346
Wie ztvel Feinde standen wir uns' gegenüber. Aber ich Mb es noch nicht auf.
„Sie sollen ihn auch behalten, Herr Professor. Es ist nur für die nächste Zeit, damit ihm die Ausregung nicht schadet. Ich will mich Ihnen natürlich nicht anfdrängeu, aber es würde sich doch wohl ein Modus finden lassen. Ich könnte ja den Winter in München verleben wie voriges Jahr und in den Stunden zu ihm kommen, wo Sie nicht zu Hause sind."
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Entweder oder. Eine halbe Maßregel nützt in diesein Falle nichts."
„Um des Jungen willen, Herr Professor! Sie sehen doch, wie er an mir hängt!"
Der Professor sagte nichts, fein Gesicht blieb unbeweglich. Es stieg mir auf einnial heiß in die Augen, ich versuchte, mich zusammenzunchmen, aber ich mußte es sagen, ich konnte nicht anders: „Und um meiner selbst willen auch! Sehen Sie denn nicht, daß ich ihn nötig habe, daß ich nichts auf der Welt habe als den Jungen?"
„Und ich? Habe ich denn etwas anderes?"
Er hatte seine Hand auf meinen Arm gelegt und sah Mich an, beinah streng', wie damals, als er meinen Vater gegen mich verteidigte.
„Agnes, hören Sie zu. Als ich Ihnen damals meinen Jungen brachte, tat ich es nicht, weil er Sie brauchte. Mit ihm wäre ich schon fertig geworden, Kinder vergessen schnell, das sehen wir ja jetzt."
Er lachte kurz und herb.
„Mer Ihr Gemütszustand bei Ihrem letzten Besuch in München war ziemlich durchsichtig. Ich bin nicht sö blind, daß ich nicht gesehen hätte, daß Sie "Schweres erlebt hatten. Auch nachher, als Sie von den Konflikten' in bezug auf Ihren Vater sprachen, wußte ich doch, daß da poch anderes im Spiel sein mußte. Was junge Leute !so bis in die Tiefen packst das ist nur das Leben und' picht der Tod. Na, das ging mich ja nichts an. Aber haß geholfen werden mußte, und zwar rasch, das sah ich."
„Und alles, was Sie mir damals Gutes getan haben, das zerstören Sie jetzt, wenn Sie ihn mir wegnehmcn! Und warum? Weil Sie an sich denken, nur an sich —"
Er hatte noch immer die Hand auf meinem Arm, ich sah fein Gesicht nicht, weil ich blind von Tränen war.
„Ich gebe zu, daß ich an mich denke. Sepp-l ist mein Kind, und ich habe nur das eine. Ich glaube nicht, daß ich iuiu Ihnen gleich zu schenken brauche, wenn ich ihn auch! eine Zeitlang her gab. Wer ich denke auch an Seppl selbst dabei. Jetzt haben Sie nichts anderes, aber Sie sind jung, und es ist ganz natürlich, daß Sie einmal noch ganz andere eigene Wege gehen und Ihr Glück anderswo finden. Dann fragen Sie nicht mehr danach, ob es dem Jungen schwer wird oder nicht, so sicher, wie zweimal zwei vier ist. Und das Möchte ich ihm ersparen!"
„Ich? Mein Glück? Das Kapitel ist für mich abgeschlossen, ein für allemal. Ich bin nicht der Mensch, der eine bittere (Äcfahrung zweimal machen muß, um daran zu glauben. Ich bin nicht mehr jung,"
„Nicht mehr jung!"
Ich vergaß den Professor einen Augenblick, ich vergaß alles. Meine eigenen Worte hatten es mir auf einmal ganz klar gemacht.: wenn ich den Jungen nicht mehr hatte, dann hatte ich nichts mehr. Es konnte nicht sein, sch konnte ihn nicht hergeben!
„Sehen Sie denn nicht, was Sie mir tun? Herr Professor, ich will ja nichts weiter, als ihn bisweilen sehen, nur picht ganz verlieren ! Ich bitte Sie, wie ich nur bitten kann —"
Und plötzlich hielt er mich an beiden Handgelenken fest, daß es mir wehiat, seine Stimme war heiser.
„Agnes, Kind, verstehen Sie mich doch! Merken Sie denn nicht/ daß ich mich gegen mich selbst und gegen Sie wehren muß ans allen Kräften? Diesen ganzen Sommer schon ist das gegangen! Alter Narr, der ich bin! Ich und Sie junges Ding! Lächerlich! Aber Sie zwingen mich ja, es zu sagen!"
Er atmete schwer aus und drängte mich mit einem Schritt zum Fenster, daß wir beide ganz im Licht standen.
(Schluß folgt-)
Robert schumcmn.
Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages (8. Juni 1910)/ Von Friedrich Kerst (Elberfeld). i
Als die musikalische Welt vor vier Jahren seines 50. Todestages gedachte, wurden allenthalben Stimmen laut — zürnende, mahnende, bedauernde Stiunncn, die sich mit mehr oder weniger Autorität für Robert Schumann erheben zu müssen glaubten/ Zunächst durch Wagner und seine Nachfolger, dann durch die neu erweckte Begeisterung für Bach war in der Tat Schumann nebst seinen romantischen Freunden zurückgedrängt worden. Ein feinsinniger SchumannsreunÜ führte damals aus, daß der Komponist auf einem besonderen Wege dem Publikrim wieder nahe gebracht werden könne, indem diesem nämlich die Bedeutung des Schriftstellers und Dichters Schumann klar gemacht werden müsse'.: Damit würde ihm ein neues Verständnis für den Komponisten aufgehen. In diesen Worten liegt viel Wahres, so viel, daß es sich verlohnt, einmal das Leben des Meisters an diesem Gedenktage! vor uns vorüberziehcn zu lassen und dabei des Komponisten u n d Dichters zu gedenken.
Denn Schumann war ein Komponist und ein Dichter, nicht ein Dichterkomponist in dem Sinne wie Richard Wagner, der sich seine Texte selbst schrieb. Nicht zu einem einzigen feinet! vielen Lieder hat Schumann die Worte gedichtet, mrd doch läßt sich in ihm' der Komponist nicht vom Dichter trennen. Daß er ein Dichter im richtigen landläufigen Sinne des Wortes war, wissen heute noch viele nicht, denen der Komponist Schumann! wohlbekannt ist. Gelegentlich der fünfzigsten Wiederkehr seines Todestages brachte eine der ältesten und angesehensten Berliner Zeitungen das „einzige" Gedicht, das von Schumann bekannt geworden sei, und das angesehenste mittelrheinische Blatt druckte! die Notiz unbesehen nach. Sie bezog sich auf das „Traumbild"-, das man in der Reklamausgabe von Schumanns „Schriften über Musik und Musiker" Nachlesen kann. Nun hatte aber schon int Jahre vorher Berthold Litzmann in seinem umfangreichen! Werke über Klara Schumann eine ganze Reihe reizvoller kleiner! Gedichte mitgeteilt, die sich dann auch zum Teil in meutern Schumann-Brevier finden, das ebenfalls 1905 herauskam. Diese „Liebeszeilen", wie Schumann sie nennt und die er auch in der Zeit seiner geistigen Umnachtung immer wieder erwähnt, hat er als glücklicher Bräutigam an seine Klara gerichtet, .Als Probe möge hier ein kleiner Vierzeiler Platz finden:
Im Ofen knistert's. Der Abend graut, Und innen slüstert's: Wann kömmst Du, Braut?
Wer so fein Gefühl, feine Stimmung in denkbar knappe Form bringen kann, ist ein Dichter, wenn er auch nichts als diese lyrische! Perle geschriebeir hätte. . 1
Und dann Schumann als Dichter in seinen Brie fen, besonders in den wundervollen Jugendbriefen, die seine Fran heraus- gab! Da ist er ganz Romantiker, der für Jean Paul schwärmst der trunken ins Abendrot schaut, mit den weißen Wolken durch den blauen Himmel dahinfliegt, um schließlich mit (eifer Wehmuh sich auf der Erde wieder zu finden. Es find Briefe darunter/ die man ohne weiteres in freie Rhythmen auflösen kann. Es soll zugleich in die Welt seines Wollens und Fühlens entführen- wenn hier ein Bruchstück aus einem Brief des Siebzehnjährig^ angeführt wird. l
„Wie eine weite, weite Abendlandschaft, auf der nur matt noch ein rosiger Kuß der sinkenden! Sonne bebt, so liegt mein ganzes! Leben vor mit; siehe, ich träume: und einen mächtigen, mächtigen Berg, kahl und gebüschlos sehe ich vor meinen Augen sich erheben, und eine himmlische Rose blüht auf ihm, und ich will sie erreichen, ich will ihr näher sein; und steil ist der Berg, und die Klippen starren herab, und vergebens streckt der Freund die! flehenden Hände nach ihr ans. Und weil er sie nicht erlangest kann, ist er beglückt, ist er ein Gott, wenn es ihm vergönnt ist, die Rose aus der Ferne anzubeten."
Aber Schumann ist auch Dichter in seiner Musik. Eigentliche Programmusik hat er nie geschrieben, wenn er auch getst seinen kleinen entzückenden Klavierstücken stimmungmachende Ueber- schriften voransetzte und sich namentlich zu seinen ersten Werkest ost von dichterischen Werken anregen ließ. Jean Paul schaut! aus ihnen oft heraus, nicht nur aus den „Pavillons", oder den „Blumen-, Nacht- und Phantasiestückcn". Wenn man diese Klaviersachen gut spielen hört, stellen sich sofort Landschaftsbildev oder Begebenheiten vor dem geistigen Auge ein. Schumann hat bekannt, daß cs ihm auch so ergangen fei. Er selbst war sich ganz klar, daß er in erster Linie Musiker und nebenher Dichte« und Schriftsteller sein müsse. Er hatte das Glück, eilten einsichtsvollen Vater zu haben, der früh die Anlagen des Knaben erkannte und dessen literarische Tätigkeit und Interessen von Einfluß auf den Sohn wurden. In einer kurzen Autobiographie, die dieser eiureichte, um die Doktorwürde zu erlangen, berichtet er selbst darüber folgendes:
„Ich bin zu Zwickau geboren, den 8. Juni 1810. Meist Vater war Buchhändler, ein höchst tätiger und geistreicher Manu, der sich namentlich durch seine Einführung der ausländischen Klassiker in Taschenausgaben, durch die zu ihrer Zeit viel gelesenen Erinnerungsblätter, durch eine Meiige wichtiger laufmäunischev


