Ausgabe 
8.10.1910
 
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rkapitän Lroker.

Ein Detektivabenteuer von Conan Doyle.

(Schluß.)

iJch hörte eine Stimme draußen, die Zimmertür tat sich auf und herein trat eine so stattliche Erscheinung von einem Manne, wie selten einer unsere Schwelle überschritten hatte. Es war ein sehr großer jüngerer Herr mit goldblondem Schnurrbart, planen Augen und einer Gesichtsfarbe, welche die Spuren der tropischen Sonne erkennen ließ. Er hatte einen elastischen Schritt, der geigte, daß fein mächtiger Körper ebenso gewandt wie kräftig war. Er machte die Türe Hinter sich, zu unt> blieb mit geballten! Fäusten und heftig aus- und abgehender Brust vor uns stehen; xx kämpfte offenbar eine gewaltige Erregung nieder.

Setzen Sie sich, Herr Kapitän. Sie haben mein Telegramm erhalten?"

Unser Besucher ließ sich in einen Lehnstuhl niedersinken und sah uns nacheinander fragend an.

'Ich habe Ihre Depesche empfangen und bin um die an- aegebene Stunde hierher gekommen. Ich habe gehört, daß Sie drunten im Bureau gewesen sind. Da gab's kein Entrinnen mehr. Sagen Sie nut gleich, was Sie mit mir machen wollen, und wenns auch das Schlimmste ist. Wollen Sie mich verhaften? Reden Sie, Mann! Sie können nicht da sitzen und mit mir fielen wie die Katze mit der Mans."

Gib ihmne Zigarre," sagte Holmes.Rauchen Sie, Herr Kapitän, und lassen Sie Ihre Nerven nicht mit sich durchgehen. Lch Würde nicht so gemütlich hier meine Pfeife schmauchen, wenn sch Sie für einen gewöhnlichen Verbrecher hielte, dess' können Sie versichert fein. Seien Sie offen und frei gegen mich, bann werden B'rs schon fru einem guten Ende bringen. Machen Sie aber Ge- ichtcn, dann vernichte ich Sie."

Was verlangen Sie von mir?"

Einen wahren Bericht über die Vorgänge der letzten Nacht in Abbey Grange einen wahren Bericht, wohlverstanden, ohne etwas hinzuzusetzen oder wegzulassen. Ich weiß schon soviel, daß, wenn Sie auch nur zollbreit von der Wahrheit abweichen, ich mit dieser.Pfeife zum Fenster hinaus der Polizei ein Zeichen geben werde, wodurch die Sache dann für immer aus meiner Hand genommen fein wird."

Der Seemann besann sich eine Weile. Dann schlug er sich mit seiner sonnengebräunten Hand auf den Schenkel.

Ich werd's versuchen," ries er aus.Ich' halte Sie für einen Mann von Wort, für einen anständigen Mann. Ich will Ihnen den ganzen Hergang der Sache erzählen. Aber eins will ich Ihnen gleich zuerst sagen. Was mich anbelangt, ich bedauere nichts und fürchte nichts, und ich würd's noch 'mal machen nird stolz darauf sein. Dieser verdammte Schurke, und wenn er so viele Köpfe Hätte wie die Hydra, ich- würde sie ihm alle einschlagen! Aber bid Frau, Mary Mary Fraser denn ich will sie nie bei diesem verfluchten Mannsnamen nennen. Wenn ich daran denke, daß ich sie in Unannehmlichkeiten bringen sollte, ich, der sein Leben bingeben würde, um ihrem teueren Gesicht ein Lächeln abzunötigen, das macht mich weich! und traurig. Und doch und doch was könnte ich dagegen tun? Ich will Ihnen die Geschichte er- frählen, meine Herren, und Sie daun fragen, Mann gegen Mann, was ich hätte tun sollen.

Ich muß etwas weit ausholen. Sie scheinen von allem unterrichtet zu sein, bann werden Sie wahrscheinlich auch wissen, daß sie als Reisende an Bord, desGibraltar", war, dessen erster Offizier ich war. Vom ersten Tag an, als ich sie kennen lernte, existierten die anderen Damen für mich nicht mehr. Ich habe sie alle Tage während der Reise lieber gewonnen und manche Nacht auf den Knien gelegen und das Deck des Schiffes geküßt, das ihr teurer Fuß betreten hatte. Sie war nicht mit mir verlobt. Sie behandelte mich so artig, wie ein Wejb einen Mann nur be­handeln kann. Ich klag« nicht. Die Liebe war nur auf meiner Seite, aus ihrer wars nur Kameradschaft und Freundschaft. Als Wir uns trennten, war sie ein freies Weib, aber ich war kein freier Mann mehr.

Als ich das nächstemal von der Reise zurückkam, Hörte ich von ihrer Verheiratung. Gut, warum sollte sie nicht nehmen, wen sie wollte? Sie war zu allem SchöniN und Feinen geboren. Sch nahm ihr's nicht übel. Ich war nicht fon selbstsüchtiger chuft. Ich freute mich vielmehr, daß sie Glück gehabt und ihr Ziel erreicht hatte, und daß sie sich nicht an einen armen See­mann weggeworfen Hatte. So liebte ich Mary Fraser.

Nun, ich dachte nicht, daß ich sie je Wiedersehen würde; aber nach der letzten Fahrt wurde ich befördert, und das neue Schiff war noch nicht vom Stapel gelassen; ich mußte also ein! paar Monate mit meinen Leuten in Sydenham warten. Eines Tages traf ich draußen auf einem Feldweg Theresa Wright, ihr« 'alte Magd. Sie erzählte mir von ihr, von' ihm, von allein. Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, es brachte mich bald von Sinnen. Dieser versoffene Kerl, der sollte es wagen, die Hand gegen sie zu erheben, der er nicht würdig war, die Schuh- riemen zu lösen! Ich traf Theresa wieder. Dann traf ich Mary selbst und traf sie noch einmal. Daun wollte sie nicht mehr mit mir frusammenkommen. Aber neulich bekam ich die Nachricht, daß ich ich eijtej Woche anslansen müßte, und ich beschloß daher, |

st« vorher noch 'mal aufzusuchen. Theresa war mir immer zugetan gewesen, beim sie bebte Mary und haßte diesen Schuft fast ebenso sehr wie ich. Von rhr erfuhr ich die Gepflogenheiten des Hauses. Mary pflegte aufznblerben und unten in ihrem Zimmer zu lesen. Ich schlich mich die vergangene Nacht heran und klopfte leise ans Fenster. Erst wollte sie Mir nicht öffnen, aber daß sie mich! wtzt herzlich liebt, weiß ich, und sie konnte mich nicht in der Frostnacht draußen stehen lassen. Sie flüsterte mir zu, an das große Fenster an der anderen Seite zu kommen, und ich fand es offen, um ins Speisezimmer zu treten. Wieder hörte ich von ihren eigenen Lippen Dinge, die mir das Blut in den Adern stocken ließen, und ich verwünschte diesen Unmenschen, der das Weib mißhandelte, das ich liebte. Ich stand gerade mit ihr am Fenster, m aller Unschuld, der Himmel soll mein Zeuge fein, als er wie! ein Wahnsinniger ins Zimmer stürzte, die häßlichsten Schimpf­reden gegen sie ausstieß, die ein Mann einem Weibe gegen­über nur anwenden kann, und sie mit dem Knüppel, den er in der Hand hielt, ins Gesicht schlug. Ich hatte den Ofenhaken auf­gehoben und es war ein schöner Kampf zwischen uns. Sehen Sie hier auf meinen Arm, wo mich fein erster Schlag traf. Dann kam ich an die Reihe. Ich Hieb auf ihn los wie auf einen! verfaulten Kürbis. Glauben Sie, daß es mir leid tat? Durchaus nicht! Es Handelte sich darum, ob er am Leben bleiben sollte! oder ich, aber noch mehr darum, ob er am Leben bleiben sollt«! oder sie, denn wie hätte ich sie in der Gewalt dieses Wahn­sinnigen lassen können? So ist er von mir getötet worden., Hatte ich unrecht? Was würde jeder von Ihnen getan haben, meine Herren, wenn Sie an meiner Stelle gewesen waren?

Sie halte geschrien, als er sie geschlagen hatte, und dadurch! kam die alte Theresa von pbenrunter. Auf dem Anrichtefl tisch an der Seite stand eine Flasche Wein, ich machte fie auf und goß etwas davon auf Marys Lippen, denn fie war halbtot; vor Schrecken. Danir nahm ich selbst einen Schluck. Theresa! war so kalt ioie Eis, es war ja ebenso gut ihr Anschlag wie! meiner. Wir mußten den Anschein erwecken, als ob's Einbrecher petan hatten. Theresa wiederholte unsere Geschichte ihrer Herrin immer wieder, während ich mich hinaufschwang und den Klingel­zug abschnitt. Daun band ich sie auf dem Stuhl fest und franste das Ende desTaues" etwas aus, damit es natürlich, d. H. wie abgerissen aussehen sollte, weil man sich sonst wundern würde, wie ein Dieb hatte dort hinauf kommen können, um es abzu- schneiden. Daraus suchte ich ein paar silberne Schalen und Teller zusammen, um den Gedanken an einen Einbruch nahe zu legen; und bann verließ ich die beiden mit dem Befehl, wenn ich eine Viertelstunde fort wäre, Lärm zu schlagen. Ich versenkte' die Sachen im Teich und machte mich in der Richtung nach Sydenham aus deut Staube; ich hatte das Gefühl, daß ich wenigstens einbnal in meinem Leben eine wahrhaft gute Nachtarbeit geleistet hätte. Tas ist die Wahrheit, die volle Wahrheit, "Herr .Holmes, und wenn's den Kopf kostet."

Holmes rauchte eine Zeitlang, ohne ein Wort zu äußern. Tann stand er auf, ging auf unseren Besucher zu und schüttelte ihm die Hand.

Tas ist meine Meinung auch," sagte er zu ihm.Ich weiß, daß jedes Wort wahr ist, denn Sie haben kaum ein Wort gesagt, das ich nicht wußte. Niemand außer einem ?l fr o baten! oder einem Seemann konnte an den Klingelzug dort oben kommen, und auch nur ein Seemann konnte die Knoten gemacht Haben, mit denen das Seil am Stuhl befestigt war. Tie Dame war nur! ein einzigesmal im Leben mit Seeleuten in Berührung gekommen, das war auf ihrer Reise gewesen, und der Täter mußte ihrer eigenen Gesellschaftsklasse angehören, weil sie ihn hartnäckig zu decken suchte und dadurch ihre Liebe verriet. Sie sehen, wie leicht es für mich war, Sie ausfindig zu machen, nachdem ich einmal die Sache richtig angefaßt hatte."

Ich glaubte, die Polizei würde niemals hinter unsere Schliche kommen."

Tie Polizei ist ja' auch nicht dahinter gekommen und wird's auch nie, wie ich sicher glaube. Aber sehen Sie, Kapitän Croker, es ist eine sehr ernste Sache, wenn ich auch gerne zugebe, daß Sie so stark gereizt waren, wie ein Mann nur gereizt sein kann. Ich weiß nicht genau, ob Ihre Tat als Notwehr angesehen werden würde. Doch das ist vom Gericht zu entscheiden. Auf alle Fälle Habe ich soviel Sympathie mit Ihnen, daß, wenn Sie innerhalb! vierundzwanzig Stunden verschwinden wollen. Sie niemand daran' hindern soll, das verspreche ich Ihnen."

Und dann soll alles an den Tag kommen?" ^Genüß wird's bekannt werden." Ter Kapitän wurde rot vor Wut.

Was ist das für ein Vorschlag für einen Mann? Ich ver­stehe soviel vom' Gesetz, lunt zu wissen, daß Mary der Beihilfe! angeklagt werden würde. Glauben Sie von mir, daß ich sie allein hier im Gefängnis schmachten lassen würde, während ich mich dünn machte? Nein; sie mögen mit mir machen, was sie wollen, aber ums Himmels willen, Herr Holmes, finden Sie einen Aus­weg, daß Meine arme Mary nichts mit dem Gericht zu tun be­kommt."

Holmes schüttelte zum zweiten Male denr Seemann die Hand. Ich wollte Sie nur prüfen; aber Sie bleiben stets wahr. Ich Mhm'e zwar eine große VeraiilN'oriilng auf mW, doch ich! habe