Ausgabe 
7.5.1910
 
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VerMrZehLss.

* Ailch ein Fest! Wie wir in Berliner Blätter lesen,! hat Harry Walden am Sonntag int Friedrich Wilhelm- städtischen Schauspielhaus zum 650. Male den Karl Heinz in Alt-Heidelberg" gespielt. Walden ist schon von jeher nicht nur ein bedeutender Mustler, sondern auch ein sonderbarer Kauz gewesen, der manchmal für ein paar Tage plötzlich verschwunden «war, jetzt kann man sich nur noch darüber ivunderu, daß er noch nicht in eine Heilanstalt mußte. 650 mal Karl Heinz!

* Seltsame Uhren. Von allerlei Lannen der Uhren- liebhaber, die sich bisweilen wunderlich, gearbeitete Maschinen bauen ließen, um die Tageszeit zu messen, werden in iden Lectures' pour Tons hübsche Einzelheiten erzählt. Auf eine eigenartige! Art haben die Einwohner.einer kleinen Gemeinde Amerikas eine Natitrkraft in den Dienst der Zeitbestimmung gestellt. In der Whe des Ortes ist «eine heiße Springquelle, die genau alle 38 Sekunden eine mächtige Säule heißen Wassers in die Lüste schleudert. Dicht daneben hat man ein großes Ziffernblatt er­richtet, das durch eine sinnreiche Bauart mit der Quelle ver­bunden ist: jedesmal, wenn die Wassersäule emporwirbelt, setzt sw eilten Hebel in .Bewegung, der die Zeiger der <Uhr um genau i>8 Sekunden weiterrückt. Die größte Sanduhr der Welt ist wohl die von Milwaukee. Sie faßt nicht weniger als einen Zentner Sand, der genau in einer Stunde abläuft. Ein besonderer Mechanismus stülpt daun die ganze Uhr wieder um, wobei ein Glockenzeichen die abgelaufene Stunde anzeigt. Das englische SprichwortZeit ist Geld" schwebte Mr. Norman Longkield ans Jlkley lil Yorkshire vor, als er sich ausschließlich aus Geldstücken eme eigene Uhr baute. 96 Pennies aus beni Jahre 1797 hat er mügsam mit dem Hammer breitgeklopft, um daraus das Ge­häuse für seine Peudule zu schaffen. Die Zahlen des 'Zifferblattes! smd aus Münzen geschnitten und selbst die inneren Räder -des Werkes sind aus Geldstücken gefertigt. In ähnlicher Weise hat ein leidenschaftlicher Raucher in BaUersea seine Verehrung für den Tabak auf seine. Uhü übertragen: das Gehäuse ist aus Zigarren- klsten gefertigt, die römischen Zahlen des Zifferblattes' werden durch Zigaretten mit Goldmimdstück dargestellt, als Zeiger dienen Wer Pfeifen und das Ganze ist mit Zigarrenbäudern beklebt. Nsr.E.W. Eroydon ans Ipswich besitzt eineEieruhr": - sieben Eierschale,t kreisen aus eisernen Hebeln vor sieben feststehenden Nadeln; wdes der Eier hat seine besondere Aufgabe, das iciua leigt die Sekunden an, das zweite die Minuten, das chritts big Stunden, das vierte die Monate, das fünfte Flut und Ebbe, ein anderes die Mondphasen itsw. Aber noch seltsamer ist die Uhr, dw man tn Paris in der Avenue de la Grande-Armse vor einer Automobilgarage sehen kann: zuerst glaubt man nur ein seltsam angeordnetes Ehaos von Fahrrädern zu sehen. Aber in der -Mitte yt .ein Zifferblatt, die Zahlen sind aus Pedalachsen gemacht, die Zeiger aus Fahrradgerüsten, das ganze ist eine Uhr, die ausschließ- lich aus Fahrradteilen zusammengesetzt ist. Aber dies sind Uhren, die etn mechanisches Werk haben. Ein noch originelleres Ver­fahren, die Tageszeit zu bestimmen, Hat sich ein Blumenlieb­haber ausgesonnen. Freilich, im Winter wird er seine Taschenuhr raum entbehren können, denn seine Lrebliugsuhr geht nur im Sommer: sie besteht nur aus Blumen. Er hat ein Beet mit Segen zwanzig Arten verschiedener Feldblurnert angelegt, die zif verschiedenen Zeilen des Tages ihre Blüten öffnen. Um 3 Uhr morgens entfaltet die Zauilwinde ihre Blumen, die vierte Stunde küncht das Mutterkraut, und morgens uml 5 Uhr öffnet sich der Kelch der Mohnblumen. Wenn der Blumenfreund dann im Garten arbeitete und sah daß die Kelche der Gänsedistel sich öffneten, so wußte er, es ist 7 Uhr Um 8 Uhr entfaltet sich der Beiius- spiegel, um 9 Uhr die Nolana, um 10 Uhr die Ringelblume, um 11 Uhr der Portulak, und wenn bann die Mittagsblume zitterte, SPS wusste er, daß die Sonne im Zenith stand und ging zu d^achtNlttagsstunde kündete das' Bauernkraut, um 6 Uhr entfaltete ftch die Wunderblume und gegen 7 Uhr die ,^?^.^ulgskerze. Wenn aber die nächtlichen Purpurwinden ihre Kelche öffneten, daun schlief der Blumenfreund, denn feine Blumen sagten ihm, daß es Nacht 'wäre, für beit Fall, daß er das nicht ohnehin bemerken sollte.

eltsam keiten aus b e r chin e sische n Z eitun gs - welt. Das Himmlische Reich, bas bie eigentliche Wiege unseres Zeitungswesens ist und dessen ältestes Blatt, die Pekinger Zeitung, -rv n s!1! suusendiahrtges Jubilämn gefeiert hat, ist doch im c!>. aller;ungsten Zett dem heutigen J-onrnalismus er» Mjloflen worden, lieber mancherlei Folgen, bie diese plötzliche 33e 1 f ep. cif t der Zopf träger mit der Presse nach sich zog, plaudert

der Mandarin Ly-Ehao-Pe in der Revue. Die Chinesen stehen den Zeitungen nicht etwa interessenlos gegenüber, sondern sie nehmen den regsten Anteil an allen politischen Ereignissen und Neuigkeiten. Man braucht nur eins der unzähligen Heinen Tee- hchuser zu besuchen, um die unerschöpfliche Planderfucht der Söhne feftäuftenen. Auch die Frauen haben natürlich ihren gewichtigen Anteil an dieser Neugierde, und die Waschküchen Lstdeu, ganz tote bet Ms, tut ganzett Land eine lebendige Zeitung. Are Matter, bte sich seit dem Jahre 1900 entwickelt haben und die für bte breite Masse des Volkes bestimmt sind, treten in beit'

verschiedensten Formen aus. Die Men erzählen von allem eiwach andere widmen sich dem Handel, dem Ackerbau, der Wissenschaft! oder Religion. Auch eine satirische Presse hat sich bereits ge- bildet, bte tu lustigen Karikaturen, scharfe Kritik an der Regierung ubt und das Treiben-der! Beamten aufdeckt, sich über bte Kandidaten, bet den schwierigen Prüfungen lustig macht, bie armseligen Be­förderungsmittel oder mildere veraltete Einrichtungen verspottet Es gibt bekanntlich in. der chinesischen Literatur sieben verschieden« Stilarten: den antiken Stil, den literarischen Stil, den blühenden oder eleganten Stil, beit gewöhnlichen Stil, den halbliterarischen., halb gewöhnlichen Stil, den familiären und den Brief-Stil. Di« Blätter find natürlich int gewöhnlichen Stil geschrieben tmb| bedienen sich der neuen -alphabetischen Schriftform, die von der Regierung an Stelle der alten, schwerfälligen Schrift eingeführt und von den armen Klassen rasch erlernt worden ist. Aber es genügt nicht, eine ganz« Reihe von Zeitungen herausziigeben; die Leser müssen sie auch verstehen, und da zeigte sich, bald eins empfindliche Lücke. Man hat deshalb Gesellschaften gegründet, die unentgeltliche volkstümliche Vorlesungen in Städten nndDör-- fern veranstalten und nur den einen Zweck haben, den Inhalt der Zeitungen zu erklären. Der einfache Mann in China hat ja keine Ahnung, was unter bemvorbereitenden Parlament" zu, verstehen ist, das die Regierung errichtet hat. Ob die Volksbildung durch solche Vorlesungen freilich sehr gefördert wird, ist fraglich, benn in ihnen wird z. B. lang und breit auseinanbergeseht, warum die Mitglieder in bett europäischen Parlamenten sich manchmal Faustkämpse liefern, und ähnliches der Art. Die Regierung erläßt unterbeffen beständig neue Gesetze, (bie sich mit der Presse bch schuftigen. Besonders besorgt ist sie itnt bie Verwendung des alten Zeitungspapiers. Da nämlich alle Schrift- zetchen und alles Gedruckte den Heiligen des Altertitms geweiht ist, so wäre jede Verwendung des Zeitungspapiers zu weltlichen Zwecken eine schwere Sünde, die Unglück nach sich ziehen, müßte. Nach dem Glauben des Volkes wird sogar der, bet etwas Gedrucktes entweiht, mit Blindheit geschlagen. Zum täglichen Gebrauch wird daher billiges dickes' Strohpapier angefertigt. Die Regierung verbietet aber z. B. auch ausdrücklich, zur Verstärkung der Schuh­sohlen Zeitungspapier in die Schuhe zu legen. Eine bestimmt« Klasse von Bonzen durchzieht alle Städte, Dörfer und Straßen und sammelt mit sorgfältiger Andacht jeden Fetzen alten Zeitungs­papiers ans, damit nicht Unfug damit getrieben werde. Das (alte Zeitungspapier wird dann feierlich vbr den Götterbildern dev alten Heiligen und zu ihren Ehren verbrannt. x

*Verschnappt. Bettler (zu einer vorübergehenden Dame): Schöne Frau, schenken Sie einem armen blinden Mann ein« Kleinigkeit!"

Vüchertisch.

S ch u m ann - Heit. Die 100. Wiederkehr des Geburts­tages des größten deutschen Romantikers in der Musik, Rodert Schumann, veranlaßt dieMusik für Alle" (Verlag von Ullstein & Eo., Berlin), ihre neueste Nummer dem großen Meister zu widmen. Sie bringt eine Fälle der schönsten Klavierstücke sowie volkstümlichster Lieder. Eine Würdigung Schumanns, mit seltenen Abbildungen versehen, geht dem Notenteit voran.

Deutsche Arbeit Monalsschrist für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen (Prag, Karl Bellmann). Herausgegeben im Auftrage der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen. Nr. 7 des 9. Jahrganges ent­hält : Prof. Dr. A. N a e g l eDie Gründung des Bistums Prag und bereit nächste religiös-kirchliche und poliiisch-nationale Be- beutung". Dr. E. Utitz AusstellungDeutschbödmiscber Künstler­bimd". (Schluß.) Dr. Franz SpinaUnser Verhältnis zur tschechischen Literatur." Felix AdlerGustav Mahlers Schaffen." Fortsetzung von Ul (man ns RomanDoppelleben". Gedichte. In der Rundschau Dr. UtitzDeutschböhmische Kimstscbau." (Fortsetzung.) - Literarische Rundschau. Mitteilungen, Ueber- stcht, der Bilder von Pros. Emil O r l i k, August B r ö m s e und Willy Nowak beigegeben sind.

Charade.

DasErste ist gewebt so fein. Es läßt hindurch des Lichtes Schein. Und bei des Freundes jähem Tode Trägst Du's zur Schau so wtll's die Mode.

Mein Zweites such int Schwabenland, Beim Neckarfluß am linken Strand.

Doch in Italien strahlt das Ganze

In Schönheit und int Ruhmesglanze. w,

Auslösung in nächster Nummer;

Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer; Auf den Bergen ist Freiheit 1 Der Hauch bet Grüfte Steigt nicht hinauf in die reinen Lüste.

Die Welt ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Schiller,

Redaktion: K N-.-rotb- - Rototio.'--druck und V-Aa-I der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. Unge, Gießet

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