Ausgabe 
7.4.1910
 
Einzelbild herunterladen

214

M SiÄtr Mr Leim Lesen der Briefe, als ob ich einer) Knospe zusah, die sich ganz leise, fast unmerklich öffnet.

Wenn ich Deine Briefe lese, schäme ich mich oft, daß ichÄir keine besseren schreiben kann. Wer ich iveiß nichts. Dch wundere Mch überhaupt jeden Tag mehr, daß Du Mich so gern haben tarnt. Besonders wenn ich in Deinen Büchern lese ..

-S

Es macht mir oft angst, wenn Du so schön von mir ß riehst. Ich bin gewiß nutzt so. Und manchmal fürchte ) mich vor der Zukunft, wenn ich erst Deine Frau htm Wenn Dn nur nicht enttäuscht bist."

ES kommt mir oft fast unrecht vor, daß ich jetzt so diel an Dich denke. Fast als ob ich Vater und Mutter Nnd «illes zu Haus nicht mehr so lieb hätte wie früher . . ."

a

. . . Dir bist ja viel Mger als ich, das weiß ich wohl, And ich gebe mir ja auch immer Mühe, Dir zu folgen und so wie Du zu denken. Aber diesmal konnte ich es nicht, sei nicht böse. Es ist doch nicht recht, daß Du die Trauung und alles das Überflüssig und Menschenwerk nennst. Mir ist es ein so schöner Gedanke, daß wir an dem gleichen Mtar getraut werden, wo ich vor drei Jahren konfirmiert bin. Ich mußte weinen, als ich Deinen Bries las"

Mir fiel Bernardis Ausdruck vomgläsernen Seel- chen" ein. Wie wahr der ist! Durchsichtig, lauter wie Klas, aber auch ebenso zart und zerbrechlich!

Vaters Briefe an ste hätte ich lesen mögen! Wie er W wohl geschrieben hat, daß es ihr fast angst machte?

2. September.

Es ist so sonderbar ich habe die beiden in meinen Webanken immer nur als meinen Vater, meine Mutter gesehen. Nie als Mann und Frau, ohne Beziehung aus Mich

Ich versuche, das Bild meiner Verlorenen von dieser egoistischen Auffassung koszulösen, über sie umzudenken. Mer «s ist mir ein wunderlich peinliches Gefühl, fast wie Eifersucht.

Als Freund habe ich mir Vater immer gut vorstellen Bunsn. Er war mir ja selbst immer der beste, liebste Freund. Aber als Mann?

Daß es da irgend einen Menschen auf der Welt ge- tzesten hat, der ihm noch näher stand als ich! So eng Und nah ihm verbunden, wie überhaupt nur ein Mensch dem andern sein kann! /

Ich sehe die junge Frau vor mir, im weißen Kleid, Mit hängenden, grünen Bändern am Hut. Sie geht mit ihrem Mann durch den Garten, Arm in Arm, mit einer leisen, weichen Bogelstimme. Und dann spricht er auch. Keine Stimme höre ich deutlicher.

Nein, nein, ich kann es mir nicht vorstellen, wie sie «usammen waren. Meine Phantasie versagt einfach Es ist da etwatz Geheimnisvolles, eine verschlossene Tür für mich!

Mann uüd Frau!

Wird sich je eine Tochter ihren Vater rein als Mann, «ks Gatten einer geliebten jungen Frau denken können? Vielleicht, wenn sie ihn, wie die Teichinanns Töchter, noch leiden Tag einem lieben, weißhaarigen Mütterchen altmodisch ritterlich den Hof machen sähe. Oder sieht man auch das mrv mit den Augen des Kindes?

3. September.,

Ich möchte wissen, wie Tilla und ihr Mann zusammen- Kekommen sind, wie sie miteinander fertig werden Ich weiß nicht, tote mir das auf einmpl in den Kopf kommt: vielleicht, weil ich Beispiele suche. Wer ich glaube, dieses Beispiel toäre nicht das rechte. Ich kann mir kaum zwei Leute vorstellen, die weniger zusammen paßten.

Wer ich kann mich ja irren. Mann und Weib sollen sich vollkommen ergänzen, sagte er ja damals selbst. Er­gänzen heißt doch, daß der eine besitzt und gibt, was dem andern fehlt.

Ich kann es nicht beurteilen, toterer Bei meinen Eltern noch bei andern. Es bleibt mir ebenverschlossene Tür."

4. September.

Ich habe heute meine Noten durchgesehen. Es sind Bin paar Hefte von meiner Mutter noch dazwischen, [entU

mentale englische Liedchen für hohen Sopran. Ich er innere mich, daß ich sie einmal, vor Jahren, zu singen anfing, als Vater dazukam. Es ist das einzige Mal, ix® ich ihn dis Selbstbeherrschung verlieren sah. Er schlug mir das Noten­buch heftig zu und verbot mir, daraus zu singen.

Heute störe ich ihn nicht damit. Die kunstlose, fast zu ioeidje Melodie mit dem müden RefrainDv not sorget me" hätte zu einem altmodischen dünnbeinigen Spinett gepaßt. Die schwermütige Stimmung legte sich, während ich sang, tote ein graues Spinnweb über mich und bliest auch, gls ich nachher in den Garten ging.

Es hat den ganzen Tag über geregnet. Jetzt ist es wieder klar geworden. Die Sonne ist schon hinter einer tauben­grauen Molkenbank untergetaucht, aber darüber ist der ganze Himmel mit bernsteingoldenem Licht getränkt. Das Reseda in meinen Beeten füllt die Luft mit einer feinen, unsichtbar en Süßigkeit.

Wieder pin Tag herum. Einer von meinen stillen Tagen,so ohne einen Menschen", juie Frau von Teich­mann sagt. i

Ich muß an meine Mutter denken. Sie ist nicht so alt geworden, wie ich jetzt bin. Schon Jahre vorher hatte sie ihr Leben fertig gelebt, war Braut und Frau und Mittler gewesen.

Eigentlich merkwürdig, daß ich mir noch nie so etwas gewünscht habe. Wer ich war so glücklich in unserm Still­leben, daß mir jeder fremde Mensch nur eine Störung! war. Und wen ich kennen lernte, maß ich mit Vaters Maß. An das reichte keiner heran.

Ich habe nie darüber nachgedacht, ioeil Vater mir alles war. Und nun auf einmal habe ich nichts mehr.

Mein Dasein ist so ganz, leer und überflüssig geworden. Ich sollte beide Hände voll Leben haben und habe statt dessen nichts als Vergangenheit!

(Fortsetzung folgt.)

Rautrnbusch.

(Erlebnisse mit einem weidgerecl>!en Jäger, nebst zwei Stöckte in vorn Landgrafen Ludwig VIII.)

(Schluß.) (Nachdruck verboten.)

III.

Im Oktober wurde in der Bensheimer Gemarkung, beson­ders im Stubenwald, bustUert. Ter Stuüemvald loar ein prächi- tiges Jagdrevier: Fasan, Reh, Hase, Fuchs und Raubzeug kamen vor. Auch die Feldjagd war ergiebig und wurde fleißig aus- geübt: ich hatte im Schießen einige Fortschritte gemacht. Mit dem Wetter hatten wir es scUechl getroffen. Trüb und nebelig! zog der Tag herauf, ein feiner Regen rieselte .nieder, 'der sich zu einem Bindefadenregen ausbildete. Tas Wild ging zurück. Wir hatten einige Treiber mitgenommen, die bald bis auf die Haut durchnäßt waren; sie weigerten sich, noch iveiter durch das dichte Unterholz zu gehen; also versuchten wir aus dem Felde zu jagen. Hier ging es beinahe noch schlechter; wenn man den Stiefel aus dem Schlamm zog, tat eS einen Quatsch wie beim Bäcker, der Teig knetet. Trotz alledem wurde lustig drauflos geknallt.Sehen Sie, dort liegt einer!" sprach Raulenbusch und zeigte nach einer Schäle, hinter der sich ein Longiöffel gebucht hatte.Aber nid# schießen, es ist imWeidmännisch, ein Wild im Lager zu schießen. Tagegen würde ein Hasonfluippler den Lampen von hier aus sicher erlegen."Sind die Kerls wirklich fo gefährlich?" fragte ich.Heillose Nichtsnutze, Lumpen, Jagd- gierige sind es; tote der Teufel auf eine arme Seele und der Brauuttoemsäuser auf deu Schnaps versessen ist, so sind di« Kerls auf das Wildern versessen. Ebenso die Eiernvpfer auf den Eierdiebstahl. Im Frühjahr nifben die Wildenten zu Tausenden auf den geköpften Weiden in den sog. Kläuern am Rhein. Tie Eierklopfer durchstreifen in aller Herrgottsfrühe die Weidenschläge und klopfen ftorit1 an die Stämme. Sofort fliegt jede Ente ab, die ihr Nest auf einer Weide hat. Ter Räuber Rettert leicht hinauf und raubt die Ei-er, bte zu Tausenden übern Rhein g«- stmdt werden."

Tas Wetter Würbe immer schlechter; bis aus die Haut durch­näßt, spannten wir ab und zogen mach Haufe. Beim JagdherrN gab es einen kräftigen Imbiß: Neues Sauerkraut mit Schweins-- knöchelchen undebbs hinnedruss!", wie der gediegene Gasthalter R. in Lindenfels zu sagen pflegte. Daß die Schüsse und dos Jagdi­ergebnis während des Eisens besprochen und kritisiert wurden, ist selbstverständlich. Rautenbusch hatte die abgegebenen Schüsse gezählt und notiert; sie wurden mit den gemeldeten Treffern verglichen, wobei sich her ausstellte, daß die Treffer zahlreicher als die Schüsse waren. Routenbusch brunrmte grimmig in den Bart; der Jagdherr tödjelte sein und trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf der linken.Sie haben noch nicht ge­meldet!" bemerkte er und schaute mich fragend an. ,Jfch habe