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«Augen, die aus den Höhlen hervorgnette,r, mit den such ringelnden Schlangenhaaren, der lechzenden, weit hervorhüngenden gierigen Zunge, der Heilte schwarze Kobold Ai-Pakuai, der nitgestalte, ganz behaarte Zwerg, dessen spitze, haarschvase Zunge tote die Schlange hervorschnellt und das Gift unzähliger Krankheiten verbreitet, und all die anderen tollen Ausgeburteti jener grandios grotesken Phantasie, die dem Chinesen eigen ist und sich m seiner Kunst so wundersam auslöst. Himmel, Erde und Meer find mit diesen graneuhaften Dämonen bevölkert, den tausendköpftgen Schlangen, den ungeheueren Elefanten, den tigerköpfigen Drachen und den buntschillernden Niesenvögeln. Gehetzt, gemartert und gepeinigt von diesen Dämonen lebt der Chinese in ewiger Angst Und in beständigem Ringen, durch Zaicherkünste die unheilvolle Wut dieser bösen Mächte zunichte zu machen. Er bringt de» Dämonen Opfer dar, er schützt sich mit Amuletten und Segens- sprüchen; er erfleht die Hilfe der Hexenmeister. Alle Krankheiten werden auf den Einflust der Kuai-Se zurückgeführt. Leise Und unbemerkt gleiten sie in die Körper der lebenden Wesen und richten hier Unheil an. Blutarmut entsteht dadurch. Vast ein Dämon das Mut aussaugt, Fieber durch eine Flamme höllischen Feuers, die ein Kobold im Innern des Kranken ent- Wndet; für die Epidemien gibt es besondere Krankhetlsstmer, Der Zauberer kann aber, wenn er Wacht hat und der Dämon nicht zu widerstandsfähig ist, den Bösen aus dem Körper heraus- treiben. Er versetzt sich in einen Zustand der Ekstase und ward so von einem Dämon besessen, der den Kampf mit dem Unhold des Kranken ausnimmt. Er stöstt unverständliche Sprüche aus; hie Hände krampfeit sich zusammen, die Zunge hängt herauch «und plötzlich versetzt er sich mit einem Säbel einen Einschnitt in die Zunge. ' Das fliehende Blut ivird in einer Schale aufgefangen und mit diesem ganz besonderen Saft als Tinta schreibt er nun Zaubersprüche auf, die verbrannt und dem Kranken als Ascha %ti einer Meditzin zu essen gegeben, werden. !Dcg> Zauberer selbst springt in wildem Paroxismus um den unbeweglich daliegenden Kranken herum und stöstt grelle Schreie aus, wozu Tamtams und Gongs die unheimliche Begleiluitg schlagen. End- liich bricht er ntit einem Aufschrei erschöpft zusammen. Hat fein Zauber nichts geholfen, so war der Dätnon stärker als er; hie Prozedur must Äotz Neuem beginnen, und so kämpft der Hexenmeister mit dein Krankheitsgeiste einen erbitterten, wenn auch zumeist aussichtslosen Kampf. Bei grostm Epidemien werden großartige, prunkvolle Zeremonien veranstaltet in denen man die Geister feierlich einlädt und durch, allerlei Gabe» und Opfer zu versöhnen sucht.
Vermischte».
* Der Kampf gegen die Tuberkulose im Kine- ma togr aph en. Aus Newhork wird berichtet: Der von den Verteidigern der „echten" Theaterknnst so viel geschmähte Kine- Matograph wird von Mitte Dqzentber ab in Amerika seine propagandistische Macht in den Dienst der Volksgesundheit stellen: über 7000 amerikanische Kinenmtographentheater haben sich bereit erklärt, die Bestrebtutgen der Nationalgesellschast zur Bekämpfung der Tuberkulose tatkräftig zu unterstützen. Sie werden bei den Aufführungen in lebenden Photographien dem Publikum veranschaulichen, wie die Tuberkulose sich ausbreitet und durch welche Methoden sie bekämpft werden kann. Auf den Bildern sieht man! zuerst ungesunde Wohnungen, die Brutstätten der Krankheitskeime, die im Schmutze und im Dunkel gedeihen. Dann sieht man Krankenschwestern, die diese Wohnstätten säubern und desinfizierens und schließlich wird das Leben und Treiben in den großest Krankenhäusern für Lungenkranke vor Augen geführt. Schriftliche Erläuterungen sind auf die Platte gebannt und werden vor denl Bildern eingeschoben. Die Aufnahmen sollen eine Zeit lang vorgeführt werden, dann aber ist ein Wechsel vorgesehen, durch den man das Interesse des Publikums wach zu halten hofft. Nach der Anzahl der Theater und ihrer bisherigen Besucherzahl kann man berechnen, daß täglich 10 Millionen Menschen diese Propaganda gegen die Tuberkulose im Bilde an sich vorüber ziehen' sehen werden.
* W oz-N der M ensch gut wäre. Der Mensch ist, tote es die Bibel verbindet, nur Staub. Woraus besteht aber eigentlich dieser Staub? Ein englischer Chemiker, der ihn analysiert hat, hat gesunden, daß er dieselben Stoffe enthält, wie ein Hühnerei, Und daß 1000 Eier an chemischer Substanz gleich sind einem Menschen von mittlerer Größe. Es ist in jedem von uns genug Sauer-. toff, Wasserstoff und Kohlensäure, um einen Ballon zu füllen, !>er groß genug wäre, einen Menschen in die Luft aufzuheben odey Nm einen ganzen Abend eine Straße von 500 Meter Länge zu beleuchten. Würde der Kohlenstoff, den jeder von uns enthält, zu Graphit umgeformt, so könnte man davon 65 Groß oder 780 Dutzend Bleistifte fabrizieren. Aus dein Eisen, das unser Blut enthält, könnte man sieben Hufeisen schmieden. Unser Körper besitzt weiter 600 Gramm Phosphor, eine Menge, tue genügen würde zu 820 000 Streichhölzern, oder tun damit, wenn man eine andere Verwendungsärt Vorzüge, 500 Personen zu vergiften. Wir enthalten außerdem. 6 Kilo an Fettstoffen, wovon man
60 ausgezeichnete Lichter machen könnte, die vollständig unser«! Stearinlichte ersetzen würden. Das Salz in unserem Körper würde hinreichen, um 20 Teelöffel zu füllen.
* Der Auferstehungsknochen. Nicht geringe SorgS bereitete sowohl der Medizin tote der Theologie des Mittelalters! die Frage, in welchem Teil des menschlichen Körpers der geheimnisvolle Auferstehungsknochen, auch vs Luz genannt, denn eigentlich fitze. Schon die althebräische sakrale Literatur kennt diesen Knochen, der das Zentrunt ist, um das bei der Auferstehung der ganze Körper rekonstruiert wird, und die Literatur des Mittest, alters ist voll von Ueberlegungen, die sich auf die Identität des Auferstehungskiwchen mit irgend einer Partie des menschlichen Knochengerüstes beziehen. Wie man selbst in medizinischen Kreisen noch zu Ende des 17. Jahrhunderts darüber dachte, mag ein Passus aus dem 1691 zu Frankfurt a. M. erschienenen Theatrum Anatomicum des Caspar Bauhinus zeigen. Dort wird! der mysteriöse Knocheit folgendermaßen beschrieben: er tarnt weder durch Feuer noch durch Wasser zerstört werden, noch kamt ihm irgend ein anderes Element etwas anhaben, auch vermag keine Gewalt ihn zu zertrümmern. Uebrigens sitzt er im Rückgrat und zwar zwischen dem achtzehnten Wirbel und dem Schenkebknochen. Dagegen ist Hieronoydus Magus der unumstößlichen Ueberzeugung, daß der Knochen Luz in der Hirnschale sitzt, aller«! dings vermag er den eigentlichen Punkt nicht anzugeben. Der berühmte Anatom Vesalius (so genannt nach seiner Vaterstadt Wesel) läßt es dahingestellt sein, wo der Knochen sich befindet, weiß aber dafür, daß er an Form und Größe einer Erbse gleicht. Andere Anatomen und Mediziner erheben die im Volk herrschende Meinung zur Gewißheit, daß der heilige Knocheit identisch sei mit dem Steißbein, — eine Anschauung, die von den Arabern! überkommen ist, denn Mohammed hat den al ajb (das Steißbein) als unzerstörbar bezeichnet.
* A-B-C-Schutzen im Mittelalter. Das Studium des deutschen Schulwesens im Mittelalter wirkt eigentlich nicht gerade erheiternd. Aber trotz der vielen traurigen Zustände, von denen wir da ersahren, fehlt es doch auch nicht an drolligen Momenten. So sind z. B. die sogenannten „Tafeln", Handbüchlein, in denen man durch allerlei bildliche Darstellungen den Schülern das A-B-C zu veranschaulichen suchte, von unfreiwilliger Komik. Neben dem Buchstaben A sehen wir z. B. den Kopf eines Kindes mit weit ansgerifsenem Munde. Darunter kann man lesen: „Dieses Kindlein reißt das Maul auf und jenet und schreyt a a a, alsdann soll man auf den Buchstaben deuten und sagen, siehe hier, dies heißet a. Zum anderen soll man das Kind fragen, wo das a sey" ufw. Der Buchstabe W wurde besonders drastisch veranschaulicht — nämlich durch die Abbildung einer Frau, die auf ihrem Schoße ein Kind festhielt und ihm aus den dazu bestimmten Körperteil Schläge verabfolgte. „Dieses Kind", stand unter dem Bildchen, „hat nichts gelernt, darum wird es geschlagen und schreyet weh, hier mutz man gleich auf das w deuten." Was für originelle Blüten dieser eigenartige Anschauungsunterricht mitunter trieb, davon zeugt ein „Geschichtsbuch" des Magisters Johann Buno, das dieser als Rektor des Gymnasiums zu Lüneburg im Jahre 1672 herausgab. Damit nämlich die Schüler die Namen Sem, Ham ffrüher Cham geschrieben) und Japhet leichter behalten sollten, wurde der eine mit Semmeln, der andere mit einem Kamm in der Hand, der dritte gar als Fettsüchtiger (ist „ja fett") dargestellt. Dieses eine Beispiel charakterisiert wohl hinreichend die damals so hochgeschätzte „sokratische Method'".
* Aha! Kürzlich wurde für einen wohltätigen Zweck eine Sammlung veranstaltet. Als die Liste an den Veranstalter wieder! zurückkam, hatte einer der Nichtzeichnenden seinem Namen deitz Vermerk hinzugesügt: „Bin, bereits Kommerzienrat."
Gitter-Rätsel.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a aa, d, eeee eeeeeeee, g, h h, iiiiii, 1111, n h n n, sss, tttttt, z z derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben:
1. Einen Baum.
2. Beliebten Vogel.
8. Eine Redefigur.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Teutonen — Hoangho — Dchs — Moroni — Armband — Sprotte; Thomas Edison.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Nniversttäts-Buch- und Steiiidruckerei, R. Lange, Gießen.


