Ausgabe 
8.10.1910
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 8. Oktober

>V

H» «W

MWW

WM.

Friedel halb-süß.

Moman von Fedor von Zobeltttz.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Meder schleifte er seinen kranken Fuß ein paarmal durch das Zimmer und abermals blieb er stehen.Ein Feind gefallen," fuhr er fort,gleichgültig wie er stört uns nicht mehr." Seine Hand berührte die Schulter des Enkels.Dafür dank ich dir, Fritz."

Danke mir nicht, Opa. Ich wollte, ich könnte ihn wieder lebendig werden lassen."

Der Alte setzte sich neben ihn.Entsinnst du dich, wie vor zwei Jahren das Gerücht aufkam, in unfern Kelle­reien wiirde unmäßig gepanscht? Zuerst in vagen An­deutungen, dann in bestimmterer Form, bis derBote aus dem Rheingau" die Sache aufnahm und Einzelheiten auch in die Fachblätter übergingen? Düs Dementi folgte freilich auf dem Fuße, und die Blätter mußten zu Kreuze kriechen. Mer etwas von dem Schmutz blieb doch an uns hängen; aus unfern Lagereien in Panama und Tampico und Madras, von weit her kamen die Anfragen: was ist an der Sache, und warum klagt ihr nicht? « Wir wollten nicht klagen, weil wir der Ueberzeugung waren, daß ein Gerichtsspektakel noch mehr Aufsehen gemacht haben würde. Damals war ich rüstiger zu Fuß als heute und versäumte Nie meinen abendlichen Spaziergang. Und eines« Abends traf ich unversehens auf Herrn Jacques Spannuth, der aus der Villa Helldorf kam und zum Bahnhof wollte. Da stellte ich ihn denn und da habe ich gewußt, daß auch diese nieder­trächtige Lüge von seiner Geiferzunge kam! Ich hatte den 'Knotenstock bei mir, der da drüben in der Ecke steht * und wie ich fein weißes grinsendes Gesicht so vor mir sah, da hob ich den Stock und hätte ihm kalten Blutes den Schädel zerschmettern können. Es kam nicht dazu; der Mann hatte einen Revolver bei sich, den hielt er Mir unter die Rase und sagte:Notwehr, alter Herr sie ist nicht strafbar." Und dann gingen wir aneinander vorüber. Ich habe nie über diese Episode gesprochen, und er er ganz gewiß nicht. Heute erzähl ich sie euch. Mit Msicht. Notwehr ist menschlich."

Er nickte und leerte ruhig sein Glas Milch.Frei­lich," sagte er, >,ich verkenne nicht, daß deine Duellaffäre böses Mut machen wird. Und grade im Augenblick wäre es «zweckmäßiger gewesen, wenn die allgemerne Aufmerk­samkeit sich nicht so intensiv auf uns gelenkt hätte. Wir haben die Nacht hindurch über den Büchern gesessen, Fritz fc- aber es gibt schöne Frühlingsüächte."

Eine vorübergehende Stockung," warf der Kom- merzielirat erklärend «ein.

Ich weiß es, Papa. Ich traf Kesselholz in der Allee. Plötzlicher Mangel an Betriebskapital."

Der Opa lachte grimmig auf.Richtig, mein Junge! Plötzlicher Mangel. Das passiert K. A. Friedel. Es ist zum Beinausreißen. Es ist beinah ein Karnevalsscherz. Ueber Nacht sind die Quellen versiegt. Nein, nicht über Nacht: langsam und allmählich, aber man achtete nicht darauf. Weißt du, wie es gekommen ist? Laß dir von! deinem Vater die Bücher vorlegen. Der Verbrauch in den letzten Jahren war höher als der Reingewinn. Wenn mast hunderttausend Mark einnimmt, darf man nicht hundertund- fünszig verausgaben. Mer ich kenne eine Perlenkette, dre allein sechzigtausend gekostet hat, und kenne eine Schneiderm, für die es eine Kleinigkeit ist, jährlich an dreißigtausend. Mark zu liquidieren. Stelle Pferde, Automobil und Diener­schaft in Rechnung und überschlage den Verbrauch in diesem armen, aber ehrlichen Hause, in dem die Not Livree trägt und die Sorge in Seide rauscht: dann wirst du dir denken können, wo das Geld bleibt."

Der Alte sprudelte, wenn «er in Aerger geriet, die Sätze stoßweise hervor. '9hir vereinzelte Worten klangen scharf, und jedesmal, wenn er einen Ausdruck besonders wuchtig hervorhob, blitzte in seinem dunklen Auge eine FlamMY auf, und die buschigen Brauen schoben sich zusammen.

Dem Opa gegenüber verlor der Kommerzienrat leicht seine Ruhe. Gewöhnlich versuchte er, abzulenken und zu begütigen, denn er wußte: steigerte siü> der Zorn des Altem so konnte er schreien, daß man es bis zum Rhein hinab hörte. Diesmal aber hielt er eine Zustimmung für zweck-, mäßiger: sie war zugleich die beste Verteidigung für ihn selbst.

Du bist bitter, Papa," sagte er,aber du hast auch recht. Margot hat nie rechnen können."

Da hättest du eben für sie rechnen sollen!" rief der Alte. Wieder fuhr er vom Stuhle auf und blieb stehen, die Knöchel seiner Hände auf den Tisch gestützt.Eines! verschwenderischen Weibes wird ein Mann doch noch Herr zu werden wissen! Wer du bist ja auch kein Kaufmann! . oder höchstens ein Kaufmann jenes Schlages, wie die moderne Gesellschaft ihn gern hat! Diese verdammte Ge­sellschaft Mrd uns noch gänzlich« zugrunde richten! Ist es «denn nötig, sich ihren blödsinnigen Ansprüchen anzu­passen?! Ist es nicht tausendmal vornehmer, sich seine eigenen .Wege zu suchen, als den übrigen nachzulaufen?! Aber nein Helldorf und Wolfrad ließen sich Schlösser bauen, und da konntest du nicht nachstehen! Spannuth mußte sein Auto haben da brauchtest du notgedrungen auch eins!" ,

Es war Margots Wunsch," sagte Karl August uw- fid^CE.

7Hattest du ihm nicht ein kräftiges Nein entgegensetzen können?! Mein lieber Sohn, an der Verfahrenheit unsrer Verhältnisse bist im letzten Grunde du allein schuld. DU ganz allein! Du Hast dich in die Rolle des Gentleman! hineingespielt und darüber den Kaufmann vergessen."