Ausgabe 
8.12.1910
 
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Vicht einmal mehr seine vorwärts schlürfenden Schritte. Ein Gefühl leiser Bangigkeit ging durch ihr Herz. Das ar- verte fte; sie fand das albern. Trotzdem rief! sie mit halblauter Stimme:Herr Friedel?!"

Ein Klirren antwortete; bann sagte Frch:Sa, ÄWV teß! Hier bin ich. gierst habe ich mir eine Beule gestoßen i aber es traf keinen edlen Teil. Dann habe ich ein GW zerbrochen. Eine Laterne ist nicht zu finden, aber em kleines Flaschenlager habe ich entdeckt. Dabei ein halb Dutzend Gläser. Einen Pfropfenzieher habe ich an meinem Taschenmesser. Sind Sie durstig?"

Sehr. Mir klebt die Zunge am Gaumen. Das liegt an der Kellertemperatur."

Warten Sie. Ich schleiche mich vorsichtig zurück . . . Schlürfen, Rafcheln und' Tasten kamen näher, dazu em feines Klingen: der Anschlag von Glas auf Glas. Andrse sah die dunkle Gestalt Fritzens wieder auftauchen, ^etzt stand er vor ihr. , _ . r .

Habe die Ehre," sagte er.Zwei Flaschen bringe ich mit: eine Bordeaux-- und eine Champaguerflasche. Aber nur ein Glas."

Wir teilen redlich und christlich."

Gut. Was soll ich öffnen? Ich glaube, der «ekt erfrischt uns mehr."

Einverstanden." ,

Es währte geraume Zeit, ehe der Pfropfen 1 prang. Dann füllte Fritz das Glas und reichte es Andree. .Der Blume nach tadellos. Kosten Sie und sagen Sie mir dann, welche Marke das ist."

Andree leerte das Glas in langsamen Zugen.Ex- eelsior," antwortete sie.Aber es soll das letzte Mal sein, daß ich ihn trinke. Bon morgen ab verschwindet die Marke aus unfern Kellern und Preislisten."

Denken Sie nicht mehr an die dumme Geschichte, liebste Komteß," bat er.Was Sie mir vorhin von Ihrem Und meinem Ahn erzählt haben, hat mich weich gestimmt. Es ist wie ein kleiner Roman aus einer unmodernen Zeit."

Und es ist zuweilen so hübsch, auch einmal unmodern sein zu können," sagte Andree. Und nut zager und müder Stimme fügte sie hinzu:Wie viel Uhr ist es wohl, Herr

Das Repetierwerk der Uhr Friedels schlug sieben! Mal an. . ' .

Erst sieben!" rief die Komteß.Herr Friedel, ich schlafe ein. Ich schlafe durch bis morgen früh. . . . Aber die fitzende Lage ist so wahnsinnig unbequem!"

Ich schaffe Abhilfe. . . ." Er zog nun auch seine: Weste aus und legte sie wie ein Kissen zusammen'. . . . So, Komteß nun strecken Sie sich bitte der Länge nach aus. . . ." Sie tat, wie er sagte, und er half ihr dabei. . . . Das Kleid >vird schmutzig werden, es geht den Weg alles Sterblichen. Es hilft nichts. Auch -die Konfektion muß verdienen. Legen Sie Ihren Kopf ruhig auf meinen Schoß ich schiebe Ihnen ein weiches Kissen unter, oder wenigstens den Ersatz eines solchen und rühre mich nicht. Mir tut es nichts. Ich bin ganz frisch. . . ."

Nun fühlte er beit Kopf des Mädchens über der M- sammengerollten Weste auf seinem Bein. Andree sprach nicht mehr; sie war wohl schon eingeschlafen. Der Wein- dunst im Keller und der rasche Trunk hatten sie gewisser­maßen umgeworfen. Sie spürte nichts mehr von der Eigen­art der Situation. Sie atmete ganz ruhig.

Fritz verharrte unbeweglich in seiner sitzenden Lage. Um so lebendiger sprangen seine Gedanken, um so stärker pochte sein Herz.

Nur nicht verlieben! Das hatte er sich in den letzten Tagen oft genug zugerufen und hatte sich gefeit gefühlt.

Er war keine Natur voller Probleme. Ererbtes steckte freilich auch in ihm. Der praktische Sinn des Großvaters, des Vaters geschäftliche Tüchtigkeit und seine leichte Lebens­auffassung, der Mutter hysterischer Romantizismus: alles das verband sich in ihm auf einer ursprünglich gesunden Grundlage. So hatte das Element desHalbsüßen" sich schon in dem Knaben entwickelt und war durch die Er­ziehung genährt worden, bis das Schicksal an ihm zu modeln begann und mit seinen stärkeren Ansprüchen kam. r

Die physische Lage, in der er sich befand, begann immer imbequemer zu werden. Seine Glieder waren wie erstorben, und das harte Gerüst des Fasses, gegen das er sich lehnte, verwundete feinen Rücken. Auch das leichte Köpfchen An- hrßes Wen schwerer und schwerer zu werden. Er schaute

auf sie herab, und es durchrieselte ihn wundersam. In einen fröhlichen Jugendjahren hatte er sich wenig mir moralischen Skrupeln geplagt. Run aber umfing chu bet Zauber der Keuschheit, und wenn er den holden Kutderkopf ah, der aus seinem Schoße ruhte, schlich auch ein zartes! Gefühl der Rührung durch sein Herz.

Das war es, was ihn feite. Aber die vorsichtige Mah­nung: Nur nicht verlieben die wurde nicht mehr kant. Unwillkürlich dachte er an Maud zurück. Ein Spiel des Traumgotts hatte sie ihn noch gestern nacht sehen lasten. Und doch war ihm, als liege diese Episode weit, weit zu­rück. War sie denn mehr als ein Aufflammen der Leiden­schaft gewesen? Als ein Stimmungsrausch, über dessen Flüchtigkeit ihn auch die unleugbare Poesie des Augeu-i blicks nicht hatte hinwegtäuschen können?

Das, was er heute empfand das fühlte er: e» tarn aus allen Tiefen. Es war hundertmal anders als die stürmische Episode mit Maud und die hübsche Liebelei Mit der blonden Mieze. Es war eine große Wärme, die nicht nur sein Herz, auch seine Seele füllte. Es war wie stiller Frohsinn und auch wie ein unbeschreibliches leises Leid: das Unbekamite, das sein ganzes Sein beherrschte diese erste reine und innige Liebe, vor der er sich vergeblicy ge-i warnt hatte. , . .,

Nun mahnte keine Stimme ihn mehr. Er war auch nicht mehr tu Sorge ob der Nebenbuhlerschaft aus dem Adel Frankreichs, die mit Wappenschild und Ritterschwert in das Industriegebiet der Champagne ritt, sich da ihre Beute zu holen. In ihm selber mürbe die Lust au der Eroberung wach. Teufel, wofür war er jung und hatte jahrelang den bunten Rock der traditionellen Unwiderstehlichkeit getragen!? Zwischen allen Kümmernissen der letzten Zeit sand er. nun einmal ein hell leuchtendes Glück. Und das wollte er festhalten.

Es ruhte auf feinem Schoß. Aber es war schwer ge­worden. Der Kopf Andröes verwandelte sich gleichsam tn Blei. Seine körperliche Lage wiirde immer tinerträglicher; sie wurde rasend schmerzhaft.

(Fortsetzung folgt.)

Das schmeM-.

Eine erlebte Geschichte von Josephine Diebitsch Peari}.j

Tie Gattin des Nordpolfahrers Peary hatte ihren GatteU guf einer seiner Forschungsreisen, die der Entdeckung des Nord­pols viorausgingeu, begleitet, und sie schenkte während ihres! mehrjährigen Aufenthalts in den Eis- und Schneeregionen ememl Kinde das Leben. Tas junge Wesen erscheint den Eskimos' Wie ein Wunder. Das Leben in der armseligen Hütte gerade vor Eintritt der vier Monate währenden Winternacht, dann das Auswachsen des Kindes in der ftemdartigen Umgebung imd unter den sonderbaren Menschen, ihre Lebensgewohnheiten und An- schttuuugen das alles wird uns von der jungen tapferen! Mutter in schlichten Worten geschildert. Die Wiedergabe von, 95 photographischen Aufnahmen erhöht noch die Anschaultchleit! dieses ganz modernenKinder-Polar-Buchs", aus dem !vir hier eine Probe geben. Das Buch, das bei H. u. F. Schvffsteiu in Köln erschienen ist, schildert gerade das, was ans das .Kindern sgemüt Mn druck mackch: die Erlebnisse eines Kindes in einCd märchenhaften fremdartigen Umgebung, märchenhafter, wie sia nup ein Dichter ersinnen kann.

Hier in diesem wunderbaren Lande des Eskimos, in einem? kleinen schwarzen Haus am Fuße eines großen braunen Berges/ lunrbe an einem hellen Septembertag ein kleines schneeweißes! Kindchen, ein Mädchen mit großen blauen Augen, gefunden.

Und ein ganz sonderbares Haus wars, wo das Kindchen ge­sunden wurde. Es war nur einstöckig, die Außenwände waren! mit schwarzer Teerpappe bedeckt, die Wände waren mehr wie? einen halben Meter dick, und imi Verhältnis zur Größe des Hauses! waren eine ganze Menge Fenster darin, und ein ganz großes lief über das Dach luiie bei einem Treibhaus. Dies hatte man! so gemacht, damjst die Einwohner den Sonnenschein so langer genießen könnten, wie er da war.

Rund herum war eine geschlossene Veranda, bereit Wände aus großen leeren Zinndosen erbaut waren, die Nahrungsmitteß wie Zwieback, Tee, Kaffee und Zucker enthalten hatten. Denn hiervon konnte man in der Tat in diesem Lande nichts kaufen, nur allein Fleisch. .

Ter kleine Jnnenraum des Hauses, wo das Kindchen gesunden, wurde, war mit weichen warmen Decken aus gepolstert, und ein heller Teppich lag auf dem Boden. Tann waren da aber noch sehr viele Bücher, eine Nähmaschine und Bilder an den Wänden» Alle diese Sachen, auch die , Zinndosen draußen, waren von dem! großen Schiff, welches auch den Vater und die Mutter des Kind­chens gebracht hatte.