Ausgabe 
7.11.1910
 
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um so kräftiger in die Saiten."

Hat auch etwas für sich," sagte Kesfelholz Und ntdte.

Mit dem Abendzuge -fuhr Fritz nach Geltheim. Es war nur eine Fahrt von kaum zwanzig Minuten; dann sah er am Kupeefenster die langgestreckten Baulichkeiten der Spannuthschen Fabrik mit ihren riesigen Hellen Firmen- schildern vorüberstreichen. Der Zug hielt, und er stieg aus. Gr hatte den Magen seines Paletots hochgeschlagen und neigte etwas den Kopf, wie einer, der auf verbotenen Wegen wandelt und nicht erkannt werden will. Er beeilte fli^ vom Bahnhofe fortzukommen. Er wußte: links unten, in der Nähe der Fabrik, lag das bescheidene Wohnhaus Otto Spannuths. Um zu dem Chalet seines verstorbenen Bru- ders zu gelangen, mußte man den Weg zwischen den Schup­pen hindurch bergan steigen. m ... .

Das Herzklopfen und das Hammern per Pulse war Une- dergekommen. Gottlob stand der Mond hinter Wolken, und aus dem Woge brannten nur einige Gaslaternen.. Miß Mich sich längs der Schuppen entlang. Ein paar singende junge Leute begegneten ihm, dann ein alter Arbeiter. Aber er an die Weinbergsmauer kam, bei welcher der Weg sich trennte, starrte ihm fast das Blut. Da schritt ihm Otto Spannuth mit noch einem Herrn entgegen, beide in reger

Es waren zunächst Taxushecken; Bosketts von Gold­lack, Beigelien und Mahonien folgten, endlich Gruppen von Palmen und Rosaceen. Sinn mußte man über den hellen Kiesweg; dann stand Fritz unter einem niedrigen Portal und schritt der Zofe nach, eine Treppe hinauf in euren drei­eckigen Borraum, in dem ihm aus einem Sockel eine große Pagode aus Porzellan auffiel. ,

Bitte," sagte die Zofe abermals und öffnete eme Tur. Fritz trat in einen mit Möbeln fast überfüllten Salon, in dem unter einem rosenfarbigen Schirm nur eine einzige Lampe brannte.

Er hatte noch nicht abgelegt und zog nun erst seinen Paletot aus. Es tropfte von seiner Stirn. Er fuhr mit dem Taschentuch über sein Gesicht und fühlte, tote dies Gesicht glühte. r, ,, , .., .

Plötzlich hörte er ein lenes Geräusch hinter sich, und da er sich umwandte, sah er Maud in der Tür zum Neben­zimmer stehen. .

Eins fiel ihm sofort auf: sie war nicht tn Trauer. Sie trug ein phantastisches Hausgewand aus amaranth- farbenem Libertyatlas mit goldenen Guipurinotwen in­krustiert und in dem nur locker gerafften Haar eine Kette aus kleinen Perlen. Sie sah wunderschön aus aber gerade dies immerhin auffallende Kostüm, das ihre prachw volle Gestalt zu voller Geltung brachte und sicher auch bringen ollte, war für Fritz eine Mahnung zur Vorsicht.

Er verneigte sich kurz.Gnädige Frau haben befohlen, sagte er. Eine Phrase wie viele; aber es war. besser, er leitete die Unterredung mit einem Gemeinplatz ein, um ab­warten zu können, wohinaus sic wollte.

Sie reichte ihm die Hand.Ich danke Ihnen. Doch ich b a t nur, Herr Friedel. . . ." ©ie ließ sich ut halb ruhender Stellung auf der Chaiselongue nieder und wies auf den Stuhl daneben: einen Lehnstuhl von alter Arbeit, mit geschnitzten Chimären an den Armseiten und hölzernen Schlangen als Beine. Ein wasserblaues Seidenkissen lag auf dem Sitz. ,

Fritz nahm schweigend Platz. Eme kleine verlegene Pause folgte. Er sah, wie ihre Hände das Spitzentuch zerzupften, das sie zwischen den Fingern hielt; es schien, als suche sie nach Worten. Und dann begann sie nut einer Stimme, die weich und pastös klang und alles Herrische verloren hatte. .

Es mag Ihnen seltsam erscheinen, daß ich eie zu mir bitten ließ, Herr Friedel. Aber ich hatte keine Ruhe mich verlangte nach einer Aufklärung. Zunächst M zunächst lag mir dararh Ihnen zu versichern, daß die xw,

schritt in schweren Gedanken daher. Zweifel drängten sich in ihm auf, ob er nicht besser tun würde, den Brief Mauds au ignorieren. Noch war es Zeit. Wer seine Angst, daß die leidenschaftliche Frau sich zu einer Unüberlegtheit hin- reißen lassen könne, war groß. Er wollte ruhig, vernünftig und zweckmäßig mit ihr sprechen, wollte auch die Gelegen­heit zu einer Erklärung über seinen Zweikampf mit Span- nuth benützen. Das war ja zweifellos: daß die Aussprache nur nützlich sein konnte. Freilich, kaltes Blut muhte er dabei behalten.

Er ging in sein> Bureau und zwang sich zur Arbeit. Wer es ging schlecht. Er war froh, daß Kesselholz bei ihm erschien und eine Wwechslung brachte. Er hatte bereits von dem Kommerzienrat erfahren, daß Feßler allein nach Utten- hooven gereist war, und wollte sich bei Fritz erkundigen, ob ihn nicht etwa Unannehmlichkeiten in der Garnison erwarteten. Doch Fritz beruhigte ihn. Gott bewahre, der Prozeß war ja vorüber und keine Revision gegen das Ur­teil eingelegt worden! Vielleicht wollte man sich nur lie­benswürdiger Weise bei ihm erkundigen, wann ihm die Verbüßung seiner Festungshaft am gelegensten komme. Man nahm bei derlei gern gewisse Rücksichten.Die wird auch Ihr Schwiegersohn noch schätzen lernen, Kesselholz, sagte er heiter;es wäre doch unangenehm, wenn ihn die Ein­berufung nach Memel oder Glogan mitten in den Flitter­wochen träfe."

Aber von der Hochzeit seiner Tochter wollte der Pro­kurist vorläufig nichts wissen. Nun ja, er hatte sich mit der Verlobung schließlich einverstanden erklärt, obwohl die Sache eigentlich ein Unsinn war. Auf Nichts plus Wenig baut sich keine verständige Ehe auf. Jedenfalls konnten die beiden ruhig noch ein bißchen warten. Es eilte gar nicht. Der Feßler hatte Lust, wieder zur ,großen KUnsck 'zu­rückzulehren, zu Porträt und Genre. Das hielt aber Kessel­holz für ganz töricht. Diegroße Kunst" war doch pur ein Luxusartikel und nur für die Reichen da. Aber das Kunstgewerbe brauchte man. Dann sprach er von der Ver­tretung der Firma in Uttenhooven durch seinen künftigen Schwiegersohn.

Hören Sie, Herr Friedel," sagte er,unter uns: das Hann eine schöne Vertretung werden. Der Feßler hat ja seine ganz prächtigen Seiten nun ja, alles was wahr ift, aber vom Kaufmännischen versteht er so viel wie eine Katze von der Dosage. Und wie es mit seinem soge­nannten Repräsentieren werden wird, das weiß ich auch nicht so recht. Er macht keine schlechte Figur, er quasselt nur zu viel. Gott, was redet der Mensch zusammen, wenn er mal aufgezogen wird!"

Fritz lachte.Schadet nichts, Kesselholz. Es ist besser, Äs wenn er sich stumm herumdrückt. Wenn er Spektakel macht, wird er wenigstens einen guten Platz bekommen. Das mit der Vertretung der Firma ist schließlich nur fecon de parier. Unser Sekt ist angekommen und wird bet bei Taufe desExcel; kor" verwendet. Die Hauptsache, Kesselholz. Der Papa hat gar nicht so Unrecht, wenn er meint, sei besser, wir hielten uns vorläufig noch ein wenig ckirück Dann sind wir gedeckt, falls der Ballon Abeelens wider Erwarten versagt. Andernfalls greifen wir nachher

Unterhaltung, Und es schien fast, als kämest sie aus dem Chalet. In der engen, von Feldsteinmauern eingefaßten: Gasse war ein Ausweichen unmöglich; Fritz mußte erkannt werden. Rasch bückte er sich, schob mit schneller Bewegung einen weichen Filzhut tief in die Stirn uttb tat so, als wollte er sich die Beinkleider auskrempen. In diesem Augen­blick gingen die beiden Herren an ihm vorüber. Sie spra­chen sehr lebhaft miteinander, vom Ankauf oder Berkaus irgend eines Grundstücks, und beachteten Fritz gar nicht.

Hochaufatmend schritt er weiter. Noch fünf Minuten, und er sah die dunklen Umrisse des Gartens der Billa vor sich auftauchen. Sie lag so hoch, daß man von hier ans das ganze Städtchen mit seinem Lichtergewirr übersehen konnte. Nur im Komplex der Spannuthschen Fabrikgebäude leuchtete eine regelmäßige Reihe von elektrischen Kugeln. Der schwarzf- liche Strich unten war der Rhein; auch über ihn zitterten hin und wieder vereinzelte Lichtpunkte.

Fritz zog seine Taschenuhr. Er war pünktlich. Der Zeiger wies auf fünf Minuten vor Zehn. Nun versuchte Fritz sich zu orientieren. Gerade vor sich hatte er den durch zwei Laternen bezeichneten Haupteingang. Er umschritt also das schön geformte Eisengitter des Gartens, der ein ziemlich gleichmäßiges Viereck bildete, und beobachtete dabei die rm Dunkeln liegende Billa mit ihren erloschenen Fenster­augen. Doch nun flimmerte es hinter zwei Fenstern: ein ganz mattes rötliches Licht. Das war die Rückseite. Hier sand Fritz im Gitter eine kaum sichtbare Tür. Wer sie war verschlossen.

Er wartete geduldig, die Uhr in der Hand, den Blick auf das Zifferblatt geheftet. Und Punkt Zehn wurde euie Frauengestalt sichtbar; sie tauchte plötzlich auf, nickte ihm zu und steckte einen Schlüssel in das Türschloß.

Bitte," sagte sie leise,und halten Sie sich dicht am