Ausgabe 
7.12.1910
 
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Friedel halb-süß.

Noman >n Fedor von Job eltitz.

^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Nach dem Kaffee verschwand Andrse für einige Mi- ttuten, um einen winzigen Schlüssel zu holen, den sie Fritz verstohlen zeigte.Er birgt ein Geheimnis," sagte sie küchelnd,aber Ihnen soll es erschlossen werden. . . Sie rief einen der Diener heran. . . .Wenn Madame nach mir fragen sollte: ich bin mit Herrn Friedel im Part. . . ."

Sie stiegen die Terrassentreppe hinab und schlenderten durch den Park. Noch meldete kein falb gewordenes Blatt das Nahen des Herbstes qn: es war ein Grünen Und Blühen wie im Hochsommer. Eine Platanenallee führte zu einem Rosenrondell, das einen starken Duft verbreitete; Taxus kulissen begrenzten es im Hintergründe: darüber flim­merte das Silber eines Wassersptels. Nun wurde der Cha­rakter des Parks ernster; zwischen Blutbuchen und Zy­pressen schlängelte sich ein schmaler Pfad zu einem kleinen Tempelbau. Die beiden traten ein. Eine Halle nahm sie auf, deren Wände große Reliefs schmückten, die Gelage aus allen Zeiten darstellten: von einer Orgie des Sardanapal an bis zu gutem Souper Ludwigs XV. Die Skulpturen waren nicht übel, aber der Gedanke, diese marmornen Bacchanale einem korinthischen Tempel als Inhalt zu geben, Unsäglich albern. Es ivar eine Idee der alten Miquelon gewesen. Bei feierlichen Besuchen, so erzählte Andrse, fand in dieser Tempelhalle gewöhnlich ein großes Probetrinken statt. Auch König Karl X. war hier einmal bewirtet wor­ben, und dann hatte man ihn durch denBurggang" in die festlich illuminierten Kellereien geführt.

DerBurggang" war nämlich das Geheimnis des Närrischen Tempels. Bei der Anlage des Baus war man auf einen verschütteten Schacht gestoßen. Er führte in ein System unterirdischer Gänge, das zweifellos ehemals zu alten Festungsanlagen gehört hatte, vielleicht noch ein Rest war der Burg Sparnacum, in der die Bischöfe pon Reims zu öfterem Hof gehalten, ehe die Stadt Epernay erbaut worden war. Einer dieser Gänge war erweitert Und mit den in die Kreidefelsen gehauenen riesigen Kelle­reien der Firma Miquelon verbunden ivorden. Graf Ernest Hoche hatte die Anlagen uoch zweckmäßiger aus­gestalten, auch den Schachtaufzug in einen Lift mit elektri­schem Betriebe verwandeln lassen: aber der Zugang war uur noch selten benützt worden. ,

Er lag hinter einer Marmorplatte der Wand, die sich durch einen einfachen Mechanismus verschieben ließ. Eine rot gestrichene eiserne Tür wurde sichtbar, die Andrse mittels ihres kleinen Drückerschlüssels leicht öffnete. Nun lag ein Lift vor den beiden. Andrse drehte das elektrische Kicht auf und trat mit Fritz in den .Aufzug, berührte dann

den mit der Leitung in Verbindung stehenden Knopf, und das Gefährt begann sich zu senken. Der Schacht war ziem­lich tief. Als der Aufzug hielt und die beiden ausge- stiegen waren, sah Fritz sich am Eingang zu einem dunklen Stollen. Aber eine neuerliche Drehung an dem elektrischen Schalter erhellte den Gang taghell. Die Komteß schritt voraus und wies mit der Hand an die Wände,. wo die Kreide in undeutlicher Schichtung, hie und da mit einge­lagerten Feuersteinknollen, hervortrat. Der Stollen senkte sich merklich, war aber bequem gangbar; ein feiner weiß- brauner Staub bedeckte den Boden. An der Decke leuch­tete es rötlich, als seien da Korallenreste eingesprengt. Eine Eisentür schloß auch jenseits den Gang ab; Andrse öffnete sie mit dem gleichen Drücker, den sie oben benützt hatte, und nun taten in Finsternis Verschwimmende nun geheure Hallen sich auf. 1 .

Eirren Augenblick," sagte die Komteß,hier rechts muß der elektrische Schalter sein. . . ." Blendendes Licht flammte auf. Man befand sich in dem vom Geschäftshause aus ent­legensten Keller, dem Keller Voltaire. Alle Keller trugen Namen von berühmten Männern und in den größeren waren die Gassen zwischen den Flaschenlagern nach Städten benannt. Im Keller Voltaire lagen zweihundertundfünfzig­tausend Flaschen. An ihn schlossen sich nach drei Seiten hin in den Fels gehauene Gänge, die durch Steinstollen wieder miteinander verbunden waren. M itmr wie in einem Bergwerk. Aber durch die elektrischen Schaltwerke ließ sich das Ganze quartierweise erleuchten. Der Vorsicht halber schaltete die Komteß hinter sich nicht die Beleuchtung ab; alles blieb in hellem Glanze liegen. Man verfolgte den mittleren Gang, die Straße Fismes, bereit Wände mit dickbäuchigen Flaschen tapeziert waren, und schlug dann rechts die Straße Meaux ein, die in den wie ein Refek­torium gewölbten Keller Rabelais führte. Flaschen, Fla­schen, Flaschen! Ein Gewirr von Gassen dazwischen, in dem es nicht leicht war, sich zurecht zu finden.

Gut, daß ich eine Führerin bei mir habe," sagte Fritz, ich würde mich sonst sicher verirren."

Keine Gefahr," lachte die Komteß.In jedem der größeren Keller hängt ein Plan. Außerdem kenne ich die Straßennamen. Aber ich wundre mich über die unheim­liche Stille. Sonst begegnet man überall Arbeitertrupps."

Die Stille war allerdings auffallend. Hin und wieder ein Glucksen, wie das letzte Aufröcheln eines sterbenden Menschen, und der helle Knall einer springenden Flasche. Sonst tiefe Ruhe.

Es Wird bald lebendiger werden," sagte die Komteß. Sie schritt wieder voran, durch einen neuen Stollen in einen weiten Raum, der nur für die Rsmuage bestimmt war. Auf vielen hunderten von Schräggestellen ruhten tausends und abertausende von Flaschen. Aber kein Mensch war zu sehen. '

Die Komteß war kopfschüttelnd stehen geblieben. Und plötzlich schnippste sie mit Daumen und Zeigefinger dex