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(Fortsetzung folgt.)
Die nervöse §rau.
Bon Dr. med. Georg Zehden Werlin).
Ninon de Lenclos, die ausgezeichnete Kennerin ihrer Geschlechtsgenossinnen, schildert in ihren Briefen zwei Typen von launenhaften Frauen, die sie beide „nervös"' nennt. Von der ersten sagt sie: „Ihre Launenhaftigkeit! ist ost und eng mit der Schönheit verbunden; sie erhöht: ihre Reize und bringt sie wehr zur Geltung und dient der Liebe als Stachel und Würze. Diese Launenhaftigkeit bedeutet für die Liebe eine Art konservierendes Salz, gibt ihr eine entzückende Abwechselung unb füllt ein empfindsames Herz weit angenehmer, als jene Regelmäßigkeit des Benehmens und jenes langweilige Einerlei, das man einen guten Charakter nennt. Die Ungerechtigkeit und Erregtheit dieser launenhaften Frauen geben dem Geliebten nur einen unfreiwilligen und daher um so überzeugenderen Beweis von der Liebe."
Demgegenüber steht das „unverträgliche Weih das hämisch und herrschsüchtig ist, das beständig unleidlichen!
wieder. Ich wollte, der Wein schwiege auch, scheint lebhafter als bei uns zu Haus."
lieber Herr Friedel. Denn nrir fällt ein: an den Feiertagen wird der gesamte elektrische Betrieb außer Kraft gesetzt. Daß wir bis jetzt noch Erleuchtung hatten, lag wahrscheinlich daran, daß in den Celliers, den oberirdischen Luftkellern, oder irgendwo in den Werkstätten noch eine dringende Arbeit erledigt werden mußte. Aber mm adieu Hoffen und Harren!"
„Klettern wir zunächst einmal aus diesem nutzlofeu Vehikel," antwortete Fritz. „Bitte um Ihre Hand, Komteß — hopp! Und nun Orientierung. Ich verstehe das ganze Drama. Wir sitzen im Keller der Reserven, und! vor morgen früh sechs Uhr winkt uns keine Rettung. . . Er zog seinen Chronometer und ließ ihn repetieren. . . •' „Es ist jetzt zwischen drei und vier Uhr nachmittags. Da sind wir also an beiläufig vierzehn Stunden Gefangene Einen Signalapparat, um Menschen herbeizurufen, gibt es nicht?"
, ,Rein."
/„Der Aufzug geht auch nicht, uird an jede andere Art Fluchtversuch ist nicht zu denken. Es handelt sich also lediglich darum, sich häuslich einzurichten und den Humor nicht zu verlieren. Passen Sie auf, Komteß: ich fühle hinter mir ein Faß. Ich werde meinen Rock ausziehen und ihn auf dem Boden ausbreiten. Darauf setzen Sie sich. -Das ist der Anfang der Bequemlichkeit. Rach Lage der Sache nicht der schlechteste."
„Behalten Sie Ihren Rock an, sonst erkalten Sie sich schließlich noch." „
„I Gott bewahre. Die Temperatur ist recht ertragf, lich. Der Rock liegt bereits. Sitzen Sie?"
„Einen Moment — so! Und nun setzen Sie sich
zu mir." , .
„Da bin ich. Uebrigens ist mir em freundlicher Ge- danke gekommen. Man wird uns vermissen und suchen, nicht wahr? Man wird unfern Spuren folgen und wahrscheinlich auch auf die Idee verfallen, wir könnten vielleicht durch den Tempel in die Keller gestiegen sem.
„Das wird man bestimmt nicht. Ich muß Sie enttäuschen, Herr Friedel. Weder Madame Bailloud noch die Domestiken haben estue Ahnung, daß dieser Kellerzugang existiert. Es ist allerdings möglich, daß man auch den Tempel absucht. Aber ich habe den Eingang zu dem List- schacht verschlossen und die Marmorplatte wieder vorgelassen. Hätte ich das nicht getan, so würde man den Zugang gefunden und uns zweifellos hier gesucht haben
„Also damit ist es auch nichts," sagte Fritz. „Bleibt uns nur noch die Geduld. Verhungern ist ausgeschlossen. Die Zeit unsrer Gefangenschaft ist, genau bemefseii: das Unglück nicht allzu schlimm." a
' „Die arme Bailloud," klagte Andree. „Was wird sie denken! Sie ist so romantisch veranlagt. Sie wird sicher an eine Entführung glauben." .
„Wenn diesem Glauben Wahrheit zugrunde läge, ,ch weiß nicht, ob —"
„Still, Herr Friedel! Sie nutzen die Gelegenheit zu frivolen Gedankensprüngeil aus."
„Sie kamen von ungefähr. Doch ich schwelge schon
™ - " Aber er
rechten Hand. „Pardi," rief fte, „daß rch das vergessen habe! Heut ist ja ein großer Feiertag — Maria Geburt! Da ruht die Arbeit. Wir sind auf zwanzig Kilometer unter dem Erdboden allein, Herr Friedel."
„Gut so, Komteß. Die Arbeit kenne ich sowieso. Da kann ich mich um so ungestörter der Betrachtung des Lagers widmen. Wo sind die Faßkeller, wenn ich sragen darf?"
„Ein Stockwerk tiefer. Aber der Zugang ist bequem. ." Man schritt weiter, bis die Komteß wieder stehen blieb. „Jetzt hab i ch mich verirrt," sagte sie. „Ich will zu dem Aufzug nach den Cuveekellern. Der liegt im Saal Lafontaine. Warten Sie: wir niüssen links ab. Ist dav die G"^,Newyork,"? las Fritz von dem Blechschilde ab, das an Drähten zwischen den Flaschen hing.
„Dann grade ans!"
Man kam in die Halle Lafontaine, bereit Kreuzgewölbe noch die Spuren ftüherer Bemalung zeigte. Sie war aus alten Steinbrüchen herausgearbeitet worben unb halte ehemals als eine Art Parabekeller gebient, in dem man die Besucher bewirtete. Steinerne Tische und Bänke standen an den Wänden und dazwischen erhob sich die Statue eines trunkenen Fauns.
Andree schritt zu dem Eisengestell eines Aufzugs, der gleichfalls elektrisch funktionierte und die beiden in das tiefer gelegene 'Geschoß führte. Hier lagerten zunächst die Reserven, die zum Teil noch in Gärung befindlich waren, und in dem Raum daneben in ungeheuren Fässern die Cnvses. Die Komteß wies auf das größte der Fässer, das die m das Holz geschnittene Jahreszahl 1642 trug, und sagte:
„Das ist der sogenannte dicke Chlodwig, ein Faß, das von einem berühmten Böttcher in Reims namens Chlodwig Arti erbaut worden ist. Es stand früher in den Kellern des erzbischöflichen Palastes und wurde
Aber da schwieg die Komteß unter dem Eindruck einer unwillkürlichen kleinen Schreckwirkung: das elektrische Licht erlosch plötzlich, und die beiden standen im tiefsten Dunkel.
„Das ist nicht freundlich," meinte Fritz heiter, und Andree fügte hinzu: „Sogar ungebührlich in Rücksicht ans den Chef des Hauses. Haben Sie Schwefelhölzer da, Herr Friedel?"
Fritz griff in seine Tasche. Gottlob, er hatte die kleine Silberdose mit Wachshölzent bei sich! — „Heureka, Komteß! Aber ich bitte zu beachten: drei Zündhölzer sind nur noch vorhanden." - . , v
„Sie genügen. Stecken Sie bitte eins an und leuchten Sie mir. Der elektrische Schalter befindet sich am großen Pfeiler. Hoffentlich haben wir nicht mit einer Stromstörung zu rechnen." t ,
Das Wachsholz brannte. Andree drehte an der kleinen Kurbel für die elektrische Beleuchtung — aber sie drehte vergebens. Es blieb dunkel. Auch Fritz versuchte sich an der Kurbel. Es blieb Nacht.
„Nur immer Ruhe," sagte Andree. Ihre Stimme tlang fest. „Zünden Sie das zweite Wachsholz an, damit wir an den Auszug kommen."
Ein bläuliches Flämmchen loderte auf. Fritz schützte es mit der Hand, aber es verletzte ihm schon die Finger, als man glücklich den Keller der Meserven durchschritten hatte und vor dem Lift stand. , . ,
Die Komteß tastete mit der yand nach dem Schalter) der sich rechts vom Lift befinden mußte. Sie fand ihn auch. Doch wieder war ihre Mühe vergeblich. Sie drehte und drehte — fünft, sechsmal — aber es blieb dunkel.
Da seufzte sie leise aus. „Das letzte Zündholz, Herr Friedel," bat sie. „Wir wollen den Auszug benützen. Oben tappen wir iins vielleicht nach dem Ausgang zurück. Wir müssen uns nur immer linkswürts halten."
Gehorsam steckte Fritz das letzte Wachshölzchen an. Man trat in beit Auszug, unb Andree drückte an jfcen Knops, der zn der elektrischen Leitung der Fahrkünst führte. Die Maschine rührte sich nicht. „ . r
Die Komteß stampfte mit dem Fuye auf. „Teufel, wir sitzen fest!" rief sie. „Der ganze Strom ist ans- geschaltet!"
„Vielleicht nur vorübergehend, Komtetz. Faßen wir uns in Geduld." r , ..
Einen Augenblick schwieg die Komtetz. Dann sagte sie kaltblütig: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Wir sind bis morgen früh eingefperrt. Bis morgen früh,


