Ausgabe 
8.12.1910
 
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Ms die Sonne ziun erstenmal in die Stube guckte, schließ Hein Ah-Ni-Ghi'-To gerade, nach einigen Minuten erwachte siet aber, unb als der Raum hinreichend warm geworden war, um! ihr ein Sonnenbad zu geben, nahm die Mutter sie aus ihrem! Meinen Nest und setzte sie ganz! weiß und nackend in den, Sonnen-, schein auss Bett.

Wie die großen Walten Augen sich öffneten bei dem iremd- artigen Anblick! Wie sie lachte und hüpfte und- ihre Jnetncni Händchen nach dem gelben Licht ausstreckte, gerade so-, als- ob sie in duftendem goldenen Wasser gebadet hätte. Ties war das erstemal in ihrem Leben, daß sie die Sonne sah!

Von nun an hatte sie an jedem sonnigen Tag ihr Sonnenbad, wenn sie versuchte, die durch den Raum huschenden Sonneit- Mahlen -zU ergreifen oder, wenn ihr das nicht gelang, feie Sonnenflecken auf dem Bett aufzunehmen.

Mn jedem schönen Tage würde ihr der kleine Pelzanzug ungezogen, dann würde sie in den Renutierfellsack gesteckt und! hinausgetragen.

Weißt dU, wie die Tulpen-, die Hyazinthen- und Narzissen- zwiebeln wachsen und Blüten treiben, nachdem sie aus dem kalten; dunklen Keller an das warme sonnige Fettster gestellt toarbeit

Klein Ah-Ni-Ghi'-To war gerade so eine menschliche Knolle, die fünf Mjouate hindurch in Kälte und .Dunkelheit gehalten! Und jetzt ins hellste Sonnenlicht gebracht worden war. Unei sie wuchs wie eine Tulpe, und ihre Augen wurden glänzende''- Und blauer, und ihre Backen glichen den Pfingstrosen.

Geisterkult in China.

Die Lehre des großen chinesischen Weltweisen Konfutsc, di« für die Entwicklung des himmlichen Reiches so bedeutsam ge­worden ist, begnügt sich mit einer praktischen Ergründung irdischen Verhältnisse und gibt keine Kunde vom Jenseits, vom Leben der Seele nach dem Tode. Als einst sein Lieblingsschüler M-Lih den Weisen fragte, >vas wohl aus der Seele nach dem Tods werde, antwortete er:Teurer Bruder, wie sollten wir wagen, die Geheimnisse des! Todes zu ergründen, wir, die wir noch nicht einmal eingedrungen sind in die Geheimnisse des Lebens?/ Und als ein anderer Schüler Se-Kou wissen wollte, pb di« Geister der Abgeschiedenen sich noch um die Vorgänge der Erde kümmerten, rief der Meister aus:Wozu frag*! du mich nach etwas, das du eines Tages sicherlich selbst wissen wirst?" Wit dieser Ablehnung aller überirdischen Spekulationen war aber dem! Voll nicht gedient. Vielmehr trug gerade die Ungewißheit und der Zweifel, die aus Konfntses Lehre in die Gemüter eindrangew dazu bei, einem schrankenlosen Geisterglauben, einer phantastisch ausschweifenden Verehrung der Dämonen Tür und Tor zu öffnen^ Von diesem Geisterkult, der auch heute noch im modernen Ehtnaj die wichtigste Triebkraft in den Vorstellungen des Volkes bildet, entwirft Paul d'Enjoy in der Revue farbige Schilderungen. Die Geister luerbcn nach der Bedeutung, die man ihren Taten zu­schreibt, in sünf Klassen geteilt, von denen die beiden wichtigsten) die guten Genien Tschen-Sien und die bösen Dämonen Knai-Se) Sind. Die Tschen-Sien sind selige, göttliche Wesen, dievon! allem Erbenlos befreit, in einem fernen Paradiese wohnen und im Dust der Blumen, im Wogen des frischen Aethers mit be- glückendem Anhauch die Menschen umschweben. Sie wohnet! auf den drei chinesischen Inseln der Seligen," die 700 Meilen von der. Küste des Himmlischen Reiches entfernt mitten im Gelben Meer, liegen sollen und in ewiger Schönheit, ewigem Frühling, ewiger! Wonne strahlen. Ein Zauberer Sun-Tsche soll einst einen guten, Geist/ 'der ihn besuchte, das Geheimnis entrissen Hadem toa diese Inseln liegen. Er enthüllte das große Rätsel dem Kaiser; Tsche-Huan-Ti, der 219 Jahre vor Ehr. regierte. Da fuhren! die edelsten Jünglinge und die schönsten Jungfrauen des Himm­lischen Reiches aus, das Paradies zu suchen, und plötzlich, siehe! da tauchte e» auf am fernen Horizont, von Rosengjuten verklärt. Doch ein furchtbarer Sturm' trieb die sehnsüchtig Dahinstrebendeni mit roher Gewalt hinweg, und seitdem hat kein MenscheuaugU wieder die seligen Inseln geschaut. In süßem Wohlgernch, ge­badet, von unvergänglichen Freuden umgeben, wohnen hier die Tschen-Sien, die gütigenSchützer". Ein Lufthanch nimmt sie! auf seine Flügel und trägt die leichten Genien nach China, so den Schützer des Herdes, einen kleinen, strahlend heiteren Zwerg, dessen breiter Mund im einigem Lachen auseinandcrklasft und, dessen groteskes Bild den Frieden des Hauses gewährleistet. Zu, den Tschen-Sien gehört auch die Göttin Ma-Bn, die den Töchtern die Treue und Hingebung stir ihre Familie ins Herz legt. Aber diese freundlichen und lieblichen Genien spielen nur eute ganz geringe Rolle neben den scheußlichen und furchtbaren Knai-Se, die in entsetzlicher Geschäftigkeit und nimmermüder Unrast alle! Leiden und Qualen ins Leben tragen. In zahllosen Gestaltet bieten sicki diese Dämonen dar, die geschaffen sind- aus bent Elementen des Weltalls und daher überall weilen im Am her, in'der Erde, im Wasser, im Feuer, im Donner, Blitz und ©türm; Im Brüllen der iuilbcn Tiere droht ihre Stimme: ihr uiuu'il- volles Krächzen tönt aus den Lauten der Nachtvögel. Wenn, die Finsternis mit ihren schweren Schleiern das liebe Licht er­stickt, dann recken sie sich auf in all -ihrer Schenßttjchkett, Lek große weißtz Teufel Tschan-Pinkna.i mit feen tunfeen, blutigW

Das Bettche'n, darauf das Kindchen lag, wär mit weichen warmen Renntierfellen bedeckt, welche selbst vor der schrecklichen Kälte der langen dunklen. Nacht schützten.

Ein Fenster von Kindchens Zimmer guckte auf einen großen! Gletscher »der Eisfluß, und das andere auf hohe, rote nitbi braune Berge. Diese umgaben eine Meeresbucht, worin eine Unmenge Eisberge in so sonderbaren und schier märchenhaften! Formen umherschwammen, daß du glauben könntest, einige wären Paläste des Frosttönigs, andere weiße Schiffe, und aus wieder änderen schaute dich der grausame Frostkönig selber an 'mit fernem weißen Eisgesicht. .

Als das seltsame Völkchen hörte, es sei in dem Haute ein Kindchen gefimbeit, das, o Wunder, ganz weiß sei, da kamen sie, Männer, Frauen und Kinder, gewiß htinderte von Kilometern iwest, auf Schlitten, die von wilden, zottigen Htlnden, die wie Wölfe aussahen, gezogen wurden, um den kleinen Fremdling zu sehen. Diese Settie sind braun mit schwarzem, strähnigem Haar stufe ganz in Pelz gekleidet, sowohl Sommer Ivie Winter. Sie sagten:Ow-Nciy" undÄMNan-Nan" zu ihm, wobei das Kindchen sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Und da wollten sie cs berühren, um zu sehen, ob es warm wäre und nicht äus Schnee gemacht, da es so weiß sei. ,

sind wenn es esneu von ihnen ansah und- dabei zufällig küchelte, dann war großer Jichel, denn das galt als glückbedeutendes Neichen. ~,

Sie nannten es: Ah-Poo-Mik'-A-NinNy" (das ©chneekind- chen) und brachten ihm Geschenke wie Fausthandschnhe aus Pelz Und Stiefelchen aus Seehundfell, Walroßzähne, Pelze von kleinen. .Bären und Seehundfelle mtb noch viele andere Sachen. Der Gchueelandfommcr war bald zu Ende, als das.Kiiidchen geboren wurde, und sechs Wochen darauf ging die Sonne unter, um für die ganze lange Winternacht von vier Monaten zu verschwinden.

Noch bevor sie tmterging, mürbe Schneekindchen zu feinem! ersten Ausgang herausgenommen. Es war sehr, sehr kalt, das Thermometer tief unter dem Gefrierpunkt unti der Boden hoch knit Schnee bedeckt. Aber Schne-ekinbchen war in einem Sack tokm Remitierfellen gesteckt, und nur das Köpfchen mit einer Mütze ans Fuchsfell guckte heraus.

Mitsamt dem Sack wurde Schneekiudcheu nun noch in die stordamerikamsche Flagge, das Stern- und Streifenbanuer, ciu- gewickelt und ins Freie getragen.

Daun ging die Sonne unter und alle die Tage und Wochen lebte das Kind in dem kleinen Raum, wo eine Lampe Tag und Nacht brannte. , _

Hier hatte es fein tägliches Bad, hier schlief es Und hier krähte es vor Freude über die Lampe und die Bilder an den Wänden und wurde dicker und weißer von Tag zu Tag. Welche Freude hatte es an dem Bad, als es etwas älter geworden Ivar, wenn feine Mutter jede Tür in dem Raum schloß, einen Sei- vielt zwischen den fest zngezogenen Bettvorhängen aufftelltc und mit Schwamm und warmem Wasser das Kind abwusch, Und, wenn es trocken war, eine Zeitlang auf dem Weichen, warmen Haarpelz. von Bären- und Renntierfellen aus dem Bett mnher- pollen ließ.

Seine Eskimosreuude tarnen immer wieder, um es zu sehen, so oft sie nur konnten, doch wurden sie nicht immer hineingelasseU, fea sie nicht reinlich waren.

Rach langen, langen Wochen und Monaten begann die schreck­liche Nacht ihrem Ende entgegen zu gehen, und an jedem klaren Tage war mittags ein oder zwei Stunden Tageslicht. Es wurde Nun beschlossen, daß Schueckindchen jeden Tag ansgehen solle, sobald die Sonnc tviederkäme, ganz gleich, wie kalt es fei. Eine Eskimofrau mußte ihm daher aus Pelzen einen Eskimoanzug bnachen; der bestand nur aus zwei Stücken, einer Jacke mit Kapuze und einer Hose mit Stieftlchcil daran.

Knaben und Mädchen, Männer und Frauen, alle tragen; Hosen in diesem Schneelande. Die weichsten und wärmsten Fell« itilon Füchsen und Reuntierkälbchen wurden ftir diesen Anzug ausgewählt. Die kleinen Höschen, Nannookies genannt, hatten feen Pelz nach außen und reichten »Ion den Hüsten, wo sie mit einem Zugband befestigt waren, bis zu den Knöcheln, >vo ein Pelz­schuh aus demselben Fell, aber mit dem Pelz nach innen, an jedes Hosenbein angenaht wurde. Das inachte es der kalten Lust Unmöglich an ihre kleinen Füße zu kommen. Die Kapeta'hl feder Fuchsfelljacke war wie eine gestrickte Jacke vorn und hinten Mi, und am Hals war eine runde Kapuze angenäht, in bereit Oesfnuug das Gesichtchen gerade hineiupaßte. Diesen Rock zog! feie Mutter über Kindchens Kops und noch ein Stück üben feas Höschen herunter, so daß auch hier die falte Lust dem kleinen Mädchen nichts anhaben konnte.

Um die Handgelenke und rund um die Gesichtsöffnung per Kapuze herum waren Fuchsschwänze genäht, welche sehr viel dazu beitrugen, Gesicht und Hände warm zu halten. Die Frau, feie diesen Anzug gemacht hatte, hieß Ah-Ni-Ghi'-To; darum wurde das Kind bei belr Taufe auch Ah-Ni-Ghi'-To genannt., Dazu bekam es noch den Namen Marie nach! ihrer einzigen Tante, feie in dem fernen Heimatlande darauf wartete, ihre kleine Nichte begrüßen zu können.

Endlich, eines Tages Mitte Februar, ging feie große gelbe) Wonne über den Gipfeln der Berge auf und übergoß alles mit feem hellen Sonnenlicht.