Ausgabe 
8.6.1910
 
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Werke und noch kurz vor seinem Tode durch Uebersetzüng mehrerer Byrouscher Werke bekannt gemacht hat. Ich genoß die sorgfältigste und liebevollste Erziehung. Starke Neigung zur Musik zeigte sich schon in den frühesten Jahren; ich erinnere mich, ohne alle Anleitung Chor- und Orchesterwerke schon in meinem elften Jahre geschrieben zu haben. Der Vater wollte mich auch durchaus Mm Musiker bilden; die Verhandlungen, die deshalb mit Karl Maria von Weber in Dresden gepflogen wurden, zerschlugen sich jedoch."

Ehe Schumann seine Gymnasialstudien beendet hatte, starb der Vater. Auf Wunsch der Mutter studierte er in Heidelberg und Leipzig die Rechte und Philosophie, wandte sich dann aber bald ganz der Musik zii, worin er den Unterricht Friedrich Wiecks', seines späteren Schwiegervaters, und Heinrich Dorns genoß. Mit Energie ging er mit glcichstrcbendeu Freunden gegen den musi­kalischen Schlendrian an und gründete 1834 dieNeue Zeitschrift für Musik", die bald blühte. Schumann als Redakteur war auch sein bester und fleißigster Mitarbeiter. Er entwickelte ein hervor­ragendes schriftstellerisches Talent; seine Aufsätze hat er selbst später als seineGesammelten Schriften" herausgegcben, die jedem Musiker und Musikfreunde dringend empfohlen werden können. Immer strahlender ging aber auch sein Stern als Kom­ponist auf. Seine kleinen stimmungsvollen Klavierstücke mit ihrer charakteristischen, oft eigenwilligen, immer interessanten Harmonik wurden ungemein beliebt, namentlich seit sie Klara Wieck mit ihrer wunderbaren Kunst einführte. Mit Klaras Namen ist Schn- manus höchstes Glück verknüpft. Sie wird seine Braut, die er erst nach langen Kämpfen dem starrköpfigen Alten abtrotzen konnte. Alles Glücksgefühl schien auf Schumann herabströmen zu wollen : da begann das Unheil wie in einer antiken Schicksals-. tragödie, in der die neidischen Götter das Glück des Menschen rächen. Wohl nahm der gefeierte Künstler die Düsseldorfer Musik­direktorstelle an, wohl hatte er hier noch schöne Erfolge zu ver­zeichnen, dennoch war diese Ucbersiedelung im Jahre 1850 der iMnfang vom (Silbe. Im Februar 1854 ereignete sich der furcht­bare Selbstmordversuch: die kalten Fluten des Rheines sollten! die unerträglichen Schmerzen im Kopse und' die beängstigenden Gehörhalluzinationen zum Schweigen bringen. Man rettete einen Todunglücklichen, der schon nach zwei Jahren, am 29. Juli 1856, in der Anstalt zu Endcnich von einem hindämmernden.Leben er­löst wurde.

Seine tapfere Gattin aber kämpfte für sich, ihre Kinder Und ; für den Gatten weiter, unterstützt von treuen jungen Freunden, wie Joseph Joachim und Johannes Brahms, den Schumann noch 1853 den jungen Adler genannt hatte, der als Beethovens Erbe den Sonnenflug wagen dürfe. Die geniale Pianistin Klara konnte aber nur für einen Teil von Schumanns Lebenswerk Propaganda machen, die Lieder taten cs selbst. In ihnen ruht wohl Schumanns reichstes Vermächtnis; in Ueberfülle hat er uns damit beschenkt, allein das Hochzeitsjahr brachte ihrer 138. Bahnbrechend wurde seine Behandlung des Klavierteils. Brahms und Hugo Wolf standen in dieser Hinsicht ganz auf seinen Schultern. Meisterhaft versteht er in kurzen Einleitungen in die Stimmung einzuführen, in interessanten Nachspielen sie ausklingcn zu lassen; manchen Maviertcil dieser Lieder kann man als selbständiges Stück vortragen.

Wenn auch seine Kammermusik stets eine begeisterte Gemeinde sand, die sich ständig vergrößert, so wollte doch keines seines Orchesterwerke so recht durchdringen, nur die, die mit der Vokal­musik eine Verschwisterung cingegangeu sind, z. B.Der Rose Pilgerfahrt" oderParadies und die Peri". Sehen wir genau zu, so ist es aber auch hier der poetisch empfindende Lieder^ komponist, der uns entzückt. Am wertvollsten ist unter den Orchestersachen die Musik zu ByronsM unsre d", die neuer­dings mit Neubearbeitungen des großzügigen Gedichtes ein er­höhtes Interesse erregt. , i

Schumann wäre der letzte gewesen, der sich dem Fortschritt,, Und ginge er über ihn selbst hinweg, entgegengestellt hätte. War er nicht selbst ein junger Stürmer, der in seiner Person eine ganze Schar Kämpfer vereinigte, die er in liebenswürdiges Mystifikation alsDavidsbündler" in seiner Zeitschrift auf den Kampfplatz schickte? So, in seiner Jugendlichkeit, steht er noch jetzt vor unserem Auge. Wir können uns einen alten Schumann so wenig wie einen alten Mozart vorstellen. Fortleben wird er und seine Musik, aber nicht im Konzertsaal, wenn auch dort sein! Lied nicht verstummen wird; sondern im Hause wird er weiter wirken. Seine entzückenden Klavierstückchen, von denen nicht wenige für Kinderhände bestimmt sind, wollen im behaglichen, lauschigen Zimmer, in Dämmerstunden gehört werden. Wer je in künstlerisch vollendetem Zusammenspiel von Geige und Klavier dasAbend­lied" oderTräumerei" oder sonst irgend eine dieser einzigartige Urten Tondichtungen vortragen hörte, der muß den Romantiker «chumann für immer lieb behalten; er hat einen Dichter in Tönen zu siich sprechen hören, sich von ihm! kleine wundersame Begebenheiten erzählen lassen. Und wenn man dann ein übriges! tun will, nehme man dieGesammelten Schriften" tont Bücher­brett und lese, wie ein romantischer Dichter Tonwerke erklärt, "tuen Geschichten unterlegt, wie er immer Dichter Kritik an Musik und Musikern übt. Dann wird einem klar, daß, Schu­mann nicht nur in seiner Musik sortlcbl, sondern daß er nach Brentano und nach Hoffmann als letzter romantischer Dichter feilten Platz in der Literaturgeschichte beanspruchen darf..

Lrauenleben in der sahara.

Eine fesselnde, farbige Schilderung eines Zuges durch die! großen nordafrikanischen Wüsten gibt der englische Direktor des Erzichungswesens in Mord-Nigeria, Hans Bischer, der für seine Forschungsreisen auch von der Londoner Royal Geographicak Society eine Auszeichnung empfangen hat. Besonders interessant in dem Reisewerke des britischen Kolonialbeamtcn, das den! Titel führtAcroß the Sahara front Tripoli to Bornu", sind die Beispiele von dem großen Einflüsse, den einzelne Fraucn.- persönlichkeiten bei den Stämmen der Wüstenbewohner ausübend An dem Karawanenzuge Vischers nahm auch eine alte Frau namens Fatima teil, deren Mut und 'Unerschrockenheit weitüm! berühmt wären; mit fast abergläubischer Scheu blickten dis Männer auf diese Greisin, die sich wie eine böswillige alte! Hexe gebärden konnte.Wenn sie ihren langen Stock hoch über! den Häuptern ihrer Umgebung schwang, dann bot die alte Fatima einen Anblick von phantastischer Majestät; selbst klügere Männer! als die Kameltreiber hätten vor dieser hohen, dürren Gestalt mit der wilden, leidenschaftlichen Rednergabe erbeben können," Eine! andere Frau, die durch ihren Einfluß auf die Umgebung dem eng­lischen Forschungsreisenden das Leben rettete, war Hauwa, ein! riesenhaftes Bagirmiweib, dem das Volk die Gabe der Wahr­sagung zuschrieb. Sie verfiel in hysterische Krämpfe und machte! dann ihre Prophezeiungen; freilich konnte Vischer erproben, daß bei guter Belohnung durch Tee und Zucker diese Zukunstsver­kündigungen immer freundlicher und rosiger wurden. Während! her Reise entstand unter den Kameltreibern, dem Führer und den Tuarcgs eine Verschwörung, deren Ziel es war, Vischer KU töten. Im Lager herrschte nervöse Unruhe, jedermann ahnte das Bevorstehende, ohne zu wissen, wie die Katastrophe abzuwendÄn wäre.Da trat Hauwa, die gute, große Prophetin vor und! der Geist kam über sie. Selbst der verräterische Führer bebte vor Angst bei den wilden, grellen Schreien der bessenen Frau, die Freunde liefen herbei, um sie zu halten, aber einer ganzen! Horde gelang cs kaum, das riesige Weib zu überwältigen. Man! hatte sie in ein Zelt geschleppt, aber ihre Stimme tönte fort;, schließlich holte man mich herbei, der Teufel habe mich gerufen',. Ich fand sic mit rollenden Augen, Schaum am Munde, am Boden! liegend; sic heulte wie eine wütende Katze. Gegen zehn Männe« und Frauen hielten sie an den Armen und Händen sest. Als sic mich sah, begann sie noch lauter zu brüllen, und daun rief sic mir zu:Du bist ein Christ, du bist ein Mann Gottes, keiner! loirb dir Schaden zufügen können. nichts von dem, was diese Tubbus dir geben und lege deine Waffen nicht aus der Hand..." Die Prophezeiung tat ihre Wirkung; als der Abend kam, waren alle Vcrrätcrgedanken erloschen, im Lager herrschte sorglose Heiter­keit, ein großes Festmahl wurde abgchalten, und ich vergaß natürlich auch nicht, Hauwa als Dankgeschenk ein großes Quantum Zucker und Tee zu schicken." Die Freude des' freien! Wüstcnlebens wurde dem Reisenden mehr als einmal bitter ver­gällt durch die Notwendigkeit, seine vielköpfige Begleitung in Zucht zu halten. Insbesondere die Frauen hielten keinen Frieden, die Negerinnen und Araberinnen haßten sich gegenseitig auf den' Tod, und mehr als einmal mußte Vischer unter Lebensgefahr Vermittlungsversuche machstn, rem ein Blutvergießen zu ver­hindern. Als er zu seiner Fahrt, die ihn 1400 englische Meilen! durch die Wüste führen sollte, aufbrach, ahnte er ivenig von dem wilden Temperament seinerschwarzen Damen".Wenn sie einmal in Aufregung geraten waren, gab es nichts, was ihre! Zungen zur Ruhe Hütte bringen können. Und sie waren oft in! Aufregung, Adiza und Hauwa, Amina, Fatima und Gombo, Fast täglich kam cs zu Kämpfen, zit regelrechten Schlachten zivischcu den schwarzen Schwestern. Kein Marsch war zu anstrengend/ kein Weg zu mühevoll: sobald das Lager erreicht war, waren! die Frauen kampfbereit. Die Männer übernahmen die Be- schnssung von Stöcken; sie trugen Sorge, recht dicke zu wählens das kühlt ihr Blut", meinten sie philosophisch. Dann, in de« Stille der Wüstennacht, hörte ich das Geschrei der Frauen, die! immer wütender wurden, bis dann die Prügelei losging und das Blutabgekühlt" wurde. Am nächsten Morgen aber war aller Zorn verschwunden, und lachend erörterte man int schönsten Frieden alle Einzelheiten des Kampfes. Das gab dann den Gc- fprächsstvsf für den ganzen Tag. Es! ist charakteristisch für deit Neger, daß er schließlich alles von der humoristischen Seite! nimmt und dadurch wird er trotz aller seiner Fehler zum an­genehmen Reisegefährten. Ich habe alte Männer gesehen, die! vor Lachen die Hälse ihrer Pferde umklammerten und sogar vom Kamel hernntcrfielen, alles wegen eines Witzes, den sie viel­leicht schon zwanzigmal gehört hatten." Als Bischer während der Reise die arabischen Kameltreiber durch Tnbbus ablöscn ließ/ mußten die Frauen der Karawane zu Fuß gehen, denn die Tubbus glauben, daß es einem Kamel Unglück bringt, wenn es. eine Frau trägt. Aber den schwarzen Damen machte das wenig aus; die Kamele waren todmüde nach der Tagesreisc, die schwarzen Damen aber frisch und streitsüchtig wie immer, ja die größten Prügeleien fanden gewöhnlich nach den anstrengendsten Tages!-. Märschen statt. Eine besondere Stellung nimmt die Frau M den Tuarcgs ein: dort ist der Mann der Untergebene und nach dem Gesetze muß er der Frau gehorchen. Das' Mutterrecht be­herrscht die Rechtsanschauung. Die Frau zeigt stolz ihr Gesicht, während der Wann verfchleiert geben muß. Den armen Tu.aregs'