Ausgabe 
9.4.1910
 
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Samstag den 9. April

19(0 - Nr. 55

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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

7. September.

drei "Tageletzte Zeile hier hinschrieb. Nur

Tage, die mich um Jahre älter gemacht habe«. Jede Manute voll Qual. Keine Viertelstunde Schlaf in den Nachten.

Was habe ich da zuletzt geschrieben? Ich Muß lachen, wre ich es lese. Aber es' ist kein Lachen, das gult tut.

Ich habe nichts als Vergangenheit."

Nichts als Vergangenheit? Herrgott, wie reich Mar ich da noch !

Jetzt habe ich auch die nicht mehr. Ganz- bettelarm brn ich geworden. Was mir das Höchste und Liebste und Heiligste war, ist Schmutz.

Ich weiß nicht mehr, woran ich mich halten soll. Den Boden unter den Füßen habe ich verloren!

Ich wollte erst kein Wort davon-niederschreiben. Kaum auszudenken wagte ich -es. Es konnte ja nicht wahr sein. Es war nur ein häßlicher Irrtum, -von dem ich keine Spur aufbewahren wollte, wenn ich mir ihn innerlich auch nie vergeben würde, eine schwere Schuld gegen sein Andenken!

Eingeschlossen habe ich mich und wie im Fieber zwischen den Papieren gesucht, Stunden und Stunden. Alles andere vergaß ich in dieser einen wahnsinnigen Hoffnung, diesem brennenden Wunsch, -es möchte nicht wahr jein!

Es half nichts. Gestern abends als es in dem toten- strllen Haus dunkel wurde,fant die Gewißheit auf einmal über mich wie .eine erstickende Last: es muß wahr sein. Es ist unnütz, daß ich mich wehre. Die Dokumente da sprechen deutlich genug.

Eine kleine verschlossene Mappe hatte ich in dem Schreib­tisch gefunden. Ich suchte den Schlüssel, aber ich fand ihst- lange nicht. Eigentlich suchte ich mehr aus Pflicht­gefühl, das kleine Ding sah mir nicht besonders interessant aus. Ich wußte ja nicht, was ich damit in der Hand hielt! .

,, Wenn ich sie nun nicht gefunden, nicht aufgemacht hatte? Vielleicht wäre das besser

Nein, nein! Lieber die Wahrheit, und wenn sie hart rst tote der Tod, als die Lüge! Lieber mit eigener Hand die letzten Altäre umwerfen, als zu wertlosen Götzen beten! . ' °

8. September.

Ich will es mir selbst noch einmal vor die Augen stellen, was ich da Lefunden habe.

schicksal -Papier, weiter nichts, Ein Menschen-

Zuerst wieder ein Dutzend Briefe irr meiner MutteL Handschrift. Ach, was für Briefe!

Zwei Jahre liegen zwischen den Brautbriefen und diesen. Die verhaltene Mädchenschüchternheit, mit der sie zu ihm ihm! aufsah, ist plötzlich verschwunden, ist zu vollste« Hingabe, zur Leidenschaft des Weibes geworden. Mer elu6 heimliche, schmerzhafte Angst liegt darin.

Wie -das alles ans ein paar Worten sprechen kann! Es war mir bisweilen 6eint Lesen, als ob ich vor etwas Heiligeitt die Hände falten müßte.

Anfangs nichts als sehnsüchtige Zärtlichkeit. Und dann einmal die schüchterne Klage dazwischen:Die Tage sind so lang. Du läßt mich so viel allein, früher war das doch nicht so."

Die nächsten Briefe. Die Klage wird deutlicher, sie wird -zur Bitte.

Womm Nnc'der, sei gut mit mir. Was hab ich Dir denn getan, daß Du so zu Mir bist?"

Und dann der Druck ist dem- jungen einsamen Ding zu schwer geworden. Aber statt sich zu empören, kommt sie zu ihm in einem rührenden gläubigen Vertrauen:

,/Komm, hilf mir! Sie haben mir da so Häßliches von Dir gesagt. Sie haben mir erzählt, Du hättest eine andere lieb, irgend eine leichtsinnige Person vom Theater. Sogar den Namen wußten sie.

Sei nicht böse, daß ich Tjir das' schreibe, Lieber. Ich glaube ja natürlich kein Wort davon. Ich habe denen, die Dich so verleumdet haben, mein Dein Haus verboten.-

Aber alles das hat mich doch aufgeregt und unglücklich gemacht. Komm, komm zu mir! Zeig ihnen allen, daß es eine Lüge war. Hilf mir. . ."

Es ist mir, als sähe ich das junge, weiße Gesicht beim Schreiben über das Blatt gebeugt. Ein Gesicht, in das das Leben noch nichts hineingeschrieben hat, meinte ich früher. Ja, damals, als die Zeichnung gemacht wurde, war es wohl noch so. Mer später nicht mehr.

Tu sagst mir kein Wort, Du kümmerst Dich nicht um mich," schreibt sie dann noch -einmal,ist es denn wirklich wahr? Muß ich es glauben? Sag nein, Liebster, komm! Denk an unser Kind. Ich kann ja nicht leben ohne Dich. Ich bete jeden Tag, daß Du kommst."

Das Herz tut mir weh, wie ich! die Wjorte lese, ttnbi eine siedeheiße Empörung steigt in mir aus gegen diesen! Menschen, der sie so leiden machte.

Und dann aus einmal besinne ich mich. Der Manu ist mein Vater.

Was muß in der Seele dieses hilflosen, verzweifelten jungen Weibes vorgegangen sein, bis sie ein paar Monate darauf ihrem Mann mitteilt, daß sie von ihm gegangen' sei.Du weißt warum." Mir ein-kurzer Zettel, in harten,- trockenen Sätzen äbgefaßk, als ob sis fürchtete, die 'Selbste beherrschuug zu verlieren, wenn sie ein Wort zuviel sagte.

Ein letzter Bri.es ist Saint noch da.