Ausgabe 
8.10.1910
 
Einzelbild herunterladen

Der Kommerzienrat errötete. Nun stieg anch in ihm der Aerger auf.Erlaube, Papa du Wertreibst. Ich bin nicht anspruchsvoll. Ich habe nichts weniger als luxuriöse Bedürfnisse. Aber ich bin zuweilen gezwungen, ans Geschäftsinteresse mit beit Wölfen zu heulen. Aus Geschäftsinteresse jawohl! Wir haben der Zeit Rechnung fcu tragen. Es ist notwendig, daß man von uns spricht. Die beste Reklame war von jeher die, die von Mund zu Mund geht. Als Graf Wolfrad das alte Schloß der Greifenecks nach den Wünschen des Kaisers restaurieren ließ, erzählten alle Blätter davon und im Handum­drehen wuchs auch die Nachfrage nach den Kabinettsweinen des Grafen. Und als Spannuths Auto in der Herkomer- Koukurrenz siegte, war ihm auch der Sieg seines Schwarz- Etiketts sicher. Ah bah > man muß selbst den Matsch in seine Dienste zu stellen verstehen!"

Narrheiten," grollte der Alte.Das ist die Weis­heit der neuen Zeit, für die nicht die Qualität der Ware gilt, sondern der Erfolg der Reklame."

Bitte: hast du nicht selbst deinen Widerstand gegen die Reklame überwunden, als ich dir von der Idee des Herzogs von Äbeelen erzählte? Fritz, wie steht es da­mit? Hast du neuere Nachricht?"

Es war wieder Zeit zur Ablenkung. Mit dem Streit her Worte kam man nicht zum Ziel. Das Auge des Kom­merzienrats heftete sich auf Fritz; es lag eine heimliche Aufforderung in seinem Blick, dem nutzlosen Zank ein Ende zu machen.

Fritz nahm einen Brief aus der Tasche.Es ist alles tn Ordnung," sagte er.Äbeelen hat sich in unserem Jn- teresse telegraphisch mit unserem'Gesandten int Haag wie auch mit dem Zeremonienmeister der Königin in Verbin­dung gesetzt. Von beiden Stellen ist die Antwort ein­getroffen, daß dem Herzog die Wahl des Tauschampagners überlassen bleibt."

And wann soll die Probefahrt stattfinden?" fragte der Kommerzienrat.

Am ersten Juli. Vielleicht ein paar Tage später. Aber sicher nicht vorher."

Zeit genug für uns, fertig zu werden."

Da rief der Opa mit seiner schallenden Stimme:Wenn deine Kassen gefüllt wären, Karl! Sonst kann der erste 'li ein böser Dag für dich werden."

Mr Kommerzienrat fuhr mit dem Zeigefinger rings UM seinen Kragen. Er zupfte an seiner Weste, er stäubte ein Brotkrümchen von seinem Rock, er befühlte jeden ein- toesneu Knopf. Er wich dem Blicke des Alten aus, der seine Verlegenheit erhöhte, und wandte sich an Fritz.

Die Sache liegt so," sagte er,daß der tote Punkt in der Tat überwunden werden muß. Das ist eine Kleinig­keit, wenn wir den Plan ausführen, mit dem ich mich schon sänge trage und über den ich mit dir auch bereits andeu­tungsweise gesprochen habe: die Umwandlung unseres Hauses in eine Gesellschaft."

Her Alte lachte dröhnend auf. Aber da verlor der tomcherzieural die Geduld.Ich bitte, laß mich aüs- rechen!" rief er.Wir stehen zweifellos an einem Wende- tnkt unseres Geschicks, Und da wehre ich mich energisch gegen die Sentimentalitäten, mit denen du meine Absichten Ku zerstören versuchst. Du bist aus Traditionsrücksicht g e - tzen die geplante Gesellschaft, ich bin aus praktischen Grün- vtzn dafür. Es stehen sich also zwei Anschauungen gegen­über, für die eZ keine Einigung gibt. Und da möchte ich einmal die Meinung Fritzens hören."

habe nichts dawider," brummte der Opa, lehnte sich im Sessel zurück und legte vorsichtig das kranke Bein über das gesunde, liebet sein hartes Gesicht ging ein höhnisches Lstcheln.Fritz ist ja eine ausgezeichnete kaufmännische Kapazität," fuhr er mit zuckenden Mundwinkeln fort;er wird dir sicher einen trefflichen Rat geben können tritt dielleicht auch selbst mit an die Spitze der neuen Gesell­schaft und teilt dann seine Zeit zwischen seinen Pferden, seinen Geliebten, seinem Dienst und seinem Kontor. . . ."

Karl August zuckte wieder leicht mit der rechten Achsel. Dieser störrische alte Manu fiel ihm auf die Nerven. Es. war zum Rasendwerden. Auf der einen Seite die Launen einer hysterischen Frau, auf der anderen den Dickkopf des Opas: es war ein Vergnügen. Aber der Kommerzienrat bezwang sich.

Setz dich zu mir," sagte er zu Fritz. Er legte seine große fleischM Hand auf bie seines! Sohnes'.Mich! zwingt

keineswegs die Verlegenheit des Augenblicks. Mein Plan ist alt. Ich erwog ihn schon, als "du Offizier wurdest. Wenn ich sterbe, hat das .Geschäft keinen Nachfolger. Dann würde die Firma doch in eine Gesellschaft verwandelt wer­den. Warum soll das nicht schon zu meinen Lebzeiten geschehen? Der einzige Grund, der mich bisher zögern ließ, war eine gewisse Sorge vor den Manipulationen Jac­ques Spannuths. Die fällt nun fort. Wie stellt du dich zu meiner Idee?"

Der Opa war, während der Kommerzienrat sprach, an den Rauchtisch gehumpelt, wo der Kasten mit seinem Tabak und die Fidibusse standen. Vorsichtig stopfte er seine Stum­melpfeife und zündete einen Fidibus an. Während er das brennende Papier über die Pfeife hielt, schielte fein schwarzes Auge mit ironischer Neugier zu Fritz hinüber. Wenn der! Junge ehrlich war, mußte er antworten, daß er von der Sache rein gar nichts verstehe.

Aber Fritz sprach anders. Er sagte kurz:Ich teile den Standpunkt Opas, Vater."

He?!" rief der Alte. Er pustete auf den Fidibus; fast hätte die Flamme ihilr die Finger versengt.Was! war das, Fritz?" Und er trat wieder näher, inter­essiert und erstaunt.Du teilst meinen Standpunkt? Bist nicht für eine G. m. b. H.?"

Nein, Opa."

Und willst du mich gütigst belehren, weshalb nicht?" fragte der Kommerzienrat gereizt.

Weil deine Prämisse in Fortfall kommt. Die Firma soll ihren Nachfolger erhalten. Ich habe die Absicht, den Dienst zu quittieren Und bei dir einzutreten."

Rechts neben Fritz stand der Alte und starrte ihn an. Links saß der Kommerzienrat, gleichfalls mit großen Augen, kopfschüttelnd, gänzlich aus der Fassung gebracht.

Fritz lächelte schwach. Er verstand die fragenden Blicke. Das kommt euch überraschend," fuhr er fort.Ich be­greife es. Ich bin mir auch erst in letzter Stunde schlüssig geworden. Das Duell gab den äußeren Anstoß. Ich zweifle nicht daran, daß das Kriegsgericht meinem Worte Glauben schenken und mich milde beurteilen wird. Aber der Knax in der Karriere bleibt mir doch nicht erspart. Und wäre das auch nicht der Fall: der Kaiser hat viele Soldaten, die Firma aber nur einen einzigen Erben. Natürlich: das wußten wir bereits, als ich mein Ossiziersexamen machte. Aber damals hat mau mich nicht viel gefragt, ich war auch noch .überlegungsloser. Heute sehe ich, daß das Geschäft mich braucht. Da bin ich denn bereit, abermals umzu- satteln."

Es fragt sich nur, ob es dem Geschäft von Nutzen ist," sagte der Kommerzienrat Mit gerunzelter Stirn.

Probiere es aus, Papa!"

Karl August erhob sich stracks.Unsinn, Fritz! Ich will gar nicht von der Mama sprechen, die außer sich sein würde bei dem Gedanken . . . hier handelt es sich zunächst um dich selbst. M wäre ein Frevel, dich aus einer Kar­riere herauszureißen, in die du mit Leib und Seele hinein­gewachsen bist in der du dich ivohl fühlst. Probiere es aus, sagst du. Auch wieder Unsinn. Das wäre ein gefährliches Experiment. Wir brauchen keinen wackeren Reitersmann, sondern einen tüchtigen Kaufmann."

Erlaube, Vater: woher weißt du, daß ich das nicht bin?"

Der Opa ließ sich schwerfällig nieder. Er warf kein Wort dazwischen; auch der höhnische Zug um seine Lippen war nicht mehr sichtbar. Sein Auge schien zu fragen: Teufel, ist das da denn unser Fritz?!

Der Kommerzienrat war nicht weniger verblüfft. Seltsame Frage," antwortete er.Weil du es bis dato noch nicht bewiesen hast,"

Nicht beweisen ko n n t e, Papa. Aber es drängt mich darnach. Meine Vorbildung habe ich bei Brissonet freies, bei Castaneiro und Sonnois und Mignvt gefunden. Habe auch nichts vergessen. Bin, noch nicht zu alt. Und vor allem: spüre die Lust in mir, mich dem Geschäfte zu wid- men. Um kurz zu sein: es ist mein fester Vorsatz, den Abschied einzureicheu, sobald mein Prozeß entschieden ist. Vorher darf ich es nicht. Aber ich darf Urlaub nehmen und das werde ich tun. Nun verfügt über mich!"

(Fortsetzung folgt.)

- "^g!ü"at