Ausgabe 
7.9.1910
 
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gewesen, unweit von P-ociecha-Dorf, den hatte auch die Mora gedrückt, so daß er zusehends verfiel, gerade wie der Walenty. Aber eine treue Seele wachte über ihm, und die sah, daß, als der Mann schlief, ein schönbackiger Apfel sich über seine Bettdecke kullerte. Weich und zart war der Apfel, w-ie aus Wachs gebosselt, recht zum Anbeißen da rief sie so laut als sie tonnte:Helse dir Gott!" Und der Mann erwachte, und als er den schönbackigen Apfel kullern sah, streckte er die Hand aus, ergriff ihn beim Stiel und ihn auf bis zum Kerngehäuse. Das Kern­gehäuse warf er den Schweinen vor, die fraßen es, und da war die Mora auf einmal weg. Und der Mann wurde von Stund' an besser.

Wo Valentin auch sein mochte, die braune Michalina wachte über ihm. Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Nun war die Zeit, da er mit seinem Vater viel im Felde zn schaffen hatte. Die blonde Stasia blieb zu Haus, aber die braune Michalina ging mit den Männern hinaus. Es war ihre beste Zeit, bei dem Walenty im blühenden Korn zu sein. Der Gospodarz legte sich mittags, wenn die Sonne gar zn sehr stach, unter einen Busch, zog die Jacke über das Gesicht und brummte darunter, bis ein Schläfchen ihn tröstete. Sie aber schaffte weiter ; ihr tat die große runde Sonne nicht weh, die schon auf sie gebrannt hatte, als sie noch mit Bruder Jendrek im bloßen Hemdchen über die Flur gelaufen war. Michalina arbeitete immer unver­drossen, und Valentin stand bei ihr, wie damals, als er noch ein lediger Bursch gewesen war, und hielt die Arme über die Brust gekreuzt. Damals hatte sein Blick in die Ferne geschaut, wie ein recht Verliebter schaut, jetzt starrte er wieder in die Ferne, aber wie ein recht Betrübter.

Da lächelte sie ihn an aus ihren braunen Augen, wenn er sie auch nicht ansah, und sang, ihn zu erheitern, alle Lieder, die sie wußte; sang sie hell und zart, so gut sie nur konnte, sang traurige und lustige, Tanzlieder und Wiegenlieder, und das Liebesliedchen vom Bürschchen iin Schornstein.

Ich ließe mich gern herunter durch den Schlot,

Ich käme zerschlagen herunter, beinah tot.

Ich ließe mich gern herunter durchs Essenrohr,

Ich käme geschwärzt herunter, lvie ein Möhr.

Ich schliche zu dir, mein Liebchen, gantz sacht mich,

Ich höre, ach leider, mein Liebchen verlacht mich!"

Dieses Liedchen hatte er früher immer gern gehört > aber jetzt, o, was war ihm denn jetzt?! Heilige Mutter, weinte er?! Erschrocken blickte die Magd.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Zeit der Befreiungskriege.

Das russisch-preußische Militärlazarett in Gießen 1813/1 4.*)

Nach der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 hatte die Blü ch er' sche Arme e die Verfolgung der Napoleonischen Heerestrümmer unternommen. Infolge der Uneinigkeit in der obersten Heeresleitung der Verbündeten mürbe dem geschlagenen feindlichen Heere nicht mit dem Eifer nachgcsetzt, >vic es der Kriegs­brauch forderte. So kam es, daß Blücher bei Fulda Napoleons Rückzugslinie nicht mehr feststellen konnte, und in den Irrtum ver­fiel, der Feind sei über das' Vogelsgebirge nach deui Lahntal entwichen. Daher der beschwerliche Marsch der Blücher'schen Armee über Fulda--GrünbergGießen.

Jfn den ersten Noveiubertagen kam die Blüchersche Armee, unter der sich auch russische Truppenteile befanden, in Gießen an. Gießen war damals noch für die Verbündeten eine feindliche Stadt; denn der bevorstehende Abschluß des Dörnigheim er Vertrags, durch den Großherzog Ludwig I. sich von Napoleon lossagte, war noch nicht bekannt. Während die Truppen vor der Stadt lagerten, kam der Generalstab in die Stadt ins Quartier. Blücher nahm Wohnung intEinhorn". Aus dem Rathaus emp­fingen. die Spitzen der Behörden den Helden von be£ Katzbach Und Sieger von Leipzig. Ihm zu Ehren gab die Stadt eilt Festmahl, bei welcher .Gelegenheit der greife Feldmarschall den Trinkspruch ausbrachte:Gut Deutsch, oder an den

*) Benutzt: N n i v e r s i t ä t s - Ar ch i v a kt e n, Kriegs- a ii gclc g e nheite n 181 4.

Galgen!" Stadt und Universität wurden Schutz und Schonung zugesichert. Im allerhöchst. Auftrag macht der zeitige Rektor Prof. Dr. (£munterer intGjeser Anzeigungsblättchen" bekannt:l.Dnß Se. Excellenz der hiesigen Universität nicht um den Schutz von Seiten der hohen -Alliierten int allgemeinen, sondern auch 'ius'- bösondere Ihre eigene kräftige Unterstützung in vorkomm enben Fällen auf das humanste und liberalste zuzusichern die Gnade hatten. 2. Daß die Vorlesungen nunmehr nicht den 8 teil, sondern den löten (Nov.) um so gewisser ihren Anfang nehmen werden, da bis dorthin die Durchmärsche der alliierten Armeen durch hiesige Gegend beendet seyn werden und Se. Excellenz der Herr Feldmarschall sodann als Beweis Ihres hohen Schutzes für die hiesige Stadt die möglichste Schonung in Rücksicht der Einquar- tieruug zu versprechen die Gnade hatten."

Leider zeigte die Folge, wie wenig die Zusicherung von Schutz und Schonung in Kriegszeiten bedeutet. Die Blüchersche Armee führte viele Kranke mit sich; unter ihnen befanden sich Russen, Preußen und gefangene Franzosen. Die Provinz Ober­hessen wurde zunächst vertragsmäßig zur Aufnahme von 1000 Kranken verpflichtet; nach Gießen sollten 560 kommen. So­gleich nach Ankunft der Blücherschen Armee wurden von der preußischen Kriegskommission in Gießen 2 Lazarette errich­tet, das eine in der früheren Entbind un gs a nst a lt (physiologisches Institut) in der Senckenbergstraße, das andere in dem alten Ze u g h aus, der heutigen a l t e n K a s e r u e. Neben der Großherzoglich-hessischen Kriegskom­mission, bestehend aus den Herren: Dr. Büchner, v. Bari, v. Krug, Goldmanit, wurde auch eilte Oberleitung b.c r M i l i t ä r l a z a r c t t e eingesetzt, der auch einige Prosessoreni zugeteilt wurden. Man tröstete sich in Gießen mit der Hofs- iftung, daß die Errichtung der Militärlazarette hierorts eine vor­übergehend e Maßnahme sei, und daß mit Beendigung der Truppenmärsche die Lazarette nach W -e tz l a r und Limburg verlegt würden. Stand man doch noch zu sehr unter dem Eindruck der Nöte, die man erlitten, als im siebenjährigen Kriege 4 Jahre lang das Universitätsgebäude den Franzosen und dann wieder im Revolutionskriege 1793/94 den preußischen Truppen halte ein- geräumt werden müssen. Die gehegte Hoffnung war eine eitele. Die 'Truppetmachschiebungen rissen nicht ab; die Eiitquartieruitgs- lasten wurden nicht geringer, da Gießen preußischerEtappenort" blieb. Die Nachzügler von Leipzig brachten täglich neue Kranken mit, darunter viele französische Gefangene. Am 27. November war in den Hospitälern durch eingebrachte kranke Franzosen! typhus contagiosus" cmsgebrochen. Eine Verseuchung der ganzen Stadt drohte, da in dem Zeughaus täglich außer Soldaten auch bürgerliche Personen verkehrten, die dort dieherrschaftliche ober die auf ben Speichern für Private lagernde Frucht" zu holen! hatten. Aber auch die in der Nähe der Lazarette amBrand" und in der Schloßgasse wohnenden Familien, sowie die Besucher des Universitätsgebüubes waren von der Ansteckungsgefahr be­droht. Deshalb forderte derLazarett-Kommissär" Professor Jaup die Familien auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Bereits hatten viele Studenten wegen der zunehmenden Ansteckungsgefahr die Stadt verlassen. Rektor und Senat wandten sich am 30. No­vember an den russischen Staatsrat v. Can er in, derehedem! der Universität angehörte" (ob als Student oder Dozent ist nicht ersichtlich), mit der Bitte um schleunige Verlegung der Laz ar eitle. Illi der Mugabe wird betont, es stehe zu ,be» fürchten,daß nicht pur die temporäre Auflösung d eck' Universität erfolgen müsse, sondern es sei auch der ganze Ruin der Stadt und Um g e gen d zu erwar­ten, obgleich der König!. Preuß. Herr Feldmarschall v. Blücher schun in den ersten Tagen dieses .Monats der hiesigen Uni­versität seinen besonderen Schutz und auch der ganzen Stadt möglichste Schonung zugesichert habe." Kloster A r n s b u r g wurde als Verlegungsort vorgeschlagen, das nach dem Bericht des Dr. Vogt bequem 600 Kranke aufnehmen könne. In Kloster Arnsburg war schön im Frühsahr 1813 ein Militär- bospital von den Franzosen 'bei' dem Hinmarsch nach dem fächisstchen Kriegsschauplatz errichtet worden. Außerdem kamen noch Wetzlar und Limburg als Krankeilstationen in Betracht. In Wetzlar standen mehrere Gebäude des Reichskammergerichts zur Ver­fügung. Aus der russischen Intendantur traf 'auch die Image ein, daß gegen eine Verlegung der kranken russischen und preußi­schen Soldaten nach Arnsburg nichts einzuwenden fei; auf Wetzlar und Limburg habe man keinen Einfluß. Mit diesem Bescher!) wandte sich der Rektor an die hiesige großh. Hess. Kriegskom­mission zur Veranlassung des Weiteren. Diese schlägt das Ge'mch um Verlegung kurz ab: denn1. die Kosten des Unter Hansi des Lazaretts seien ,in Arnsburg um das doppelte höher. <>it Gießen hätten sie schon 100 000 Thaler (!) betragen. 2. In Arnsburg fehlen Apotheken und Anstalten für die topeijung der Kranken. 3. In Arnsburg fehlen Merzte und Chirurgen. In Gießen fet die ärztliche Versorgung nur durch die Hilfe der preußischen Aerzte und der dortigenBarbierer" möglich ge­wesen." Die Universität ruft in dieser Sache am 11. Dezember die Hilfe des hessischen Staatsiiiinisteriums an. Man berichtet dem Ministerium, daß die Lazarette gegenwärtig mit 560 Kranken belegt seien. Die Sterblichkeitsziffer, betrüge täglich 1020 Per­sonen ; am 8. Dezember sogar 25. Mn Student sei ge-