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Roulette und yellsehen.
Von Dr. 9(. Hell w i g , Berlin
In einem bekannten spiritistischen Verlag ist kürzlich' ein kleines Büchlein „Me Ronlette und das Hellsehen" erschienen. Der Verfasser ist so vorsichtig gewesen, sich nicht zu nennen; wir wissen nicht, ob aus Furcht vor der Rache der Spielbanken, denen seine Inspirationen Ruin bedeuten können, oder, um sich dem Dank der vielen Menschen zu entziehen, denen die Lektüre des Buches zu unermeßlichen Spielgewimien zu verhelfen vermag! Vielleicht auch — wir wagen es aber kaum zu hoffen — hat den Verfasser ein Funken Schamgefühl bewogen, seinen Namen nicht durch öffentliche Anerkennung der Autorschaft dieses Machwerks zu beschmutzen!
, So gefährlich die Schrift auch wirken kann, indem sie die- lemgen, die nicht alle werden, geradezu dem Spielteufel in die Arme treibt, so sind wir dem Verfasser doch dankbar, da er uns, dh»e zu wollen, so recht deutlich zeigt, wie verderblich die iokkultistischen Phantastereien zu wirken vermögen und wie manche Dunkelmänner ans die Begierden der Menschheit spekulieren, um ihre eigenen selbstischen Zwecke zu erreichen. Zwar behauptet der Verfasser, daß er „in keiner Weise eine Lanze für das Roulette-i Spiel einzulegcn bestrebt" sei, meint aber schon zwei Seiten darauf, daß diejenigen gar nicht so unrecht hätten, welche vc- Kantzteii, „daß unsere Somnambulen, anstatt in verschlossenen
I Büchern zu lesen oder Karten zu erraten, gut täten, dort int K ln ®eSen^t des Prinzen N und der Herzogs
i Dritttiinetit bet böfeit 9toule?ttc zu. ettciteit ’utib bubitrcfii
I 9^. Bon Franken nach wenigen Coups
I SU1 ßalbes Vermögen zu verschaffen". So gibt uns denn der!
I Verfasser auch eine lebendige Schilderung, wie er und viele
N,W^«ssgeiiossen durch „Jnspirationsspiel" mit Hilfe „m>, Aderte und Tausende gewonnen haben.
I OTrt ’\IrÄatwn Kchtbegnadeten Spieler kann arif dreierlei! I Ascheheu. Manche Personen haben „aufdämmernde Ah- I nungen , daß gewisse Nummern in bestimmter Reihenfolge er- I Archen. So sind viele Fälle bekannt, wo Spieler!
z. B. beim Boruber-fahren eines Traniwagens oder mehreres I aufeinanderfolgender Droschken eine Reihe von Zahlen erblickten, die unwillkürlich nt ihrem Gedä Itnis mit der bestinimteu Vor-.
I stellung haften bleiben, daß diese am selben Abend noch nm Kasino I jn derselben Weise herauskommen würden, „was auch tatsächlich j ?^Eah • Die zweite Art der Inspiration gründet sich auf I ein direktes Sehen oder Wahrnehmen einer Zahl, Dies kann sowohl 1 dei offenen, als auch bei geschlossenen Augen geschehen.
I , , . Während bei diesen beiden Arten der Inspiration vermutlich | "digltch die eigene Psyche in Aktion getreten ist, wenngleich I md>t ausgeschlossen nst, daß auch eine „Suggestion aus der traus- I ^»dentalen Welt" vorliegen kann, dürfte die dritte Art, „das I ^rUhorerr , sicherlich auf „das wirkliche Eingreifen jenseitige» I geistiger Wesen zurückzuführen fein. Der „Jnspirationsspieler" | überlaßt sich, am Roulettetisch sitzend, oder ruhig einhergehend, leinen Gedanken; auf nichts achtend, vernimmt er plötzlich di« Eluffmderung: „Setz jetzt 15", oder er hört: „Jetzt kommt
. Wir erfahren eine ganze Reihe von Fällen, wo ein Dr. N., eiil Herr M. I. und andere Aiionymi mit Hilfe derartiger In- spiratlonen Summen gewonnen haben, daß einem das Wasser Mi Munde zusammenläuft. Auch der Verfasser selbm hätte durch Vermittlung einer „Jntelligeiiz", die ihnt drei Gewinnummerni gesagt hatte, um ein Haar hunderttausend Mark gewonnen, — wenn er nicht den Ziig verpaßt hätte! Wers nicht glaubt, bezahlt einen Taler! , ।
Man muß sich eigentlich über die Selbstlosigkeit der Medien' wundern, welche Anderen Gewinnummern nennen, anstatt sie selber zu spielen und reich zu werden. Doeh auch da weiß der! Lobredner der Roulette-Inspiration Rat. Es sind ihm nämlich | mehrere Fälle bekannt, wo die Stimme wohl die betreffende Zahl angab, indes hoch und heilig verbot, sie zu setzen. So wußte! angeblich ein jedem „Neu-Psychologen und Spiritisten" bekannter gewisser Stead sehr wohl die herauskommenden Nummern, durfte sie selbst aber nicht setzen, dafür aber Anderen den Gewinn zugut« kommen lassen. „Und gerade aus diesem Moment möchten wir die Ansicht herleiten, daß , es sich um fürsorgliche Intelligenzen! handelt^ die wohl ihr Medium schulen, aber nicht des Mammons! teilhaftig werden lassen wollen." i
, Eigenartig berührt es den Bölkerpsychologeu, daß mit eben oemselben Borwand auch betriigerische Schatzgräber dem Einwaude eines zweifelsüchtigen Bauern zu begegnen wissen, weshalb sie nicht selber die unermeßlichen Schätze heben, über die sie angeblich magische Gewalt haben. Der Verfasser weiß sogar zu erklären» wie es kommt, daß auch Jnspirationsspieler nicht immer gewinnen. Oft nämlich hörcil sie noch andere Stimmen als die ihrer „In- telligenz", denen sie aber auf keinen Fall folgen dürfen; tun sie es trotzdem, so haben sie sich den Verlust selber zu zuschreib e!n. So kannte der Verfasser ein „gutes, sehr glaubioürdiges Spiel-, medium", das ihm ausband — Pardon, wollte sagen, erzählte,, daß es beim Betreten des Spielsaales eine Menge Stimmen vernommen hätte, die alle auf die betreffenden Spieler losschrien; es sei ein tolles Durcheinander gewesen; nach kurzer Zeit aber seien alle verstummt, und klar und deutlich habe es die Stimm« seines geistigen Führers erkannt.
Wir raten diesem Spielmedium dringend, sich einer Kält- wasserkur zu unterziehen oder noch besser, einen guten Psychiater zu Rate zu ziehen, denn die Hallnzinationeit und Illusionen haben bei ihm schon einen bedenklich hohen Grad erreicht!
So etwas wagt man denr deutschen Volke am Anfang des 20. Jahrhunderts zu bieten! Es ist bedauerlich, daß sich kein« gesetzliche Handhabe bietet, um gegen derartige gemeiugesährlichü Literatur vorzugehen. Denn gemeingefährlich ist sie im höchsten Grade durch Bestärkung der Spielsucht. So heißt es noch am Schluß, man dürfe sich zwar der Roulette nicht mit Leidenschaft hingcben: „Doch soll man auch nicht die Gelegenheit versäumen, wenn eine gute Inspiration einen zum Spiel auffordert, sei es, um ein Beispiel jenseitiger Beeinslussnug zu bieten, sei es, nut einem einen Gewinn zuteil werden zu lassen. Denn auch für das Materielle sorgt, wenn auch in beschränkter, bescheidener Weise, die Geisterwelt." i
Wir sürchten, daß für das materielle Wohl des findigen Verfassers und seines Verlages zwar nicht die Geisterwelt, aber die Legion der Geistesarmen bedauerlicherweise in durchaus nicht beschränkter, bescheidener Meise sorgen werden.
Desseuland seine heutig« Gestalt größtenteils erhalten hat: A möueb n r g, Lahnberg, Vogelsberg, Äßüll, Habichtswald, Rhön w a. Gcbtrge verdanken, jenen Eruptionen ihr Dasein. Bei Bsil'l'.n dcr Tertiarzett ragte int mittleren Europa schon der Mößte Teil Englands, Frankreichs und auch Deutschlands aus dem Meeresspiegel hervor, und diese drei Länder hingen zusammen. An der Stelle der Nordsee und des Kanals breitete sich trockenes Land und an beifen Nordrand ein Meerbusen aus. Am Schlüsse des meiozoischen Zeitalters war das norddeutsche Tiefland noch -Fnfelland; erst bei Beginn der Lluartärperiode War es wieder Unter den spiegel des Diluviälmeeres zurückgesunken: Zahlreiche Kanäle und Seen fülltet große Gebiete Deutschlands aus. Mit dem damaligen schweizerisch-bayerischen Meere stand ein kanalartiger See in Verbindung, welcher von Basel bis Gingen reicht« Und von Mainz aus über Frankfurt, Gießen, Marburg, iKirch- h a i n, Ziegenhain bis Kdsscl zog, sogar darüber hinaus reichte und sich bis an die Weser und noch! weiter verfolgen läßt. Diese Fortsetzung des großen oberrheinischen Grabenbruches hat man! mit dem Namen „Hessische Senke" belegt. Sie läßt sich heute nicht mehr überall erkennen, wohl aber tritt die einstige Zugehörigkeit der Ohmebene zu dieser Senke klar zutage, wenn man an der Hand einer guten Karte letztere verfolgt. Eiil Vergleich lehrt auch, daß die bedeutendsten Ebenen in Hessen, das nur folche von kleinerem Umfange aufzuweisen hat, in das Gebiet der „Hessischen Senke" gehören. Allmählich zog sich aus dieser das Wasser zurück, und der fruchtbare Boden belebte sich mit Pflanzen und Tieren. Bekanntlich war vor 2000 Jahren Deutschland mit einem ungeheueren Walde, dem herzynischen Urwald, bedeckt. Der Teil dieses Waldes, welcher das Ohmbett von Kirchhain bis Homberg a. O. füllte, hieß „Wersloh". Noch heute wird eine Wiesensläche zwischen Kirchhain und Seelheim I das „Würfel" genannt. Der Wald wurde schon frühe an ein- I zelnen Stellen angerodet und mit Höfen und Dörfern belebt, nachdem die Unruhen der Völkerwanderung (375—540 n. Chr.) ihr Ende erreicht hatten und noch früher die Römer nach vielen und blutigen Kämpfen im! 4-) Jahrhundert nl Chr. über den Rhein zurückgeworfen worden waren. Langsam, aber unaushalt- fam, brachen sich nult in dieser denkwürdigen Zeit ibie wichtigsten Umwälzungen auf allen Gebieten, dem politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen, Bahn, als das Licht des Christentums die hessischen Gauen durchflutete. Bonifatius begann gewiß nicht ohne Grund im Ohmtal seine Wirksamkeit. Bestand doch schon seit Jahrhunderten der Amöneburg gegenüber am Abhang des Lahnberges der Königshof Großseelheim. Die Herrschaft! der Frankenkönige brachte überall ein vollständiges Siedelungs- I system zur Anwendung; die Grenzen wurden durch Gründung I von Marken gesichert, im Innern neue Dörfer gegründet, das I Königsgut ausgeschieden und befestigte Lager zur Sicherung des I Neugegründeten geschaffen, wobei noch oft das Vorbild der Römer | maßgebend war, was sich vielfach bei befestigten Lagern und. selbst I bei den Klöstern irachweisen läßt. Das Oedlaud (erobertes And I durch Empörer eigentumslos gewordenes Land) gehörte nach 1 fränkischer Anschauung dem König. Ob nun die. Frankenkönige I das Gut zu Großseelheim durch Eroberung gewonnen, oder ob I Empörer in dieser Gegend ihr Eigentumsrecht verwirkt hatten, I 1111.(3 dahin gestellt bleiben. 9ceben Großseelheim mag Amöne- I bürg der älteste Ort dieser Gegend sein, dessen Ursprung in die I frühesten Zeiten des altgernignischen Heidentums zu verlegen ist, I ®Ijne daß mit Bestimmtheit das „Wann" angegeben werden kann. I Wo heute in bunter Fülle die weite Ebene mit ihren lachenden, I Fluren, Dörfern und Städten aufgeschlagen liegt, da heulte noch I in jener Zeit der Sturmwind durch die sich wiegenden und j krachenden Wipfel mächtiger Waldbäume, und darein mischteit I sich dröhnend die Stimmen von Auerochsen, Bären und Wölfen. I


