Ausgabe 
8.12.1910
 
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Donnerstag den 8. Dezember

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Friedel halb-süß.

Vornan von Fedor von Zobeltitz.

lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

In der Tat rumorte der Wein gewaltig. Es waren Waldstücke, die aus Temperaturgründen nicht in den Celliers", sondern hier unten in denCaves" dem letzten Gärprozeß ausgesetzt wurden. Der Wein pochte und gluckste; bald hörte es sich an wie Stimmengemurmel) bald wie .ein rieselnder Bach, bald wieder wie sich trich- terndes Gefälle. Ein Paar Weinstimmen schienen durch­einander zu sprechen: eine feine, zarte, silbrige, eine pol­ternde, eine sehr hastige voll lauten Eifers. Die feine war wie die eines niedlichen Mädchens, dem die hastige zuredete, während die polternde wütend dazwischen fuhr. Dann ließ sich ganz hinten ein näselndes Postorenorgan hören, salbungsvoll unb gleichmäßig. Rechts sang ein quickes Stimmchen, und ein ungestümer Flegel rief un­ausgesetztGluck gluck gluck".

Die Komteß sand das hübsch. Noch war ihr der Humor Nicht ganz verflogen. Sie plauderte viel, um sich in Stim­mung zu erhalten, und Fritz, der wohl ahnte, daß bald ein Umschwung erfolgen würde, ging darauf ein und regte sie durch Zwischenfragen zu neuem Erzählen an. Bon ihren Eltern hatte sie nur den Bater gekannt; die Mutter, aus einem belgischen Adelsgeschlechte stammend, hatte sie bei ihrer Geburt verloren. Der Großvater war erst vor einigen Jahren gestorben; aber er hatte ihrem Herzen ziemlich fern gestanden. Bon ihrer Konfirmation ab hatte er sie mit seinen Heiratswünschen verfolgt; der Makel der bürgerlichen Abstammung sollte durch die Vermischung mit reinstem blauen Blut endlich gelöscht werden. Ganz anders als der frömmelnde, zum Zeremoniösen neigende und sich ungemein feudalistisch gebärdende alte Herr war der Vater gewesen: eine sorglos offene, freimütige Natur, ein Mann, der bet seinen sozialpolitischen Arbeiten das ungeheuer Lächerliche eng abgesonderten Kastengeistes, dem in diesem Falle auch noch die Berechtigung adliger Extraktion fehlte, doppelt empfand. Da Andree, als sie mit großer Liebe von ihrem .Vater sprach, auch wieder der von ihm ver­faßtenChronik des gräflichen Geschlechtes Hoche" (schon in dem Titel lag eine leise Ironie) Erwähnung tat, sagte Fritz bittend:Da wir grade Zeit haben, Komteß, und das läßt sich doch sicher nicht leugnen wollen Sie mir Nicht etwas aus dieser Chronik erzählen? Wenigstens das, was für mich von Interesse ist: also die Beziehungen, die Ihre Familie mit der meinen verknüpfen, und von denen Sie glauben, daß sie mir unbekannt seien."

Es liest sich besser, als ich es erzählen kann," ant­wortete Andröe.Ich kann die Stimmung nicht wieder­geben, die mein Bater in seine Aufzeichnungen hinein- zutragen verstand: dtze glotze Herzlichkeit des. Empfindens

und das eigentümliche Gemisch von gutmütigem Spott und. scharfer Satire ich will einmal sagen: den Gesinnungs- zauber, der dieser Familiengeschichte gewissermaßen höhere Absicht verleiht. Aber das für Sie Interessanteste ist in wenigen Worten gesagt. Mein Urgroßvater trat bei der Firma Miqnelon ursprünglich als erster Kellermeister ein. Es steht nicht fest, obwohl die Chronik es andeutet, was ihm die Neigung meiner Urgroßmutter eintrug. Jeden­falls bevorzugte sie ihn außerordentlich und ließ ihn rasch avancieren. Er kam in die Bureaus, wo er gar nicht hin­gehörte, und wurde bald Prokurist der Firma. Wahr­scheinlich zufolge seiner Unkenntnis des rein. Kaufmänni­schen, vielleicht awch durch die nicht nachweisbaren Ver­untreuungen eines Angestellten, kam es zu Fehlbeträgen, die er decken mußte, wenn er nicht in peinliche Situation geraten oder gar das Odium der Unredlichkeit auf sich laden wollte. In seiner Verzweiflung wendete er sich an sein altes Haus, und Ihr Urgroßvater ja, der muß es gewesen sein stellte ihm auch ohne weiteres die ge­wünschte Summe zur Verfügung. Sie wurde späterhin ! natürlich mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt abeL aus den hinterlassenen Aufzeichnungen des alten Herrn geht doch hervor, welche innige Dankbarkeit er dem Hause Friedel bewahrt hat. Und sehen Sie: das ist der Grund, weshalb ich so empört über den unsinnigen Streit lvar ist auch der Grund dafür, daß ich Sie keinesfalls als; Feind und Fremden empfangen habe. . . Sie schrie leise auf.Herrgott, war das eine Ratte?!" rief sie und zog die Beine an.

Ein Mäuslein, so schien mir's," entgegnete Fritz;es huschte etwas vorüber, aber es war nur ein kleines Getier. Uebrigens habe ich mich an die Dunkelheit gewöhnt. Ich sehe jetzt nicht mehr in die Nacht hinein, sondern in die Dämmerung. Ich kann die Formen der Fässer genau unter­scheiden."

Würden Sie sich wohl getrauen, einmal zu unter­suchen, ob Sie auf den Bankbrettern zwischen den Fässern nicht eine.Laterne finden? Gewöhnlich stehen in den Kel­lern so eine Art Grubenlichter umher und vielleicht sind auch Zündhölzer dabei, ..." /

Fritz hatte sich bereits erhoben und tastete sich vor­sichtig an der Fässerreihe entlang. Um vergnügt zu er­scheinen, pfiff er dabei leise ein Studentenlied vor sich hrr. Andree verfolgte ihn mit den Augen, so lange es möglich war. Allmählich aber begannen sich die Umrisse seiner Gestalt zu verwischen. Dann sah sie ihn überhmcht nicht ineÄD.

!Sie empfand eine starke Müdigkeit. Der Weindunst umnebelte ihren Kops und lullte langsam ihre Sinne ein. Sie senkte das Kinn, und ihre schwer werdenden Lider fie­len zu. Aber sie reckte rasch den Kops wieder hoch unÄ zwang sich, wach zu bleiben. Sie wollte nicht einschlafen. Gewaltsam riß sie die Augen auf. Wo war denn Herr Frre- del? Auch fern lustiges Pfeifen war verstummt Be hört«