Ausgabe 
9.5.1910
 
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Böhmisch-Schilda.

Böhmisch-Schilda liegt, wie in derKöln. Ztg." sehr humor­voll ausgeführt wird, an der Moldau. Es ist eine Stadt mit hundert nnd mehr Türmen und führt auf den offiziellen Land­karten den Namen Praha, zu deutsch Prag. Ehemals war es eine deutsche Stadt unb erwarb sich als solche den Ehrentitel des goldenen Prags. Seit einem Menschenalter aber oder etwas länger ist es eine tschechische! Stadt, MfitiN seitdem ist es ein Böhmisch-Schilda; denn au unfreiwillig Erheiterndem, das darin geschieht, ist kein Mangel. So zeigen die Böhmisch-Schildaer eine ergötzliche Großmannssucht. Nichts tut ihnen Wohler, als wenn die Generalkonsuln fremder Mächte, die bei ihnenakkreditiert" sind in ihrer Vorstellung sind sie das nämlich sie behandeln wie die Häupter einer Großmacht Böhmen. Sie empfangen auslän­dische Stadträte und Turnvereine wie Abordnungen befreundeter Rationen, die beabsichtigen, mit der großen tschechischen Nation in ein enges Bundesverhältuis zu treten, unb entsenden zu diesen! Nationen ans ihrer Mitte Abordnungen, die vor fremden Bürger­meistern und Turnvereinen auftreten wie diplomatische Missionen. Besonders sind sie darauf erpicht, die Gunst der grande uationi gu gewinnen, deren Beistand gegen beit gemeinsamen deutschen Erbfeind zu erwerben ihnen kein Opfer zu gering erscheint. Im vorigen Jahre haben sie zu diesem Zwecke eine runde Million geopfert. Denn um der schönen Augen der grande nation willen haben sie die Lieferung der Röhren für die städtische Wasserleitung, die sie nun endlich doch Zeit finden zu bauen, einem französischen Werke in Pont-L-Moussou auvertrant, trotzdem sie aus dem eigenen Lande ein Anerbieten hatten, daS um fast eine Million niedriger war. Dieses Anerbieten hatte allerdings einen bitteren Beigeschmack: es kam von einer Gruppe heimischer Fabrikanten, die vorwiegend deutsches Kapital vertrat. Unb mochte auch ein gut Teil der Fabrikanten dem eigenen Volke mtgehöreu, mochten auch alle zusammen dein eigenen Lande die höchsten Steuern zahlen und dem eigenen Volke die wichtigsten Arbeitgeber sein, die Förderung der tschechisch-französischen Beziehungen erheischte das Opfer: Pont-ä-Mousson bekam den Lieferungs-Auftrag. Damit aber hatte die Weisheit der Böhmisch-Schildaer eine Meister­leistung vollbracht. Denn das französische Werk in Pont-ß-- Monsson entpuppte sich bald danach als ein Aktienunternehmm, dessen Aktien sich in den.Händen reichsdeutscher Kapitalisten be­fanden. Ein anderes Schildbürgerstückchen der Böhmisch-Schildaer ist der Bau eines stolzen Reprüsentationshauses. Ein solches war unbedingt notwendig, um der Großmacht Böhmen eine Stätte zu bieten, wo sie die Vertreter fremder Mächte würdig empfaugeir könnte. Ursprünglich sollte dieses Repräsentationshaus nur 3y8 Millionen kosten. Es ist aber jedes Jahr des Banes eine neue Million hinzugekommen, und jetzt ist schon beinahe der doppelte! Betrag erreicht, ohne daß das Ende abzusehen wäre. Es findet sich nämlich immer noch etwas, was man dem ursprünglichen. Plaue glaubt hinzufügen zu müssen. Und schließlich bat sich her- ausgestellt, daß nmn, wenn auch nicht wie beim Rathausbau der Schildbürger im Märchen die Fenster, so doch eine andere wichtige Einrichtung vergessen hat, wo gewisse reinmenschliche Bedürfnisse befriedigt zu werden pflegen. Noch ist das homerische Gelächter über diesen Streich nicht verhallt, da liefert Böhmisch-Schilda schon wieder Stoff zu neuer Heiterkeit.Zeppelin 3" plant einen Besuch der Kaisetstadt an der Donau als Huldigung für den numnehr 80 jährigen Monarchen Franz Josef. Die Rückfahrt sollte über Böhmen und Ostdeutschland ausgeführt werden. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, auch dem goldenen Prag einen Besuch abzustatten. Die Zeppelin-Gesellschaft fragte nun, wie wenigstens tschechische Blätter erzählen,, bei der Prager Handels­kammer an, was sie über eine Landung des Luftschiffs in Prag dächte. Die Prager Handelskammer gab die Anfrage an den Prager Stadtrat weiter, und dieser erwies sich seines alten Schild­bürgerrufs würdig. Andere Stadtväter würden den Besuch mit Freuden willkommen geheißen unb alles zugesagt haben, was bett Luftschiffern die Landung hätte empfehlen können. Die drolligen Vertreter von Böhmisch-Schilda sahen aber in dem Besuche eines Luftschiffes, das den glänzendsten Triumph mensch­licher Technik, darstellt, nicht die Gelegenheit, der Leistungsfähig- reit des menschlichen Geistes ihre Reverenz zu machen, sondern vielmehr so etwas tute den Einbruch eines Feindes. Denn der Erbauer dieses Luftschiffes ist ja ein Angehöriger der feindlichen deutschen Nation. So setzten sich.denn die wackeren Prager Stadt­räte an den grünen Tisch und faßten folgenden weisen Beschluß: es sei der Zeppelin-Gesellschast, aber selbstverständlich in der tschechischen. Weltsprache, zu schreiben, daß die Landung des Zeppelin 3 in der Kuchelbader Rennbahn erfolgen könne, meint der Lenker Graf Zeppelin erstens eine tschechische Ansprache des Bürgermeisters entgegennehmen, zweitens jede großdeutsche Kund­gebung verhindern und drittens die Erhebung eines Eintritts­geldes zugunsten der Prager Stadtarmeu gestatten würde. Be­gründet wurde die Zulässigkeit des Besuches an sich mit den stolzen Worten, die Prager Stadtvertretung habe ja auch andere fremd­ländische Besuche empfangen, so russische und französische, es könne deshalb auch einmal ein reichsdeutscher empfangen werden, aber selbstverständlich unter Wahrung der Würde der tschechischen

Magisches Dreieck,

In die Felder uebensteheilder Figur sind die Buchstaben adeeeelllloosss derart einzutragen, daß die einander ent­sprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten;

1, Griechische Insel.

2, Gutmütiges Tier.

3. Biblischen Namen.

4. Teil von Oldenburg.

5. Einen Buchstaben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Charade in voriger Nummer k Florenz (Flor, Enz).

Nation. Der Heiterkeitserfolg, den dieser Beschlttß erzielte, itAtr um so vollkommener, da er von seinen Urhebern gar nicht! geahnt worden mar. Natürlich wird Zeppelin 3, da er Be­dingungen so wunderlicher Art nicht annehmen kann, auf denj Besuch Prags verzichten, und die Böhmisch-Schildaer sehen sich durch ihre Weisheit um ein Schauspiel gebracht, das der übrigen, lebenden Menschheit als eines der größten erscheint, die die Welt je gesehen hat.

VsvmiyckLsS.

* Bartmarken. Zar Peter I. hatte im Jahrs 1699, einen Befehl erlassen, wonach den Russen verboten mürbe, einen! Schnurrbart oder sonst einen Bart zu tragen, obgleich diese Ver­fügung im schroffsten Widerspruch mit der Sitte staud. Der Zar stieß auf heftigen Widerstand und sah sich gezwungen, um seins Verfügung zur Geltung zu bringen, mit seinen Untertanen einen! Vergleich abzuschließen. Wer also den Bart behalten wollte, mußte eine Steuer bezahlen (100 Rubel bis 30 Kopeken jährlich) unb bekam als Quittung eine Kupfermünze von ungefähr bet Größe eines heutigen Kvpeken. Auf der Vorderseite war die! untere Hälfte eines Gesichts mit Bart und Schnurrbart abge-. bitbet; darüber die Inschrift:Das Geld ist bezahlt". Die Prägung der Rückseite zeigte einen zweiköpfigen Adler unb die Jahreszahl 1705. Bis jetzt ist nur eine golbene Bartmarke! dieser Art bekannt: sie befindet sich in der Eremitage. Der Moskauer Sammler P. I. Schtschekin besitzt ein silbernes! Exemplar. Die letzten Bartmarken, die in Rußland geprägt worden sind, tragen, wie dieInternationale Friseur-Zeitung" mitzuteilen weiß, die Jahreszahl 1725. Sie sind viel größer als die des Jahres 1705 und besitzen eine rhombische Form. Das Material ist ausschließlich Kiipfet. Die Inschrift auf der Vorder­seite lautet:Die Steuer für den Bart ist erhoben". Obgleich seinerzeit 2600 Stück dieser Gattung geprägt worden sind, gehörest sie heute zu den sehr seltenen lleberrefteit eines barbarischen! Zeitalters, da 1728 eine Umprägung der nicht im Verkehr be­findlichen Bartzeichen zu gewöhnlichen Kopekenstücken erfolgte^

* Tönende Namen. Daß ein deutscher Dichter Klop- stock heißt oder Schultze, will uns nicht richtig erscheinen. Mast würde dem Verfasser des Messias ober ber bezauberten Rose einen weniger prosaischen Namen wünschen. Anderen Völkern! geht es aber ebenso, nur, daß uns Deutschen solche Namen wegen des Wohllautes der betreffenden Sprache poetisch klingen. Cal- beroit de la Barca heißt zu deutschSchiffskessel", Torquato Tasso derangekettete Dachs". Dante ist soviel wie Hirsch ober Hirschfell. Boeeaecio würbe sich in deutscher Sprache kaum anders denn alsGroßmanl" wiedergeben lassen und Bramante als Winsler". Silvio Pellico, der Märthrer vom Spielberg, hat einen Namen, bet(cbern und rauhhaarig" bedeutet. Max Pieeo- lomini mürbe viel verlieren, wenn man die richtige Uebersetzung Zwerglein" oberKnirps" bafüt gebrauchen würde, und Verdi hat heu italienischen Ausdruck fürKreuzschnabel" unsterblich gemacht. _____________

vüchertisch.

Helt 3487 ber 3(1 u ft vierten Zeitung, Verlag von I. I. Weber, Leipzig, enihält: Ernst Kießling 1. Leipziger SezefsionSausstellung, Gustav Levering Franz v. Defregger. Die Hcmptereigntsse der letzten Woche werden in vorzüglichen Bildern wiedergegeben: da ist ein großes Bildnis von Mark Twain, drei Bilder der eigens nach Brüssel gesandlen Zeichner der I. Z. E. Limmer und I. Matania von der Eröffnung der Weltausstellung, Bilder von der Landung der Militärlnitschiffe iil Homburg, von der Unglücksstätte bei Weilburg. Bilder aus der Luitschiffahrt und ans dem Sportleben schließen 'sich an. Der Emzng des Großl>erzog- paares in Weimar, die Jubelfeier des 1. TrainbatciillonS in Dresden, die Landsgemeinde in Appenzell, und die Toten Juliiis Kühn und Gral Oriola im Bilde seien noch hervorgehoben. Ein zum Teil bunt illustrierter Aufsatz schildert den Plan einer allgemeinen stän­digen Lehrausstellung für Maschinentechnik in Dresden, ein reich illustrierter Beitrag gibt Retseskizzen aus Sardinien, und der Unterhaltung dien! u.a. der RomanEva Göimeborg" von Fel ixHübel.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch« und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.