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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Bieb'ig.
(Fortsebung.) (Nachdruck verboten.)
Es war am folgenden Mittag zur Besuchsstunde, als Rittmeister Paul Kestner deni Herrn Baron von Doleschal seine Karte 'hereinschickte.
Warum so steif?! Doleschal, der an seinem Schreibtisch gesessen hatte, tief in Gedanken verloren, mit der Feder, an der doch keine Tinte war, allerhand krause Schnörkel auf die grüne Tuchplatte ziehend,, blickte verwundert auf. Sonst war Paul nach flüchtigem Anklopfen gleich hereingestürmt — der alte, frische Junge! — und hatte ihn aus die Schulter geschlagen mit einem lachenden: „Da bin ich mal wieder." Warum schritt er heute so gemessen durch die Tür, die der Diener vor ihm aufwarf?!
Verstört sah Doleschal ihn an.
Der Rittmeister erschrak: Donnerwetter, hatte sich der Niemczycer verändert! Das Gesicht, trotz der Gebräunt- heit, fast fahl. Die Augen tiefliegend, die Stirn düster, und die Mundwinkel unter dem blonden Schnurrbart herabgezogen. Ein warmes Gefühl wallte in Paul aus, er wollte dem alten Freund beide Hände hinstrecken: „Wie geht's dir, Hanns-Martin, du bist doch nicht krank?" Aber er besann sich: nein, er mußte sich zurückhalten, hente kam er nicht in alter Freundschaft! Es wurde ihm schwer, so steif zu fei», noch schwerer, als sich jetzt des andern beschatteter Blick, fast mißtrauisch fragend, so trübe auf ihn richtete.
„Was willst du?" fragte Doleschal. Und dann lachte er hart auf: „Du bist ja außerordentlich erfreut, mich zu sehen, das muß ich sagen!" Anch er streckte nicht die Hand hin; der Besucher hatte die seine ja auch nicht
„Willst du nicht Platz nehmen? Bitte!"
Die Arme fest an den Leib gedrückt, als hielte er den Säbel, blieb der Rittmeister stehen. Er schien den Stuhl nicht zu bemerken, den der Hausherr ihm hinschob; eine flammende Röte war in seinem hübschen, trotz der Ritt- meisterwürde und der Jahre noch immer jungenhaften Gesicht. Er räusperte sich und suchte nach einem Anfang. Das war schwerer, als vor der Schwadron zu halten und zu schreien: „Abgesessen!"
Doleschal half ihm. „Ich weiß nicht, du bist so merkwürdig, Paul! Habe ich dir etwa auch etwas zuleide getan? Aller Welt tue ich ja was. Weiß Gott," — er stützte den Arm auf und den Kopf in die Hand — „ich bin es müde!" „Hanns-Martin —!" Da halte sich ein andrer zurück! Man ist doch kein Stock, wenn man einen leiden sieht, zumal einen, mit dem man im Niemczycer See gebadet, tn der Przyborowoer Allee Habichte gejagt und den Lysa Gora gegen die Rotznasen, die Polackis, verteidigt hat! Herz-- Mkeit und Vorwurf stritten in PMl Kestners. Stimme,
als er jetzt sagte: „Donnerwetter, was hast du für 'ne Geschichte angezettelt! 'ne nette Stänkeret, das muß tu) sagen!"
„Was denn, was denn?" Doleschal blickte wieder so seltsam verstört. „Ach so — das mit deinem Vater?! Darum kommst du? Ah, darum!" Er atmete auf tote einer, der sich noch viel Schlimmeres erwartet hatte. „Ich konnte nicht ahnen, daß der alte Herr meine Warnung — auf Ehre, Paul, es war nur eine Warnung! — so Übelnehmen würde. Es ist mir sehr fatal." Er seufzte. „Ich hatte es sehr gut gemeint.">
„Das glaube ich, das glaube ich!" Rasch sagte Paul Kestner es; ein Unbehagen schlich ihm über den Rücken in diesem Zimmer, in dem er früher so oft behaglich ber der Zigarre gesessen hatte. „Ich habe mir ja gleich gedacht, daß dn nicht aus Absicht meinen alten Herrn so gekränkt hast."
„Aus Absicht r- aus Absicht — ?!"
„Na ja, das meint er doch! Am liebsten hätte er gesehen, ich forderte dich. „Komischer alter Knopp", wie meine kleine Schwester sagt — nicht wahr?" Er lachte leichtsinnig auf. Aber dann wurde fein Ton ernsthaft: „Wir werden uns doch nicht schlagen, Hanns-Martin?! Aber willst du mir nicht zu wissen tun, warum du zu meinem! Vater gekommen bist und meine Schwester verdächtigt hast, warum du — tote sie alle sagen — dich immer in Sachen mischst, die dich doch eigentlich nichts, gar nichts angehen?"
„Das weiß ich nicht." Doleschals Stimme war ganz tonlos, und dann hob er plötzlich beide Arme in die Höhe mit einer Gebärde tiefsten Schmerzes: „Glaube du mir wenigstens, wenigstens du!"
„Ja, ja, selbstverständlich — natürlich glaube ich dir," sagte der Rittmeister erschrocken. Merkwürdig, wie sich Hanns-Martin verändert hatte! Er, der früher immer der Gehaltene gewesen, war jetzt so, so — nun zum mindesten sehr eigentümlich war er geworden! Krankhaft erregt — damit mußte man rechnen! Und Paul Kestner tat das Beste, was er tun konnte, er rückte feinen Stuhl.neben! den eichengeschititzteit Sessel am' Schreibtisch, legte seinen Arm um des Freundes Schultern und sagte, ihnen einen sanften und doch kräftigen Druck gebend: „Na, nun erzähle du mal! Eines .Mannes Rede ist keines Mannes Rede, mau muß sie hören alle beede!"
Was war da zu erzählen?! Es gibt Geschichten, die sich eben nicht erzählen lassen, man muß sie ahnen, uach- fühleu, und dann verstehen. Aber so viel wurde Paul doch klar aus den ruckweis herausgestoßenen Sätzen, aus den Andeutungen und bittren Selbstanklageii, daß er sich in seinem alten Hanns-Martin nicht getäuscht hatte.
Herzhaft schlug er auf dessen ganz nach vorn gebeugten Rücken: „Weißt du was, schreibe meinem alten Herrn einen feinen Brief — du hast's ja immer los gehabt, zehnmal besser als ich! Ein paar nette Worte der Entschuldigung: du hättest es gut gemeint, aber nicht richtig angefangen, .es.


