MV
Mittwoch den 8. Juni
sTH
Wfi -
&
0
Ihres Vaters Tochter.
Roman von Sulu von Strauß nnd Torn ey.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
21. September.
Seppl, mein Herzensbubl Goldener! Immer wieder muß rch's sagen: wenn du wüßtest, was du mir alles an- gerrchtet hast an Unheil, an heimlicher Herzenssorge — und nun zuletzt an Glück, großem, ruhigem, sicherem Glück!
Wenn ich das gestern abend geahnt hätte!
Vor ein paar Stunden noch Unruhe und Angst und Meine ganze Seele aus den Fugen! Und nun ist es auf einmal, als ob eine gute kühle Hand über all die heiße Unruhe und Wirrnis hinstriche und glatt machte und schlichtete. Und ich kann nichts tun, als die Augen zumachen und .ganz still sein!
Wie es laut? Wie alles Wunderbare, unerwartet vom Himmel geschneit! —
Heute früh hatte ich mir den kleinen Missetäter vor- genommen und ihm eine Rede gehalten, selbst mit schwerem Herzen, aber mutig: er sollte mitgehen, wenn der Vater ihn mithaben wollte. Aber wir wollten ihn beide bitten, Seppl und ich, ob wir nicht noch eilt Weilchen beisammen bleiben dürften. Ich hatte mir genau überlegt, lote es sich am besten einrichten ließ.
Seppl in seinem Trotzkopf hatte dem Vater seit dem ersten mißglückten Mal seine Gehversuche nicht wieder vorführen wollen, trotzdem er jeden Morgen tapfer übte. Aber heute hatte ich's durchgesetzt, daß wir damit ivarteten, bis iber Professor kam.
Er Ivar etwas erstaunt, als ich ihn gleich mit in Seppls Stube nahm. Aber als der Junge, der ihm etwas scheu, doch artig die Hand gab, nun aus dem Wagen kam und auf den Füßen stand, sah er doch zu, die Hände in den Joppentaschen.
Ich faßte etwas Mut. „Brav sein, Seppl!" flüsterte ich dem Jungen ins Ohr.
Sein Vater sah auf das schmale, schmächtige Kerlchen herunter, das sich da so tapfer Schritt für Schritt weitermühte. Und auf einmal bückte er sich, faßte ihn unter den Armen und schwang ihn hoch, mit unterdrückter Rührung im Gesicht.
„Büble, aus dir wird ja noch mal ein Mordskerl!" ' Er hatte ihn auf den Knien, und Seppl war wirklich brav, spielte mit seiner Uhrkette, antwortete gnädig und sah nur bisweilen nach mir, ob ich ihn nicht im Stich ließ, t Aber dann plötzlich kam das Unheil.
Der Professor schien wirklich gut gestimmt, er schwatzte dem Zungen allerlei lustiges Zeug vor und lachte. Seppl lachte nut Und auf einmal faßte, er den Vater zutraulich um Hirschhornknopf der Joppe.
„Vater, ftuj, wann reist du wieder weg? Bald schon, gelt?"
Eine Pause. Ich hatte einen roten Kopf vor Schreck. Der Professor schob die Hand des Jungen unfreundlich zurück^
„Bald, ja. Wir reisen zusammen, Seppl. Ich nehme dich mit heim."
In seppls Augen dunkelt der Trotz auf.
„Aga auch?" fragt er.
Der Professor lacht kurz auf.
„Nein, Bub. Die kannst du nicht überallhin mitschleppech wie dir's paßt. Wir zwei allein."
Das ist Seppl zuviel, die guten Vorsätze sind wie weg-- geblasen. Ehe ich mich ins Mittel legen kann, hat er sich' schon schluchzend rücklings überworfen und stößt des Vaters. Hände heftig weg.
„Ich will aber net! Ich mag net! Aga soll mit, ich will bei Aga bleiben —"
Die gleiche peinliche Szene wie neulich. Und während der Professor wütend aus der Tür läuft und ich schelten will, kommt mir auf einmal das Mitleid mit dem schluchzenden Jungen, der sich an mich klammert, schuldbewußt und trotzig zugleich.
Was versteht daS Kind davon, wen es lieb haben soll und wen nicht? Haben wir das Recht, es leiden zu machen, wo es schon durch seine Krankheit genug leidet?
Für mich will ich nichts mehr, das habe ich gestern abend ausgekämpft. Was ich jetzt noch erreichen will, ist' für das Kind. Nur ihm den Uebergang, das Loslöseu leichter tnachen, nicht so schnell abbrechen! —
Ich war fest entschlossen, mein möglichstes zu versuchen /und vor allem die Sache jetzt gleich ins reine zu bringen.
, .Der Professor war im Gartensaal. Ich sah seinem Gesicht au, daß er auch etwas zu sagen hatte. Er lach mir an der Tür entgegen. Da gab er mir ernsthaft die Hand.
„Ich hätte es nicht für inöglich gehalten, daß die paar .Monate so viel für die Gesundheit meines Jungen tun konnten. Der Medizinalrat sagt mir, daß wir das zum großen Teil Ihrer Sorge und Pflege zuzuschreiben haben. Aber danken kann man eigentlich nicht für so etwas, wie Sie es an dem Jungen und dadurch an mir getan haben."
Ich hatte Herzklopfen. Jetzt mußte es sein.
„Doch, Herr Professor, das können Sie, und zwar dadurch, daß Sie mir Seppl nicht ganz aus der Hand nehmen, für eine kurze Zeit nur noch. Ich habe Sie schon darum bitten wollen."
Sein Gesicht war wieder hart. Er trat einen Schritt zurück.
„Es tut mir leid. Sie müssen es doch eben selbst gesehen haben, daß das nicht so weiter geht. Ich muß den Jungen jetzt selbst wiederhaben. Für gute Pflege werde ich selbstverstäudlich surteil."


