Donnerstag den 9. Juni
N
1910 M. 88
M!
Ihres Vaters Tochter.
Momart von Sulu vou Strauß unb Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß)
„Agnes, Sie dürfen nicht nach München! Ich will es nicht! Oder nur, wenn Sie mir eins versprechen: daß Sie dem Buben wirklich sein wollen, was Sie ihm jetzt schon innerlich sind, seine Mutter! Dann kriege ich doch auch noch ein bissel ab! Sonst halt ichs nicht aus!"
War das möglich? Ich brachte kein Wort heraus, wir schoß alles wirr und wild durch den Kopf. Seine Frau?
Ja, ja! Nein, darf ichs denn? Kann ichs denn? — Ja — nein —
Er mißverstand mein Zögern, mit einem Ruck ließ er mich los.
^Verzeihen Sie. Es war ja ein toller Einfall! Wenn Sie das nicht vorhin gesagt Hütten, daß für Sie alles vorbei wäre, hätte ich auch den Mund gehalten!"
„Ja, ja — das damals ist auch vorbei — aber — wenn ich nur könnte —"
Georg! An ihn konnte ich ganz: ruhig denken in dem Augenblick, zum ersten Mal ruhig!
Aber die andere Frage: muß ich das jetzt nicht sagen? Hab ich mein Bestes nicht schon verschenkt? Hat der Mann da nicht Besseres verdient, als ich ihm zu geben habe? —
Er mußte aus meinem Gesicht mehr verstehen als ans meinen verwirrten Reden. Ich war auf einmal in seinem Arm.
„Ich weiß, ich weiß! Still, Kind, ich will keine Beichte. Ich will überhaupt nichts von dir, nicht mal lieb haben', wenn's noch nicht geht! Nur Vertrauen! Hast du das?" —
Ja, ja, das hab ich! Wenn ihm das genug ist!
Ich habe kein Wort gesagt, er verstand mich so. Ein Gefühl von Geborgensein und großer Ruhe kam über mich, daß ich nichts tun konnte, als mich an ihn lehnen wie ein müdes Kind. Ich hörte nur seine gute Stimme, wie er mir mit der großen Hand sacht über den Kopf strich!: -,So ein verflogenes Vögerl, so ein liebes!"--*
Bor Vaters Bild haben wir gestanden, ohne zu sprechen. Und haben innerlich doch viel gesagt.
Und nachher sind wir hinaufgegangen zu Seppl, zu unserm Buben. Der saß und sah uns mit verweinten .Augen entgegen, und die Augen wurden immer größer. Er sah wohl unsern Gesichtern etwas Besonderes an.
Die Zenz, die mit dem Strickzeug bei ihm saß, begriff auch. Sie heulte plötzlich auf.
./Jesses Marie Jusep! Der .Herr Professor und's Fräule! Jetzt das Margretl, wann's das wissen tat! Das Herz tät's ihr abdrucken!"
Wer ich hab! ihr die runzligen Hände vom Gesicht gezogen.
„Nicht weinen, Zenz! Das' Margretl freut sich auch! Und ich hab das Margretl lieb, weil es mir solchen lieben Buben gelassen hat!"
Und den hab ich dann geküßt, als ob ich ihn erdrücken wollte.
„Seppl, Liebling, wir bleiben beisammen, Vater hat's erlaubt! Aber nur, wenn du brav bist und von heute ab Mutter zu mir sagst! Willst du das?"
Er verstand es nicht gleich'. Wer der Professor —. fein Vater — Bernhard — schob sich auf einmal breit unbl behaglich zwischen uns'.
'„Nä, Seppl, sag, wen hast nun am liebsten, die da oder mich? Gelt, die? Ist auch recht!"
Aber Seppl, der Schelm, besinnt sich, schüttelt den Kopf und wirft die Arme weitauseinander und lacht urts an: „Alle beide!"
* * *
16. Juni 1903.
Selbstgespräche habe ich eigentlich nicht mehr nötig.. Mein Leben ist so real und so voll lieber, guter Tatsachen/ daß ich die Worte nicht mehr brauche. Aber die paap letzten Seiten in diesem alten Heft sind nun schon seit zwei Jahren so hübsch weiß und blank und hungrig nach Buchstaben. Und eigentlich gehört der Tag gestern noch eilt wenig zu dem, was ich damals .in die Hefte schrieb'.-
Wir haben nämlich unferm Jungen Partenkirchen gezeigt. Es war ihm versprochen -als Belohnung, wenn er brav lernte — obgleich er eigentlich keinen Ansporn braucht. Und die Partnachklamm ist ein Stück Gebirg, das Seppl mit seinem Bein — er zi-eht's nur noch unmerklich nach) — jetzt bewältigen kann, und das ihm doch alle Hochgebirgsschönheit auf einmal schenkt, dem empfänglichen kleinen Menschen mit den ernsthaften Augen.
Die Zenz hütet urii) verzieht mir zu Haus mein Anne- Margretl für die zwei Tage. Das kann noch keine Berge krareln. Quer durch die Stube ist schon eine Reise auf den lieben täppischen Füßchen.
Aber unsere Hausgenossin und Hauskobold, die Lotte, haben wir mitgenommen, trotzdem sie, seit ihr hübscher Pole vor einem Jahr auf mystische Weise von der Bildfläche verschwand und damit ihre Jugendtorheit ein rasches' und unschädliches Ende nahm, nur noch mit Gewalt von der Staffelei zu bringen ist. Aber wenn der Herr Professor mitmacht, gönnt sie ihrem heiligen Eifer auch einen Feiertag.
Mein lieber großer Bär von Mann war den ganzen Tag unter seinem Lodenfilz übermütig wie ein Bub, jodelte etwas mißtönend die hohen grauen Bergmauern an und neckte si.ch mit Seppl.
Ich habe zwar die Sentimentalität verlernt, aber mir wars doch etwas eigen zu Sinn, als ich wieder den Weg zwischen den grünen Gebirgswiesen und Heustadeln ging, dev zuletzt bei der Sägemühle in die kühle Klamm führt.
Wie lebendig alles von damals mir wieder wurde! Die ganze unruhige Vorfrühlingsstimmung: frostige, fau«


