileg begeht. Ich hatte mich länge mit dem Gedanken getragen, Tilla zu schreiben, und doch den Entschluß nie gefunden.
Nun wußte ich, daß Georg den Weg gegangen war, den er damals in der schwersten Versuchung als den rechten erkannt hatte. Daß sie sich in den Kinsern wiedergefunden hatten, er und seine Frau. Der Stein war mir von der Seele, alles war gut. Das Beste, was ich ihnen tun konnte, war, daß ich für sie verschollen blieb. Tilla wird mit der sseit auch milder und ruhiger über mich denken, sie war tnt Grund nie eine harte und kleinliche Natur.
Das alles geht mir rasch durch den Kopf, wie ich da neben Lotte rn die Tiefe hinunterträume.
„Aga, weißt du noch, damals?" sagt fie jetzt auf einmal lief aus Gedanken heraus und wird in der nächsten Sekunde dunkelrot und wagt nicht, mich anzusehen.
Mein Mann, der Seppl an der Schulter festhält auf dem schmalen, in den Felsen gesprengten Weg, wendet sich um, er hat es zufällig gehört.
„Was war damals?"
Lotte und ich sind erst still.
„Ich bin hier fast einmal abgestürzk. Die Klamm war stoch vereist. Ich war mit Freunden hier, Hauptmann von Berg und seiner Frau. Wenn er, der Mann, nicht gewesen wäre, läge ich da unten."
Die Erinnerung an die schrecklichen Stunden ist der Mamin Must mir eiskalt über den Rücken, Ich muß! eine Hekuude die Augen Mießech
>,Berg? Berg?" besinnt sich Bernhard, „von den Freunden Käst du mir ja nie erzählt."
Lotte bückt sich seitwärts nach ein päär winzigen' Farnen. Sie will diskret fein. Mer das ärgert mich auf einmal. Ich verlange gar feine Diskretion. Ich schiebe; meinen Arm in den meines! Mannes und sehe ihm ins! Gesicht.
„Es wär auch eine traurige Geschichte, Bernhard. Wißt du, die Beichte, die du nie hast hören wollen!"■
„Aha! Hm."
Einen Augenblick ist er doch überrascht. Wer dann legt er auf einmal feinen Arm gemütlich um meine Schultern und schaut mich! au, mit einem humoristischen Zuckest um die hellen Augen: „Hm. Also dem Mann habe ich eigentlich meine Frau zu verdanken! Was meinst du, Schatz? Platz haben wir ja int Haus. Wollen wir uns die mal als! Logierbesuch einladen?"
Wir sehen uns an und verstehen uns und lachen.
Dicht zufammengedrängt, meinen Arm in seinem, gehest wir werter auf dem schmalen Weg, unfern Jungen vor uns, der stumm mit großen, ehrfurchtsvollen Augen um sich schaut. Wer sprechen rönnen wir nicht mehr, die Wasser- stimmen werden nun doch zu laut zwischen den echofangeu- den Steinwänden.
Ich horche. Und das große verworrene Brausen wird mir traumhaft int Ohr zu einer starken, geheimnisvollen Melodie. Wie getragen fühle ich mich darauf. Und was ich heraushöre, ist nicht Tod und Sterben wie damalch Immer nur: Leben! Leben! Leben!
Das Mort, das mein Vater liebte mit einer tiefen; verstehenden, glaubenden Liebe! Und das wir beide, meist Mann und ich, mit der gleichen Liebe unfern Kindern ist die kleinen Hände weitergeben wollen!
Die LufLWMrL in ihrem gegenwärtigen Stande.
I. M okorb allo ns.
Die jüngsten Ereignisse auf dem Gebiete der Luftschissahrt, dis Kaiserpromenade bei Homburg, die Katastrophe bei Weil- bürg, Paulhans Flug London—Manchester, sein jüngster Höhest- rekord, die zweite Ueberflijegung des Kanals durch Lesseps, habest die allgemeine Aufmerksamkeit wieder stärker aus diesen tteuenl Zweig der modernen Technik gelenkt.
Es sind eigentlich feilte Ucberraschungen, was uns die Luft- schifsahrt in diesem Jahre gebracht hat. Wir sehen das im vorigen Jahre mit so überwältigender Geschwindigkeit, fast Ueberstürzung! Herangewachsene aus einem gewissen Grad der Vollkommenheit, und aus der verwirrenden Masse der Entwürfe, Erfindungen, Experimente heben sich! führende Typen fest und bestimmt heraus Und erringen sich bleibenden Bestand. In Deutschland sind es auf dem Gebiete der Lenkballons noch immer die drei Systeme Groß- Basenach, Parseval und Zeppelin, die um die Vorherrschaft ringest. Tenn ein? Rivalität Herrscht, das läßt sich nicht leugnen, und nach der Weilburger Katastrophe schien der Kampf zugunsten der Bal- lonet-Lustschiffe Groß und Parseval entschieden. Der Fall lag anscheinend klar: Tie drei Luftschiffe führen die Fahrt nach Homburg sämtlich einwandfrei aus, aber der Z. II vermag nicht mehr zurückzukehren, er zerschellt an den Weilburger Felsent während M. II und P. II, der eine mit der Bahn, der andere auf dem Luftwege, glücklich und unversehrt wieder in Köln eintreffen. So einfach ist die Sache nun aber doch nicht. Zwar der Militärbehörde vorzuwerfen, sie hätte nicht auf die Warstustg der Md- teorologen gehört und in erster Linie hierdurch die Katastrophe verschuldet, will zur Verteidigung des Zeppelinschen Systems nichts heißen, da ja die beiden anderst Schiffe unter denselben Bedingungen (?) fuhren und trotzdem den Hafen glücklich erreichtem Aber andere, schwere Fehler sind gemacht worden. Zunächst; warum ließ man den Z. II nicht zusammen mit P. II in der Nacht noch fahren? Die Militärbehörde sagt: Wie recht man daran getan hat, zeigte die schwierige Heimfahrt des P. II. Liegt es nicht viel näher zu sagen: Wie unrecht man daran tat; zeigt die Zerstörung des Z. II, während P. II ohne Unfall den Hafen erreichte? Es liegt in dieser Erklärung eine entschiedene Zurücksetzung des starren Systems, da darin doch gerade- zu gesagt ist, daß der „Parseval" Schwierigkeiten zu überwindest vermag, denen das Z.-Schiff nicht gewachsen ist. Für die Ballonet- luftschisfe Ungünstiges wird verschwiegen. So wird behauptet' eS hätte im Plan gelegen, das M.-Schiff abzurüsten, um' hierin Erfahrungen zu sammeln. Nun, es wurde bisher noch nicht daraus hingewiesen, daß der Ms I nach feiner Ankunft in Homburg mit Gas nachgefüllt wurde, Und zwar so reichlich, daß für Z. II nicht mehr genügend übrig blieb. Das wäre denn doch mehr als überflüssig gewesen, wenn ist der Tat die Absicht von porst- Mein Mcmdest hätte, M Luftschiff zu LeMÜtjexM,


