Ich kann nicht wieher zu Dir kommen. Verzeihen kann ich Dir, gewiß, denn Du hast wohl nicht recht bedacht, was Du tatest. Wer ich kann Dir nicht wieder vertrauen.

Und auch wegen meines kleinen Mädchens kann ich nicht wieder zu Dir kommen. Das soll lieber feilte« Vater nicht kennen, als Schlechtes von ihm hören und sehen"

Der Brief ist mit ihrem Mädchennamen Anna Dibelius unterzeichnet.

Ein paar andere Schriftstücke sind dann noch da. Das Scheidungsdokument. Und Briefe von Bernardi. Briefe voll leidenschaftlicher Empörung, die das Ding schonungs­los derb beim rechten Namen nennt. Theaterliebschast. Treubruch. Schmutz-

Tas Blut stieg mir beim Lesen glühend in die Stirn, die, Buchstaben flintmerten mir vor den Augen.

Wenn ich noch einen Zweifel gehabt hatte, mußten diese Briefe 'mich aufklären. Eine große, brennende Scham lief mir über den Körper. Tas war mein Vater, von dem Set so sprach !

Ich habe, keine Träne geweint. Ich bin ausgestanden und durch die offene Tür in den Warten gegangen. Ich war wie betäubt.

Rach und nach besann ich mich. Ich ging wieder herein. Ich wallte nun alles, alles wissen., Es war nicht mehr viel.

Ein Jahr später datiert, die schwarzgeränderte Todes­anzeige meiner Mutter,nach kurzer, schwerer Krankheit". Und ein Brief, Pastor Eichdorf unterzeichnet, in dem Herr Professor Weddigen gebeten wird, das Kind der Verstor­benen zu holen, da keine näheren Verwandten vorhanden feien und ihm daher die Sorge für dasselbe.zufalle.

Ja, das ist alles'. Schön geordnet^ daß auch nicht ein Beleg, und Dokument fehlt.

Ich kann es noch gar nicht fassen. Ich habe ein förm­liches Grauen vor der schmalen, schwarzen Mappe, die da Jahre und Fahre stumm und verschlossen im Schreibtisch gelegen hat. Ein paar Handbreit von mir, Tag für Tag! Und ich habe nichts von dem Stück Schicksal darin gewußt Und geahnt und habe so hingelebt in dieser Lüge!

Und er er!

Ich begreife das nicht! Er hat neben mir gelebt Und Hat mir ruhig in die Augen, gesehen und hat dies alles gewußt! Hat es ertragen, daß ich! ihn liebte, ihn verehrte i einen Menschen verehrte, der ein Lügner und Ehebrecher war!

Wie ein toller, entsetzlicher Traum kommt es mir vor! Er war nur ja alles. Das Höchste, was es auf der Welt gab, die einzige Autorität. Was er sagte, nahm ich blind hin wie ein Evangelium!

Mutter! Dein kleines Mädchen hast du schützen wollen. Du hast nicht geahnt, daß, es einmal die gleiche bittere Er­fahrung machen sollte wie dp!

Wer du hattest doch noch etwas, das dich hielt »f deinen Glauben, deinen Gott!

Ich habe den nicht mehr. Er^hat ihn mir weggenom- men, ganz sich,er und systematisch, und sich selbst an seine Stelle gesetzt. Und nun ,

Run bin ich ganz bankrott. Was ,habe ich denn noch?

Meine Philosophie? Tie Hat er mir ^gegeben. Lch svill sie nicht mehr.

. Sein ganzes Leben wir gegenüber ist eine bewußte Lüge gewesen. Jedes Wort, das er sagte, war eine Lüge. Soll ich da noch Vertrauen auf eine Weltanschauung haben, hie mir daher kommt?

Vater! Vater! Und wie habe ich dich lieb gehabt!

10. September,

Es ist da ein Mann gestorben, dem Tausende und Tausende, dankbar sind für das, was >er ihnen gab. Sein Tod ist ein Ereignis, überall wo seine Sprache gesprochen wird. Sie türmen Kränze auf sein Grab, die alle von Lorbeer sind. Nachrufe über Nachrufe feiern den Toten. Er steht hoch Wer dem durchschnittlichen Menschentum.

Und irr denn Haus, aus dem er hinausging, da muh sein Kind, der einzige Mensch, der ihm nah stand, Toten- äericht über diesen Mann halten. Muh ihn fragen, eine harte Frage nach der andern:

Was hast du aus meiner Mütter gemacht? Aus der Frau, die dich liebte?

Was hast du mit mir, deinem Kind, gemacht, mit meinem blinden, grenzenlosen Vertrauen?

Was bist du selbst? Was ist dein eigenes Leben, das

denen da draußen so makellos, so groß, so verehrungs> würdig aussieht?

Die Daten richten das Leben eines Menschen.

Lege in die eine Wagschale das, was du den Tausenden gäbest. >

Und auf die andere das, was du deinen nächsten Men­schen tatest.

Und diese letzte Schale wird ganz tief sinken; denn was auf der andern liegt, ist ja nichts als.Worte, Worte!

Was sind aber Worte, denen die »Tat widerspricht? Lügen!

11. September.

Ich erschrecke vor meinen eigenen Gedanken.

Habe ich denn das Recht, so Wer ihn zu richten? Das Kind über den Vater? Muß ich nicht verzeihen?

Ich kann nicht, ich kann nicht.

Taß er so handeln kann! DM er so hinleben konnte in Lüge und Feigheit und sich dabei sonnen in meiner blinden Verehrung! Daß ihn die, .Scham nicht innerlich verbrannt hat! >

Nein, ich kann ihm nicht nur als Kind dem Vater gegenWerstehen! Ich bin eben kein Kind mehr. Ich sehe als Mensch den Menschen in ihm. Und ich fordere von ihm meine Seele. Wenn das unrecht ist ,

Aber ich weiß ja nicht mehr, was recht und.unrecht ist. Was ich davon weih, ist von ihm. Und sein Recht war Unrecht!

12. September.

Ich zermartere mein Gedächtnis. Ich suche nach jedem Wort, scher leisesten Andeutung, die er Wer meine Mutter gemacht hat. Aber alles, was ich finde, ist, daß er ängstzi lich vermied, sie zu erwähnen.

Er fürchtete wohl, daß ich nach ihr fragen könnte. Er hatte Angst, vor meinen Augen wie ein ertappter Ver­brecher dazustehen!

13. September.

Alles, was ich von ihm weiß und mit ihm erlebte, hat mir aus einmal einen anderen Sinn.

Ich hörte Onkel Franz noch von ihm reden.Alle mach- ten sie wunder was aus ihm. Besonders die Weiber

Damals habe ich arglos darüber gelacht.

Ich denke an die Bekanntschaften, die wir bisweilen aus Reisen machten. Meistens Damen. Sie hörten an­dächtig aus jedes Wort von ihm!, streuten ihm Weihrauch.» Ich erinnere mich einer österreichischen Gräfin in Ragatz, die ihm kaum von der Seite wich und so süß mit mir war. Er hatte so eine liebenswürdig nachlässige Art, all die Anbetung hinzunehmen. Er genoß es förmlich.

Fch war dann so stolz, auf ihn. Ich glaubte, daß sie in ihm nur den großen Dichter verehrten. Statt desseni

Der Ekel würgt mich plötzlich. Was mag da noch alles gespielt haben, bielleicht dicht neben mir, von dem ich nichts wußte und ahnte?

Um Himmels willen, still. Richt weiter denken!

(Fortsetzung folgt.)

Der Damenstrohhut.

Der TaMeustxohhut, dessen Auswahl jetzt im! Frühling ein so wichtiges Geschäft bedeutet, ist in der Geschichte der Mode eine! verhältnismäßig junge Erscheinung, wenn er uns auch heute so unbedingt zum SomMer zu gehören scheint. Bauern und Bauer- innen haben bei ihrer harten Feldarbeit schon im alten Griecheu-- läitb und Rom aus grobem' Stroh geflochtene Hüte getragen', um sich vor deut Sonnenbrand« zu schützen. Aber die vornehmen' Frauen blickten lange mit Verachtung aus die ländliche Kopf­bedeckung. Wir hören in der germanischen Geschichte von beit Strohhüten der Franken, die dann die Sachsen übernahmen; einzeln« Landschaften zeichneten sich in ihrer Volkstracht durch besonders merkwürdig geformte Strohhüte aus; so trug man in der Umgegend von Turin breite gewölbte Hüte, dis bei ihrer! Massigen FvrM auch nicht einmal leicht waren, in Piemont un- chöne runde und hohe Strohhauben. Bittore Pisaiw hat einem! einer bäuerischen Heiligen einen solchen riesigen, gemütlich klumpen, das ganze Gesicht beschattenden Strohhut aufgesetzt. Es Mochte erfiNdorifchie Modedamen reizen, diesen als geschmacklos verschrienen Strohungetttzn'en eine aNmütigd und kleidsame ForN zu geben, und so hören wir denn schon im Italien atnb- Spanien! des 16. Jahrhunderts von einigen kühnen Revolutionärinnen!, die dem praktischen Strohhut eine neckische, wenn auch etwas selt­sam« Form! geben und ihn sich bei großer Hitze aufstWpeu. t Von Spanien aus geht di« Made des Strohhutes nach Flandern und trifft hier auf einen bereits im VdÄ beliebten Brauch!, so baß sie allmählich auch in den vornehmeren Ständen Anklang findet.