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täte dir leid und so weiter und sv weiter. Donnerwetter, wer macht nicht mal was verkehrt in seinem Leden?! Und ich versichere dich, die Geschichte ist beigelegt. Willst du?" Sein Gesicht nahe zu dem des Freundes bringend, sah er ihm in die Angen.
„Ich kann ja — gewiß — ich werde schreiben." _ Wie entsetzlich müde das klang! Aber dann, sich aufraffend, drückte Doleschal dem Freund die Hand: „Du solltest hier bleiben, Paul! Du bist treu, dii bist ehrlich, wir brauchen solche Männer. Und du bist frisch!" Ein Bitten lag in seinem Ton, ein dringendes Ersuchen: „Bleibe!"
„Ne, mein alter Junge!" Das war wieder ganz des flotten Rittmeisters leichtherziges Lachen. „Papa möchte mir auch gern Przyborowo andrehen; ich werde mich aber schwer hüten, hier, wo Hasen und Füchse einander gute Nacht sagen, Hütten zu bauen. Man hat zu lange draußen gelebt, man paßt nicht mehr auf die Klitsche. Höre mal, mein alter Junge" — den lachenden Ton dämpfend und wieder ernsthafter werdend, sagte er überredend, indem sein Blick musternd über das fahle Gesicht mit dem zer-, grübelten Ausdruck glitt —: „Du solltest auch lieber machen, daß du hier fortkommst!"
„Ich?!"
„Na ja, du! Meinst du vielleicht, die siehst aus wie ein Vierzigjähriger? Nein, ebensoviel in die Fünfzig hinein. Das denkt doch kein Mensch, daß du nur fünf Jahre ylter bist als ich! Hier versauert man ja. Mach, daß du fortkommst, Verkaufes Niemczyce verkauft sich schon — schön gelegen, herrschaftlich — das wirst du los zu einem Liebhaberpreis, glänzend!"
„Ich verkaufe nicht. Schande über mich, wenn ich's täte!" Der Deutschauer Herr staud auf.
„Ne, aber" — ganz verblüfft sah der Husar zu ihm' auf —, „wenn ich du wäre, hätte ich längst verkauft. Macht denn nicht ein jeder, daß er hier fortkommt, sowohl Herr wie Knecht? Die Besitzer wollen verkaufen — alle! Lieber heut als morgen. Das Bolt sieht auch zu, daß es wo anders ankommt. Jetzt wird die Ausrückerei bald wieder losgehen, mein alter Herr hat schon Angst, er kriegt keinen mehr in die Ernte. Gerade als ich in Berlin abfuhr, kam bereits ein Schub an — alles Polacken — wie die Heringe einge-i pökelt im Viehwagen, sage ich dir, aber kreuzfidel. Nur weg, 'raus! Ich an deiner Stelle würde mich doch auch nicht lange mehr hier ärgern. Dank hast du doch nicht davon!"
„Wer weiß!" Ein eigentümliches Lächeln zuckte für einen Moment über des Niemczycers Gesicht und es leuchtete in seinem Blick auf. „Es hat mir doch schon einmal jemand gedankt, wenn's auch nur eine in Lumpen war!"
„Aha" — der Offizier lachte auf — „du meinst wohl die Ciotka, die alte Baßgeige?! .Haha! Die lebt sich ja nun einen guten Tag auf deine Kosten, höre ich. Wie ich vorhin herkam, troddelte sie gerade auf den Hof, wollte sich vom gnädigen Herrn, vom „zuckersüßen, goldnen, gna- oigen Herrn", die Monatsrente holen, fragte mich, ob sie tanzen solle? „Podloziolek, dziewcze moje" — sternhägel, na, ich danke!"
„Die meine ich nicht." Des Niemczycers Gesicht verdüsterte sich rasch. Das Licht in seinem Auge erlosch.
„Nein, du mußt von hier fort," drängte Paul, „Mensch, ich habe ja einen Schrecken bekommen, wie ich hier 'rein kam! Tu mir den Gefallen, Hanns-Martin!" Er war aufgesprungen; vor den Freund tretend und ihm beide Hände auf die Schultern legend, rüttelte er ihn eifrig: „Geh!"
„Ich verkaufe nicht!" Eine unbeugsame Entschlossenheit lag in Doleschals Ton. „Unterm Stein am See werde ich bei meinen Vätern schlafen. Helene hat einmal gesagt: „Es muß einem im Grabe doch noch ein schönes Gefühl sein, im eignen Grund und Boden zu liegen, — das habe ich mir gemerkt. Und der Berg, ans dem ich so oft gestanden habe bei Sonnenuntergang und ins weite Land gesehen, wird über mir sein. Ich Verkäufe nicht!"
„Na, du mußt ja nicht gerade Verkäufen!" Paul ließ nicht nach. „Dann geh doch wenigstens 'ne Weile fort, eine kurze Zeit nur — auf ein paar Jahre, auf ein Jahr, auf ein halbes Jahr! Du mußt mal 'raus, es wird dir so gut tun!"
Doleschal zuckte die Achseln: „Es geht nicht!"
„Mensch, sei doch nicht so umständlich. Warum denn nicht? Du hast 'nen ordentlichen Inspektor — unfern alten Hoppe habe ich immer gern gehabt, er ist ein Grobian, aber 'ne ehrliche Haut und ein tüchtiger Kerl! — die Kinder
läßt du so lange bei den Schwiegereltern, und deine Frau geht mit dir. Du hast so viele Konnexionen, sprich mit dem Minister! Man schickt jetzt gern einen landwirtschaftlichen Beirat zu Gesandtschaften, dazu, bist du gerade der Mann, mit deiner Tüchtigkeit, mit deinen Kenntnissen. Geh nach Amerika, nach Konstantinopel, nach Rumänien — was weift ich, wohin sie dich schicken - - nur fort! Und wenn du's auch ohne Gehalt tust, nur fort, fort! Ich bitte dich, Hanns- Martin, ich bitte dich herzlich, ich habe solche Sorge um dich, ich — ich — ich bin direkt iit — ja, in Angst nm dich!"
Man sah es Paul Kestner an, er war in Angst; das war teilte Redensart. Sein blühendes Gesicht war ganz blaß geworden. Und nun biß er die Zähne aufeinander, er konnte nicht weitersprechen; er hielt nur den Freund bei beiden Schultern gepackt und rüttelte ihn stumm.
„Alter guter Junge! Mein lieber Paul!" sagte Do- leschal.
„Wirst du fortgehen, versprich es mir, wirst du für eine Weile gehen?"
„Nein, ich gehe nicht!" Des Niemczycers Gesicht, das eben heller geworden bei den besorgten Worten des Freundes, auf kurze Augenblicke von einem freundlichen Schein geklärt worden war, wurde wieder finster. „Fortgehen, hieße feige sein. Sie würden denken, ich habe Angst!"
„Sie, sie — wen meinst du denn damit? Sie! Wer würde denken, daß dn feige bist?"
' „Nun, sie — die" — Dolefchal machte eine vage Haiid- bewegnng — „alle! Aber ich habe keine Angst. Man bleibt auf seinem Posten, solange man Ehre hat. Nein, mein Guter" — er lächelte flüchtig, und sein Blick, der starr geradeaus gesehen fjatte in einer finstern Entschlossenheit, wurde milder — „ich baute dir für deine freundschaftliche Besorgnis, aber die ist nicht nötig, wirklich nicht! Ich" — er wischte sich über die Stirn, und ein zerstreuter Ausdruck kam in sein Gesicht — „ich fühle mich hier am wohlsten, wirklich, Paul, ganz wohl! Ich könnte auch gar nicht wo anders leben. Man steckt hier doch so tief drin, man ist zu fest eingewurzelt. Du verstehst mich nicht, auch du nicht! Du meinst es Wohl gut mit mir - aber, nein, sprich fein Wort mehr! Nein, ich gehe nicht fort, ich kann hier nicht fortgehen!"
Der andere wollte noch etwas einwenden, da hob Dole- schal gebieterisch die Hand: „Nein!" Und dann sich zu einem leichteren Ton zwingend, klopfte er dem Jüngeren auf den Rücken: „So, nun geh aber auch, geh zu Helene-», daß sie sich nicht wundert, daß du nicht gleich zu ihr gekommen bist. Ich bitte dich, laß sie nichts von unsrer Unterhaltung wissen. Sie ist ganz ahnungslos. Und, alter Junge, beruhige dich! Du weißt wohl nicht, daß ich mich zum Reichstag habe aufstellen lassen? Und wenn ich durchkomme — na, siehst du, dann muß ich ja doch ab und zw eine Weile fort. Du kannst dich beruhigen. Also geh jetzt, geh! Ich komme gleich nach. Ich will nur jetzt sofort an Seilten Vater schreiben — damit ich's nicht vergesse. Und dazu muß ich allein sein. Ganz allein!"
Er lachte plötzlich unvermittelt auf, aber dann,, den verwundert-bestürzten Blick des Freundes bemerkend, faßte er ihn in die Arme und drückte ihn kräftig an die Brust.
Was sic sonst noch nie getan hätten, sie küßten sich Als der Rittmeister den Gang hinunterschritt, sah er sich noch einmal nach der Tür um, die sich rasch hinter ihm geschlossen hatte, lieber die Schwelle hatte ihn Hanns- Martin geschoben — eins, zwei, drei — förmlich hinausgeworfen.
„Hm, Hm!" Den Kopf schüttelnd, sah er sich noch einmal um. Und sein Gesicht blieb ernst, selbst setzt, da er zu der Frau ging, die ihm vielleicht von allen Frauen; auf der Welt am besten gefiel. Sein Herz war und wurde heut nicht wieder leicht — war das ein Willkommen?! Ihm war es, als fei's ein Abschied gewesen.
21.
Noch eine andre dachte an Abschied — das war die braune Michalina. Oft ging sie um den Sohn ihres Gos- podarz herum und sah ihn an mit bangen Augen. Was fehlte ihm? Seit dem Tage des Ablaß war s ganz schlimm mit dem Walenty geworden, so schlimm, daß sie oft dachte: ob er wohl sterben muß? Heilige Mutter, wär er verhext ?! Hatte die Mora ihn nachts gedrückt?! Wenn e« doch erwachen möchte und die Böse festhalten in der Nacht! Michalina wußte ein Mittel. Es ivar einmal ein Mann


