Zank macht. Erne solche Fratß die nur aus Launen und Nervosität zusammengesetzt ist, muß schließlich durch ihre allzu große und häufige Ungleichheit die Liebe zu einem ewigen Zwist, zu einem unaufhörlichen Sturm machen".
In Wahrheit ist aber von den beiden geschilderten Frauen mir die zweite wirklich „nervös". Was der Ninon an der ersten als nervös erscheint, ist nur ein Sichgehen- lassen einer schönen, durch ihre Liebhaber verwöhnten Modedame. Dagegen besitzt die zweite alle Anzeichen einer in ihrem Nervensystem schwer geschädigten Frau. Denn -»Nervosität" ist eine echte Krankheit, und die absprechen-- den Warnungen der Ninon vor diesen Frauen sind uim gerecht. Denn auch eine nervöse Frau kann sehr wohl von jener Launenhaftigkeit sein, von der Ninon schwärmt, freilich nur in den Stunden, in denen sie von ihren ner- vösen Impressionen frei ist. Und gerade so, wie es un-, angebracht Ware, einem Diphtheriekranken Vorwurfe zu machen, wenn er sich über seine Halsschmerzen beklagt, ebensowenig darf man eine nervöse oder hysterische Frau es entgelten lassen, wenn sie unleidlich ist, so lange sie krank ist.
Es ist wahrlich kein angenehmes Geschenk, das die Nervöse" von ihren Eltern als Erbteil erhalten hat. Denn die erbliche Belastung spielt bei sehr vielen Nervösen eine wichtige Rolle. Bei anderen dagegen sind die schwachen Nerven eine Folge von Störungen, die die Kultur als Eigentümlichkeiten der Fran gezeitigt hat. Meist handelt es sich um Frauen, denen man schon bei oberflächlicher Betrachtung die Bleichheit ihres Blutes ansieht. Sei es, daß Sorgen oder Kummer ihren Gesundheitszustand ungünstig beeinflußt haben, oder daß sie unbefriedigt an Leib und Seele, bepackt und überbürdet mit körperliches Arbeit, aus deren Ertrag sie gerade ihr bischen Leben fristen können, durchs Dasein wandern müssen.
Aber eben so oft sind Krankheiten, die sie betroffen haben, und die gerade mit den spezifisch weiblichen Organen zusammenhängen, die Ursache der Nervosität. Da sind in erster Reihe die zahllosen Unterleibsleiden, die sie sich durch die ehelichen Berührungen zugezogen haben, oder Sie ihnen geblieben sind, wenn sie ihren Kindern das Leben geschenkt haben. Mit körperlichen Defekten, die niemand steht, mit häufigen Schmerzen, die keiner ihnen glaubt, muß fick daher die „Nervöse" oft aufrecht halten —- nicht selten sich selbst zur Last —, mit einer Energie, die dein Mann in ähnlicher Lage sicher abgehen wurde.
Jedenfalls, irgend eine einflußreiche Ursache ist also stets vorhanden, aus die die Nervosität znrückzuführen ist. Darum ist es nicht richtig, wenn maii solche Fraii wegen ihrer krankhaften Reizbarkeit, wegen ihrer Wut und ihres Zornes, die schon bei geringfügiger Veranlassung auf- kreten, schilt, wenn man ihr vorwirft, ihre Traurigkeit Und Depression entständen nur dadurch, daß sie sich zu wenig zusammennimmt, wenn man über ihre Emstftnd- samkeit und ihre hypochondrischen Vorstellungen spöttelt. Alle diese Zustände sind nicht simuliert; wenn sie auch drückender empfunden und schwerer ausgefaßt werden, als sie eS tatsächlich vielleicht verdienen, so entwickeln sie sich dock aus richtigen Beschwerden. Freilich fallen viele der weiteren Erscheinungen, die die iiervöse Frau kennzeichnen, in das Gebiet der Uebertreibungen. Wer die Täuschungen, denen ihre Sinne ausgesetzt sind, die Störungen in ihren Vorstellungen, die sich chnen aufzwingen und ost alle anderen Bilder aus ihrer Erinnerung verdrängen, tue Zwangsvorstellungen, die häufig von Augst begleitet sind, wie die Furcht, über einen freien Platz zu gehen, oder die Besorgnis vor Berührung mit Gegenständen, die sie für giftig oder schmutzig halten: alles dies füib Verirrungen ihrer Phantasie, die in falschen Bahnen arbeitet.
Darum verdienen solche .Frauen nicht eine tadelnde und abstoßende Behandlung, .nicht eine verstandnislofe Verach- viiig, sondern viel eher ein tiefes Mitleid. Gera.de sie find häufig die „verkannten Frauen". Es schlummert rn ihnen oft ein reicher Vorrat an Güte, Aufopferungsfähigkeit und Liebe - Vorzüge, die nur durch die Beschaffenheit ihrer Rerven eingekapselt sind, ivie der Kern in seiner Schale.
Schon deshalb ist ein ruhiges Eingehen und Entgegenkommen notwendig, weil nur durch richtige psychische Behandlung die Nervosität.gebessert oder geheilt werden kann.
Vor allem inuß der Arzt das „Recht auf Nervosität anerkennen, will er bei der Behandlung solcher Frauen Erfolge haben. Selbstverständlich muß eine körperliche Sto
rung, die etwa die Veranlassung zur Nervosität abgegeben hat, zu allererst beseitigt werden. Im übrigen kommt esi aber nicht so sehr darauf an, ob man die Nervosität mit Bädern oder Arzeneien oder durch einen Klimawechsel bekämpft. Viel wichtiger ist es, daß der Arzt es versteht, persönlich und psychisch günstig auf die Kranken einzuwirken. Dazu gehört, daß er ihre Klagen ruhig mit anhört und sich hre Leidensgeschichte mit Geduld erzählen läßt. Eine nervöse Frau bedarf cker Leitung durch eine energische und zielbewußte Hand. Mer nichts wird man erreichen durch chroffes Anschreien .und durch Grobheiten.
Eine nervöse Frau ist wie ein empfindsames Instrument- dessen Stimmung nur durch vorsichtiges Spannen der Saiten in der richtigen Höhe gehalten werden kann.
Blittöc Passagiere.
Ans keinem Eisenbahnnetz der Welt sind die Katastrophen und Unglücksfälle so häufig wie in Nordamerika, und wenn auch vielleicht andere Bahnvcrwaltungen den Rekord der Unpünktlichkeit für sich in Anspruch nehmeu können, so sind es docy die Amerikaner» die alljährlich auf ihren Bahnen die größte. Zahl von Menscheiu- lebcn zu beklagen haben. Nicht wenige von diesen Unglücksfallen! sind auf die blinden Passagiere zurückzusühren, die sich an den, Waggons anklammern, während der Fahrt abstürzen und daun die Ursache zu umständlichen Nachforschungen abgeben, durch die wiederum der Stundenplan nicht innegehalten wird. Bei dem komplizierten Fahrplan der amerikanischen Bahnen bedeuten diese Zeitverschiebungen eine große Gefahr, und die Bekämpfung des Unwesens der blinden Passagierfahrten ist nicht nur vom finanziellen Standpunkt ans eine Hauptaufgabe der amenkanifcheN Bahngcsellschaften. Der „Hobo" ist einer der schlimmsten Femdr der Bahnbeamten, seine leidenschaftliche Reiscfreude laßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, er trotzt allen Gefahren, nunmr die abenteuerlichsten Entbehrungen auf sich, nur um ohne Billett seine Reiseleidenjchaft befriedigen zu können. Das Heer dieser Hobos zählt nach vielen Tausenden, und in der Tat ist der blinde Passagier in Amerika eine säst alltägliche Erscheinung. In der Regel sind es die Güterzüge, die der reiselustige Vagabund zü seinen Fahrten auswählt. In den tzauptstationen ist die Ueber- wachung zu streng, als daß der Hobo auf Erfolg rechnen konnte; darum verlegt er sein Feld auf die kleinen Stationen, wo ms Güterzüge auf ihren langen Fahrten eine kurze Rast machen, damit die Lokomotiven ihre Wasser- und Kohlenvorrate ergäiizt. Diese blinden Passagiere sind wahre Auwritätcn tnt Reiche des Fahrplanes, sie kennen die Fahrzeiten noch besser wie d,e Beamten; und sie kennen auch die Gelegenheiten, sich unbemerkt in den Zug einzuschmuggeln. Wenn die Zeit naht, da der Guter- zug ankommen muß, liegt der Hobv bereits hinter irgend einem Busche am Schienenstrang auf der Lauer; ist der Aufenthalt vorüber iind beginnt die Lokomotive keuchend wieder ihr Werk, dann springt der blinde Passagier mit der Kühnheit eines Akrobaten aus den Zug, und in den meisten Fällen wird er auch nicht bemerkt. Aber selbst wenn der Hobo gesehen wurde, wird> das Zugpersonal nicht anhalten lassen, um die gefährliche Verspätung zu vermeiden. Der Lieblingsaufcnthalt der Hobos ist dann gewöhnlich jene Art Plattforni, die am hinteren Ende der amerikanischen Kohlenwagen angebracht ist. Wertzl man aus Komfort verzichtet und sich eng aneinander schmiegt, können drei blinde Passagiere hier liotbürstig Platz finden und üel der gewählten! Haltestelle spurlos verschwinden. Freilich muß man sich an den Eisenbarren krampfhaft sesthalten, wenn man nicht bei irgeiid einem Stoße auf die Schienen geschleudert werden will. Aber wenn die Nacht kalt ist. ist dieser „Platz" nicht gerade angenehm. Der erfahrene Hobo, so erzählt eine französische Wochenschrift, wählt dann am liebsten die Lokomotive zum Schlupfwinkel, klebe« der breiten Schutzvorrichtung am vorderen Teil der Lokomotive, die unvorhergesehene Hindernisse aus den Sck>>enen beiseite schieben soll, legt sich der blinde Passagier bequem ausgeftreckt hin: e« liegt dann unmittelbar vor dem Kessel, der Wärme spendet und di« Fahrt aus einige Zeit erträglich machen mag. Ern and rer Trick der Hobos ist das Oefsnen der Güterwaggons während der -rahrt. Ist es gelungen, unbemerkt den Zug zu besteigen, so kriecht deck blinde Passagier auf dem Dache Güterwagens MM Rande und versucht hier, mit der Hand die Schiebetür zu offnen. Gelingt das, so genügt ein kühner Sprung, und er ist im Inneren des Waggons. Freilich gehört hierzu Mut und turnerische Gewandtheit, aber fie belohnen sich daun auch, denn ist die Tür wieder geschlossen, so hat man ein bequemes Obdach für die ganze Fahrt und kann, sicher darauf rechnen, iiichk entdeckt zu werden, ^.och wenn de« Hobo Eile hat, wenn er einen Schnellzug oder Luxuszug benutzen will, dann ist es mit dem Komfort aus Dann kann er nuu am Aeußeren des Wagens irgend einen Platz suchen; man hat blinde Passagiere unter den Wagen, m hockender Wellung, am Rande der Räder hängend, gefunden; zwischen den Radern läuft een 'breiter, eiserner Berbindungsteil, auf demauch die Wagenfedern ruhen, und zwischen diesen erngeklemnit hockt der Hobo oft mehrere Stunden lang, um seine Gratisfahrt zu genießen. Bisweilen lagert er auch zwischen den Wagendttchern zweier Salon?.


